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DER SCHRIFTSTELLER NORMAN LIEBOLD

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Hintergründe

Dichterbrand – 2. Nomen est Omen

Von Norman Liebold geschrieben am: 10.02.2008 unter Dichterbrand, Hintergründe

[Dieser Artikel ist der 2. von 7 Teilen in der Reihe Hintergrund Dichterbrand]

Der heilige Quirinus. (Kuppel des Neusser Münsters))
Campingplatz Hülder - Haupthaus.
Walter mit Gay Einzahn (welcher mal wieder Autos hüten wollte, etwas, das ihm schon einmal eine Anzahl Zähne kostete im Kampf mit einem Land Rover). Photo: Norman Liebold.
Norman Liebold hinterm Bücherturm. (Und nachwachsendem Barte)
Norman Liebold bezieht das Publikum mit ein.  Foto: Thomas Nühnen (www.nuehnen.de)

Nicht nur die Tatsache, dass im „Dichterbrand” etliche Personen vorkommen, deren Inspiration1 realen Zeitgenossen zu verdanken ist, stellt inhärent die Problematik der Namensgebung auf. Der „Dichterbrand” ist das, was gerne unter „Lokalkrimi” subsumiert wird. Was ich persönlich allerdings nachgerade für Schwachfug halte, denn letzthin braucht jede Geschichte, insbesondere solche mit „realistischem Anspruch”2, eine Verortung.

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  1. oder Seele, wenn man so möchte []
  2. im Sinne von Aristoteles verstanden []


[Norman Liebold, 10.02.2008
Dichterbrand, Hintergründe
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Dichterbrand – 1. Von der Idee zum Roman

Von Norman Liebold geschrieben am: 10.02.2008 unter Dichterbrand, Hintergründe

[Dieser Artikel ist der 1. von 7 Teilen in der Reihe Hintergrund Dichterbrand]
Gay Einzahn und Joy, wie sie jedem neuen Gast von mir in Erinnerung bleiben, wenn ich mit ihm über den Hof komme und mich an seinem ängstlichen Gesichtsausdruck weide. Sie sind wirklich schnell, und ehe Ball und Stock bemerkt werden, ist zuerst die Angst da.
Hier schrieb ich den Großteil meiner Magisterarbeit. Walter stellte mir diesen wunderschönen und abgelegenen Platz zur Verfügung, während über den Rest der Anlage das Gebrüll der Fußballweltmeisterschafts-Begeisterten rollte. Wenn Herr Wehner im neunten Kapitel Quirin den Wohnwagen überläßt, ist das eine ganz klare Reminiszenz daran.
Der Pfarrer-Wyler-Weg. Rechts die Kapelle des Friedhofes, links die Silo-Miete.
Die Pferde auf der Koppel. Im Hintergrund die Wohnwagen des Platzes.

Die erste Idee zum Siebengebirgskrimi hatte ich um 2003 herum. Damals verbrachte ich mit meiner damaligen Partnerin sehr viel Zeit auf dem Wohnwagenplatz Eudenbach, wo wir uns eine Art kuscheliges Liebesnest eingerichtet hatten. Trotzdem gerade mal 20 Minuten vom Hause ihrer Eltern entfernt, hatte das Siebengebirge jedesmal den Flair eines kleinen Urlaubes: Wald, Berge, die wunderschönen, mit türkisenem Wasser gefüllten Steinbrüche zum Baden, Pilze- und Kräutersammeln… und keine nach Millimetern messende Rigips-Wand ohne jede schalldämmende Eigenschaften mit dem elterlichen Schlafzimmer auf der anderen Seite.

