Von Norman Liebold geschrieben am: 14.02.2006 unter Hintergründe, Krähe und Nachtigall
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Der NymphenquellDie Geschichte entstand 1996/97 in liedhafter Struktur und beschreibt die Urform des Bildes der Insel im See, das später in Reinform als “Die Insel im See”(1999) vollständig erzählt wird und das erste Kapitel von “Krähe und Nachtigall” bildet. Das Bild zieht sich durch den gesamten Nâhtegal-Zyklus. Als zentrales Motiv erscheint es im dritten Buch von Die Sieben Kelche, und zuletzt als “Zusammenfassung” als dasjenige Lied, das Nâhtegal der Spinne in den Dichterdämonen vorsingen wird, um Zugang zum Geschichtenbaum zu erlangen. In dieser Form taucht es zweimal in “Krähe und Nachtigall” auf: Im ersten Kapitel in der Erzählung der Nebeläugichten, die das Lied zitiert, das sie auf ihre 40-jährige Odyssee schickt, und im letzten Kapitel vom Toten Barden selbst vorgetragen – denn er ist derjenige, der das Lied dichtete und die Nebeläugichte damit verwirrte. Letzthin ist das versinkende Land Symbol für mehr oder minder selbst verschuldete Verdunkelung und Pervertierung des Lebensgefühls – durch übersteigerte Mythisierung, zu blauäugiges Glauben an so Gesagtes oder schlicht übertriebenes, intellektuelles Hineinsteigern. In des Gottes EiDie Geschichte ist 1995 entstanden und dürfte die älteste im ganzen Buch sein, wahrscheinlich sogar die älteste Geschichte überhaupt unter meinen aktuellen Veröffentlichungen. Zugleich ist sie – abgesehen von einem nur einmal in “Die Elfentraumspieluhr” abgedruckten und zudem grottenschlechten “Gedicht” – das erste Textstück, indem die grünäugige Schöne vorkommt. Sie ist eng verwandt mit “Irgendwo im Nirgendwo”, aus dem später der Beduine geworden ist, und hier ist zum ersten Mal der Gedanke an die Welt als subjektives Konstrukt formuliert, der sich in den Wirklichkeits-Träumen der Drachen im Drachenpriester niederschlägt. Die Geschichte ist ein eher philosophischer Exkurs: Noctus, ein unsagbar alter und wissender Magier, kann die Phänomene der Welt durchschauen, nur beschworene Geister – aus anderen Dimensionen – sind ihm noch als Gesprächspartner interessant, da alle anderen Menschen und Wesen für ihn völlig transparent sind. Bis er an einem Morgen ein wunderschönes Mädchen (natürlich mt grünen Augen) trifft, in das er sich mirnichtsdirnichts und ganz und gar verliebt. Sie verwirrt ihn, er kann sie nicht durchschauen, ihre Reaktionen bringen ihn gänzlich durcheinander, und er beginnt herumzugrübeln, so sehr, daß er gar nicht mehr weiß, was er denken soll. Letztlich begreift er, daß er gar nichts erkennen kann, solange er irgendein Vorwissen hat, da dieses seine Wahrnehmung verzerrt und er wünscht sich in den Zustand des unwissenden Kleinkindes zurück. Er webt einen Vergessenszauber auf sich selbst, zeitlich befristet, um für eine gewisse Zeit wieder voreingenommen die Welt wahrnehmen zu können. Als der Zauber wirkt, verschwindet die Welt, denn er ist eine Art Gott in einem Ei, der seine Welt innerhalb der Eierschale selbst schafft – der Grund, warum sie für ihn so durchsichtig und begreiflich ist. Der Zauber wirkt allerdings nicht vollständig, so daß die absolute Leere um ihn herum sich mit einer ersten, schwammigen Erinnerung füllt, über die er nachsinnt und nachsinnend seine Welt neu erschafft – bis er, ein paar Jahrhunderte später – wieder auf dem selben Stand ist wie zu Beginn der Geschichte. Das ist der Moment, wo er sich – unbewußt – an die Grünäugige erinnert und sie – samt ihrer Undurchsichtigkeit – im selben Augenblick erschafft, um ihr am nächsten Morgen zu begegnen, sich verwirren zu lassen, zu grübeln, einen neuen Vergessenszauber zu weben, und so weiter und so fort – bis hin zu jenem Zeitpunkt, an der die Frist der Vergessenzauber endet, er sich schlagartig an alles erinnert und – wie Abraxas – aus dem Ei ausbricht, um recht verwirrt in der wirklichen Welt herumzutappen. Zwei Lämmer im WolfspelzDie kurze, einfache und niedliche Geschichte, 1996 für Sonja entstanden, ist nach wie vor eine meiner Lieblingsfabeln, die ich immer wieder gerne erzähle, besonders auch bei LieErZähling. Wie die zwei unbedarften, ängstlichen Lämmer sich im dunklen dunklen Wald gegenüberstehen, sich gegenseitig für den bösen grauen Wolf halten, vor Angst fast sterben und dabei so tun, als wären sie selbst ein Wolf, ist nicht nur ein köstliches Bild, es ist leider und nur zu oft ziemlich zutreffend. Da tut man groß und rollt Kulleraugen, da knurrt man klägliche “Mähs” und glaubt sich auch noch gerissen, den bösen Wolf da gegenüber ausgetrickst zu haben… dabei funktioniert es doch nur, weil da gegenüber auch nur ein solch blödes, angstblindes Dingelchen ist wie man selbst. Natürlich eine amüsante Liebesgeschichte, wie könnte es anders sein. Passiert mir auch heute manchmal noch – und es ist im Grunde verdammt schade, daß ausgerechnet die süßesten Lämmchen mit den liebenswürdigsten, weichsten Seelen sicherheitshalber den Wolf miemen und zum Ende auch noch dafür gelten. Unschwer kann man in der Geschichte zudem die spielerisch-grinsende Umkehr des Gedankens vom Wolfsschaf sehen – des Wolfes im Schafspelz, der sich für ein Schaf hält. Der Gedanke ist auch in der Sequenz dieser Geschichte enthalten, bei der die Schafsherde auf den absurden Gedanken kommt, in Wirklichkeit ein Rudel Wölfe zu sein. Die Zwei Schwestern1995 schrieb ich eine kleine, niedliche Geschichte mit Namen “Von Rittern und Hexen”, grad mal anderthalb Seiten lang und in “Fabaella de Sphingem”(1996) veröffentlicht. Die kleine Geschichte enthält das zentrale Motiv des zweiten Teils, wo Schwester Sonne ihren Neffen dadurch überlistet, daß sie die Gestalt einer zuckersüßen Katze annimmt. Aber hier ist sie einfach eine böse Hexe, die den Ritter vernichten will und auch wenn das Ende, wenn sie durch den unbeabsichtigten Genuß der Seele des Ritters plötzlich “gut” wird, bereits enthalten ist, mangelt dieser Version der Geschichte doch die epische Breite und vor allem das, was der eigentliche Gehalt der Endversion “Die zwei Schwestern” ist. 1999 geschah mit “Von Rittern und Hexen” etwas ganz ähnliches wie mit dem “Nymphenquell”. Genau wie diese Geschichte erzählte ich sie an einem Abend Ulrike, und während ich sie erzählte, wurde ich mir nicht nur ganzen Geschichte bewußt, sondern ich erzählte sie auch samt der Vorgeschichte, die erzählt, wie und warum Schwester Sonne zur “bösen” Hexe wird. Und die verträumte Begeisterung, die Ulrike für die Geschichte aufbrachte, mag wohl durchaus das Movens gewesen sein, diese neue Version zu bearbeiten und aufzuschreiben. Jetzt gibt es zwei Hexen, Zwillingsschwestern, die ähnlicher nicht sein können und zudem unzertrennlich sind. Sie sind die Töchter einer weisen Hexe, die den heiligen Hain hütet, und die sie ausschickt, um die Welt kennenzulernen. Sie lernen einen Mann kennen, in den sie sich beide verlieben, und ist es zuerst so, daß sie ihn sich schwesterlich teilen, ohne daß er etwas mitbekommt (sie sind sich sehr ähnlich), so sieht er sie doch irgendwann durch Zufall zusammen und wird mißtrauisch, daß man ihn hintergehe. Und er beginnt ein albernes Spielchen, um die Wahrheit herauszufinden. Als er (durch abgetrennte Knöpfchen, Knoten in den Schnürsenkeln und andere Albernheiten) herausgefunden hat, daß es zwei Frauen sind, nicht eine, will er erreichen, daß sie’s ihm auch sagen – und zwar von selbst. Die Taktik, die er anwendet, ist denkbar dämlich. Er redet ihnen ein, daß sie verschieden wären, indem er vorgibt, in der einen mehr eine dunkel-nachdenkliche Person zu sehen, und in der anderen ein immergrinsendes Sonnenkind. Wenn man das oft genug sagt, beginnt man, daß selbst an sich zu sehen, denn jeder Mensch trägt diese Seiten in sich, und nach einer Weile beginnen die Schwestern sich zu verändern und sich auch so zu benehmen: Die eine wird dunkel und nachdenklich und kritisch, die andere reichlich oberflächlich, aber stets lachend. Die Schwestern entfremden sich, und der Plan des Liebhabers der Beiden geht mehr oder minder auf: Sie stehen plötzlich vor ihm mit einem: Sie oder ich. Das hatte er allerdings gar nicht gewollt, und mehr aus Hilflosigkeit der Situation gegenüber schnappt er sich recht wahllos die immerlachende Schwester Mond. Schwester Sonne – so schon arg zweifeln und selbstkritisch und philosophisch geworden, wird also zurückgewiesen und vergräbt sich im Wald, wo sie verbittert und schließlich ihre Enttäuschung an der Welt ausläßt und zur bösen Hexe wird, die ihrem Haß mittels ihrer magischen Kräfte freien Lauf läßt. Es kommt letztlich – ebenfalls ein dummes Mißverständnis – zum Kampf zwischen den Schwestern, und die “Gute” gewinnt deswegen, weil die andere sich selber anekeln und im Grunde verlieren will. Und sie wird in einen Eichenbaum gesperrt. Es vergehen zwei Jahrzehnte, Schwester Mond bekommt einen Sohn, den sie als heldenhaften Ritter erzieht – nicht zuletzt im Bewußtsein, daß der Tag kommen wird, wo der Bann des Eichenbaums ihre Schwester wieder frei lassen wird. Als daß geschieht und Schwester Sonne die Welt erneut in eine Schreckensvision verwandelt, gibt sie ihrem Sohn eine magische Rüstung, die ihn vor den Zaubern der Schwester schützt, und schickt ihn los, daß er Schwester Sonne tötet. Er sucht und sucht, aber er kann sie nirgends finden. Und eines Tages rettet er ein allerliebstes, süßes Kätzchen vor den Angriffen einiger Monstren. Jetzt erst kommt es zu der Szene, die in “Von Rittern und Hexen” beschrieben ist, aber auch sie ist erheblich ausgebaut. Es ist nicht mehr irgendein Ritter, die Hexe nicht mehr irgendeine “böse” Hexe: Alles ist eine Geschichte, die ihre Gründe hat, und in der es kein “Gut” und “Böse” gibt. Der Ritter, in seiner harten und kalten Rüstung nach Nähe schmachtend, kann dem niedlichen Kätzchen nicht auf Dauer widerstehen, es ist der Wunsch, sich zu öffnen, nicht in magischer Panzerung durch die Welt zu laufen, die ihn letztlich den Panzer ausziehen läßt – und ihn dem Kätzchen ausliefert. Schwester Sonne, verbittert, saugt ihm seine Seele aus und schickt ihn postwendend an den Absender zurück: Er erschlägt seine Mutter. Aber seine Seele, in den Staub gespiehn, gedeiht zu einem Apfelbaum, dessen herrlichen Fürchten Schwester Sonne nicht wiederstehen kann. Und als sie von ihm genießt, strömt ihre verlorene Hälfte wieder in sie zurück, das in Dunkel und Hell gespaltene, das glücklich-sorglose und das dunkel-verzweifelte Leben von Schwester Sonne und Schwester Mond wird eins, und Schwester Sonne begreift. Sie heilt die von ihr versehrten Lande mit ihrer Magie, macht sie vielleicht sogar ein wenig besser und kehrt – wie sie es einst versprach – zu ihrer Mutter zurück. Diese kennt ihr Schicksal, hat es selbst vor unzähligen Jahren selbst erlebt und übergibt ihre Priesterschaft der Tochter, der verziehen wird. Sie selbst wird vom Gehörnten des Haines in Empfang genommen und geht nach Anderwelt. Interessant am Werdegang der Geschichte ist nicht nur, daß ich hier selbst verfolgen kann, wie ein Motiv sich entwickelt und letztlich seine Reife über vier Jahre hinweg erkämpft, sondern auch, wie die kleine Geschichte, die ganz am Anfang im Kompendium des ersten Märchenbuchs war, dieses verließ, sich verwandelte, um schließlich wieder dahin zurückzukehren. Der Argonautische GoldvließraubZu dieser Geschichte möchte ich gar nicht allzuviel sagen. Daß ich sie ungemein gern habe von den älteren Sachen, steht außer Frage, insbesondere, weil ich sie ausgesprochen amüsant finde und den Stil nach wie vor in seiner fast lyrischen Dichte sehr mag. Die Geschichte entstand 1998/99 (genau weiß ich das nicht mehr), während ich Thomas Leichtfuß auf seiner Zivildienststelle im Malteserhof im Siebengebirge besuchte. Er bewohnte da einen mittelalterlichen Turm mit einem phantastischen runden Fenster, das aufgrund der Mauertiefe von mehr als einem Meter einen herrlichen Platz abgab, sich hineinzusetzen und Geschichten zu schreiben, während Thomas unten im Garten entweder Laub kehrte oder Äste in einen Schredderer schob. In dieser Zeit entstand auch “Pluto und Hyronimus”, und beide Geschichten in einem wahren Schreibrausch und am Stück. Die Geschichte spielt mit der Sage vom goldenen Vließ und turnt sich breit grinsend durch den Homer hindurch, recht frech die verschiedenen Figuren für eigene Zwecke mißbrauchend. Natürlich war es Odysseus, nicht Jason, der sich bei Circe verlag, und Chiron war der Lehrer von Herkules. Auch ist die Geschichte vom goldenen Vließ gänzlich umgestrickt, denn es hat rein gar nichts mit Circe zu tun, und vom Leuchtkäfer-Himmel zeugt zwar ein klagender Brief an meine damalige Circe, aber keine Stelle in den alten Epen. Natürlich – bei welcher Geschichte in “Krähe und Nachtigall” könnte man das nicht sagen – handelt es sich um eine Liebesgeschichte, und wenn die Taube mit einer Locke des Vließes zu Jason kommt, braucht man weniger in der Antike zu suchen als bei Eilharts von Oberge “Tristrant”, wenn das Federtier eine Locke Isoldes zu König Marke bringt. Und, ganz unter uns, Chiron gallopiert als Genuß-Zentaur nur auf dem Deck der Argo, weil er zugleich als menschköpfiges Pferd Symbol für den Schützen ist – und auch Schützen-Männer kriegen den Hals nicht voll und sind eben Schweine. Die Sage vom Ewig Kämpfenden RitterIch denke, seit Lanzelot mit sich selber kämpfte, ohne gewinnen zu können, empfing er doch jede ausgeteilte Wunde selbst, ist dieser Topos immer und immer wieder aufgenommen worden. Innerhalb des Nâhtegal-Zyklus – und auch darüber hinaus – gehört er auch bei mir zu den stehenden Topoi, die, immer wieder neu interpretiert, immer wieder kehren. Nichtdestotrotz dürfte diese 1996 entstandene Geschichte die älteste Version davon sein. Sie entstand für jenes Märchenbuchprojekt, an dem ich gemeinsam mit Sonja Mlynarski 1995/1996 arbeitete, und dessen Kernstücke letztlich zu den Geschichten es toten Barden wurden. Und es spiegelt noch sehr “unverdaut” den Kampf widerstreitender Kräfte in einem Selbst, aus dem Nichtbegreifen heraus, daß beide Teile erst das Ganze ergeben. In Reinform tritt das Motiv – allerdings ohne Ritterrüstungen – schließlich in den “Sieben Kelchen” auf, wenn Nâhtegal sich in Nebelland dem dunklen Prinzen stellen muß – und hier wird das Motiv auch aufgelöst, denn er reicht dem dunklen Prinzen letzthin begreifend seine Hand. Aber auch der Kampf mit der Statue der Luft im letzten Kapitel der “Sieben Kelche” rekuriert darauf, wenn der Ritter vom Podest steigt und die unangenehme Eigenschaft aufweist, getroffen zugleich die Wunde beim Schlagenden erscheinen zu lassen. Interessant, wenngleich – da nicht veröffentlicht – nicht anschaubar ist die Richterszene in “P”, einem kleinen absurden (und meinem ersten) Theaterstück von 1996. Auch hier erhält P. jeden ausgeteilten Schlag zugleich selbst, weil der Richter mit ihm identisch ist. Verwandelt tritt das Motiv auch im “Spiegelbruch” auf, wenn Animus aus dem Spiegel tritt und eigentlich mit Nâhtegal identisch ist, aber der zentrale Punkt, nämlich die Konfrontation mit dem Fremden und Gehaßten in uns selbst, die Abwehr und der Kampf mit uns selbst, das uns die unangenehmsten Vorwürfe macht, bleibt