Von Norman Liebold geschrieben am: 29.10.2011 unter Die Höhle, Hintergründe
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[Dieser Artikel ist der 3. von 3 Teilen in der Reihe Hintergrund Die Höhle]
In den letzten Jahren sind fast ausschließlich realistische Geschichten entstanden: Politische Krimis wie “Gläserner Sarg”(2008), “Dichterbrand”(2007/08) und “Krimifrass”(2008); Künstlernovellen wie “Beorn”(2010) und “Euthanatus”(2010), die Dystopie “Navigator”(2009). Die letzten phantastischen Novellen waren die “Spaltenzungen”(2005) und “Der Kulturgeist”(2007), und der letzte phantastische Roman mit Horror-Elementen war der “Incubus” von 2003. Es dürfte nicht wenig verwundern, dass jetzt plötzlich ein ausgesprochen süffiger und expliziter Horrorroman aus meiner Feder gekommen ist, der sich auf dem Grad zwischen realistischer Psychologie und mystischem Abgleiten nach Anderwelt bewegt. Vielleicht ist die Antwort darauf, dass “Die Höhle” gar nicht so phantastisch ist, wie sie erscheinen mag. Die Idee zu einem solchen Buch ist nicht neu, ich trage sie schon seit geraumer Zeit mit mir herum, sah mich aber noch nicht gereift genug, um sie adäquat umsetzen zu können. Das, was die Höhle bewegt, war letzthin Motivation zu meinen Studien in der Psychologie an der Uni Bonn ebenso wie für meine Ausflüge in “Magie” und Schamanismus und durchdringt meine ganze Lebenswirklichkeit. Es taucht in vielen Geschichten und Romanen auf, besonders, natürlich, in den eindeutig phantastischen wie den “Spaltenzungen”. Aber ich konnte dem nicht gerecht werden, wenn ich in die definiert phantastische Richtung ging, denn das, um was es mir geht, ist beständig da, um uns, in uns und geschieht nicht in irgendeinem Fantasy-Setting. Der Hyperrealismus der Krimis ist genauso Teil dieser Welt wie das völlige Abgleiten in Anderwelt, wie es in den “Spaltenzungen” geschieht. Aber es geschieht gleichzeitig, nur die Schwerpunkte liegen je anders. Spalte und Tore nach Anderwelt klaffen in U-Bahnschächten genauso wie in einer indianischen Schwitzhütte beim Eifelindianer Herbie. Beim Halten einer Lesung in einem Schickimicki-Laden nicht weniger als beim Vollmond-Bad in Maria Laach. Auch bei der “Höhle” ist mir die Gradwanderung noch nicht in der Weise gelungen, wie ich es angestrebt habe. Das bleibt dem Genre gestundet, dass gerade die beängstigenden, angsteinflößenden Aspekte in den Vordergrund treten und in der Klimax eine Eindeutigkeit annehmen, die schon fast zu eindeutig sind. Auch wenn ich denke, bei der Gradwanderung nicht abgestürzt zu sein. Die Idee
Der Auslöser, die “Höhle” zu schaffen, war wie so oft ein starkes Erlebnis, dass eine bestimmte Thematik plötzlich wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt und dafür sensibilisiert. Ich war zur Dämmerstunde im Herbst letzten Jahres mit *** an den Höhlen, um ihr diesen wie ich finde sehr besonderen Ort zu zeigen. Es war ein besonderer Tag mit ausgesprochen starken Bewegungen in den tieferen Ebenen, und, wie ich es gerne ausdrücke, der Berg hatte schlechte Stimmung. Als gedankliches Modell sei an eine Personifizierung gedacht. Eben, als wohnte ihn den Höhlen der Ofenkaulen tatsächlich ein Wesen mit einer Form von Bewußtsein. Hat dieses Wesen schlechte Stimmung und möchte allein sein, sorgt es mit Gefühlen und unangenehmen Bildern und Assoziationen dafür, dass etwaige Besucher schnell das Weite suchen. Dazu gehören auch real festzumachende Phänomene wie Windstöße, seltsame Zufälle und verstörende Begegnungen mit Bewohnern des Waldes. In Bäumen und Felsen scheinen sich die Schatten zu Formen zu verdichten, die Angst