Von Norman Liebold geschrieben am: 17.05.2009 unter Hintergründe, Navigator
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Technologische Aspekte„Navigator” ist kein Weltraummärchen, das seinen Reiz auf der einen Seite aus althergebrachten Erzählmustern und auf der anderen aus der Beschreibung wundervoller oder beängstigender Technologien bezieht, wie es sie in fünfzig, hundert oder tausend Jahren geben mag. Und auch keine als Sience-Fiction verkleidete Fantasy-Geschichte. Ich habe ganz bewusst darauf verzichtet, auch nur ansatzweise dergleichen Momente zu bedienen und damit in Kauf genommen, dass die Geschichte vielleicht für manche nicht unterhaltsam genug sein könnte – es gibt keine Liebesgeschichte, kein Ringen zweier gegensätzlicher Parteien, kein kriminalistisches Rätsel, kein Sex, kein Crime. Ich bin, was die Faszination für Zukunfts-Technologie angeht, sogar noch weiter gegangen als Bradbury, Orwell oder Huxley: Während diese drei Autoren in ihren Dystopien Technologien beschreiben und essentiell für die Handlung machen – so Huxley die Züchtungsverfahren, Orwell die für seine Zeit noch unmöglichen Überwachungstechnologien oder Bradbury die Kriegs- und Unterhaltungsmaschinerie – habe ich in „Navigator” ausschließlich Technologie verwandt, wie sie heute bereits existiert. Es hat mich diesbezüglich bei den Lesungen und Leserbriefen durchaus in Erstaunen versetzt, dass etliche der von mir beschriebenen Geräte nicht nur sehr futuristisch wirkten, sondern dass ihre Umsetzbarkeit sogar in den Bereich weiter Ferne gerückt wurde. Aus diesem Grund möchte ich an dieser Stelle einige dieser Dinge erläutern.
Soziologische AspekteUnsere Wirtschaft versucht, die Produktion immer effizienter zu gestalten, um einigen wenigen eine immer größere Gewinnmarge zu verschaffen. Sie ist nicht darauf ausgerichtet, den größtmöglichen Wohlstand für die größtmögliche Menge zu erreichen. Dass dieses System auf Dauer nicht funktionieren kann, ist bekannt. Sei es aufgrund des Raubbaus an Natur und Ressourcen, sei es, weil der Markt nicht unendlich expandieren kann, sei es, weil die Technik darauf ausgerichtet wird, mit immer weniger Menschen immer mehr Waren produzieren zu können. Wirtschaftskrisen zeigen deutlich, dass dieser auf beständigen Wachstum eingenordete Wahnsinn zwangsläufig darauf hinaus läuft, dass es eine Unzahl an Arbeitslosen gibt, von Maschinen überflüssig gemacht. Würde man damit ähnlich umgehen, wie es Thomas Morus schon 1516 formulierte und Etliche nach ihm immer wieder empfahlen – nämlich die so gewonnenen Güter gleichmäßig zu verteilen und die auf diese Weise frei gewordene Zeit der einzelnen zur Bildung und Kultivierung des Menschen zu verwenden – eine wundervolle Sache. Allerdings gilt heute noch im selben Maße, was Friedrich Engels im 19. Jahrhundert formulierte, nur in noch verstärkterem Maße.
Im Moment werden auf der Basis der „sozialen Marktwirtschaft” gewisse Teile der Gewinnmargen so umverteilt, dass diejenigen notdürftig versorgt werden, die ansonsten verhungern müßten. In Deutschland mit seine relativ niedrigen Arbeitslosenzahl schätzungsweise 4 Millionen Erwachsene. Würde das nicht getan, hätte man ein erhebliches Potential an genügend unzufriedenen Menschen, die nichts zu verlieren hätten, um eine Revolution unausweichlich zu machen. Die ersten Schritte, diese ungeheure Anzahl von Menschen (man muss noch die von ihnen anhängige Anzahl an „nicht Erwerbsfähigen” hinzuzählen) zu verschleiern, werden aktuell bereits getätigt. „Nicht Vermittelbare” werden, z.B., ebenso aus den Statistiken heraus genommen wie die in „Arbeitsgelegenheiten” beschäftigten. Es liegt im Interesse von Aktionären und Produktionsmittel-Besitzern, die aktuellen Strukturen aufrecht zu erhalten, gleichgültig, wieviele Menschen dadurch verelenden, denn nur sie gewährt die Umverteilung der Güter in der haarsträubenden Weise, wie wir sie heute beobachten können. Ich gehe nicht davon aus, dass sich die Welt wie im „Navigator” entwickeln wird, aber sollten sich die Bedingungen nicht grundlegend ändern, stellt sich früher oder später die Notwendigkeit ein, das tatsächliche Ausmaß der Arbeitslosigkeit zu verbergen, um „weitermachen” zu können.