sich gleich. Die jüngste Rekurierung des Motivs ist in den Spaltenzungen zu finden, wo auf Nonnenwerth das Liebespaar in der Rüstung völlig sinnlos miteinander kämpfen. Aber des liegt schon weit außerhalb des Nâhtegal-Zyklusses, und anstatt des doppelten Selbstes kämpfen hier zwei Liebende unter der Maske der Unverletzlichkeit miteinander, während sie sich zutiefst gegenseitig versehren. Ein Ast vom Baum des LebensDieses Ding ist ein Relikt. Es mag eine Zeit gegeben haben (in der Tat), wo ich diesen Text nicht nur niederschrieb, sondern ihn (wahrscheinlich) auch noch ernst meinte. Es ist eine Weltschmerz-Ode, die sich in Einsamkeits-Floskeln wälzt und in geradezu nietzscheanischer Selbstüberhöhung und Selbstmitleids-Attitüden. Innerhalb des Nâhtegal-Zyklusses taucht dieses Ding zwei Mal auf, und beide Male (in notwendiger Weise) sehr relativiert. Ohne diese Relativierungen könnte man es bestenfalls in das Kuriositätenkabinett dieser Seite einstellen. Die Ballade von NadirDieser Text kann als Selbstverarsche verstanden werden, nichtsdestotrotz ist er niedlich und amüsant. Er entstand zu jener Zeit, als ich aufgrund diverser Ausflüge in die mittelalterliche Literatur gewissermaßen den Schwanz “Mittelalter-Künstler” angesteckt bekommen hatte. Nadir, der in irgendeinem vergessenen Tal in seiner Burg herumhängt und weder vom Ende des Mittelalters etwas mitbekommen hat, noch von irgendetwas anderem, bekommt – etliche Jahrhunderte verspätet – Post: Den Aufruf zum Kreuzzug. Und er nimmt ihn an, schnappt sich einhundert seiner besten Ritter und macht sich auf den Marsch gen Jarusalem – mitten durch unsere heutige Welt. Man nimmt ihn natürlich nicht ernst, und er verzweifelt an der Unmoral und der mangelnden Gottesfürchtigkeit unserer Zeit – im Gegensatz zu immer mehr von seinen Mitstreitern, denen es eigentlich ganz gut hier gefällt. Eine ganze Reihe anderer sterben schlicht an Altersschwäche, und nachdem er zurückgekehrt feststellen muß, daß seine Burg im vergessenen Tal mittlerweile ein Berghotel geworden ist und auch seine Eroberungspläne für eine neue Burg nicht wirklich fruchten, bleibt er zum Schluß allein zurück, verdient seine Brötchen damit, daß er seine Geschichte vorsingt und spart eben auf eine neue Burg. Das Stück eignete sich hervorragend für den Abschluß von Veranstaltungen auf Mittelalter-Märkten, kurz bevor man den Hut rumgehen ließ… Von Elfen und HäusernNoch eine Liebesgeschichte, eine niedliche, und zwar eine, die meistens grundlegend mißverstanden wird. Daß es sich um eine Liebesgeschichte handelt, ist natürlich jedem klar: Da ist der freiheitsliebende Waldelf und das süße Häuschen, dessen Lebenszweck im Bewohntwerden besteht, die Liebe zwischen beiden, das Kletten des Hauses, das im Elf Beziehungs-Klaustrophobie erzeugt und schließlich zum schmerzhaften Bruch führt. Das sieht jeder, und wenn sich Frauen im Haus wiedererkennen und Männer im Elf, wie es dem gängigen Klischee entspricht, so sei das natürlich gerne stattgegeben. Möchte man allerdings an die Wurzel der Entstehung der Geschichte gehen, die notwendigerweise etwas mit mir selber zu tun hat, so zeigt sich schnell ihre Spiegelverkehrtheit: Trotz Waldverliebtheit und Wolfsattitüden dürfte ich 1995, als ich die Geschichte schrieb, mich kaum in Blätterrauscher, Sohn des Wipfelwind, wiedergefunden haben… die Klette war definitiv ich, oder, um es mit den Worten der Waldelfin von 1995 auszudrücken: “Ich habe nicht gedacht, daß Dackel blaue Augen haben können.” *Grumpf* |
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[Norman Liebold,
14.02.2006 |
Von Norman Liebold geschrieben am: 14.02.2006 unter Hintergründe, Krähe und Nachtigall
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[Dieser Artikel ist der 7. von 8 Teilen in der Reihe Hintergrund Krähe und Nachtigall]
Der Tote Barde ist Anfang und Ende von “Krähe und Nachtigall”, er ist das Fädenzieher im Hintergrund, er ist Nâhtegals Schicksal, sein Vorgänger als “Ewiger Barde”. Zugleich und sich darin spiegelnd ist dieser Teil des Romans das tradierte Fragment der Anfänge sowohl des Buches wie auch des gesamten Nâhtegal-Zyklusses: Nachdem das “Märchenbuch-Projekt” 1996 scheiterte, aber 1998 wieder als “Das Alineske Märchenbuch” aufgenommen wurde, wurden die Geschichten, die für ersteres gesammelt und geschrieben worden waren, mit hinüber genommen und in den Mund des Toten Barden gelegt. In werkethymologischer Weise war das ein Kunstgriff und ein Spiel mit Metaphern: Derjenige, der diese Geschichten schrieb, war ein anderer Erzähler als der, der 1998 das “Alineske Märchenbuch” in Angriff nahm, sein älteres Selbst. Mir waren die Geschichten, die zwischen 1995 und 1996 entstanden waren, lieb und teuer, auch wenn sie in manch anderer Hinsicht weder stilistisch noch – dies ganz besonders – von ihren Inhalten und Aussagen her nicht mehr den Maßstäben entsprachen, die ich an meine Geschichten anlegte. Die Wirklichkeit des Schriftstellers wurde zur Metapher: Der tote Barde ist das ältere Selbst, daß nicht von seinen Geschichten lassen kann, ehe er sie nicht endlich erzählt hat, aber er ist im Grunde schon längt tot, nur die empfundene Pflicht, sie noch zu erzählen, hält ihn – mehr oder minder – lebendig, vielmehr untot. Vielleicht ist das in der Tat die Wurzel gewesen, aus der das Bild vom Toten Barden entstanden ist, aber es baute sich über die Zeit hinweg mehr und mehr aus. Hatte es im “Alinesken Märchenbuch” noch die Form einer Figur unter anderen, eines Kuriosums neben den anderen Kuriosa der Fabelwesen, so wird der Tote Barde nach etlichen Verwandlungen zum Urgrund für “Krähe und Nachtigall”, und zur Brennlinse vieler Symbole. Das Bild tauchte nicht nur immer wieder auf in verschiedenen Geschichten, es wurde zum Sinnbild eines grundsätzlichen Problems: Des Festhaltens an einer übersteigert empfundenen Pflicht, die eigentlich jede Daseinberechtigung verloren hat und nur noch um ihrer Selbst willen verbissen verfolgt wird. Mit der Folge gelähmter Lebenskräfte und einer Art von Zombie-Dasein. Die NachfolgeWie die Beduinen ihr Erbe an den Nachfolger weitergeben, um so über Generationen über Generationen irgendwann alle Wüsten durchforscht und die Kuppel des gefangenen Gottes erreicht zu haben, so existiert auch bei den “Ewigen Barden” eine Art Meister-Schüler-Verhältnis, wo der Vorgängige seinem Nachfolger sein Wissen anvertraut, damit er den Weg weitergeht und schließlich seinerseits einen Nachfolger wählt. Das selbe Muster wiederholt sich in “Krähe und Nachtigall” mehrfach. Immer existiert eine Tradition, in dessen Läufte sich die Figur integrieren muß: Der Zeitenwächter wird durch den Wassermann abgelöst, der Drachenpriester in die Gemeinschaft der Drachenpriester aufgenommen, und jedes Mal nach verzweifeltem Wehren und Kämpfen. Signifikant ist das Schicksal in “Krähe und Nachtigall” durch das “Zeichen”, daß die Betreffenden auf ihrer Stirn tragen. Die anderen sehen und erkennen das Zeichen auf Nâhtegals Stirn, aber sie verraten ihm nicht seine Bewandtnis. Aber es ist dieses Zeichen, das sie letztlich dazu anhält, ihm ihre Lebensgeschichte anzuvertrauen, denn Nâhtegal ist der künftige “Ewige Barde”, dessen Schicksal es ist, die Läufte der Welt zu durchleben, Geschichten zu lauschen, sie weiterzutragen und lebendig zu halten. Aber Nâhtegal läuft vor seinem Schicksal davon, bis es ihn – in Form all jener kuriosen Wesen und Figuren aus “Krähe und Nachtigall”, Geister, Wassermänner, Wüstenläufer, Zeitenwächter und Drachenpriester – einholt und er sich nicht mehr dagegen wehren kann. Das ist der Moment, wo er seinem Vorgänger begegnet, der nicht mehr nur – wie in der Version von “Das Alineske Märchenbuch” – einfach durch die Schwere seine Geschichten gehindert ist, seinen Frieden hinter dem Mond zu finden, sondern vor allem, weil Nâhtegal vor ihm weggelaufen ist, und Nâhtegal derjenige ist, der ihm die Last seiner Geschichten als einziger abnehmen kann. Ein Großteil des Textes im letzten Kapitel besteht aus den Geschichten, die der Tote Barde Nâhtegal erzählt. Sie werden kurz und gesondert abgehandelt, denn sie sind eigenständig und nicht wesentlich für den Verlauf des Buches. Anfang und EndeWie alle anderen Figuren im Buch – mit Ausnahme der Nebeläugichten, die einfach nur zu blauäugig war – trägt der Tote Barde eine schwere Schuld mit sich herum. Diese Schuld schlägt den Bogen zum Anfang des Romans, denn er war jener Barde, der in das Land der Nebeläugichten kam, dort das Lied vom Nymphenquell dichtete, es ihr vorsang und sich ohne weiteren Kommentar und Erklärung wieder verkrümelte. Wegen seines Liedes irrt die Nebeläugichte ihr ganzen Leben durch Sumpf und Morast, um eine Metapher zu finden. Und letztlich ist es ihre von ihm unerfüllte Liebe, die sie erst in diesen verbissenen Wahn bringt, denn das Lied ist das einzige, was er ihr zurückläßt, und in einer Art Ersatzhandlung erhebt sie es zu ihrem Lebensinhalt. Nâhtegal erlöst ihn, nicht allein, weil er ihm das Gewicht der Geschichten abnimmt und die Nachfolge antritt, sondern nicht zuletzt auch, weil er auf diese Weise auch für die Nebeläugichte sprechen kann – denn Nâhtegal darf im Namen der Nebeläugichten die Verzeihung aussprechen, sie steht am Anfang seiner Reise, und sie trägt ihm dies auf. Eine ganze Nacht lang lauscht Nâhtegal den Geschichten des Toten Barden, und wie dieser mit jeder Geschichte ein wenig leichter wird, so wird Nâhtegal ein wenig mehr der Ewige Barde. Als Krähe – so lautet der Name des Toten Barden – alle seine Geschichten erzählt hat, ist er so leicht, daß er auf dem Mondlicht ins Jenseits der Ewigen Barden reisen kann: Hinter den Mond. Und zugleich ist dies auch die Geburt Nâhtegals, bei der er seinen Namen erhält: Denn gleichsam wie ein Totemtier ist es der Schlag der Nachtigall, der sich ihm verkündet den Namen nennt, unter dem er reisen und Geschichten sammeln wird. Minnesängertode und andere MetaphernDer Tote Barde ist voll von Anspielungen, die sich auf den gesamten Nâhtegal-Zyklus beziehen. Er ist eine der zentralen Figuren und Allegorien, und vor allem weiß er um die Bewandtnisse, die Nâhtegal erst nach und nach auf seinem langen Weg bis zu den Dichterdämonen erfahren wird, wenn er Krähes Schicksal selbst teilt und seinerseits auf die Reise hinter den Mond geht, um sich zu seinen Vorgängern zu gesellen. Der Tote Barde ist ein Sinnbild für eine schmerzhafte Neugeburt, wenn eine Phase des Schaffens endet und man als Schreibender zwar weiß, daß dies vorbei und nicht wiederholbar, das Neue aber noch nicht greifbar ist. Es ist ein eigenartiges Pflichtverhältnis, daß man zu seinen älteren Arbeiten empfindet, man käut sich – nicht zuletzt auf Lesungen und anderen Veranstaltungen – immer wieder, obgleich man ihnen schon fremd geworden ist. Die Leser und Hörer erwarten zudem – man sollte nicht glauben, wie drängend das empfunden werden kann -, daß sie mehr davon bekommen, schließlich mögen sie einen darum. Es ist ein langsamer, zuweilen sehr qualvoller Prozeß, denn während man sich in den alten Bildern sicher fühlt, weiß, wie man ein Thema, ein Bild anzupacken hat, muß im Neuen alles erst errungen und erobert und erkämpft werden. Es ist wie der Minnesänger-Tod: Der Quell in einem ist versiegt, aber man muß erzählen, und da einem die Geschichten zugleich Nahrung sind, käut man sie wieder, und jedesmal stillen sie weniger den Hunger, bis man verhungert ist, aber immer noch nicht tot – ein literarischer Zombie, sozusagen. Der Abschluß des Nâhtegalzyklusses war im Grund 2001 mit Die Sieben Kelche vollzogen, die Ablösung dauerte jedoch bis 2003, und erst 2004 entstand mit Eckstein das erste eigentlich neue Stück, das sich unabhängig von der Nâhtegal-Welt bewegen konnte. Und bis dahin hatte Nâhtegal etliches an Spiegeln und Toren zu zerbrechen, und mehr als einen “Totentanz” zu tanzen – seinen abschließenden tanzte er 2003 mit den Dichterdämonen. Die Geschichten des Toten BardenUm sie an Nâhtegal weiterzugeben, erzählt Krähe ihm seine Geschichten. Es sind insgesamt neun:
Bei der Umarbeitung vom “Alinesken Märchenbuch” zu “Krähe und Nachtigall” wurden etliche Geschichten des Toten Barden herausgenommen. Die Geschichten “Nacht” und “Der Denker” kamen in den Minnesänger-Komplex, während der “Egel”, zum Beispiel, gar nicht mehr aufgelegt wurde. Zwei der Geschichten, die noch im Alinesken Märchenbuch vom Toten Barden gehört hatten, waren inzwischen eigene Wege gegangen: Der “Nymphenquell” hatte sich zur Insel im See gemausert, die letzthin zum 1.Kapitel von “Krähe und Nachtigall” werden sollte – die Geschichte ist jetzt sozusagen doppelt vorhanden: Einmal in der ursprünglichen Fassung als “Der Nymphenquell”, also das Lied, das Krähe der Nebenäugichten vorsingt, und einmal als die fertige und ausgereifte Geschichte. “Von Rittern und Hexen” (1995) erlebte eine ähnliche Aufbereitung, aus der kleinen Geschichte wurde das Märchen “Die zwei Schwestern” (1999), das 2003 in dieser neuen Form wieder in die Geschichten des Toten Barden aufgenommen wurde. Zuletzt wurden einige weitere Geschichen, die nach dem “Alinesken Märchenbuch” entstanden waren, aber ganz im selben Zusammenhang standen, ebenfalls dem Toten Barden in den verfaulten Mund gelegt: “Ein Ast vom Baum des Lebens”, “Der Argonautische Goldvließraub” und “Die Ballade von Nadir”. Das Ganze habe ich für den Interessierten anhand einer Art “Stammbaum” für den interessierten Leser hier eingestellt. Stammbaum anschauen! Für mich ist es heute sowohl amüsant wie auch faszinierend zu sehen, wie sich ein Buchkonzept über immerhin sieben Jahre hinweg entwickelt. Die einzelnen Geschichten des Toten Barden handle ich gesondert und in kurzer Form gesondert ab. Zu den Geschichten des Toten Barden. Der Ort der Handlung: Der alte Friedhof zu SiegburgNâhtegal begegnet dem Toten Barden natürlich – wie sollte das auch anders sein – auf dem Alten Friedhof in der Siegburger Nordstadt. Auch dies war eine Zeitlang für mich ein Ort, an dem ich mich wohl fühlte und gerade auch zum Schreiben hinkam. Damals war der Friedhof eher selten besucht und wunderbar verwildert, hatte etwas von einem “geheimen Garten”. Leider – zumindest für solche Käuze wie mich – wurde er irgendwann um 1998 herum wieder “hübsch” gemacht, was soviel bedeutete, als daß die schönsten Bäume und Büsche und verwilderten Ecken rigeros niedergemacht wurden, anstatt dieser kamen dann nicht nur irgendwelche Leute, die ihren Spaß dran hatten, Grabmäler umzukippen und zu beschmieren und aller Arten Müll vom benutzten Kondom bis zur Bierdose dort zu plazieren, sondern vor allem Hunde und ihre Besitzer, die den Ort letztlich in ein beschissenes Hundeklo verwandelten. |
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[Norman Liebold,
14.02.2006 |
Von Norman Liebold geschrieben am: 14.02.2006 unter Hintergründe, Krähe und Nachtigall