machen. Massive Ansammlungen abstoßender Insekten, ein wilder Hund, der einen Weg zähnefletschend und geifernd versperrt und herabstoßende Krähen gehören ebenfalls dazu. Alles ringsum schreit: “Verschwinde! Geh nicht weiter! Verpiß Dich!” Man kann sich daran gewöhnen, damit umgehen lernen, in gewisser Weise sogar in Dialog damit treten, versöhnen, Einlass erbitten. Das gehört zum schamanischen Weltbild, das diese Phänomene mit Naturgeistern erklärt, ein wie finde recht praktisches Modell, mit dem man gut arbeiten kann. An jenem Nachmittag war ich allerdings nicht mit anderen “Schamanen” vor Ort, sondern mit einem Menschen, der zwar äußerst sensibel und feinsinnig wahrnimmt, jedoch den Phänomenen bisher weiträumig auswich und keine Erfahrungen im Umgang damit gesammelt hat. Wie ich eine Zeitlang erwog, unter Umständen die Symptome einer schizophrenen Erkrankung zu erleben statt äußere Realität und darum Psychologie studierte, so neigte dieser Mensch dazu, es innerpsychisch zu erklären und lieber zu glauben, nicht richtig zu ticken als anzunehmen, dass seine Wahrnehmung feiner ist. Das Erlebnis war erschreckend. Während ich eher Faszination und eine mit Respekt untermischte Neugier empfinde und gewissermaßen die aufkommenden Ängste als Wegweiser der Verhaltens nutze und die seltsamen Begebnisse als Hinweise und Zeichen, reagierte meine Begleiterin mit unreflektierter Heftigkeit und ohne jeden geistigen Schutz. In der Vergangenheit, als ich die “Phänomene” fast schon mit wissenschaftlichen Methoden untersuchte und gezielt “Probanten” zu bestimmten Zeiten an bestimmte Orte führte, um deren Reaktionen zu beobachten, hatte ich nach einigen ausgesprochen heftigen Zwischenfällen eigentlich den Entschluß gefaßt, keine Unvorbereiteten mehr in so eine Situation zu bringen. Jetzt, zehn Jahre später, wurde mir wieder schmerzlich vor Augen geführt, was mich zu diesem Entschluss gebracht hatte. *** hatte nicht nur einfach nackhaaraufstellende Angst, sie erlebte ungebremste Visionen, erbrach sich, war zeitweise völlig unzurechnungsfähig. Und das parallel zu den Dingen, die ich empfing, aber anders aufnahm. Wo der Berg ein klares Verbot aussprach, einen Ort zu betreten, durchfuhr mich eine Welle von unangenehmer Furcht, gepaart mit einem Bild. Aber es war wie etwas, das gesagt wird. Für *** manifestierte sich das Bild und die Furcht war real und in einer Stärke, wie man sie in unserem normalisierten Leben kaum noch erlebt. Es kostete mich grosse Anstrengung, gewissermaßen ein Schild aufzubauen, um sie dort heraus zu bekommen. Das Erlebnis brachte für mich wieder Dinge ins Bewußtsein, die für mich selbstverständlich geworden waren. Und die Beschäftigung damit schuf letzthin die Grundidee zur “Höhle”. Daß ich sie tatsächlich an dem Ort ansiedelte, wo das reale, zugrunde liegende Erlebnis stattgefunden hat, versteht sich von selbst. Allerdings hat die Geschichte der “Höhle” nur noch in Aspekten etwas mit den realen Begebnissen zu tun – es sind letztlich Jahrzehnte in diese Geschichte mit eingeflossen und die Erfahrungen und Gespräche mit sehr vielen, unterschiedlichsten Menschen. Manuel und Silvia – das Liebespaar