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[Norman Liebold, 10.02.2008
Dichterbrand, Hintergründe
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Der Kulturgeist – 3. Der Kulturgeist

Von Norman Liebold geschrieben am: 09.09.2007 unter Der Kulturgeist, Hintergründe

[Dieser Artikel ist der 3. von 3 Teilen in der Reihe Hintergrund Kulturgeist]
Illustration zu 'Der Kulturgeist' von Katharina Theine. Dunjazads Augen (Kulturgeist). Grafit auf Papier. Katharina Theine 2008.
Illustration zu 'Der Kulturgeist' von Katharina Theine. John (Kulturgeist). Grafit auf Papier. Katharina Theine 2008.
Illustration zu 'Der Kulturgeist' von Katharina Theine. Die magische Lampe (Kulturgeist). Grafit auf Papier. Katharina Theine 2008.
Illustration zu 'Der Kulturgeist' von Katharina Theine. Mehmet und John (Kulturgeist). Grafit auf Papier. Katharina Theine 2008.
Illustration zu 'Der Kulturgeist' von Katharina Theine. Dunjazad (Kulturgeist). Grafit auf Papier. Katharina Theine 2008.
Illustration zu 'Der Kulturgeist' von Katharina Theine. Der Metaller (Kulturgeist). Grafit auf Papier. Katharina Theine 2008.

Den “Kulturgeist” schleppte ich eine ganze Weile mit mir herum, ehe ich den Füllfederhalter auf das Papier setzte und ihn August und September 2007 endlich niederschrieb. Die erste Idee entstand, während ich gemeinsam mit den Positanos im Mai und Juno 2005 an unserem “LiedErZähling“-Projekt bastelte. Trotzdem ie sich in den dazwischen liegenden zwei Jahren immer wieder veränderte, fand sie zum Schluß wieder zu den Positanos zurück und John Brandi wurde zum Protagonisten. Was beim “Kulturgeist” wirklich amüsant zu beobachten war, war die Eigendynamik einer Story. Als die Grundidee entwickelt wurde, spielte sie auf irgendeinem Mittelalter-Markt und sollte als frei erzähltes Neuzeitmärchen ein Fünfminüter werden. Jetzt ist sie die längste Geschichte im “Der Kulturgeist und andere Dämonen” und ist mehr als eine Lesestunde lang geworden. (Live-Mitschnitt der Lesung im Café Podcast online anschauen!)

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[Norman Liebold, 09.09.2007
Der Kulturgeist, Hintergründe
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Der Kulturgeist – 2. Venusberg

Von Norman Liebold geschrieben am: 13.05.2007 unter Der Kulturgeist, Hintergründe

[Dieser Artikel ist der 2. von 3 Teilen in der Reihe Hintergrund Kulturgeist]
Illustration zu 'Der Kulturgeist' von Katharina Theine. Circe. (Venusberg) Grafit auf Papier. Katharina Theine 2008.
Illustration zu 'Der Kulturgeist' von Katharina Theine. Circe (Venusberg). Grafit auf Papier. Katharina Theine 2008.
Illustration zu 'Der Kulturgeist' von Katharina Theine. De Krähe auf der Motorhaube (Venusberg). Grafit auf Papier. Katharina Theine 2008.
Illustration zu 'Der Kulturgeist' von Norman Liebold. Theiresias aus 'Venusberg'. Tusche auf Papier. Norman Liebold 2007.

“Venusberg” ist im Gegensatz zu den meisten anderen Geschichten, die gerade jetzt [04-07/2007] entstehen, beziehungsweise von der Warteliste abgearbeitet werden, eine wirklich neue Geschichte. Die Idee entstand, während ich mich tatsächlich hoffnungslos in Bonn-Dottendorf verfuhr, weil irgendein Marathon-Lauf oder ein Rollerblades-Wettkampf stattfand und die mir bekannten Routen aus der Stadt heraus blockiert waren. In der Tat kurvte ich vielleicht eine halbe Stunde um den Venusberg herum, und ich befand mich, ganz ähnlich wie Uli, nicht unbedingt in der besten Verfassung, denn tatsächlich: nach heftigem Streit hatte ich im Wagen geschlafen und wollte mit schwerem Herzen nur noch nach hause.

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[Norman Liebold, 13.05.2007
Der Kulturgeist, Hintergründe
Kommentare: Keine Kommentare » ]


Der Kulturgeist – 1. Carpe Noctem

Von Norman Liebold geschrieben am: 20.04.2007 unter Der Kulturgeist, Hintergründe

[Dieser Artikel ist der 1. von 3 Teilen in der Reihe Hintergrund Kulturgeist]

Grundidee

Illustration zu 'Der Kulturgeist' von Katharina Theine. Der Schädel (Carpe Noctem). Grafit auf Papier. Katharina Theine 2008.