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Der Drachenpriester ist die märchenhaft erzählte Version des Nâhtegal-Topos der schlafenden Drachen. Der Topos ist – wie ich finde – einer der interessantesten und schönsten Bilder im Nâhtegal-Zyklus, und ähnlich häufig vertreten wie der Wolfs-Topos oder die grünäugige unnahbar Schöne. Wie auch bei den anderen Bildern in “Krähe und Nachtigall” wird hier versucht, das Bild vollständig abzuhandeln und die ganze Geschichte zu erklären, während an anderen Stellen der Mythos als bekannt vorausgesetzt und benutzt wird. Der Mythos von den schlafenden DrachenDrachen sind magische Wesen, die zwar in unserer Welt ihre Ausformung haben, jedoch weitaus größer sind als unsere drei oder vier Dimensiönchen. Sie unterliegen einer anderen Zeit, und ihr Tag dauert mehrere Menschengenerationen an (1000 Jahre, um genau zu sein). Wie alle Wesen schlafen auch sie, nur daß ihre Schlafperiode nicht 8 Stunden, sondern 800 Jahre andauert. Und wenn sie schlafen, träumen sie – nur daß ihre Träume unsere Realität nachhaltig beeinflussen: Was sie träumen, nimmt bei uns Gestalt an. DrachenschlafAls magische Wesen, die sich in sehr viel mehr Dimensionen ausdehnen, als wir überhaupt wahrnehmen können, sind sie faktisch unangreifbar. Wenn ihre Nacht und damit die Zeit kommt, sich zur Ruhe zu betten, legen sie sich (aus unserer beschränkten Sicht her betrachtet) einfach irgendwohin, schließen die Augen und schlafen ein. Und sie beginnen zu träumen. Als sie im 12.Jahrhundert beginnen zu träumen, träumen sie vor allem eines: den neuen Menschen. Der neue MenschIm Gegensatz zu den “wahren” Menschen – jene also, die an sich existieren und nicht nur geträumt sind – haben sie zwar Gestalt und eigenen Geist, aber kein Schicksal. Sie wissen daher nicht, was sie eigentlich wollen, sind sich der innersten Struktur der Welt und ihrer Strömungen nicht bewußt und leiden an einer immensen Langeweile. Neben der draus resultierenden Bevölkerungsexplosion im späten Mittelalter führt diese Langeweile zu den verschiedensten Folgen, die summa summarum all jenes “erklären”, was der Mensch an Scheiße fabriziert, insbesondere, wenn es um die Vergewaltigung der Natur geht. Die Zeit des DombausVor allem eine Angst beherrscht den “neuen Menschen”. Wannimmer er Angesicht zu Angesicht mit etwas “Wahrem” steht, wird ihm seine eigene Leere bewußt, und er spürt tief drinnen, daß er lediglich geträumt ist und im selben Moment aufhört zu existieren, wenn sein Träumer erwacht. Es ist ihm also angelegentlich, das zu verhindern, und er verfolgt eine Strategie, die zu den plötzlich massenhaft auftretenden Dom-Bauen führt: Die im Land schlafend liegenden Drachen werden bis zum Halse eingegraben, so daß allein der Kopf noch heraus schaut. Würde auch der Kopf eingegraben werden, so bekäme das Wesen keine Luft mehr und würde erwachen – und der Erdhaufe, in das man es eingegraben hätte, wäre in etwa so wirkungsvoll wie Dreck im Pelz des Tigers. Für den Kopf muß also eine elegantere Lösung gefunden werden, insbesondere, weil der Hauptzweck des ganzen Unternehmens der ist, die Augen des Drachen zuzumauern, damit er nicht merkt, wann seine Sonne wieder aufgeht. Der Kopf des Drachen wird also ringsum mit Mauerwerk umgeben, der Lippenspalt jedoch offengelassen, damit er atmen kann. Der Drachen-RachenDer ummauerte Drachenkopf ist nichts anderes als eine große Kirche, die – je nach Gestalt des Drachen – die eine oder andere Form annimmt. Der Racheninnenraum ist das Innere der Kirche, die Säulen umgeben seine Zähne. Die Apsis ist der Lippenspalt, die Seitenschiffe bei einigen Kirchen der Raum zwischen Kiefer und Backen. Türme wären Hörner, und die eigentliche Gestalt des Kopfes ist durch allerlei Stützwerk entstellt. Die Decke gotischer Kirchen mit ihren Rippen zeichnen den Rachen des riesenhaften Wesens nach, während sein Leib unter der Erde befindlich ist. Drachen-Dämmerung und Drachen-PriesterZu unserer Zeit dämmert der Tag der Drachen, ihre Sonne geht langsam auf, aber sie können es nicht wahrnehmen, denn ihre Augen sind verborgen hinter Metern dichten Mauerwerks. Das ist die einzige Art, sie am Erwachen zu hindern, denn der Bau an sich hindert sie nicht mehr als einen Strandurlauber, der sich zum Spaße in den Sand eines Strandes eingraben läßt. Die Drachen zu erwecken ist die Aufgabe des Drachenpriesters. Mittels eines geheimen Rituales kann er den Drachen aus dem Schlafe reißen. Der letzte und der erste DracheAllein ein einziger Drache ist die ganze Zeit wach geblieben. Er ist es, vor dem der Drachenpriester all die Jahrhunderte weggerannt ist, der ihn am Ende der Binnengeschichte finden und ihn – sehr unsanft – zu seinem Priester machen wird. Der erste Drache, den er erwecken wird, ist der Drache, der im Innern des Michaelsberges schläft – bzw., da er ja erweckt worden ist – geschlafen hat. Und Nâhegal begegnet dem Drachenpriester just in dem Moment, bevor er in die Kirche des Benedektinerklosters auf dem Michaelsberg geht, um den Drachen aufzuwecken. Die Entstehung des DrachenbildesDie zwei ältesten Geschichten, in denen das Bild des eingemauerten Drachen als Dom benutzt wird, sind “Der Dom” und “Licht im Dom”, beide zwischen 1996 und 1997 entstanden. Das Motiv des Wesens, das die Welt träumend diese erschafft, taucht am deutlichsten in “In des Gottes Ei” von 1995 auf, die in den Geschichten des Toten Barden enthalten ist. Das Motiv eines mächtigen magischen Wesens, das gefangengehalten wird, indem ihm die wahre Gestalt der Welt durch Tricks verborgen gehalten wird, ist schon in “Irgendwo im Nirgendwo” sehr klar formuliert, aus der letzthin der Beduine entstanden ist. Die “Inspiration” dürfte definitiv im Anblick des Inneren eines Domes liegen, denn für mich wirkt das Innere eines gotischen Gotteshauses mit seinem Gewölbe stets wie ein gigantischer Rachen – die Vorstellung, daß es sich bei den Säulen um ummauerte Zähne handelt, drängt sich förmlich auf, und die Ruhe und Geborgenheit, die zuweilen – zumal in einem sonst leeren Gotteshaus – in das eigene Herz einzuziehen pflegt, läßt ein solch mystisches Bild von selbst entstehen. Der Drache als MotivIm Nâhtegal-Zyklus ist das Symbol Drache positiv besetzt. Nicht vollständig, da er in seiner Macht und seiner Fremdheit zugleich auch bedrohlich ist, aber er versinnbildlicht die innere Struktur des Seins, er weiß, was die Welt ist und ihr Fließen, ist Teil davon und nimmt gottähnliche Strukturen an. Daß die Drachen schlafen, ist Grund, daß die Welt aus den Fugen gerät, und um ihr Erwachen wird zwischen den “wahren” und “geträumten” Wesen gekämpft. In der Geschichte “Licht im Dom” kommt noch eine weitere Ebene hinzu, die schließlich – mehrfach ironisch gebrochen – in “Narrenwahn”(1997) zum Thema wird. Der Drache steht zugleich für das Umsetzen der persönlichen Potentiale, ist Sinnbild für das, was wir bei ihrer Verwirklichung sein könnten – und was uns daran hindert, ist die Furcht davor, sich einem übersteigerten Wahn hinzugeben und das Verbleiben in gewohnten, wenn nicht guten, so doch zumindest bekannten und sicheren Zuständen. Die Binnengeschichte: Das Leben des DrachenpriestersDer Drachenpriester ist – ebenso wie Wassermann, Beduine und Zeitenwächter – eine Figur, die vor ihrem Schicksal davonläuft aus Furcht, sich ihm zu stellen und die Wahrheit über sich herauszufinden. Der Beduine als erste Figur des Kreises hat seine Chance verpaßt und trauert ihr nach ohne Hoffnung auf eine neuerliche. Der Wassermann hat sich zumindest seinen Humor bewahrt, steht beständig vor einer neuen Chance, wagt es aber trotzdem – über sich selber lachend nicht – bis er von außen hineingestoßen wird. Der Zeitenwächter hat um seine Chance gekämpft, sie auch bekommen und hat seine Aufgabe mehr oder minder gelöst, ist jedoch durch Scham und Schuldgefühl blockiert, seinen “Lohn” auch zu genießen. Der Drachenpriester ist einen weiteren Schritt weiter: Nach acht Jahrhunderten ewiger Flucht stellt er sich und nimmt sein Schicksal an. Zu dem Zeitpunkt, da er Nâhtegal trifft, erfüllt er es und steht dazu. Der BeginnZur großen Dombau-Zeit wird der junge Drachenpriester von unbestimmten Träumen zu den Domen hingezogen. Er spürt sein Schicksal, weiß jedoch nicht, was es damit auf sich hat: Er glaubt, er sei zum Steinmetz berufen und er macht sich auf, dort in die Lehre zu gehen. Als er jedoch ankommt, erkennt er die sorgsam den Gemeinen verschwiegene Wahrheit: Nämlich daß die Drachen der Kern der Dome sind, und sie zu dem Zweck gebaut werden, sie einzumauern. Als er sich der Domhütte nähert, spürt der dortige Drache seine Nähe, und er erwacht, erhebt sich aus dem Hügel, in den man ihn eingegraben hat und beginnt, den Drachenpriester zu verfolgen. Die FluchtÜber vier Jahrhunderte lang flieht der Drachenpriester vor diesem Drachen. Der Drache kann ihn spüren, und er ist ihm stets hart auf den Fersen. Aus ihm unbegreiflichen Gründen altert der Drachenpriester nicht, und er empfindet seine Flucht als ewigen Alptraum. Er kann den Drachen nicht vernichten: in einer Episode “verliegt” er sich bei einer Frau und nimmt den Kampf auf, und der Drache, der einfach geduldig auf dem Dach des Hauses sitzt, wird von ihm mittels eines Eisenträgers in Fetzen geschlagen. Bis auf die Knochen zerschlägt er das magische Wesen, aber ohne jeden Erfolg – der Drache stirbt nicht, er braucht nur etwas, um sich wieder zu regenerieren. Mehrfach versucht der Drachenpriester, aufzugeben. Er denkt sich, daß der Drache ihn endlich fressen solle, damit er zumindest seine Ruhe habe, aber sobald er das Flügelrauschen hört, treibt ihn die namenlose Angst hoch und weiter. SchnittstellenDer Drachenpriester wird zum Schicksal für die anderen Figuren vor ihm: Er ist der schwarze Reiter, der dem Beduinen im Heiligen Hain begegnet und für ihn zur Prüfung wird, an der er versagt. Aber während er für den Beduinen das Gestalt gewordene Schicksal wird, ist es für den Drachenpriester auf seiner Flucht nur eine Station. Den Zeitenwächter begegnet er in der Schenke und gibt ihm den Rat, auf den Zug in der Wolfsschlucht aufzuspringen. Und für den Wassermann ist er jener Mann, der in seinem Birkenhain-Teich badet und ihn völlig verstört. Die Herrin vom BirkenteichWas für den Wassermann nie geklärt werden wird, enthüllt sich für den Drachenpriester: Der Teich im Birkenhain ist in der Tat etwas ganz besonderes (und wäre wohl auch für den Wassermann eine gute Wohnstatt gewesen). Hier wohnt eine wunderschöne (und natürlich grünäugige) Fee, die den Drachenpriester durch die Nebel und auf eine heilige Lichtung führen wird, wo sich sein Schicksal erfüllt. Auf der Lichtung stellt sich der Drachenpriester (ohne eine andere Wahl zu haben) endlich seinem Verfolger und erfährt, was es mit dem ganzen auf sich hat. In einer Vision sieht er sein Schicksal und das Schicksal der Welt, der Drache erklärt ihm, was es mit den Domen auf sich hat und mit den Tagen und Nächten der Drachen, und schließlich macht er ihn zu seinem Priester. Das ist eine unangenehme Szene, denn der Drache weiht ihn, indem er ihn anatmet, und der Drachenodem brennt ihm das Gesicht weg. Er hat sein Schicksal gefunden, aber er ist verdammt häßlich geworden. Es passiert etwas!Bis zu diesem Punkt spielte sich “Krähe und Nachtigall” vorrangig in den Erzählungen der Figuren ab, während die eigentliche Handlung zumeist im Erzählung und Lauschen bestand. Alles – bis auf die Ereignisse, die den Wassermann zum Zeitenwächter machten – war mehr oder minder indirekt. Jetzt wird Nâhtegal mitten in das unglaublichste Geschehen gezogen und erlebt an eigenem Leib, daß es mehr sind als eventuell erfundene Geschichten erzählsüchtiger Freaks. Drachentraum, egozentrischDer Drachenpriester betritt mit Nâhtegal die Kirche und bereitet sich darauf vor, den Drachen zu erwecken. Im Innern der Kirche begegnet ihnen eine überaus seltsame Gestalt. Ein alter Mann, der von der klammen Kälte der Gemäuer, in denen er seit ein paar Jahrhunderten haust, krank ist: Nicht nur verkrümmt von Gicht, sondern von einem schrecklichen Husten gequält, der ihn immer wieder in Krämpfen Blut speien läßt. Es ist der Traum des Drachen von sich selbst, und es ist die Adaption der Geschichte “Licht im Dom”. Der Traum des Drachen von sich selbst erklärt Nâhtegal, was es mit den Drachenträumen auf sich hat, aber er kann bis zum Ende nicht glauben, daß der Drachenpriester ihn zu erlösen vermag. Er selbst ist faul geworden und in seinen Gewohnheiten gefangen, lethargisch leidet er, ist aber zu bequem, etwas an seinem Zustand zu ändern und redet sich ein, daß er es so schlecht ja nicht hätte. Und das, trotzdem er sich der Muster, in denen er gefangen ist, sehr wohl kennt. Die Erweckung des DrachenDer Drachenpriester beginnt – unter den Spötteleien des Drachentraumes – sein Ritual, und verblüfft beginnt der Alte sich aufzublähen und sich in die Ritzen des Gemäuers zu verflüchtigen. Ein Beben durchläuft den Dom, und der Drache beginnt zu erwachen. In einer halsbrecherischen Flucht stürmen Nâhtegal und Drachenpriester über eine enge Wendeltreppe auf das Dach des Doms, wo sich zwischen den Schindeln der Nacken des riesenhaften Wesens befreit hat. Der Drachenpriester rammt seinen Stab zwischen die Schuppen, damit sie sich daran festkrallen können. Der Michaelsberg zerbirst, die Trümmer fallen auf Siegburg, als der Drache sich erhebt, und von der Abtei bleiben nur Trümmer. Spitzfindige DrachenlogikNatürlich steht Siegburg noch, der Michaelsberg ragt nach wie vor im Stadtzentrum auf, und auch die Abtei ist recht unbeschädigt. Aber wenn Drachen schlafend Welten träumen können, können sie wachend ebensogut auf die Realität Einfluß nehmen:
Es ist das Erdbeben, das 1998 Siegburg mit einer Stärke von Fünfundeinpaarzerquetschte heimsuchte aber keine größen Schäden als fliegende Dachziegeln, ein paar Risse in Gebäuden, schwankende Kronleuchter und eine Menge kaputtes Geschirr verursachte. Das EndeWennglech für die “geträumten Menschen” also nichts weiter passiert ist, für Nâhtegal hat sich die Welt gewandelt. Die Drachen sind im Begriff zu erwachen, das Geträumte wird zugunsten des “Wahren” verschwinden, und er ist nach dem Erlebten bereit, sein Schicksal anzunehmen. Der Drachenpriester läßt den Drachen an der Annokirche landen, verabschiedet sich freundlich und Nâhtegal geht hinüber zum nahegelegenen Alten Friedhof der Siegburger Nordstadt, wo er den Toten Barden, Krähe, treffen und den Kreis von “Krähe und Nachtigall” schließen wird. Ausstrahlungen des Drachenbildes Das Bild von den schlafenden Drachen zieht sich quer durch den kompletten Nâhtegal-Zyklus und wird immer wieder bedient. Auch im aktuellsten Text, den Spaltenzungen, wird das Bild nocheinmal angerissen, wenn einer der Gestrandeten im clebermêr erzählt, wie Karon ihm enthüllt, daß er in Wirklichkeit eine Drache wäre. Ganz nach dem Muster der “Helden” in “Krähe und Nachtigall” steht der Betreffende vor einem Dilemme: Denn um zum Drachen zu werden, muß er sich mit Benzin übergießen und selbst verbrennen, was, wenn er kein Drache ist, sehr schmerzlich sein dürfte – und er traut sich nicht, um ewig in Stagnation (Klebermeer) zu vegitieren. Innerhalb des Nâhtegal-Zyklusses tritt das Bild vor allem in den Traumsequenzen der “Zirkeltänze” (enthalten in Dramen) und ganz explizit in “Narrenwahn” (enthalten in Dramen) auf. Als untergeordnetes Bild – neben vielfältigen Zitaten und Variationen – taucht es besonders noch in der Prophezeiung auf. Der Handlungsort: Die Abtei auf dem MichaelsbergWir sind am vorletzten meiner Siegburger Domizile: Inmitten des Stadtzentrums erhebt sich der bewaldete Michaelsberg, auf dessen Gipfel eine alte Benedektiner-Abtei liegt. Es ist ein überaus schöner Ort, der besonders nachts, wenn er nicht so überlaufen ist, ein perfekter Platz zum Spazierengehen ist, um so mehr, als daß ich eine Zeit lang in seiner unmittelbaren Umgebung wohnte. 1996 erlebte ich hier gemeinsam mit meiner damaligen Freundin die unvollständige Sonnenfinsternis, wobei zu bemerken ist, daß dies zugleich das Ende unserer Beziehung sehr markant datiert und den Ort zugleich auch erheblich mit Erinnerungen auflädt und ihn für eine Mystifizierung prädestiniert. Dieses Erinnerungs-Detail mag durchaus auch nicht unwesentlich für die erste Fassung der Geschichte eine Rolle gespielt haben, in der der Drache Siegburg nicht wieder ganz-zaubert, sondern es vielmehr gänzlich verwüstet und zerstört. Wenige Wochen darauf verließ ich die Stadt, wo mich alles an das Mädel erinnerte und zog nach Aachen, etwas, daß – wie ich leider feststellen mußte – nicht minder mit ihr zusammenhing, zeitigte sich doch das verschwärmt-goldene Licht, indem ich diese Stadt sah, als eine Honeymoon-Fiktion der dort gemeinsam verbrachten Zeit (es war ihre Geburtsstadt). Bilder vom Michaelsberg in Siegburg anschauen! |