Wannimmer eine explizite erotische Szene in einem Buch oder einer Geschichte vorkommt, hagelt es kurz darauf Fragen, ob das “wirklich” sei und ob die beschriebenen Personen ich selbst und meine Partnerin vorstellen. Ich bin immer wieder fasziniert davon und frage mich, was zu solchen Gedanken führt. Und ich kann darauf nur dieselbe Antwort geben, die ich auch dann gebe, wenn es um andere Personen in meinen Stories geht. Ich schreibe sehr nah an meinem Erleben und meiner Wirklichkeit, und das bedeutet natürlich, dass die Dinge, die ich beschreibe, in meinem Erleben verwurzelt sind. Es wäre nicht falsch zu sagen, daß ich nichts beschreibe, was ich nicht in der einen oder anderen Weise selbst erlebt habe oder aus erster Hand erfuhr. Aber das ist nicht gleichbedeutend damit, daß auch nur eine Figur ein realistisches Abbild einer real exiestierenden Person darstellt. Mehr noch: Genau das vermeide ich bewusst. Natürlich ist Bauer Rowedder aus dem “Gläsernen Sarg” einem manisch-depressiven Freund nachempfunden, was bestimmte Aspekte des Verhaltens und Erlebens angeht. Lange Gespräche und eigene Beobachtungen sind hier eingeflossen. Aber Rowedder selbst ist genauso wie seine Geschichte erfunden, auch wenn diverse Szenen real geschehenen Dingen angelehnt sind. So ist durchaus klar, das Silvias Erscheinung und Charakter irgendwo reale Echos in Partnerinnen von mir haben dürfte, und wahrscheinlich auch, das Aspekte der beschriebenen Beziehung aus verschiedenen selbst erfahrenen Erlebnissen heraus gestaltet sind. Aber es ist immer eine Montage aus verschiedensten Zeiten und Erlebnissen, was am Ende zu einer Person destilliert wird, und ein Grossteil davon ist erfunden, abgeleitet und entwickelt schnell auch eine nicht zu unterschätzende Eigendynamik. Und ob ich bei Vollmond auf der Betonplatte vor dem Höhleneingang Sex gehabt habe überlasse ich der Phantasie des Lesers, beziehungsweise empfehle, es selbst auszuprobieren, denn aus Erfahrung kann ich sagen, dass es kaum etwas schöneres gibt als Sex bei Vollmond am Busen der Natur. Ähnlich verhält es sich mit Manuel. Da seine Innenwelt geschildert wird, ist es unumgänglich, dass er gewisse Parallelen zu mir hat. man kann nur so denken und fühlen wie man denkt und fühlt, und was immer verschiedene Autoren auch sagen mögen, es läßt sich nicht verhindern, dass die eigene Art und Weise, die Wirklichkeit aufzufassen, bei einer Schilderung der Innenwelt einer Person maßgeblich mit ein fließt. Alles andere ist und bleibt notwendigerweise intellektuelles Konstrukt ohne Anspruch auf Wirklichkeit. Effektiv ist das Liebespaar Manuel-Silvia aber ein Konstrukt, um die Geschichte möglich zu machen und gehorcht der inneren Dynamik des Romans. Sie sind einander ein Spiegel, wie es in vielen Beziehungen der Fall ist, und insbesondere Manuel sieht in Silvia die Dinge gespiegelt, die er mehr oder weniger bewusst als seine eigenen menschlichen Schwächen spürt. Dies ist Teil der psychologischen Ebene des Buches und eines der Hauptmovens der Geschichte. Spiegel im Spiegel – die Struktur
“Die Höhle” besteht aus drei Ebenen, die sich untereinander spiegeln und eng miteinander verwoben sind. Die zwischenmenschliche Beziehung von Manuel und Silvia, Manuels Beziehung zu seinem eigenen Inneren und die Berührung der Menschen mit dem “Geist” im Berg. Jede einzelne dieser Ebene spiegelt sich in den anderen wieder und ist zugleich Allegorie für sie. Dei Entwicklung der Geschichte und der Personen vollzieht sich in allen drei Ebenen und changiert zwischen ihnen. Daraus ergibt sich die Struktur der Erzählung, die sich in drei grossen Abschnitten vollzieht, die sich zugleich auch in den Handlungsorten Steinbruch, Wald vor den Höhlen und das Höhleninnere manifestiert. Zugleich sind diese Orte auch Stationen auf dem Weg ins Innerpsychische. Der Roman vollzieht den Gang vom Äußeren in den dunklen Urgrund der Seele, und das zunehmend tiefenpsychologische ist durch die zunehmende Phantastik in der Erzählung symbolisiert. Je nachdem, wie man “Die Höhle” interpretieren möchte, hat man entweder eine Geschichte