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[Norman Liebold,
17.05.2009 |
Von Norman Liebold geschrieben am: 17.05.2009 unter Hintergründe, Navigator
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Der Moment, an dem ich mich entschloss, den „Navigator” nieder zu schreiben, kann ich ziemlich genau festmachen – der 17. Mai 2008. Ein anderer Moment, der die Geschichte befruchtete, war eine Autofahrt im Januar 2008, als ich mit einem Freund zu einem Seminar in den Ruhrpott fuhr. Und wir, trotzdem scheinbar alle Angaben, die uns das Navigationsgerät gab, durchaus zu stimmen schienen – immerhin ließ es uns nicht in Gräben und Sackgassen manövrieren – gänzlich woanders heraus kamen. Statt an einer kleinen, alten Burg in irgendeiner neu gebauten Siedlung 30 Kilometer weiter. Ich selbst hatte wenig Erfahrungen mit diesen Geräten, ich lehne sie aus ähnlichen Gründen ab, aus dem ich kein Automatik-Getriebe haben wollte oder anderen technischen Schnickschnack, der mir augenscheinlich Arbeit abnimmt, mich aber bei genauerem Hinsehen um wichtige Kompetenzen bringt. Als ich dann begann, herum zu fragen, stellte sich heraus, dass diese Erfahrung keine Besonderheit ist. Weitaus interessanter fand ich jedoch die Beobachtung in meiner Eigenschaft als fleißiger Mitnehmer von Mitfahrern. Menschen, die Strecken dutzendfach mit Navigationsgerät gefahren waren, sahen sich außerstande, mich in ihrer Heimatstadt so zu lotsen, dass ich sie – freundlich wie ich bin – vor ihrer Haustür absetzen konnte. Ich beobachte auch zunehmend, dass sich mehr und mehr Leute auf solche Dinge wie Googlemaps zu verlassen scheinen, um sich davon sogar die „perfekte” Route aussuchen zu lassen. Die Frage drängte sich geradezu auf, was geschehen würde, wenn Karten nur mehr in digitaler Form vorlägen. Und man sie – aus welchen Gründen auch immer – manipulierte. Im Falle von militärischen Objekten wird dies selbstverständlich getan. Wenn allerdings der relevante Teil der Bevölkerung diese Karten und die Navigationsgeräte als ausschließlichen Realitätsabgleich haben, liegt es in der Hand derer, die diese Karten kontrollieren, die Wirklichkeit der Menschen zu gestalten. Die damit einhergehende Macht wäre größer als die der Kirche im Mittelalter, denn die Menschen glauben, dass alles gänzlich transparent ist und suchen noch nicht einmal mehr nach Alternativen. Bereits für „Dichterbrand” (erschienen Januar 2008) und „Krimifrass” (erschienen Oktober 2008) recherchierte ich im Bereich der Arbeitslosigkeit, der sozialen Gerechtigkeit und der sogenannten „1-Euro-Jobs”. Die Tatsachen empfand ich als zutiefst erschreckend, verfolgte die aktuelle Entwicklung und musste mir immer wieder die Frage stellen, was die Regierung mit solchen Reformen beabsichtige, da die Folgen auf der Hand liegen. Der Missbrauch dieser Arbeitskräfte wurde an vielen Stellen publik und zeigte die Möglichkeit eines – harmlos formuliert – „neuen Billiglohnsektors”, oder – hart Formuliert – eines neuen Sklavenstandes, der zusätzlich noch zur Schönung der Arbeitslosenzahlen dient. Der Wahnsinn und die Idiotie unseres Wirtschaftssystems, das immer mehr entmenscht, ließ die im „Navigator” beschriebene Vision schon fast in den Bereich des Wahrscheinlichen rücken. Letztlich existieren dergleichen Zustände schon zum Teil, und das existierende ist in der Novelle lediglich weitergedacht worden. Aus diesen sehr realen und sehr aktuellen Thematiken eine Dystopie zu machen, lag in der Thematik selbst. Zum einen, weil eine realistische Darstellung des Jetztzustandes die Gefahr der Polemisierung in sich barg, zum anderen aber, weil die Versetzung in eine nicht allzu ferne Zukunft nicht nur die Freiheit der Überzeichnung bietet, sondern darüber hinaus auch erlaubte, eine Reihe weiterer, verwandter Thematiken mit einzubringen – insbesondere die gesteigerte Technikabhängigkeit, wie sie für die nähere Zukunft zu erwarten ist. |
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[Norman Liebold,
17.05.2009 |