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[Norman Liebold,
14.02.2006 |
Von Norman Liebold geschrieben am: 14.02.2006 unter Hintergründe, Krähe und Nachtigall
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[Dieser Artikel ist der 5. von 8 Teilen in der Reihe Hintergrund Krähe und Nachtigall]
Der “Zeitenwächter” ist die vielleicht komplexeste und verschlüsseltste Geschichte in “Krähe und Nachtigall”. Sie ist erschreckend dicht und setzt selbst mir (der ich sie doch geschrieben habe, tststs!) Grenzen, was die Rückverfolgung ihrer Motive angeht. Die Bilder und Metaphern bewegen mich noch heute, und natürlich sind mir die Kontexte noch präsent, aber heute betrachte ich solche erschreckenden Bilder wie den Fall in die Zwischenwelt und die verzweifelte, unauflösbare Einsamkeit des Erzählers mit leisem Grauen. Verpaßt!Das zentrale Motiv dreht sich im wahrsten Sinne des Wortes um verpaßte Zeiten. Es ist eine Geschichte der ewigen Wiederkehr des Immerselben, aber jedesmal ist es eine Spur heftiger, eine Spur grausamer, eine Spur fordernder. Wie sich in der Geschichten des Alten diese unausweichliche Spirale weiterdreht, so dreht sich sich im äußeren Rahmen nocheinmal, wenn es um die Wiederkehr der Ablösung zum Zeitenwächter geht. Was sich für den Alten wiederholt, wird sich auch in höherer Ebene zwischen den Generationen der Zeitenwächter ewig wiederholen, und immer schwebt die Bedrohung aus einer grausamen Welt der Leere und gierenden Fremde über allem. Die Entstehung der GeschichteDie Geschichte ist ursprünglich 1998 als eigenständige Erzählung geschrieben worden und trug den Titel “Die Mühle in den Auen”. Noch ehe sie ins Reine gearbeitet wurde, zeigte sie starke Verwandtschaften zu “Von den schlafenden Drachen” auf, die zum “Drachenpriester” wurde, und die beiden Geschichten können als die “Keimzelle” für das “Alineske Märchenbuch” betrachtet werden: Die beiden Geschichten zusammenzubringen und den innerlich vorhandenen Bezug auch äußerlich dadurch darzustellen, daß sie in einen größeren Geschichten-Kontext gesetzt wurden, ließ mich nach weiteren Verwandtschaften unter den vorhandenen Erzählungen suchen, finden und schließlich die erste Märchensammlung zusammenstellen und durch Rahmenhandlung verbinden. Einer der Überschneidungspunkte, der letztlich auch zum Titel “Das Alineske Märchenbuch” führte, war, daß “Die Mühle in den Auen” für Alina entstanden war, etwas, daß sie mit “Der Hain” – aus dem “der Beduine” wurde – gemeinsam hat und auch mit dem “Wassermann” und im Grunde allen Storys der ursprünglichen “alinesken” Version des Buches. Inwiefern die für mich starke Verbindung mit dem “Drachenpriester” bestand, kann ich heute nicht mehr wirklich nachvollziehen. Zwar ist dieselbe Verbindung überdeutlich im “Narrenwahn” und in den “Zirkeltänzen” erkennbar, wo der Drache direkt mit dem alinesken Symbolreigen verbunden ist, aber worin sie nun wirklich bestand, ist schwer zu sagen. Die innere Struktur der GeschichteDer “Zeitenwächter” spiegelt im Kleinen die Struktur des gesamten Romans wieder. Wie Nâhtegal im großen Geschichten-Kontext, so steht der Zeitenwächter in seiner Erzählung im Banne seiner zwangsläufigen “Berufung” und nimmt eine ähnliche Stellung ein wie Krähe, der “Meister” Nâhtegals. So kommt es, daß Nâhtegal am Ende der Erzählung des Zeitenwächters glaubt, er wäre dessen Nachfolger. Der Zeitenwächter sieht und erkennt das Zeichen auf Nâhtegals Stirn, Nâhtegal fühlt sich ihm tief verbunden, und sein Schicksal dünkt ihm dem seinen verwandt. Im “Alinesken Märchenbuch” ist es auch in der Tat so, daß der Protagonist am Ende zum Nachfolger des Zeitenwächters wird, aber in “Krähe und Nachtigall” stellt sich das als Irrtum heraus: Der Zeitenwächter wird durch den Wassermann abgelöst, und Nâhtegal erfüllt für ihn dieselbe Funktion, die er für die Nebeläugichte, für Beduine, Wassermann, Drachenpriester und schließlich für seinen Meister Krähe erfüllt, und die sein Schicksal als “Mären-Jäger” und “Geschichten-Lauscher” darstellt. Nämlich Zuhörer und Bewahrer und Tradierer zu sein. Nichtsdestotrotz ist der Zeitenwächter Spiegel und Brennlinse für Nâhtegals eigenes Schicksal: Er verdeutlicht dies immer wieder, indem er selbst auf die Parallelitäten hinweist. Wie Nâhtegal widerfährt ihm in jugendlichen Jahren eine mystische Begegnung, wird er von Krähen verfolgt bzw. geleitet, wartet eine Berufung auf ihn, die er zugleich flieht wie er auch unauflöslich an sie gebunden ist, wie er ist er ein “Schwarzäugichter” mit einem Zeichen auf der Stirn. Der innerste Kreisbesteht in der Erzählung des Zeitwächters, wie er zu demselben geworden ist. Im selben Alter wie Nâhtegal zum Zeitpunkt seines Eintreffens in der Mühle, begegnet er ahnend der Grünäuigen und folgt ihr, um die Mühle zu finden. Er klopft an, läßt sich aber von dem Vorgänger abwimmeln und betritt die Mühle nicht. Ein Jahr später erscheint die Mühle ihm wieder, und diesmal läßt er sich nicht am Eintreten hindern. Im Zimmer des Mädchens erlebt er mit, wie der schwarze Sturm sie entführt. Der alte Zeitenwächter ist sichtbar ungehalten, als ob er etwas wichtiges zu Tun versäumt hätte und schmeißt ihn vor die Tür. Ein Jahr vergeht, indem der Zeitenwächter versucht, eine andere Frau für sich zu gewinnen. Aber jedesmal kurz bevor er sich hingegeben kann, geschieht etwas Unheimliches, das die Betreffende in heller Panik davonlaufen läßt – und es scheint, als ob der alte Zeitenwächter dafür verantwortlich ist: Mal erscheint er als riesenhafter Gespensterhund, mal als unheimliche Katze, die dem Mädchen das Gesicht zerkratzt, mal als Wind, der heult und aus den Laken Gestalten formt. Wiederum ein Jahr später erscheint die Mühle wiederum, er findet sich in der selben Situation, steht diesmal aber nicht unbeteiligt daneben, sondern hält die Grünäugige in seinen Armen. Aber im entscheidenden Moment läßt er sie los, und der schwarze Sturm raubt sie ihm. Er begibt sich auf die Suche nach ihr, irrt Jahre umher und erlebt verschiedene Abenteuer, bis ihm ein ebenfalls Schwarzäugichter in einer Schenke einen Hinweis gibt: Er soll auf einen magischen Zug aufspringen, der ihn hinbringen wird. Aber auch hier versagt der Zeitenwächter durch seine Zaghaftigkeit, um weiterzuirren. Erst, als er bereits gealtert ist, tut sich ihm eine letzte Chance auf, ein wirft alle Zaghaftigkeit von sich und dringt in ein Land des Grauens ein. Er überwindet alle Ängste, um die Grünäugige nach hause zu bringen, ist aber nun alt und die Scham über sein Versagen verhindert, daß er sich ihr anders nähert als in väterlichem Umsorgen. Das ist der Zustand, in dem Nâhtegal ihn antrifft. Der zweite KreisDas Schicksal des Zeitenwächters wird in der Binnenhandlung nicht aufglöst: Er ist alt, resigniert und hat zu seiner Geliebten ein aus Scham und Verzagtheit distanziertes Verhältnis und begnügt sich darin, sie väterlich zu umsorgen. Er kann ihre Nähe nicht annehmen aus Gewissensbissen und Schuldgefühlen und dem Empfinden, “unwürdig” zu sein. Aufgelöst wird sein Dilemma erst durch den Wassermann, der sein Sohn ist. Es ist die Grünäugige, die mit einem magischen Trank nicht nur den um sein Leben ringenden Wassermann rettet, sondern ihn mit seinem Vater verschmelzen und Eins werden läßt. Der Wassermann findet so in ihr als Geliebten seinen Heimatsee, der Zeitenwächter verliert die Last seiner Vergangenheit durch die Jugend seines Sohnes. Der äußere KreisDas Schicksal des Zeitenwächters ist Antizipation und Spiegel für Nâhtegals Schicksal. Wie bei diesem geht es auch hier um das Antreten einer vorbestimmten Nachfolge, hier wie dort ist das Verzagen in der entsprechenden Entscheidungssituation wiederkehrender Topos, und in fast spiegelgleichen Entsprechungen gleichen sich Nâhtegal und Zeitenwächter: Beide tragen ein Zeichen auf der Stirn, das ihr Schicksal ausweist, beide beginnen ihre Odyssee im selben Alter, beide fliehen und verzagen in ähnlicher Weise in den Momenten der Entscheidung. Zudem zeigt der Zeitenwächter durch seine Kenntnisse bezüglich des Schicksal Nâhtegals, daß er mit dessen Weg vertraut ist. In seiner Geschichte nimmt er Verbindung auf zu den anderen “Versagern”, die Nâhtegal ihr Schicksal klagen, um ihn endlich Begreifen zu machen: Er liegt unter dem Rosenstrauch des Beduinen auf dem Friedhof, der zugleich Schauplatz für den Toten Barden werden wird. Es ist der von Drachen verfolgte Drachenpriester, der ihm den entscheidenden Hinweis mit dem Zug in der Wolfsschlucht geben wird, er erklärt Nâhtegal die Bewandtnis der Schwarzäugichten und er ist der Vater des Wassermanns. Bezeichnend ist aber vor allem, daß Nâhtegal von des Zeitenwächters Erzählung zutiefst angerührt und verunsichert ist, Dinge wiedererkennt und besonders, was die Gefühlssituationen angeht, immer wieder ein “wie ihr” und “ihr kennt das gewiß” hört. Und wenn der Zeitenwächter die große Gefahr der Märenjäger anhand des Schicksals der Nebeläugichten erklärt, zeigt er sich als eine Figur, die – noch vor Nâhtegal selbst – das ganze Geschehen von “Krähe und Nachtigall” kennt. Hinzu kommt noch, daß die Krähen für den Zeitenwächter Symbol sind: Sein altes Selbst verwandelt sich am Ende in einen Krähenvogel, er wird – wie Nâhtegal – von ihnen geleitet und kennt ihre Bedeutung. Symbole, Details und EpisodenDie dreimalig versaute AufgabeDie dreimalige Wiederholung mit Variation ist märchenhafte Struktur. Kern des ganzen ist derselbe Kern, der auch für die anderen Protagonisten in “Krähe und Nachtigall” bestimmend ist: Der Zeitenwächter wird immer wieder von die selbe Aufgabe gestellt – in seinem Falle, das Mädchen dadurch vor der Entführung zu bewahren, indem er sie in den Arm nimmt und, egal was kommt, sie auch zu ihr stehend festhält. Sein “Fehler” ist, zu verzagen, im rechten Moment nicht zu handeln und zweifelnd den Moment zu verpatzen. Er teilt dieses Dilemma mit dem Beduinen, der sein ganzes Leben nach dem Hain suchend ihn letztlich aus Ehrfurcht gelähmt nicht schützen kann; mit dem Wassermann, der sich nicht traut, in einem See unterzutauchen und auch mit dem Drachenpriester während seiner ewigen Flucht vor dem Drachen, anstatt sich ihm zu stellen. Und natürlich mit Nâhtegal, der seinem Schicksal zu entfliehen versucht, bis ihm Krähe all diese “Versager” schickt, um ihn begreifen zu lassen. Es ist letzthin Unkenntnis, Zweifel und nicht zuletzt Verzagtheit aus zu vielem Nachdenken, was den Moment ungenutzt verstreichen läßt. Das schöne Mädchen mit den grünen AugenDie Symbolismen lassen sich natürlich verschieden auflösen. Sie sind sehr abstrakt gehalten und mit dem Schaffen der Geschichte nahmen sie sehr viele Bedeutungsnuancen in sich auf. Für das ursprüngliche Entstehen der Geschichte ist es hingegen von Interesse, zur Wurzel zurückzugehen und sich zu fragen, wo denn die Mutter des Bildes sitzt. Bei der mystisch aufgeladenen Mädchengestalt fällt auf, daß sie nicht nur in “Krähe und Nachtigall” immer wieder auftaucht, sondern auch in vielen anderen Geschichten des “Nâhtegal-Zyklusses”. Sie hat ganz spezifische Eigenschaften und Charakteristika, deren hervorstechendsten wohl ihre feenhafte Schönheit, ihre helle Erscheinung, die Dauerhaftigkeit der ihr entgegengebrachten Gefühle und die Verwirrung bezüglich ihres wahren Sein sind. Und natürlich, aber das will ich nicht weiter kommentieren, daß ihre Augen von der Farbe des Smaragdes sind. Unschwer wird man hier auch den Teich im Birkenhain wiedererkennen, der den Wassermann immer wieder zu sich zieht, ihn verwirrt und bis zum Ende nicht seine tatsächliche Beschaffenheit offenbart. Im “Narrenwahn” wird sie die “Prinzessin” genannt, in den Zirkeltänzen ironisch die “Elfe”, in den “Sieben Kelchen” und besonders auch in der nicht wieder aufgelegten “Elfentraumspieluhr” ist sie die Frau mit der schicksalshaften Spieluhr, beim Beduinen hat wird das Augen-Grün zur Grüne des Heiligen Haines, und auch in anderen Geschichten Nâhtegals hat dieser spezielle Archetypus aus ganz speziellen Gründen grundsätzlich grüne Augen. Mir gereicht diese Beobachtung heute zu einem fetten Schmunzeln, und ich hoffe, daß es auch dem Leser so geht. Notiz: Die Nebeläugichte hat übrigens graue Augen und hat eine andere Entsprechung in der Realität Der Schäferstündchen-StörerDer Zeitenwächter will die Grünäugichte vergessen und läßt sich auf Affairen ein. Jedesmal jedoch, wenn er sich wirklich einlassen will, geschieht etwas unheimliches, das so erschreckend ist, daß seine Geliebte Reißaus nimmt. Der weiße Gespenster-Hund. Das ist eine Sequenz, die an verschiedenen Stellen des “Nâhtegal-Zyklusses” auftaucht. Unterm Mond sind Protagonist und Geliebte kurz davor, sich zu vereinigen, als ein montröses canidomorphes Vieh aus dem Nichts springt, sich mit schwarzen Spiegelaugen vor dem Liebespaar aufbaut und das Mädchen so zu Tode erschreckt, daß es – nackt, wie es ist – Reißaus nimmt, ihren Geliebten dabei vergessend und nur an sich denkend. Die Szene geht auf ein reales Erlebnis zurück, das dazumal sehr heftig empfunden wurde. Das Vieh war allerdings – hoffe ich – ein ganz normaler, wenngleich beängstigend großer weißer Hund. Nichtsdestotrotz ist es eine äußerst unheimliche und erschreckende Situation, wenn im entscheidenden Augenblick einer Verführung, mitten im Wald unter Vollmond ein Köter mit einem Meter Schulterhöhe aus dem Gebüsch gebrochen kommt, mit gesenktem Schädel und gefletschtem Gebiß einen halben Meter vor einem steht und tiefgrollendes Knurren von sich gibt, während von seinen Augen nichts mehr als das silbrige Spiegeln des Mondes zu sehen ist, und man völlig ausgeliefert ist, nackt, wie man das gliederverheddert im Laub liegt. Wenn man zudem aus irgendwelchen Gründen eine komische Affinität zu dergleichen hündischen Erlebnissen hat in dem Sinne, daß sie über einen gewissen Zeitraum an solch einschneidenden Momenten schier aus dem Nichts auftauchen, dann ist eine literarische Mythisierung früher oder später