vor sich, die sich mit der Magie in unserer Welt auseinandersetzt oder einen tiefenpsychologischen Roman über die Ängste und Neurosen des heutigen Menschen. Beide Interpretationsweisen sind “richtig”, wenn hier soetwas wie “richtig” oder “falsch” überhaupt anzulegen ist. Das äußere Kleid, das letztlich das Lesevergnügen schafft, ist das eines klassischen Schauerromans mit allen Elementen, bei denen sich der Leser hoffentlich ordentlich einer Gänsehaut erfreuen kann. EntstehnungsdatenDie Höhle ist vollständig im Manuscript entstanden, ich arbeitete am Text vom 16.02. bis zum 01.06.2011 und füllte drei Moleskine-Notizbücher mit dem Manuscript. In der ersten Juniwoche übertrug ich es in den Rechner und begann gemeinsam mit Alexander Lebedev die Illustration. Die letzte Illustration ist Ende Juli entstanden. In den Wochen danach lektorierten Freunde das Buch und ich schliff den Text, nachdem ich die Lektorenexemplare zurück erhielt, den Text noch einmal. Fertig war der Roman Ende August. Die Satzarbeiten und die Gestaltung bis zum fertigen, ausbelichtbaren Buch dauerten bis Anfang Oktober. Am 14. ging das Buchinnere in die Druckerei, die Gestaltung des Covers war am 20. Oktober abgeschlossen. Das Buch wurde am 26.10.2011 bei Meierdruck Hennef auf einer Heidelberg Offset-Letterset 64x89cm Zylindermaschine, Baujahr 1963, gedruckt, die nicht nur wunderschön ist, sondern auch ganz hervorragende Drucke liefert. Für die Interessierten hier eine kleine Galerie, wie das Buch gedruckt wurde:
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[Norman Liebold,
29.10.2011 |
Von Norman Liebold geschrieben am: 29.10.2011 unter Die Höhle
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[Dieser Artikel ist der 2. von 3 Teilen in der Reihe Hintergrund Die Höhle]
Die Illustration der Höhle ist ein Gemeinschaftsprojekt von mir selbst und dem Illustrator Alexander Lebedev. Der junge russische Künstler und Freund zeichnete sieben Bilder in Grafit auf Papier im Format Din A3. Sie stellen je eine herausragende Szene aus einem der sechs Kapitel dar. Aus meiner Feder stammen sechs Zeichnungen in Tusche, die jeweils die Anfangsseite des Kapitels ornamental verzieren, einige Gestaltungselemente wie Spinnen und Käfer sowie vier Landschaftszeichnungen, die ich an den Ofenkaulen anfertigte. Aus dem Rahmen heraus fällt eine Skizze, die während des Schreibens entstanden ist und die Anfangsszene darstellt. Es ist mir immer wieder eine Freude, bei einem Buchprojekt gemeinsam mit einem weiteren Künstler die Illustration zu besorgen – so entspinnt sich noch ein zweites Gespräch im Buch. Nicht nur der Dialog zwischen Leser und Autor, sondern auch das Gespräch zwischen den Illustratoren, in das der Leser mit einbezogen ist. Ist es für die Leser immer wieder interessant, die Bilder zu sehen, die der Autor des Buches selbst zeichnete, um auf diese Weise auch einen Blick in die gedankliche Bilderwelt zu bekommen, so ist es für mich selbst nicht minder faszinierend, einmal in den Kopf eines meiner Leser schauen zu dürfen, wie er die Szenen und Figuren aus dem Buch wahrnimmt. Die Zeichnungen Alexander LebedevsAlexander Lebedev ist ein junger Künstler aus Russland, der aktuell an der Rhein-Sieg-Akademie für Design und Bildende Kunst in Hennef studiert. Seit einigen Jahren mit ihm befreundet, machte ich auch schon mehrere Ausstellungen mit ihm gemeinsam. “Die Höhle” ist sein erstes Illustrationsprojekt, dass er in 29,7 x 42cm großen Bleistiftzeichnungen ausführte. Er veröffentlicht unter dem Künstlernamen “Eleven”. Besuchen Sie die Webseite von Alexander Lebedev unter www.i11u.com.