Die Idee der beiden Magier, die an einem ganz gewöhnlichen Ort sitzen und über alles andere als gewöhnliche Dinge reden, ist ein Bild, das mich schon sehr lang immer wieder faszinierte. Inmitten einer gänzlich gewöhnlichen Situation üben sie – für sie selbstverständlich – Magie, während die Menschen ringsum sich damit zu arrangieren versuchen, aber nichtsdestotrotz in ihrer Wirklichkeit verstört werden. (Natürlich ist das eines jener Pubertäts-Bilder, um in fast schon nietzscheanischer Arroganz das Gefühl der Besonderheit zu umschreiben, das in der Pubertät ganz gerne das Selbstgefühl bestimmt.)
Das Bild verwandelte sich im Laufe der Jahre immer wieder, verlor aber nie seine faszinierende Wirkung auf mich. Vielmehr entwickelte es mehr und mehr Facetten, bis es in der allegorischen Dichte seine Ausprägung fand, wie ich es in die Geschichte goß.

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[Norman Liebold, 20.04.2007
Der Kulturgeist, Hintergründe
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Dichterdämonen

Von Norman Liebold geschrieben am: 14.02.2007 unter Bardenträume, Hintergründe

Die “Dichter-Dämonen” tragen den Untertitel “Nâhtegals Poeticon”, und sie sind – was die Nâhtegal-Stücke angeht gänzlich, was meine ganze Schreiberei angeht zumindest zu großen Teilen – meine perönliche Poetik.
Unter “Poetik” versteht man in der Germanistik eine eher theoretische Abhandlung über die “rechte Art des Dichtens”, angefangen mit dem Aufbau von Geschichten, über die stilistischen und rethorischen Mittel bis hin zu den Gegenständen und der Moral. Die erste uns bekannte Poetik ist die des Aristoteles, eine Blütezeit der “Dichterlehrbücher” war im Barock.
Die “Dichter-Dämonen” sind weder theoretisch, noch sind sie ein Lehrbuch. Sie sind ein Hörspiel und zugleich Nâhtegals Abgang, seine Verabschiedung. Sie beschreiben eine magische Reise durch den “Mären-” oder Geschichtenbaum, während der sich Nâhtegal mit seinen personifizierten “literarischen Göttern” auseinandersetzen muß, mit seiner Motivation ebenso wie mit dem Sinn und Zweck seines Dichtens, dem Publikum, den Kritikern, den Quellen und auch mit den “falschen” Weisen den Schreibens.
Und dadurch, daß Nâhtegal Stellung bezieht, werden die “Dichter-Dämonen” zu seiner Poetik, sie zeigt, warum und wie er (bzw., das ist ja klar, ich) schreibe, was Ziel und Zweck seiner Dichtung ist, und warauf es ihm ankommt.
Zugleich aber – und das ist weitaus wichtiger, ganz im Sinne der Poetik – erfüllt das Stück selbst die Ansprüche, die es an sich stellt. Es ist ein sehr humorvolles Hörspiel, eine zum Teil absurde Abenteuerreise, die einfach nur Spaß macht.

Brief an einen jungen Dichter

Zwischen dem Poeten und Liedermacher Daniel Schult und mir besteht ein ganz besonderes Verhältnis. Nicht nur, daß er und ich das produzieren, was man “Literatur” nennt, nicht nur, daß wir uns seit 1996 kennen, wir sind vor allem denkbar unterschiedlich.
Im Grunde könnte man sagen, beneiden wir uns gegenseitig, was gemeinhin sich in Achtung niederschlägt, in der Vergangenheit aber zuweilen auch in einer Form der Rivalität und des gegenseitigen Überzeugen-Wollens.
Daniel schreibt kurz, prägnant, direkt und lyrisch und ist Dichter. Ich hingegen gehe arg in die Breite, liebe Allegorien und Symbole, habe eine fast schon penetrante mystische Ader und verfahre auch da, wo ich Verse zusammenkloppe, episch.
Der punktuelle Lyriker und der schweifende Epiker, vielleicht ist das ein gutes Bild für das Verhältnis. Während Daniel ein Liebes-Gleichnis in einer verschmuddelten WG ansiedeln würde, direkt aus dem Leben gegriffen, greift mein Nâhtegal zu Rosen, Wanderern, Fischen oder solch monströsen Allegorien-Häufungen wie die Sieben Kelche.