unumgänglich. Die Erlebnisse mögen für den Nâhtegal-Zyklus den Nährboden für die vielfältigen Variationen des Wolfs-Bildes gewesen sein. Im Kontext des Zeitenwächters nimmt es die Funktion des Hinderns an: Der Protagonist hat sich mit dem Eintreten in die Mühle der Grünäugigen verpflichtet, und der alte Mühlenwächter wacht über ihn und verhindert, daß er sich der Verpflichtung mittels der Bindung an eine weltliche Frau entzieht: Im entscheidenden Moment der geschlechtlichen Vereinigung platzt er herein und vereitelt sie. Die IrrfahrtDen vielleicht größten Teil der Geschichte nimmt die Odyssee nach der Grünäugigen ein. Nachdem sie das zweite Mal geraubt wurde und der Zeitenwächter verstand, daß es sein Zagen war, daß sie verdammte, macht er sich auf, sie zu suchen und zu retten. Sein Brot verdient er sich – eine weitere Parallelität zu Nâhtegal – mit dem Erzählen von Geschichten. Aber er ist zielgerichteter: Er erzählt die Geschichte von der Mühle und von der Grünäugichten in der Hoffnung, daß ihm jemand weiterhelfen kann. Aber lange Zeit findet er keinerlei Hinweis und irrt ziellos umher. Wenn man möchte, kann man hier die ebenfalls dreigeteilte Antizipation der Suche Nâhtegals nach seiner Animia sehen, die er in den Sieben Kelchen antreten wird. Begegnung mit dem DrachenpriesterDer Zeitenwächter begegnet schließlich dem Drachenpriester, der ihm den entscheidenden Hinweis geben wird. Wenig später – nämlich im nächsten Kapitel von “Krähe und Nachtigall” – wird Nâhtegal selbst diesem begegnen. Der Drachenpriester ist wie der Zeitenwächter ein Schwarzäugichter, und wie der Zeitenwächter um das weiß, was Nâhtegal sucht, weiß er um die Suche des Zeitenwächters. Er schickt ihn in die “Wolfsschlucht”, wo alle sieben Jahre ein Zug entlangkommt, der nach Ander- bzw. Zwischenwelt fährt. Danach bricht er überstürzt auf, und über die Schenke geht ein Sturmwind wie von riesigen Flügeln. Der Leser wird sich in der nächsten Geschichte daran erinnern, denn dieser Sturmwind ist nichts anderes als der Flügelschlag des Drachen, der den Drachenpriester verfolgt. Der Zug in der WolfsschluchtIn der Wolfsschlucht befinden sich rostige und zugewucherte Gleise. Ein halbes Dutzend weitere warten dort, denn die Sage geht, daß alle sieben Jahre in der Nacht zum ersten Mai (Walpurgisnacht) hier ein Zug nach Anderwelt vorbeikäme und so langsam führe, daß man aufspringen kann. Der Zug kommt, und der Zeitenwächter versagt zaghaft ein weiteres Mal: Am Ende der Schlucht nähern sich die Geleise so sehr der Felswand, daß er fürchtet, zerrieben zu werden, und er springt – gleich einigen anderen – wieder ab. Der Zug streift die Felswand aber nicht, aber als er das begreift, ist der Zug schon zu schnell, daß er ihn noch erreichen kann. Die Wanderung an den GeleisenEs folgt eine jahrelange Wanderung, in der der Zeitenwächter auf den Geleisen geht. Er ist einsam, und nur von Zeit zu Zeit begleitet ihn jemand, um ihn aber immer dann wieder zu verlassen, wenn er ganz er selbst wird und sich öffnet. Dann nämlich werden seine Augen schwarz, und darüber sind seine Begleiter so entsetzt, daß sie ihn fliehen. Er wird zynisch und resigniert und beginnt, die Welt und die Menschen zu hassen. Das einsame HausAn der Bahnlinie findet er irgendwann eine Villa, die lang verlassen nur drei Streicher – zwei Männer, eine Frau – beherbergt. Sie sitzen in der Eingangshalle um ein Feuer und erzählen sich, wie gute Freunde sie sich doch sind, obwohl sie einander überhaupt nicht kennen noch kennen wollen. Als der Zeitenwächter hinzukommt, wird er willig aufgenommen, aber das Maskenspiel ekelt ihn nach kurzer Zeit an, und er zieht sich ins Treppenhaus zurück. Damit zeigt er um ein weiteres Mal die Verwandtschaft sowohl mit Nâhtegal wie mit dem Beduinen. Die Frau folgt ihm und versucht ihn zu verführen. Als er begreift, daß er für sie austauschbar ist, steigt die Galle in ihm hoch und er nutzt die Kräfte, die ihm sein magisches Erbe verleihen, um an ihr seine Frustration und seinen Weltekel auszulassen: Er läßt sie wie eine Marionette tanzen und sich selbst befriedigen, ohne daß sie sich wehren kann und demütigt sie, bis sich sich selber verachten muß. Die ZwischenweltlerDer magische Akt läßt ihn nach Zwischenwelt hinübergleiten. Als Schwarzäugichter ist er Mischling zwischen Mensch und Zwischenweltler. Die Menschen fürchten ihn wegen der Weite in seinen Augen, wenn sie schwarz werden und sie ihn nicht mehr verstehen können, aber er schaut jetzt seinen “Verwandten” in die Augen. Diese Zwischenweltler sind jedoch noch weit fremder für ihn als er für die Menschen, er empfindet nur namenloses Grauen angesichts der unbegreiflichen Andersartigkeit, und als sie auf ihn zukommt, verstopft er sich die Ohren, kneift die Augen zusammen und springt ins Nichts, um dem Unbegreifbaren zu entgehen. SchnittstelleKurioserweise landet er im Diesseits, und nirgends anders als auf jenem Friedhof, auf dem der Beduine seine Berufung erhält und sein Vorgänger zum Rosenstrauch wird und zugleich Nâhtegal am Schluß Krähe treffen und seinerseits seine Berufung erhalten wird. Dieser Friedhof ist nicht nur ein stehender Topos im Nâhtegal-Zyklus, der in den “Zirkeltänzen” immer wieder zum Schauplatz wird und auch an anderen Stellen wieder auftaucht, er entspricht auch zugleich dem Alte Friedhof zu Siegburg. Leider wurde dessen früher herrlich verwilderten Zustand “kultiviert”, so daß sowohl der schöne Rosenbusch wie auch das Gefühl des “Geheimen Gartens” nicht mehr vorhanden ist. Sagenzitat AnderweltNach weiteren Jahren rastlosen Suchens begegnet der Zeitenwächter schließlich einem Totgesagten. Man hielt ihn für Verschollen und inzwischen tot, als er plötzlich nach hundert Jahren wieder auftaucht und nicht gealtert ist. Das rekuriert auf die weitverbreiteten Sagen von Anderwelt, die in den keltischen und germanischen Kulturkreisen weit verbreitet sind: Ein Sterblicher gerät in die unsterblichen Lande, verbringt dort eine Nacht und stellt zurückgekehrt fest, daß hundert Jahre vergangen sind. Der Zeitenwächter fragt ihn, wo er gewesen ist und eilt sofort dort hin, um auf diese Weise endlich ins Zwischenreich zu gelangen. Er hat nun keine Furcht mehr – oder vielmehr überwindet er sie, und als er furchtlos (oder als einer, der nichts mehr zu verlieren hat) auf die Zwischenweltler zugeht, kann er durch sie hindurch, als wären sie Rauch. Er findet die Grünäugige, die in einer Art komatösen Schlaf dort zwischen Dornen liegt (und damit eine Beziehung aufbaut zur ebenfalls grünäugigen Anima in “Die Sieben Kelche”, die in Dornen eingewachsen ist durch Verschulden oder vielmehr Zagen des Protagonisten). Und er bringt sie nach hause. Inszwischen weiß er um die geheimen Wege und findet die Mühle sicher. Der Alte dort verläßt sie in Gestalt einer Krähe, sobald er eintritt, und der Zeitenwächter ist der neue Wärter der Mühle. Mit der Grünäugichten lebt er in einer seltsamen Beziehung. Er schämt sich und fühlt sich schuldig und ist darum unfähig, sich ihr zu nahen, nur langsam beginnen sie wenigstens, miteinander zu reden und er erzählt ihr – eine Art Vaterfigur – Geschichten zur Nacht. Er selbst ist mittlerweile ein Greis. Die Mühle der ZeitIm Kontext der Geschichte wird nicht aufgelöst, was die seltsame Mühle eigentlich ist. Sie steht nicht im Hier und Jetzt, sie erscheint nur einigen wenigen, und selbst diesen nur zu bestimmten Momenten. Der Zeitenwächter selbst erklärt, daß man nicht eigentlich sagen könne, was sie eigentlich mahle: Zwischen den Mühlsteinen ist nichts als feinster Staub, der wie Diamanten glitzert, aber der ist, so der Alte, nichts als Mühlstein-Staub, denn diese drehen sich gegeneinander und reiben sich langsam aneinander auf. Die Aufgabe des Zeitenwächters ist ihm selbst nur soweit bekannt, als daß er für das Funktionieren der Mühle Sorge zu tragen hat. Als eine Welle quietscht, ölt er sie – warum und zu welchem Zweck, weiß er nicht zu sagen, auch nicht, was geschieht, wenn die Mühlsteine aufgebraucht sind. Die Mühle spiegelt zum einen die Kreise von “Krähe und Nachtigall” und dem “Nâhtegal-Zyklus” wieder, zum anderen auch die Kreise des “Zeitenwächters” selbst. Wie sich die Steine ewig im Kreise drehen und sich bei jeder Umrundung wieder an der selben Stelle berühren – und um ein winziges verändert, so dreht sich das Geschehen ähnlich im großen Kontext: Die Protagonisten drehen sich im Kreise und werden immer wieder mit derselben Aufgabe konfrontiert, an der sie immer wieder, und jedesmal ein wenig “besser” scheitern, weil sie sich verändert haben. So wie die Beduinen sich tradieren von einem auf den Anderen, der Wassermann seine Kreise dreht und an ihren Ausgangspunkten immer zum Birkenhain-Teich zurückkehrt, der Drachenpriester in Kreisen vor seinem Verfolger flieht und selbst ein vorbestimmtes Teil des ewigen Rythmuses der Drachentage ist, so wechseln auch die “ewigen Barden” sich von Meister zu Schüler über alle Tage hin. Zum anderen ist sie zugleich Symbol für die Zeit und ihr Verstreichen. Sie ist sich selber gleich und dreht sich in Kreisen (wohl habe ich dazumal zuviel Nietzsche gelesen Wiederum eine banale LiebesgeschichteLetztlich ist aber alles wieder ganz banal. Rafft man vom Symbolischen beraubt die Story zusammen, bekommt man eine traurige Liebesgeschichte. Mann trifft Mädel und verliebt sich. Er nähert sich ihr – völlig unerfahren – an, wird willkommen geheißen, aber nicht auf eine Art, die er auch als “Willkommen” interpretieren kann. Er darf das Zimmer des Mädchens betreten, was eigentlich Einladung genug sein sollten, aber weil er sich nicht sicher ist, traut er sich nicht, zuzugreifen. Die Verehrte wird von schwarzen Händen begrabscht und entfremdet. Nicht geringe Zeit darauf erhält er eine weitere Chance, nutzt sie besser, indem er sie in die Arme nimmt und zärtlich ist, aber am entscheidenden Moment macht er (aus Angst) einen Rückzieher: Mit selbem Erfolg: die schwarzen Hände kommen, und sie ist fort. Er wendet sich andere Frauen zu, aber seine ungebrochene Verliebtheit mischt sich immer wieder ein und verjagt seine neuen Partnerinnen auf kurz oder lang, weil die Geliebte in wichtigen Momenten wie ein Gespenst auftaucht. Es kommen weitere Chancen und Zwischenspiele, aber er versagt immer wieder aus Zaghaftigkeit und verliert erneut jede Nähe, und als er schließlich reif genug geworden ist, ist er leider zu alt und zu verkorkst, um sie überhaupt noch anfassen zu können. Was bleibt ist eine verkorkste Freundschaft voller unausgesprochener Barrieren, unter der beide irgendwo leiden. Die Neigung zu dramatisieren war mir damals wohl in höchstem Maße zueigen |
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[Norman Liebold,
14.02.2006 |
Von Norman Liebold geschrieben am: 14.02.2006 unter Hintergründe, Krähe und Nachtigall
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[Dieser Artikel ist der 2. von 8 Teilen in der Reihe Hintergrund Krähe und Nachtigall]
Der Wassermann ist eine Geschichte, die ich auch heute noch wunderschön finde und gerne frei erzähle. Vorlesen nicht so sehr, der Stil findet heute nicht mehr meine vollständige Zustimmung, und beim Vorlesen habe ich zuweilen das Gefühl, daß sie sich ein wenig zieht. Aber sie hat überaus witzige Wendungen und ironisiert sich selbst. Und natürlich – wenngleich sie für viele Dinge stehen kann – stellt sie in ihrem Ursprung eine ganz banale Liebesgeschichte dar. Das Wassermann-ProblemDas Problem des Wassermanns besteht – wie bei der Nebeläugichten und vielleicht auch beim Beduinen – in der ungebrachten Mythisierung normaler Lebensumstände. Der Wassermann ist als normaler Mensch im Volke der Blauäugichten geboren worden, und eigentlich zeichnet ihn nicht viel mehr aus als eine gewisse Wasserfühligkeit, die in seinem Volk durchaus verbreitet ist. Er kann Wasser spüren und mit einer Wünschelrute ausfindig machen. Zugleich gibt es aber in seinem Volk die Mythe, daß ab und an ein Wassermann geboren wird. Er gleicht – abgesehen von eben einer Wasserfühligkeit und eine Sehnsucht nach Wasser – als Kind den anderen Kindern, aber wenn er pubertiert, verwandelt er sich in eine Art “Wassermannlarve”. Sobald er Wasser einatmet, ist die Verwandlung komplett. Es ist grundsätzlich eine phantastische Sache, denn er erlangt dadurch nicht nur relative Unsterblichkeit, sondern darüber hinaus auch immense magische Kräfte. Die Verwandlung ist allerdings irreveribel, sobald Wassermann, kann er keine Luft mehr atmen, er hat nur noch Kiemen. Die Sache ist nun die, daß zu oft Wassermänner sich, von der Wassersehnsucht getrieben, in den erstbesten Dorftümpel oder Mühlteich gestürzt haben, um nie wieder herauszukommen. Oder ganz jämmerlich auf der Landstraße erstickt sind, als sie bei Wolkenbrüchen zu entkommen suchten. Abgesehen von dem nicht zu unterschätzenden Nachteil, in einem schlammigen Dorftümpel bis in alle Ewigkeit festzusitzen und vor Langeweile zu vergehen, besteht hier auch eine ernsthafte Gefahr: Nämlich daß die Pfütze in einem heißen Sommer einfach austrocknet, was einen überaus qualvollen Tod zur Folge hätte. Natürlich – ganz freudianisch – steht der See (oder der Dorftümpel) für die Geliebte, der Wassermann mit seinem Schicksal für einen Mann, der, wenn, sich ewig bindet und nicht mehr aus der Sache rauskommt, dafür aber, trifft er die richtige (und stürzt sich nicht eben in den ersten besten Mühlteich), quasie der perfekte Partner und ewig glücklich ist. Das Problem an dieser speziellen Gattung Wassermänner ist, daß sie nicht wissen und nicht wissen können, ob sie nun wirklich Wassermänner sind oder nicht. Das zeigt sich erst dann definitiv (und irreversibel), wenn sie sich in ein Wasser hineingestürzt und tief Luft bzw. Wasser geholt haben. Unglücklicherweise ist es im Volk der Blauäugichten auch nicht anders als anderswo, und jede Mamma und jeder Pappa will, daß ihr Söhnchen was ganz besonderes ist. Und ein Wassermann ist das Besondere überhaupt. Unser Wassermann oder das Problem der WahlUnser Erzähler erfüllt alle Voraussetzungen, um möglicherweise ein Wassermann zu sein. Er besitzt eine gehörige und außerordentliche Wasserfühligkeit und als er pubertiert, auch eine ganz immense Hydrophilie – er kann sich kaum der Anziehung des Fischteichs entziehen, der am Dorfanger liegt. Er hat das auch oft genug gesagt bekommen, wurde oft genug auf die Gefahren hingewiesen, so daß er sich seine Gedanken hat machen können. Leicht verständlich will er – sofern er denn ein Wassermann ist – auch den perfekten See für sich als Wohnort gewinnen. Er will nicht in einem Dorftümpel verrotten, sondern einen riesigen See bewohnen, wo er nach Belieben umherreisen und immer neues entdecken kann, das Wasser muß klar sein und weder zu kalt noch zu warm, Wald sollte drumherum sein und so weiter und so fort. Als der Fischteich des Dorfes ihn derart heftig anzieht, daß er kaum noch widerstehen kann, entschließt er sich, seinen ganz speziellen See zu suchen. Die Geschichte erzählt von seiner Suche, von den verschiedenen Teichen und Abenteuern, denen er begegnet, und vor allem von seinem ewigen Dilemma: Denn er kann nicht wissen, ob ein See der richtige ist, und weil es irgendwo vielleicht den See gibt, wagt er