Die Kapitel-Ornamente von Norman Liebold
Auch wenn ich sehr gerne selbst Szenen aus den Büchern zeichne und als Illustrationen mit hinein drucke, halte ich mich zurück, wenn ich mit einem anderen Künstler gemeinsam an einem Buchprojekt arbeite. Bei der “Höhle” hielt ich mich aus den eigentlichen Szenendarstellungen ganz heraus und schuf sechs ornamentale Zeichnungen, die die erste Seite der Kapitel schmücken. Sie sind in meinem Lieblingsstil gezeichnet: als reine Schwarzweiß-Grafiken mit stark abstrahierter Ornamentik.
Die Landschaftszeichnungen von Norman Liebold
Während der Recherchen zur “Höhle” zeichnete ich etliche Skizzen an den Originalschauplätzen, besonders an den Ofenkaulen selbst. An den Stellen, wo am Ende eines Kapitels genügend Freiraum blieb, setzte ich sie erstmals mit ins Buch. Auf diese Weise bekommt der Leser einen Eindruck, wie es am Ort selbst aussieht. Cover-Gestaltung
Das Cover für die “Höhle” stellte eine echte Herausforderung dar, und bis wenige Tage vor dem Druck gab es mehrere Versionen, zwischen denen zu entscheiden nicht einfach war. Neben einem Cover aus dem Pinsel von Alexander Lebedev gab es eines, das als rein Strichgrafik mit Silber auf Schwarz gedruckt worden wäre. Erst beim Vorgespräch bei Meierdruck Hennef mit Frau Hundenborn, die auch schon das erste Amator-Veritas-Buch, den Märenborn, betreute, viel die Entscheidung, auch bei diesem Buch wie bei “Dichterbrand” und “Gläserner Sarg” ein Vierfarbcover mit einem fotografisch anmutenden Hintergrund zu wählen, damit die Linie der Siebengebirgs-Bücher gewahrt bleibt. Während das aber verhältnismäßig einfach ist bei den realistischen Krimis, erweist es sich für einen in weiten Teilen phantastischen Horror-Roman als eine schwierige Angelegenheit. Die Idee, das von mir sehr geliebte Relief vom Paradies der Basilika zu Maria Laach zu nehmen, stand sehr schnell. Zum einen, weil die beiden Gesichter die tiefenpsychologische Ebene genauso illustriert wie sie auch eine Szene aus dem Roman versinnbildlicht, nämlich den Spiegelgang mit dem “bösen Spiegelbild” des Protagonisten und den sich aus den Wänden pressenden Steingesichtern. Aber dem Motiv fehlte noch der rechte “Pfiff”. Nach Stunden des Probierens und des fast Verzweifelns, denn um 9 Uhr mußte ich die Dateien zum Belichter bringen, hatte ich gegen 4 Uhr eine Art Vision. Oder wie man das nennt, wenn man halb träumend vor dem Bildschirm sitzt. Es schienen sich Risse durch die Gesichter zu ziehen, und sie bewegten sich in schwer zu beschreibender Weise. Dieses Bild erschien sofort als das perfekte Cover, und der Rest war zwar anstrengend, aber ein schnelles Arbeiten. Letztlich entstand eine Fotomontage aus einer Aufnahme des Reliefs und – das ist interessant zu erwähnen – der Aufnahme einer ausgetrockneten Wasserlache, die ich im Steinbruch Hühnerberg im Siebengebirge gemacht hatte. Auf diese Weise kommt in das Cover auch ein Teil des Siebengebirges mit hinein und schönerweise eines, das technisch gesehen tief in einem Berg liegt. |
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[Norman Liebold,
29.10.2011 |
Von Norman Liebold geschrieben am: 26.10.2011 unter Autorengefasel, Die Höhle