es nicht, in einen der See einzutauchen, um für immer dort zu sitzen und nie zu wissen, ob es nicht den See vielleicht irgendwo gibt. Ein Fluß oder das Meer wäre natürlich die Lösung, aber leider müssen Wassermänner in einem stehenden Binnengewässer leben – die Flüsse gehören den Flußgeistern, und das Meer den Nixen. Seen, Teiche, Wandernebel und gefräßige WasserzuberDer Wassermann wandert durch die Welt und lernt verschiedene Gewässer kennen, die ihn zum Hineintauchen und Beleiben locken. Letztlich erfährt er nie, ob sein See darunter war, und auch nicht, ob er überhaupt ein Wassermann ist. Er irrt letztlich in der Beliebigkeit und ewig vom Vielleicht gequält durch die Welt. Amüsant an der Geschichte ist, daß Jens, der als nächster und längster Freund nicht nur meine literarischen Ergüsse kennt, sondern auch meine Irrfahrten bezüglich des schönen Geschlechtes zu dieser Zeit, heute noch grinsend die verschiedenen Gewässer namentlich benennen kann. Letztendlich mögen hier wohl die Wurzeln für die Anfang 1998 entstandene Geschichte liegen, aber der Interpretationsspielraum ist doch ein wenig weiter und bezieht sich, denke ich, auf durchaus teilbare Erfahrungen – beiderlei Geschlechts, und, wenn man mag, auch auf abstrakte Theoreme, da es sich um das Grundproblem handelt, sich auf eine Sache ganz einlassen zu müssen, um zu wissen, was sie ist – und damit auch man selbst. Es mögen einige Menschen sich nie betrunken haben aus Angst, einen Hang zum Alkoholiker zu haben, oder nie einen Joint geraucht aus Furcht, sofort ein Junkie zu sein, nie eine Zigarette angerührt, aus Furcht, Kettenraucher zu werden. Oder – ein Phänomen unserer überquellenden Zeit – sich nie einer Sache ganz zu widmen, da man die anderen verpassen könnte, um so ewig im halbundhalb-Zustand herumzudümpeln, kein Instrument richtig zu spielen aber einem Dutzend ein paar Noten zu entlocken, kein Wissensgebiet in seine Urgründe erforscht zu haben – das Phänoment ist, denke ich, stets dasselbe: Frucht, sich zu binden, da dies die anderen Dinge ausschließen würde, und Quantität gegen Qualität zu tauschen. An dieser Stelle aber nur die eigentlich wichtigen Tümpel, Teiche und Seen: Der Teich im BirkenhainDer Dauerbrenner und ewig rätselhaft. Der Wassermann kommt immer und immer wieder zu ihm zurück, denn er wird schlicht nicht schlau aus ihm. Mal scheint er unergründlich tief, mal knöcheltief, mal liegt er wie Smaragd da, mal wie ein schlammiger Tümpel, mal wie ein rätselhafter Zugang zum Meer. Der Wassermann wirft Steinchen hinein, aber ein jedes gibt einen anderen Klang, mal für hundert Meter tief, mal für pfützenflach. Und er traut sich nicht. Was, wenn er in den unergründlichen Smaragd mit Kopfsprung eintaucht, gierig Wasser in die Lungen saugt und dann mit dem Gesicht im Schlamm im Knöcheltiefen hängt, Arsch in die Luft und bestenfalls auf Knien rutschend, um sich überhaupt zu bewegen? Nichtsdestotrotz zieht ihn der Hainteich unwiderstehlich an, denn er erlaubt ihm, zu träumen: Denn vielleicht ist er unergründlich tief und das, was er immer suchte. Der BadezuberIst ein ganz hinterhältiges Geschöpf. Eine Art Spinne mit einem Badezuber als Leib läuft es durch die Gegend und fängt Wassermänner: Mit schmeichelnden Worten verspricht er, daß man allein in ihm als Wassermann die einmalige Chance hat, unterzutauchen und zu fühlen, wie es unter Wasser sei, und er sei dazu perfekt geschaffen. Er säuft nur aus den besten Quellen, spezielle im Laufe der Evolution entwickelte Drüsen produzieren erlesene Parfumes, und seine schmeichelnden, wohlgesetzten Worte bringen den Wassermann dazu, in das Bad einzusteigen. Allerdings ist das natürlich eine Art Venusfalle Der dunkle SeeNicht sehr groß, aber auf den ersten Blick sehr interessant und eigentümlich. Er liegt zwischen dunklem Tann und ist wie ein schwarzer Spiegel. Der Wassermann wagt es hier – unter Vorbehalt, denn er hält das Gesicht übers Wasser -, und er ist ganz froh darum, denn der See ist nicht tief und voller spitzer Schründe und Klippen, und er holt sich so manche Beule und Schramme, bis er sich losreißt und weiterzieht. Der See im BuchenwaldDas wäre ein See gewesen, und das weiß der Wassermann auch, als es zu spät ist. Er ist nicht nur tief, wenn auch nicht allzu groß, sondern er beherbergt vor allem einen kuscheligen Wasserdrachen, der sehr symphatisch ist. Nur ist der Wasserdrachen gar nicht davon begeistert, daß der Wassermann schummeln will: Probehalber den Kopf unter Wasser tauchen, aber nicht einatmen ist hinterhältig: Der Wasserdrachen läßt sich nur auf den Wassermann ein, wenn er auch ehrlich spielt. Und er ist obendrein so fair, ihm das ins Gesicht zu sagen. Aber unser kleiner Wassermann ist eine feige Sau und traut sich nicht, und der Drachen schickt ihn zum Teufel und droht ihm den Kopf abzubeißen, wenn er sich nochmal vorbeitraut. Der Wandernebelist eigentlich nur ein Gerücht, keiner hat ihn je definitiv gesehen, und wenn, dann für einen Teich gehalten. Es ist im Grunde nur ein eitler Nebel, der so tut, als wäre er ein See, indem er sich ganz platt macht und seine Oberfläche spiegeln läßt. Außerdem hat er – blöde ist er nicht – gelernt, die Geräusche nachzumachen, die ein Stein erzeugt, fällt er in einen See. Und er mag es, Menschen und insbesondere Wassermänner zu foppen, indem er mal dieses, mal jenes Geräusch macht, oder es auch mal ganz bleiben läßt – zur nicht geringen Überraschung des Steinewerfers. Der Wassermann kommt bei seinen Grübeleien über den Teich im Birkenhain auf den Gedanken, daß es sich vielleicht um den ominösen Wandernebel handeln könnte. Daß ich heute diese Typologie reinweg lächerlich finde, versteht sich von selbst. Aber nichtsdestotrotz finde ich sie ausgesprochen amüsant. Der Wassermann in “Krähe und Nachtigall”Ursprünglich war die Geschichte eigenständig, sie hatte eine kleine Rahmengeschichte, die mit einem Spaziergang an den Siegburger Fischteichen begann und damit endete, daß der Zuhörer des Wassermanns meint, von diesem zum Narren gehalten zu werden. Er packt den Erzähler und wirft ihn in den Fischteich hinein. Der Wassermann schafft es mit Überredungskunst, der Protagonisten dazu zu bewegen, auch ins Wasser zu kommen, und es ist eisekalt – er hat ihm nochmals einen Bären aufgebunden. Als die beiden sich bei einem Freund mit heißem Grog aufwärmen, beginnt der Wassermann erbärmlich zu husten. Es wird immer schlimmer, und er bricht hastig auf – ob er nun Wassermann ist oder nicht, bleibt hierbei offen. Die Geschichte findet schnell Eingang in das “Alineske Märchenbuch”, was nicht zuletzt an ihrer Ansiedlung an den Siegburger Fischteichen liegt, aber auch am Teich im Birkenhain mit seinem smaragdgrüner Seelen-Spiegel. Sie bleibt jedoch unaufgelöst und endet wie die ursprüngliche Version. In “Krähe und Nachtigall” bleibt die Binnenhandlung weitgehend unverändert. Der Fremde, der vorbeikommt und im Birkenhain-Teich badet, während der Wassermann fassungslos zuschaut und kapiert, daß es ein möglicher Wohnsee für ihn gewesen wäre, ist wiederum der Drachenpriester, aber abgesehen von diesem Detail ändert sich hier nichts. Jedoch verändert sich die Rahmenhandlung vollständig Zwar verbleibt der Beginn bei der Begegnung an den Fischteichen, und am Ende wirft Nâhtegal den Knaben auch ins Wasser, aber der Wassermann begegnet ihm wieder und klärt auf, daß er in der Tat ein echter Wassermann gewesen war. Während ein Wolkenbruch niederprasselt, wird der Wassermann – nun schon verwandelt – in die Mühle des Zeitenwächters gestürzt kommen, um dessen Nachfolge anzutreten. Hier findet er zwar keinen See in dem Sinne, aber das Meer der Zeit und darüber hinaus das Zeitenwächter-Adäquat des Birkenhain-Sees in Form eines schönes Mädchens. Der Handlungsort: Die Siegburger FischteicheDie Siegburger Fischteiche sind für mich mit Erinnerungen getränkt. Sie tauchen verschiedentlich als Handlungsorte auf, so in der “Nacht” (enthalten in “Der Minnesänger-Komplex”, oder in “Schlangensee” (enthalten in “Bardenträume”). Obwohl ich 1996 schon 6 Jahre in Siegburg wohnte, kannte ich sie nicht, und als “der dunkle See” sie mir entdeckte, war ich wie verzaubert. Seitdem war ich mit vielen lieben Mensch dort, auch mit ein paar Teichen, und noch heute, verschlägt es mich nach Siegburg, mache ich einen kleinen Spaziergang dort. Vielleicht in der Hoffnung, dem Wassermann zu treffen und ihn gehörig in den Allerwertesten zu treten. |
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[Norman Liebold,
14.02.2006 |
Von Norman Liebold geschrieben am: 14.02.2006 unter Hintergründe, Krähe und Nachtigall
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[Dieser Artikel ist der 4. von 8 Teilen in der Reihe Hintergrund Krähe und Nachtigall]
Die Geschichte vom Beduinen im Treppenhaus ist im bewußten Kontext des “Alinesken Märchenbuches” und fast zeitgleich mit dem “Zeitenwächter” und dem “Wassermann” entstanden, bildet es mit diesen die eigentlich “alinesken” Stücke. Zugleich sind auch diese drei Stücke diejenigen, die zwar als sehr zauberisch und verzaubernd empfunden werden, jedoch offenbar “eine harte Nuß” darstellen, geht es um ihre Auslegung. Ich fürchte, die Geschichte ist gänzlich banal, wobei aber zu bedenken ist, daß im Wachsen die Ursprünge und Wurzeln zunehmend an Bedeutung verlieren und nur noch Nuancen des gesamten Gehaltes ausmachen. Der “Beduine” ist im Beginn nichts viel anderes als eine Metapher auf den Minnesänger und die Beschreibung einer ewigen, unerfüllten, aber in ihrem Streben wunderbaren Liebesgeschichte. Die erste Wurzel: “Der Hain”Was im Kontext des “Beduinen” zu einer eigenen, losgelösten Mythe wurde mit einer eigenen Geschichte drumherum, war anfangs eine kleine, ein paar Seiten lange Geschichte, die dazumal keinen anderen Sinn hatte, als eine Liebeserklärung in Minnesänger-Manier zu sein. “Der Hain” entstand im Herbst 1995, als ich völlig schmachtend verknallt war und das ganze gewaltig schmelzend und verzweifelnd empfand. Und dann war da dieser Hackklotz von Typ, der im Gegensatz zu mir einfach zuzugreifen verstand, anstatt im sehnsüchtigem Verzweifeln im eigenen Saft zu köcheln. Der wundervolle, erfrischende Hain in der schrööööcklichen Wüste ist natürlich Minnesänger-Metapher auf das Mädchen, der traurige Gesell, der sich seiner selbst schämt und so ganz besonders vorsichtig kaum wagt, den Hain zu betreten aus Angst, ihn zu entweihen, ist natürlich der Verliebte. Sein Durst sein Verlangen, die wohltuende Kühle des Hains die Nähe der Geliebten. Und der böse, böse Reiter auf dem gequälten schwarzen Gaul natürlich der Rivale. Das Reh ist die scheue und schöne Seele der Geliebten, und die Rehkopf-Trophähen an des Reiters Gürtel seine letzten “Opfer”. Mit diesen Interpretationsschlüsseln enthüllt sie sofort die ganze Banalität der Geschichte: Armer, nach Nähe dürstender Einsamer mit großem Herz irrt durch die Wüste (Einsamkeit) und steht plötzlich vor einer herrlichen Oase (Angebetete). Er empfindet es als Wunder, daß er nicht fassen kann, und er empfindet sich angesichts ihrer Perfektheit als dreckiges Vieh. Der Hain ist ihm heilig, nur ganz, ganz langsam traut er sich näher, um ja nichts kaputt zu machen, und er ist fast betäubt vor Wonne. Das Reh (die Seele der Geliebten) nähert sich ihm scheu und langsam (sie taut also auf Die zweite Wurzel: “Irgendwo im Nirgendwo”Eigentlich hat diese Fabel überhaupt rein gar nichts mit dem “Hain” zu tun. Sie ist mehr eine abstrakte Metapher, vermischt mit einer deftigen Priese Selbstmitleid. Es geht um ein freudenspendendes Prinzip, das jedoch eingesperrt ist ist ein Labyrinth ganz eigener Art: Boden und Decke sind einfarbig Grau, die Wände lauter Zerrspiegel. Ohne Erinnerung nichts anderes kennend haust der eingesperrte Gott darinnen und bastelt sich aus dem Wahrgenommenen eine eigene Welt zusammen: Die Zerrbilder seiner Selbst sind ihm Gesellschaft, das Echo seiner Stimme interpretiert er als das, was sie zu ihm sagen. Er ist ein Denker und Hermeneutiker, und er versucht mit aller Macht, Sinn in die Echos zu bringen und zu verstehen, was diese Wesen zu ihm sagen. Anfangs gab er nur unartikulierte Laute von sich, hörte sie durch die – sinnreich abgestimmte Akustik – aber immer wieder, behaftete sie mit Sinn, wiederholte sie, bastelte daraus eine Art Sprache, die in Phrasen zu ihm zurückgeworfen werden. Natürlich ergibt das alles keinen Sinn, aber er denkt und denkt und denkt, um einen zu finden. Deswegen kommt er gar nicht auf die Idee, seine ungeheure magische Kraft zu entdecken, die ihm ermöglichen würde, mit nur einem Gedanken wieder frei zu sein. Was genau der auslösende Moment für diese Geschichte war, kann ich nicht mehr genau sagen. Da sie aber ganz in der Nähe von “In des Gottes Ei” entstanden ist, vermute ich, daß es dabei um das in sich selbst verkriechen und Erinnerungs-Wälzen geht, das – da Erinnerungen sich je nach Blickwinkel zu verändern pflegen und zudem subjektiv sind – ein endloses Karusell werden kann, das keine Auflösung kennt. Das Verschmelzen zu “Der Beduine”Wie bei anderen der alten Geschichten auch, empfand ich sie 1998 als nicht zuende gedacht, als unaufgelöst. also suchte ich für die Geschichten, an denen mein Herz lag, eine Auflösung. Wenn der Gott aus “Irgendwo im Nirgendwo” sich nicht selbst befreien kann, muß er logischerweise von außen Hilfe bekommen. Es genügt ja, ihm zu sagen, wie die Dinge sich verhalten, damit er sich seiner selbst bewußt wird und sein Gefängnis sprengt. Wenn die Mythe in Art einer Geheimlehre bekannt ist, so dürfte es auch jemanden geben (es gibt immer irgend jemanden), der versucht, den Kuppelbau zu finden, in dem der Gott gefangen sitzt. Die Frage, wer ihn da eingesperrt hat, ist eine andere, natürlich muß der Gott ein guter sein, dementsprechend seine Häscher böse (wir sind ja im Märchen), und ein solch perfides Gefängnis braucht auch seine Berechtigung. Die ist aber folgerichtig, daß ein Gott unsterblich ist, also nicht getötet werden kann. Man könnte ihn aber seines Gedächtnisses berauben und für immer einsperren – sofern er nicht kapiert, daß er überhaupt eingesperrt ist. Der Bau befindet sich in der Wüste, also bekommen wir einen als Suchenden, der etwas beduinenhaftes an sich hat. Da die Wüste aber irgendwo im Nirgendwo liegt, ist eine Suche im Realen an sich sinnlos, es sei, sie ist lediglich eine Prüfung, um rein zu werden. Das kann nicht so einfach sein, sonst wäre der Kuppelbau längst gefunden. Folglich bekommen wir eine endlose Kette von Suchenden, die ihr Vermächtnis seit Unzeiten an den Nächsten weitergeben, wenn sie zu alt geworden sind. Das ist die Grundkonstellation für die Geschichte vom Beduinen. Er ist der derzeitig Suchende, und er hat ein Dilemma, eine Schuld, die ihn quält. Nach endlosen Generationen von Suchenden, nach einem Leben in der Wüste voll Entbehrungen, war er fast soweit. Die “andere Welt”, das Nirgendwo hat sich ihm geöffnet, er war rein genug geworden. Aber er wurde geprüft und für zu leicht befunden. Diese Funktion erfüllt an dieser Stelle der “Hain”. Er wird reinterpretiert als Zwischenwelt: Wie hat der Gott, als er verleppt wurde, eine Träne verloren, und hier muß sich der Suchende als würdig erweisen: Nämlich in dem Sinne, daß er nicht nur den Willen hat, sondern auch den Mumm. Und da steht ihm seine eigene Mythe im weg: Er ist so verzaubert und scheu gegenüber der Träne des Gottes, daß er, als sie vom bösen Rappen-Reiter entweiht wird, nur gelähmt daneben steht. Er rennt vor Scham fort und wird in der realen Welt von einer Karawane aufgelesen. Jede Nacht träumt er den Alptraum, wie der Rappen-Reiter ihn auslacht und beschimpft, er hat seine Schuld erkannt und sucht den Rest seines Lebens nach dem Hain, um noch eine Chance zu bekommen. Aber natürlich hat er verschissen. Die RosenEines der schönsten Bilder im “Beduinen” ist der Rosenstrauch. Die Suchenden, die ihr ganzes Leben durch irgendwelche Wüsten irren, um den Hain zu finden und den Gott der Liebe, brauchen soetwas wie eine “Belohnung” für ihre Mühen. Wenn sie sterben, sterben sie nicht wirklich, aus ihrer Brust bricht ein Rosenstrauch hervor, in den sie sich verwandeln. Er trägt weiße Blüten und bleibt – wie manche Rosensorten – unsterblich. Der Suchende wird zu etwas schönem. Das Bild ist zweischneidig. Zum einen ist es nicht die angenehmste Vorstellung, wenn ein dorniger Rosenbuch einem Alien gleich aus der Brust bricht, zum anderen könnte man sich auch nettere Sachen als Belohnung vorstellen, als bloß duftend in der Gegend herumzustehen und ab und an einem hübschen Näschen ein Seufzen zu entlocken. Zum anderen ist es eine Form egozentrischen Selbstgenusses, ein Schlürfen eigener Gefühle, was zum Lebenssinn wird und an sich unfruchtbar ist. Das Bild habe ich im Übrigen Daniel Schult zu verdanken, der mir das im Vollrausch irgendwann 1997 um die Ohren bretterte, um genau letztgenanntem ein Bild zu verleihen – dabei wiederum eines meiner Bilder, nämlich “Rose und Wanderer” auf mich zurückschleudernd. Der Reiter als SchnittpunktIn “Krähe und Nachtigall” ist auch der schrööckliche Reiter im Hain nicht mehr unmotiviert. Vielmehr ist er niemand anders als der Drachenpriester auf der Flucht vor seinem Drachen. Er hat ein hartes Leben hinter sich, reitet flüchtend durch die Wüste und sieht in dem Hain nichts anderes als eben eine Oase. Was dem einen ein kurze Rast auf der Flucht wird, wird dem anderen sein Schicksal. Der OrtNâhtegal begegnet dem Beduinen in der realen Welt. In einem Treppenhaus, in das er sich geflüchtet hat, um allein zu sein und nachzudenken. So abstrus es sein mag, in einem Treppenhaus eines Cafés einer Gestalt wie dem suchenden Beduinen zu begegnen, so real ist der Schauplatz. Es handelt sich um das CVJM Siegburg, in dessen Treppenhaus ich durchaus nicht wenig Zeit verbrachte und sehr viele, sehr schöne Gespräche führte. Es war eine Art Sitte unter uns Heranwachsenden geworden, “private” und vor allem “intime” Gespräche hier zu führen, wo niemand zuhörte und man allein sein konnte. Insbesondere auch für romantische Dinge, erste Küsse und sich ausheulen war dieser Ort ein Gemeinplatz, und in gewisser Weise übernimmt er diese Funktion auch für den Beduinen. Mithin ist es schon fast soetwas wie eine Hommage, denn im Sommer 2005 erhielt das CVJM Siegburg ein neues Haus, und das alte steht jetzt einsam da, verrottet und macht wahrscheinlich bald einem Parkplatz Platz. |
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[Norman Liebold,
14.02.2006 |
Von Norman Liebold geschrieben am: 14.02.2006 unter Hintergründe, Krähe und Nachtigall
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[Dieser Artikel ist der 3. von 8 Teilen in der Reihe Hintergrund Krähe und Nachtigall]
Die “Insel im See” stellte bis 2003 eine eigenständige Geschichte dar. Aus dem Lied “Der Nymphenquell” (1997) entstanden, das im “Alinesken Märchenbuch” eine der Geschichten des Toten Barden darstellt, wurde sie zu ihrem Ursprung zurückgeholt und zur einleitenden Story für “Krähe und Nachtigall” gemacht. Die zentrale Geschichte wurde hierbei kaum angetastet, während der ursprüngliche Rahmen jedoch aufgelöst und mit dem Rahmen von “Krähe und Nachtigall” verschmolzen wurde. Die Wurzel: “Der Nymphenquell”1997 entstand das in Versen abgefaßte Lied “Der Nymphenquell”. Es erzählt die Geschichte eines Landes, das langsam im Morast versinkt. Die meisten der Bewohner sind abgewandert, nur auf der Burg, die als Insel aus dem Moor ragt, sind noch einige wenige. Das Moor ist voll von Ungetümen, es regnet ständig, und ein nasskalter Nebel hängt stets über allem. Es wird die Geschichte eines Ahnen erzählt, als das Land noch blühende Landschaft gewesen war. Dieser war zu seinem Lieblingsplatz hinausgeritten, einer wunderschönen Quelle im Wald, in der die Nymphen baden. Und als er zuschaut, kommt ihm ein Horror: Er fürchtet, daß der Quell versiegen könnte und läßt ihn mit einem Felsen verstopfen, so daß statt der sprudelnden Quelle nur ein Rinnsal hervor kann. Was er aber nicht bedenkt, ist, daß der Quell unsagbar stark und unerschöpflich ist: Er bahnt sich einen neuen Weg, dringt durchs Erdreich, verwandelt es in Morast und läßt das Land langsam versinken. Aber niemand weiß mehr, wo der Quell liegt, endet das Lied, es müßte jemand ausfahren und ihn finden und befreien. Der Text ist unschwer als eine Beschreibung eines psychischen Zustandes erkennbar. Das Wasser steht für Lebens- und Schaffensfreude, die ehemals helle und fruchtbare Vergangenheit ein glückliches Gestern, das einem stumpfen, traurigen Depressionszustand gewichen ist. Die Lösung liegt irgendwo begraben, die Freude ist ein unerschöpflicher Quell, die verstopft wurde aus intellektuellen Beweggründen. Das Symbol ist weit interpretierbar und kann auf fast jeden Lebenszustand angewandt werden. Und es ist falsch: Denn nicht irgendein Ahne pflegt die Quellen zu verstopfen, sondern nur man selbst – und, was weit wichtiger ist, meistens ist es viel undramatischer und unromantischer, als man denken sollte. Die Geburt der NebeläugichtenDer “Nymphenquell” ist nicht aufgelöst, und etwas, daß nicht aufgelöst ist, gärt in mir solange weiter, bis ich es “knacken” kann. Bildlich gesprochen stöberte ich ein paar Jahre nach dem verfluchten Felsen, der im Nymphenquell steckte, und währenddessen wurde auch die Geschichte reicher. 1999 war ich mit einer guten Freundin auf Reisen, die ein wahres Geschick darin hatte, ihren Nymphenquell (bitte nicht zweideutig verstehen) selbst zu verstopfen, bis ihr ganzes Wesen in düsterer Brüterei versank, aus der sie keinen Ausweg mehr wußte. Das vielleicht bemerkenswerteste daran war, daß sie sich der “Verstopfung” durchaus bewußt war, sie jedoch idealisierte und dramatisch auflud, während es sich meistens um ein relativ unwesentliches kleines Knötchen im Zwischenmenschlichen handelte. An einem Abend erzählte ich ihr den Nymphenquell aus diesem Grund, und er hatte jetzt seine Protagonistin erhalten: Die Nebeläugichte, die in dem versinkenden Lande lebt und nicht versteht, warum es versinkt. Im Hof der Burg steht ein Brunnen, der trocken ist. In seinem Rohr steckt ein kleiner Kiesel, und das winzige Steinchen ist das ganze Übel. Kein Riesenfelsen in mystischem Nymphenbad, sondern ein Kieselsteinchen im Schloßbrunnen, an dem sie jeden Tag sitzt und Mandoline spielt. Als Kind zog sie ihn sogar einmal heraus, bekam aber Angst, als es überall zu gurgeln beginnt, und steckte ihn wieder herein – die Lösung des Problems ist also banal und bedarf zur Aufhebung einer kleinen Anstrengung und ein wenig Muts. Der Ehrlichkeit halber sei vielleicht noch erwähnt – wo die Nymphen schon angesprochen wurden – daß der spezielle Grund für die Adaption meiner Geschichte in diesem speziellen Fall auch eine spezielle Anwendung hatte. Denn da steckte ein Kiesel zwischen der Person und mir, der uns im Morast versinken ließ, und eigentlich hätte ein “Ich liebe Dich” völlig ausgereicht, oder vielleicht auch ein “Küß mich endlich!”. (Den Frosch im Schloßbrunnen habe ich nicht mit hineingenommen.) Die Geschichte gefiel auf jeden Fall sehr, und ich wurde drum gebeten, sie aufzuschreiben. Der BardeWährend ich an der Niederschrift arbeitete, kamen mehr und mehr Details hinzu. Das wichtigste ist – besonders für später “Krähe und Nachtigall” – der Barde. In Bezug zur oben angedeuteten Nebeläugichten muß man wissen, daß die Fernbeziehung zum Einen einem regen Briefkontakt unterlag, zum Anderen, daß ich schrecklich dramatische und über-romantische Briefe schrieb und zum Dritten, daß sie allzu ernst genommen wurden, und dem Ganzen ein unglaublich heftiges Gewicht verliehen, dem kein Normalsterblicher gewachsen war, schon gar kein siebzehnjähriges Mädel. Aber obgleich ich mir dessen immer wieder bewußt wurde, gabs doch keinen Weg dran vorbei – ich konnte nicht anders, und Bitten, all das nicht so ernst zu nehmen, waren wahrscheinlich noch verwirrender als dramatische Liebesbezeugungen und aufgeblasene Nicht-Probleme allein für sich. Also kam der Spîlmann ins Spiel, der sich auf die triste Burg verirrt. Die Nebeläugichte hatte zwar einen hehren Ritter erhofft, auf weißem Pferd, der sie in ein Land voll Sonne bringen würde – und nicht einen schlammbespritzten Gaukler – aber es ist der einzige Fremde, der seit einem Jahrzehnt den Weg durch den Schlamm gefunden hat, und schließlich verliebt sich sich in seine Musik und dann in ihn: Gelegenheit macht Liebe. Natürlich – schließlich ist es ein Märchen – verliebt er sich auch in sie, und er dichtet ihr ein Lied: Eben den “Nymphenquell”. Er singt ihn ihr vor, während sie verborgen hinter einer Säule steht, und sie ist ganz verzaubert und verwirrt. Der Barde verschwindet aber wieder (der Grund ist nicht näher genannt, nehmen wir an, er hatte einen wichtigen Auftritt in einem anderen Sumpf), und die Nebeläugichte, nach wochenlanger latenter Verknallthiet endlich bereit, sich ihm zu schenken, muß feststellen, daß er einfach weg ist. Das einzige, was er zurückgelassen hat, ist das Lied, auf Pergament geschrieben. Sie verzweifelt an ihrer unerfüllten Liebe, rennt aus dem Schloß, bekommt schreckliches Fieber, und von dem Fieber bleibt wohl etwas zurück, denn als sie wieder gesundet ist, glaubt sie an die Wahrheit des Liedes und läßt sich nicht beirren, den Nymphenquell suchen zu gehen. Sie wird vierzig Jahre die Sümpfe durchstreifen, an ihrer Brust das völlig zerfledderte Pergament, das für sie die Offenbarung ist. Die endlose Suche und ihr EndeEigentlich ist die endlose Suche nach dem verflixten Nymphenquell im Schlamm eine Ersatzhandlung. Die Nebeläugichte sehnt sich nach wie vor nach dem Barden, und sie träumt oft davon, daß er einfach auftauchen wird, um sie mit sich zu nehmen. Aber er taucht nicht auf, und sie kriecht vierzig Jahre lang durch den Morast, um nach einer Metapher zu suchen. Der Sumpf wächst beständig, Wasserflächen bilden sich, und das Land versinkt tiefer und tiefer. Nach vierzig Jahren stellt die Nebeläugichte fest, daß sie in der Tat jeden verdammten Quadratmillimeter des Sumpfes durchwühlt hat, und der Nymphenquell nicht da ist. Und sie legt sich unter einen Baum, um zu sterben. Das ist der Moment, wo die Schlange ins Spiel kommt. Die Schlange ist nicht nur ziemlich schlau, sondern auch verdammt listig. Es ist eine spezielle Gattung mit Weltmachtsbestrebungen, eine Wasserschlangenabart, die die Erde als einzige Wasserfläche und alle Menschen ersäuft wissen will. Sie kennt das Geheimnis um den Nymphenquell, und sie bietet der Nebeläugichten einen Deal an. Sie beantwortet ihr die drängendste ihrer Fragen, nämlich wo der Nymphenquell ist, und dafür darf sie sie töten und ihre Eier in sie legen, damit ihre Brut was zu beißen hat. Die Nebeläugichte hat nichts zu verlieren: Barde weg, Land im Arsch, sie selber verhutzelt und alt. Sie geht darauf ein. Wie banale Wahrheit dramatisch wirdDie Schlange hält ihr Versprechen, und sie bekommt auch, was sie will. Sie leitet die Nebeläugichte zurück zum Schloß – mittlerweile eine kleine Insel in einem riesigen See -, und während sie hinüberschwimmen, beißt sie die Nebeläugichte. Deren verbleibende Lebenszeit reicht gerade noch aus, um zu begreifen: Sie erkennt das Schloß ihrer Kindheit wieder, erkennt, daß es dieser verdammte winzige Kiesel im Schloßbrunnen war, nicht ein mystisch aufgeladenes Quellgeister-Stelldichein, erkennt, daß sie unzählige Male kurz davor war, das Land zu retten, und im letzten Augenblick ihres Lebens glitscht sie am Kiesel ab, denn ihre Finger gehorchen ihr nicht mehr. Die Version der Geschichte von 1999 endet an dieser Stelle, natürlich nicht ohne Ermahnung, es nicht so weit kommen zu lassen. Die AuflösungDas Ganze hat natürlich nicht funktioniert, und die Geschichte hatte immer noch keine Auflösung gefunden. Sie war inzwischen immer mal wieder gespenstisch aufgetaucht, so als ganzer Metaphernreigen in “Die Sieben Kelche”(2001) oder auch auch die Lied Nâhtegals in den “Dichterdämonen” (2003), um an der Spinne vorbeizukommen, aber die ureigentliche Story hatte ihren Abschluß noch nicht gefunden. Erst 2003 wurde sie zum ersten Kapitel von “Krähe und Nachtigall”, um den Bogen vom Anfang zum Ende zu schlagen. Nâhtegal gelangt auf die Insel im Edersee, wo er dem Geist der Nebeläugichten begegnet. Der Geist erzählt ihm die ganze Geschichte, und am Ende lernt Nâhtegal den Barden kennen, der der Nebeläugichten den Kopf mit sich und seinem Lied verdreht hat, um ihn endlich zu erlösen. Der wirkliche NymphenquellWenn ein bestimmter Gedanke in mir reif geworden ist, scheint sich etwas in meiner Wahrnehmung zu verändern. Ich erlebe das Begreifen nicht direkt als abstrakte Erkenntnis, sondern sehe irgendetwas in der stofflichen Welt, das in diesem Moment zum Symbol wird. Es ist dies eine eigenartige Erfahrung, aus der eine Vielzahl meiner märchenhaften Metaphern und Geschichten-Rohlinge stammen. In diesem speziellen Fall ist das, was mir zum Symbol wurde, wie meistens etwas ganz Banales: Auf einer Reise gelangte ich an einen Ort, mit dem viele Kindheitserinnerungen verbunden sind. Es handelt sich um den “Gesundbrunnen” in der Nähe von Bad Düben. Es ist eine sehr eisenhaltige Quelle, die verträumt mitten im Wald liegt, und die ich in der Erinnerung als einen wunderschönen Ort hatte. Bei meinem Besuch hatte sich jedoch der ganze Wald in einen einzigen Schlammpfuhl verwandelt, die Bäume waren zum großen Teil abgestorben und es stank erbärmlich. Der Brunnen selbst, bei dem aus zwei ummauerten Rohren das eisenhaltige Wasser hervorsprudelte, war bis auf ein trauriges Tröpfeln versiegt, der Brunnen selbst voll von verwesendem und nach Jauche stinkenden Blättern und Abfall. Die Quelle selbst, im Erdreich gelegen, hatte sich andere Wege gesucht, als die Rohre verstopften: Das Wasser trat überall aus und verwandelte die ganze Umgebung in ein Moor. Angesichts dieses Phänomens, daß ich neugierig untersuchte, baute sich eine hermeneutisch deutende Parallelität zum psychischen Phänomen Verdrängung auf, und das Ergebnis war nach einer Weile des Gärens der “Nymphenquell”, der sich dann beständig weiter ausbaute. Plazierung im EderseeGemeinsam mit Freunden machten wir 2002 auf der Rücktour von der Märenborn-Tournee einen Zwischenstop am Edersee. 2003 kamen wir nocheinmal für eine Woche hierher. Beim ersten Besuch war der Edersee randvoll, und die zwei Inselchen, von der die eine liebevoll “Liebesinsel” genannt wird, die andere die Reste eine Burg trägt, luden zum Hinschwimmen und Verweilen ein. Der mächtige Eichenbaum auf der einen und die geheimnisvollen Ruinen auf der anderen sind inspirativ genug gewesen, daß ich dachte: Was eins passender Ort, um die “Insel im See” real anzusiedeln! insbesondere, weil hier wirklich ein Land versunken war, das Edertal nämlich samt Dörfern. Als wir 2003 hierher kamen, war der Edersee faktisch leer. Man hatte ihn abgelassen, es war ein sehr heißer Sommer, und vor uns lag eine gigantische Schlammwüste voller eigenartigster Bilder und den Resten einstiger menschlicher Besiedlung. Zu dieser Zeit arbeitete ich gerade an der Aufarbeitung des “Alinesken Märchenbuches” zu “Krähe und Nachtigall”, und das versunkene Land trocken zu sehen war genauso amüsant wie daß Alina mit dabei war. |