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[Dieser Artikel ist der 1. von 3 Teilen in der Reihe Hintergrund Die Höhle]
“Die Höhle” spielt im Siebengebirge an drei Schauplätzen. Die ersten beiden – ein stillgelegter, mit Wasser gefüllter Steinbruch und das Waldgebiet an den Ofenkaulen bei Königswinter – sind naturgetreu. Beim dritten Schauplatz, das Innere des Höhlensystems der Ofenkaulen, habe ich mir eine gewisse Freiheit erlaubt. Die Orte spiegeln die Klimax des Romans wieder: Vom hellen, sonnendurchfluteten Bergsee kommen die Protagonisten Silvia und Manuel zu den gleichsam verwunschenen Wäldern mit den Höhleneingängen, um von hier aus in das Höhlensystem vorzudringen. Die Tageszeit wechselt mit den Orten: Spätnachmittäglich badet das Liebespaar im See, in der Dämmerung kämpfen sie im Wald mit ihren aufkommenden Ängsten, in der Nacht irren sie durch die Stollen und Hallen der Ofenkaulen. Mit dem zunehmenden Dunkel dringt das Unnennbare, Mystische in ihr Leben ein. In Andeutungen am See, in Visionen im Wald und in unignorierbarer Wirklichkeit in den Höhlen. Der Gang vom Sonnenlicht in die ewige Nacht unter dem Berg ist archetypisch und spiegelt zugleich die psychologische Ebene der Geschichte allegorisch wieder: was auf der Handlungsebene die Verdichtung der Atmosphäre und das zunehmende Eindringen des Horrors ist, ist auf der psychologischen das Eindringen in das Unterbewusste. Der SteinbruchFür die Eingangsszene wählte ich meinen Lieblings-Steinbruch. Er ist nicht unbedingt der schönste im Siebengebirge – der Dornheckensee ist bei weitem eindrucksvoller, der Märchensee mystischer -, aber in unmittelbarer Nähe zu meiner Schreibklause hinter den Sieben Bergen gelegen schenkte er mir unzählige schöne Stunden. Der Sprung von der Felsklippe geht gut vier Meter in die Tiefe, und beim Hinaufklettern ist mir – wie auch Manuel im Buch – schon eine tonnenschwere Basaltsäule aus der Wand gekippt. Wenn man – besonders im Sommer – auf dem Steg sitzt, kann man de beschriebenen Fisch-Ebenen beobachten. Während ganz oben die kleinen, kaum fingerlangen Fische in wahren Horden herumtummeln, schwimmen in gleichsam abgetrennten Schichten immer grössere Tiere – je tiefer, um so eindrucksvoller, bis dort, wo man nur noch Schemen sehen kann (und der Steinbruch in sehr klar), riesige Karpfen ihre Kreise ziehen. Der Vergleich mit den Schichten des Bewußtseins kam mir 2006, als ich an meiner Magisterarbeit über Gottfrieds von Strassburg “Tristan und Isolde” im Vergleich mit Georg Kaisers “König Hahnrei” arbeitete und in diesem Kontext Freuds “Traumdeutung” durcharbeitete. Die eigenartigen Strömungen kalten Wassers haben mich selbst und Freunde schon oft erschreckt, wobei jedoch die Erklärungen, die Manuel dafür anbringt, reine Spekulation sind – ich kann nicht sagen, ob sie von Quellen am Seegrund oder durch die heftigen Gegensätze von sonnenbeschienenen und in dunklem Schatten liegenden Seeteilen herrühren. Das Gefühl jedoch ist bei den ersten Malen in der Tat unheimlich, denn die Strömungen sind so eng umrissen und kompakt, dass es sich anfühlt, als ob etwas sehr Großes in unmittelbarer