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[Norman Liebold,
14.02.2006 |
Von Norman Liebold geschrieben am: 14.02.2006 unter Hintergründe, Krähe und Nachtigall
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[Dieser Artikel ist der 1. von 8 Teilen in der Reihe Hintergrund Krähe und Nachtigall]
Von allen Büchern hat “Krähe und Nachtigall” die bewegteste und mit Abstand längste Geschichte hinter sich, bis es 2003 seine Endform fand. Einige der Geschichten, die der Tote Barde im letzten Kapitel Nâhtegal erzählt, sind die ältesten meiner Texte, die derzeit veröffentlicht sind. “In des Gottes Ei” entstand so 1995, als ich noch die Schule besuchte und zum ersten Mal daran dachte, meine Texte auch zu veröffentlichen. Zwischen 1998 und 2002 hieß “Krähe und Nachtigall” noch “Das Alineske Märchenbuch” und enthielt in der Hauptsache die auch jetzt vorhandenen Texte. 2002 und 2003 strukturierte ich das Buch jedoch neu, feilte die Rahmenhandlung aus, fügte noch weitere Episoden hinzu und änderte die Reihenfolge der Geschehnisse. “Krähe und Nachtigall” ist das Herzstück des “Nâhtegal-Zyklusses”, es ragt in die Zeit davor hinein und wurde fast zeitgleich mit dem letzten Nâhtegalstück “Dichterdämonen” (2003) zuende geführt. Das Märchenbuch-Projekt von 1996Nach den “Narratiunculae Obscurae”, einer kleinen Sammlung absurder Kurzgeschichten, die ich Ende 1995 herausbrachte, wollte ich etwas “Schönes” machen – ein Märchenbuch mit einer Sammlung meiner damaligen märchenhaften Geschichten. Der Direktor meiner damaligen Schule (Alleestraße Siegburg) hatte mir gesagt, die Schule wolle mich dabei unterstützen, und voller Enthusiasmus sammelte und editierte ich die Texte. Meine damalige Freundin Sonja Mlynarski, die phantastisch zeichnen konnte, begann, lllustrationen anzufertigen, und ich schrieb weitere Geschichten, um das Buch zu füllen. Das Projekt platzte letztlich zu meiner herben Enttäuschung, da meine Vorstellungen des Buches wohl ein wenig zu kostspielig waren. Die Beziehung platzte ebenfalls, aber das Projekt, einmal angefangen, konnte wie alles angefangene nicht aufgeben, und es spukte mir immer wieder im Kopf herum. Die Geschichten brachte ich hier und da heraus, aber in meiner Mappe lagen sie immer zusammen und gehörten auch zusammen – und letztlich wurde – über die Jahre wuchernd und wuchernd – das aus ihnen, was heute der “Nâhtegal-Zyklus” ist, ein ganzer kleiner in sich geschlossener Kosmos von Bildern, Gedanken und Geschichten. Und eine ganze Reihe der ursprünglichen Geschichten wurden zu den Geschichten des Toten Barden, der nicht sterben kann, weil er sie noch nicht erzählt hat, und ihr Gewicht ihn am Boden hält. Erst nachdem er sie Nâhtegal erzählt, kann er geläutert zum Mond aufsteigen. Das Alineske MärchenbuchEnde 1997 zog ich nach Aachen, einen Traum im Kopf, den ich erst vor wenigen Monaten wirklich habe umsetzen können. (Es geht dabei um eine Art “idale Schreib- und Zeichenklause” Geschichten-Struktur im “Alinesken Märchbuch” Die Abfolge der Geschichten im “Alinesken Märchenbuch” ist noch sehr lose. Die Mehrzahl der Märchen, die 1996 für das Märchenbuch-Projekt vorgesehen waren, kommen als die Geschichten des Toten Barden in das Buch, und dieses Kompendium folgt dem selben Muster wie auch die anderen großen Abschnitte: Der Protagonist begegnet (hier noch recht unmotiviert) fünf überaus kuriosen Gestalten, während er einen letzten, abschiednehmenden Spaziergang durch die Stadt seiner Jugend macht, um seine Domicile noch einmal zu besuchen. Jeder der Gestalten erzählt ihm seine Lebensgeschichte, damit er sie weitertragen soll (das Nâhtegal-Konzept des Geschichtensammlers), und am Ende findet der Protagonist sein Schicksal als Nachfolger des Zeitwächters. Warum ihm (und ausgerechnet ihm) das alles widerfährt, wird nicht erklärt, es ist lediglich die besondere Situation des Abschiednehmens, die ihn dazu zu prädestinieren scheint. Im “Alinesken Märchbuch” stolpert der Protagonist in folgender Reihenfolge durch Siegburg:
Entstehung der fünf zentralen GeschichtenAuf die einzelnen Geschichten wird noch einmal gesondert eingegangen werden, hier nur allgemein: 1998 begann ich, ältere Geschichten, die vom Inhalt gut waren aber stilistisch und vom Fluß der Story her nicht ausgereift. Dabei ging es vor allem darum, die bisher entstandenen Märchen in eine Ordnung zu bringen, Gedanken- und Bildstränge zusammenzuführen und ein einheitliches Ganzes zu schaffen. Eine Reihe von kleinen Geschichten, die aufeinander Bezug nahmen und zusammenhingen, band ich in eine größere Geschichte ein, die den Themenkomplex verschmolz und die Geschichte zu Ende brachte. So wurde die Idee der schlafenden Drachen aus den verschiedenen Bearbeitungen und Geschichten genommen, um daraus den Drachenpriester zu schaffen. Oder die Geschichten, die sich um den Heiligen Hain rankten, zum Beduinen verschmolzen. Das geschah auch mit anderen Themen- und Geschichtenkomplexen, die dann jedoch eigene Wege innerhalb von Nâhtegals Welt gingen. In dieser Zeit entstanden die zentralen Bilder und Mythen des Nâhtegal-Zyklusses, die schließlich zu einem großen Ganzen zusammenwuchsen: Die Mythe von den schlafenden Drachen erscheint so ebenfalls in “Narrenwahn”, den “Zirkeltänzen” wird hie und da erwähnt, um schließlich in der “Prophezeiung” ihren Abschluß zu finden. Der Mythos vom Ewigen Barden, der im “Alinesken Märchenbuch” erstmals angelegt war, wird über “Bardentod”, “Totentanz” weiterentwickelt zum grundlegenden Konzept Nâhtegals, daß sich durch den ganzen Zyklus zieht, um schließlich in den “Dichterdämonen” auszuklingen. Schwer nachzuvollziehen sind die Entstehung des “Wassermanns” und des “Zeitenwächters”, da hier sehr weit verzweigte Mythen zusammengezogen wurden, um in abstrakterer Form in eine neue Geschichte zu fließen. “Das Alineske Märchenbuch” ist eine Schaltstelle, an der 1998 Nâhtegal geboren wird. Die OrteWas – trotzdem die Reihenfolge verändert wird – in beiden Versionen, sowohl im “Alinesken Märchenbuch” wie auch in “Krähe und Nachtigall” grundlegend ist, ist die Struktur im Kontext der besuchten realen Orte. Der Protagonist macht einen Spaziergang durch Siegburg, um sich von der Stadt zu verabschieden, in der er seine Jugend verbrachte, sein erstes Mädchen küßte und die er Hals über Kopf verlassen hat. Das ist durchaus autobiographisch, denn ich lebte zwischen 1989 und 1997 hier, und die Handlungsschauplätze sind in der Tat meine Domizile gewesen. Auf die einzelnen Orte wird bei den seperat abgehandelten Geschichten genauer eingegangen. Krähe und NachtigallDas “Alineske Märchenbuch” war stets eines meiner Lieblingsbücher, auch wenn es unausgereift war und seine Schwächen hatte, verzauberte es immer wieder seine Leser. 2002, nach der Veröffentlichung des “Märenborn”, nahm ich mir das Buch wieder vor, um “fertig” zum machen. Seit 1998 hatte sich viel verändert, insbesondere war der “Nâhtegal-Zyklus” angewachsen, hatte Farbe und Form bekommen, der Protagonist einen Namen und eine Lebensgeschichte, und viele der angelegten Mythen hatten sich weiter- und zuende entwickelt. “Das Alineske Märchenbuch” war die Wurzel gewesen, aber vieles, was nun klar strukturiert war, war hier noch schwammig angelegt. Das Buch wurde vollständig umgearbeitet, wobei die zentralen Geschichten jedoch weitgehend unverändert gelassen wurden. Die neue RahmenhandlungKlar war, daß die ureigensten Bestandteile des Buches nicht nur erhalten, sondern möglichst wenig verändert werden sollte. Es stellte sich heraus, daß dies auch gar nicht notwendig war, denn die Geschichten bildeten von Anfang an eine enge Gemeinschaft. Die Rahmenhandlung indes – als lockere Verbindung angelegt – erfüllte ihren Zweck nicht nur schlecht, sondern hatte sich mit dem Wachsen des Nâhtegal-Zyklusses stark verändert. Was zum Zusammenführen der Geschichten zum “Alinesken Märchenbuch” geführt hatte, war jetzt klar und deutlich, es mußt nur mittels einer besseren Rahmenhandlung auch sichtbar gemacht werden. Und so wurde “Krähe und Nachtigall” zu dem, was es immer gewesen war: Zur Wurzel des “Nâhtegal-Zyklusses”. Die Geschichte schildert, wie Nâhtegal zu Nâhtegal wurde, Krähe, sein Vorgänger, ist es selbst, der Nâhtegal zu sich ruft, und er bewerkstelligt es mittels der Geschichten, die er ihm schickt. Die Geschichte setzt also ein, als Nâhtegal noch kein Spîlman ist und auch gar nicht sein will. Sein Zögern ist es, das Krähe – zwar gestorben, aber nicht tot – nicht ruhen läßt, denn sein Nachfolger hat die Nachfolge noch nicht angetreten. Während Nâhtegal den Fabelwesen begegnet, wird ihm immer wieder das eine Schicksal vor Augen gehalten, vor dem er die Augen verschließen will. Ein jeder der Erzähler ist irgendwann vor seinem Schicksal davon gelaufen, um schließlich in einer endlosen Suche zu stagnieren – eine Suche nach der verpaßten Gelegenheit, die – wiedergefunden – die Chance auf “Wiedergutmachung” enthält. Neuordnung der ReihenfolgeDie neue Rahmenhandlung zeigte die richtige Reihenfolge der Geschichten von selbst. Sie hängen untereinander folgerichtig zusammen, bilden nicht nur einen Argumentationsstrang, nicht nur eine Klimax, sondern zeigten bei der Überarbeitung auch, daß sie sich an vielen Stellen treffen und überschneiden. Die Protagonisten der Binnenhandlung begegnen und beeinflussen sich, Der sterbende alte Beduine spiegelt sich im Toten Barden, der Drachenpriester rennt auf der Flucht vor seinem Drachen durch alle Geschichten und wird für den Wassermann ebenso schicksalsbestimmend wie für den Zeitwächter. Und der Wassermann verschwindet nicht einfach wieder so schnell, wie er gekommen ist, er ist es nun, der die Nachfolge des Zeitenwächters antritt und so – eine Spielerei – tatsächlich das Zeitalter des Wassermanns einläutet. Die alte Reihenfolge Beduine – Toter Barde – Wassermann – Drachenpriester – Zeitenwächter wird zu Beduine – Wassermann – Zeitenwächter – Drachenpriester – Toter Barde, und jeder der Erzähler kommt ein Stück weiter. Die NebeläugichteAber auch Krähe, der Tote Barde, hat ein Schicksal nicht erfüllt und leidet darunter und hofft auf Vergebung. Das ist der Rahmen, der das gesamte Buch umspannt und zu einem Kreis macht. Am Beginn trifft Nâhtegal den Geist der Nebeläugichten, die durch den Irrglauben in eine Spîlmannsweise verzweifelt. Sie warnt Nâhtegal vor dieser Gefahr und als Nâhtegal am Ende schließlich Krähe trifft, stellt sich dieser als der Barde heraus, der vor undenklicher Zeit der Nebeläugichten den Floh ins Ohr gesetzt hatte, um sich zugleich an ihr Schicksal zu binden. Dieser Floh ist das Lied vom “Nymphenquell”, das sich irgendwann selbstständig machte, um 1999 zu einer eigenen Erzählung zu werden: “Die Insel im See”, während das Lied im “Alinesken Märchenbuch” verblieb als eine der Geschichten des Toten Barden. Als “Die Insel im See” zur ersten Geschichte von “Krähe und Nachtigall” wird, schließt sich der Kreis, und es ist plötzlich ganz zwangsläufig, daß der Tote Barde diese Mythe gedichtet hat, ist er doch mit dem Spîlmann aus der “Insel im See” identisch. Der ewige BardeDer Nâhtegal-Zyklus spinnt die Mythe eines Spîlmanns, der die Aufgabe hat, zwischen den Welten der Phantasie und der Realität zu vermitteln. Seine “Auftraggeberin” ist die Mondgöttin, und sein Schicksal, am eigenen Leib die Spaltungen und Strömungen zu durchleben, die die aktuelle Zeit durchzittern. Die Welt des Nâhtegal nimmt die symbolhaften Archetypen als real existierende “Fabelwesen” an, die in unserer Welt leben, aber nur von wenigen als solche wahrgenommen werden. Der “ewige Barde” kann sie als solche sehen und wird von ihnen angezogen, denn es ist seine Aufgabe, sie anzuhören, und ihre Geschichten weiterzutragen. Am Wechsel von Zeiten übergibt der “ewige Barde” seine Aufgabe seinem Nachfolger. Und dieser muß zu sich selbst finden, ganz er selbst werden und seine Geschichten spinnen, die auf diese Weise zugleich zum Symbol der Zeit werden, und zugleich die Welt mitgestalten. “Krähe und Nachtigall” beschreibt diesen Generationen-Wechsel, der alte Barde Krähe übergibt sein Vermächtnis Nâhtegal, um selbst “hinter den Mond” entrückt zu werden, eine Art Paradies für die Barden. Rahmen um Rahmen um Rahmen“Krähe und Nachtigall” spielt mit Erzählerpositionen und mit Rahmen-Konstellationen, denn der Roman dreht sich neben vielen anderen Thematiken natürlich auch um das Schreiben und Geschichtenspinnen selbst. Jede einzelne Geschichte wird von einem anderen Erzähler dargeboten, und etliche enthalten in sich wiederum kleinere Binnenhandlungen. All diese Erzählungen werden Nâhtegal erzählt, der sie weiter tradiert und erzählt, wie sie ihm erzählt wurden. Zugleich ist das ganze Geschehen aber auch die realisierte Erzählung Krähes, der Nâhtegal durch den Roman führt, um ihm Begreifen zu ermöglichen – aber Krähe wird selbst wieder zum Erzähler, der Nâhtegal seine eigenen Geschichten erzählt. Und um dieses Schachtelwerk herum zieht sich noch ein weiterer Rahmen, denn Nâhtegal erzählt die ganze Geschichte seinem Freund, dem “Büchermacher”, der sie wiederum – und endlich – dem Leser in seiner eigenen Weise erzählt. Es ist dies ein Bildnis unserer Kultur und die Art, wie Geschichten tradiert werden. Wollte man es ausformulieren, so könnte man am Beispiel der Mythe vom eingesperrten Gott der Liebe sagen: Der Büchermacher erzählt, wie Nâhtegal ihm erzählte, was der Beduine vom alten Wüstenwanderer erzählt bekam, wobei der alte Wüstenwanderer sie durch die unendliche Kette seiner Vorgänger weitergereicht bekam. Es ist ein “Stille Post”-Verfahren. Keiner weiß, worauf oder auf welchen Ort sich die eigentliche Mythe bezieht, der Suchende ist noch auf der Suche, hat noch nicht gefunden, ja steht in einer langen Kette von ewig Suchenden, die am Lebensende ihre unerfüllte Suche und ihre Mythe an den nachfolgenden weiterreichen. Sowenig wie der Wassermann wirklich weiß, ob die Sage der Wassermänner, in seinem Volk über Jahrtausende weitergereicht, auf ihn zutrifft oder nicht, sowenig weiß der Beduine, ob es den Gott der Liebe wirklich gibt. Oder eben ein Symbol ist für etwas anderes. “Krähe und Nachtigall” zeichnet auf diese Weise das Entstehen seiner eigenen Storys nach. Es ist ein Rätselbuch, aber die Bedeutungen schimmern durch ihre Symbole hindurch und verzaubern. |
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[Norman Liebold,
14.02.2006 |