Nähe vorbeischwimmt. Den See kenne und liebe ich seit mehr als 10 Jahren, und natürlich war ich nicht nur mit meinen Liebsten dort, sondern kann auch nicht leugnen, dass ich mich dort auch schon gestritten habe. Wahrscheinlich ist die eine oder andere Erfahrung aus diesem Erleben in die Beschreibung des Streites zwischen Manuel und Silvia mit in den Roman eingeflossen. Aber die Szene selbst ist frei erfunden. Ich habe zwar schon Wegarten auf der Basalt-Klippe wachsen sehen, bin aber nie mit einer über den See geschwommen, um meine Liebste zu versöhnen. Und ich möchte doch hoffen, dass ich nicht so verbohrt und egozentrisch wie Manuel bin. Abgesehen von dem etwas mulmigen Gefühl, über einen schier bodenlosen Abgrund zu schwimmen und von kalten Strömungen wie mit riesiger Flosse berührt zu werden, kann ich auch nicht von mir behaupten, tatsächlich Angst vor Wassermonstern verspürt zu haben. Wobei die Erfahrung mir allerdings nicht fremd ist – wenn ich sie auch 1997 beim Schwimmen im Mittelmeer unterhalb einer alten Kultstätte in heftigster Weise erleben musste. Die Wälder an den OfenkaulenDer Wald, der gegenüber dem Petersberg gelegen ist, hat ein eigenartiges Gefühl, besonders in der Dämmerung. Die Bedingungen des felsigen Untergrundes, die steilen Hänge und das Alter des Baumbestandes bedingen, dass ein grosser Teil der Bäume stark verwachsen und knorrig sind. Oft liegen die Wurzeln über einem Abhang frei und strecken sich wie Arme und Klauen über die engen Pfade. Und an vielen Stellen öffnet sich gähnendes Loch im Hang oder im Boden, um einen der Eingänge zu den Höhlen zu zeigen. Die Höhlen sind künstlich: im Mittelalter braute man hier – daher der Name – Trachyttuff ab, der für Öfen verwendet wurde. Im dritten Reich wurden die unterirdischen Hallen ausgebaut und für eine “bombensichere” Flugzeugfabrik genutzt. Nach erfolglosem Sprengungsversuch wurden die Eingänge mit Beton verschlossen, in dem Schlitze angebracht sind, damit zum einen die Luftzirkulation gegeben ist und zum anderen die Fledermäuse ein- und ausfliegen können – die Ofenkaulen ist eine der wichtigsten und größten Fledermaushöhlen Europas. Die Feuchtigkeit und die Temperaturunterschiede haben Algen und Moos über den Beton wachsen lassen, und aus den Lüftungsschlitzen weht ein stetiger, eiskalter Wind, oft untermalt von einem eindrucksvollen Heulen. Geht man einen der engen Hohlwege auf eine Öffnung zu, ist dieser Luftstrom deutlich spürbar. Diese Landschaft – knorrige, alte Bäume, Hohlwege und sich öffnende Höhlen – genügt schon, um in der Dämmerung und Nachts ein recht mulmiges Gefühl zu erzeugen, eine Art “romantischen Schauer”, wenn man so möchte. Ist man sich bewußt, dass in den Höhlen Zwangsarbeiter unter den denkbar schlimmsten Bedingungen Flugzeugmotoren herstellten und Vorfälle wie der mit dem Mörder Dieter Freese hier geschehen sind, verstärkt sich das Gefühl. Wobei ich nicht umhinkomme, zumindest zu erwähnen, dass man noch mehr dort fühlen kann. Es ist ein eigenartiger Ort, der bestimmte Bereiche unserer Seele und unserer Ängste anspricht. Und zugleich ist er von einer seltsamen Schönheit. Die OfenkaulenDie beschriebenen Eingänge führen in das Höhlensystem unter dem Berg. Dieses ist seit Jahren nur noch unter entsprechender Führung zu betreten. In meiner Abiturzeit – um 1996/1997 herum – waren sie allerdings ein Geheimtipp für Mutige. Die Lüftungsschlitze waren soweit aufgemeiselt worden, dass man mit einiger Mühe hindurchkriechen konnte. Ist bereits der Wald vor den Eingängen bemerkenswert und mystisch, so sind die Höhlen selbst unbeschreiblich. Wir nannten die Höhlen “Moria”, und in der Tat drängt sich der Vergleich auf. Riesige Hallen, Löcher im Boden, die den Blick auf die darunter liegenden Ebenen öffnen, lange Gänge, unterirdische Seen. Das ganze im seltsamen Zwiespalt zwischen natürlichem Fels und den Resten der industriellen Nutzung: Beton, verrostete Eisenträger und -schienen, eigenartig verwinkelte Treppen. Ich bin mehr als einmal mit Freunden durch diese Hallen gewandert, wir haben dort genächtigt und uns die “Sehenswürdigkeiten” angeschaut. So gibt es einen Raum, der über und über mit Reliefen bedeckt ist. Unbekannte aus verschiedenen Zeitaltern haben hier Götterbilder, Symbole und Szenen aus dem weichen Tuffstein heraus gemeiselt. Auch der “schwebende Stein” aus dem letzten Kapitel gehörte zu unseren Lieblingsorten. Auf der obersten Ebene gelegen hatte der Raum einen Durchbruch an die Oberfläche, durch die ein schwacher Lichtstrahl kam. Er fiel genau auf einen grossen Felsen, der dadurch als das einzige in der unterirdischen Halle beleuchtet war. Der Eindruck, der entstand, war, dass er aus sich selbst heraus leuchtete und in der Luft schwebte. Besonders eindrucksvoll ist die Gestalt der Hallen. Ab dem Hochmittelalter hat hier riesige Platten aus dem Fels geschnitten. So bestehen viele der Wände aus geraden Flächen, die in schiefen Winkeln zueinander stehen. Eine Sinnhaftigkeit scheint dahinter zu stecken, eine eigenartige Architektur, die uns unverständlich ist, und ihre Ausmasse sind gigantisch. Einige der Hallen sind 12 Meter und höher. Die Beschreibungen des Inneren der Höhlen sind meiner Erinnerung entnommen. Die Lüftungsschlitze, durch die wir damals krochen, sind heute mit Stahlplatten eingefaßt und so schmal, dass ein Hindurchkriechen unmöglich ist. In den Höhlen, in denen unter anderem auch einige schräge Partys gefeiert wurden, gab es einige Unglücksfälle. Auch sollen die Fledermäuse ungestört bleiben. Und da der Roman in den Höhlen bereits in den phantastischen Bereich vorgedrungen ist, habe ich mir eine gewisse Freiheit erlaubt. Das gilt insbesondere für die Tür, die ich erfunden habe. Es gibt noch Zugänge, die sehr versteckt und nur einigen “Eingeweihten” bekannt sind, die dieses Wissen für sich behalten, damit sie nicht auch noch verschlossen werden. Und es wäre durchaus denkbar, dass die Flugzeugfabrik zusammen mit den Bunkeranlagen auch einige getarnte Zugänge gehabt hat. Die Geheimtür dürfte allerdings weniger der Wirklichkeit entlehnt sein als sie eine literarische Anspielung auf die Tür zu Smaugs Höhle im Einsamen Berg darstellt. Einige Bilder aus dem Inneren der Ofenkaulen finden Sie auf diesen Webseiten:
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[Norman Liebold,
26.10.2011 |