1998 hatten wir einen regen Briefwechsel, in dessen Verlauf mir Daniel die “Zehn Gedichte übers Dichten” vor die Füße spieh.
Sie waren böse, sie waren witzig, und sie faßten sowohl Daniels Poetik zusammen wie auch seine Kritik an dem, was ich damals verbrach. Und sie enthielten ebenso Achtung vor dem, was ich machte. Das Verhältnis damals könnte man auch als Haßliebe bezeichnen – was nicht zuletzt vielleicht auch daran lag, wie wir uns kennenlernen: Auf einem überaus kuriosen Urlaub, wo er nicht nur mit seiner damaligen Freundin dabei war, sondern vor allem auch überzeugt war, daß sie mit mir fremdgehen würde1
Die Antwort auf die “Zehn Gedichte übers Dichten” hat zwar nicht zehn, aber doch immerhin acht Jahre gebraucht. Die “Dichterdämonen” sind das, was über unzählige Texte letztlich daraus geworden ist. Aber ein Epiker braucht halt etwas länger…

Seit 2003 stehe ich gemeinsam mit Daniel und auch seinem Liedermacher-Duo Positano auf der Bühne, und wir haben sehr viel Spaß. Lustigerweise begann unser gemeinsames Bühnenprojekt “LiedErZähling” damit, daß wir begannen, die “Dichter-Dämonen” zu vertonen – um dann jedoch ein ganz neues, ganz eigenes Konzept zu spinnen.

Eine Anekdote am Rande, die das Verhältnis zwischen den Dichtern Liebold und Schult (2004 machten wir zum Beispiel auch ein kleines Projekt, das wir “Schuld/t und Lieb(e)old brennt” nannten) vor 2003 sehr anschaulich zeigt. An einem Maifeuer – das muß 97 oder 98 gewesen sein, kam Daniel sturzbetrunken auf mich zu, um mir ins Gesicht zu schreien, daß ich Blumen in mir trage, Rosen, aber anstatt sie den Menschen zu schenken, vergrübe ich sie in mir, so daß sie irgendwann mein Herz durchwuchern und dann wie ein Alien aus meiner Brust herausbrechen werden, weils drinnen zu eng würde.
Daniel inspirierte mich mit dieser schönen Metapher, und sie stand Pate für die Geschichte vom Beduinen in “Krähe und Nachtigall”, und über diesen Umweg auch für die dorneneingewachsene Anima-Seele in “Die Sieben Kelche”.
Wahrscheinlich könnte Daniel ebensolche Anekdoten erzählen: aber wirklich verstanden, daß wir uns ergänzen, daß jeder auf seine Weise Gutes schafft und wir ganz ähnliche Gedanken damit ausdrücken und gerade durch die Unterschiedlichkeit viel voneinander lernen und uns befruchten, haben wir erst vor drei Jahren…

Die Reise durch den Märenbaum


Das Stück ist als eine Reise durch einen Baum angelegt, beginnend bei den Wurzeln über den Stamm bis in den Wipfel hinauf. Der Baum ist Nâhtegals “Märenbaum”, das Sinnbild seines Geschichten-Schaffens.
Die Reise gliedert sich in die Abschnitte:

  • UNTER’M BAUM Nâhtegal fällt in die Spinnenhöhle und muß sich, um passieren zu dürfen, als Dichter erweisen.
  • WURZELREICH Nâhtegal begegnet den “falschen Dichtern” in sich, den Wurzelnornen, die die Geschichten spinnen, dem Weltenfresser und schließlich, an der Tür zum Stamm, Frau Form und Herrn Gehalt. Das Wurzelreich spiegelt die Motive und Ursprünge des Geschichtenspinnens und mit dem alten Ehepaar auch den Prozeß des Schreibens selbst.
  • STAMMHALLE Ist das Wurzelreich noch ganz im Dichter selbst (auch wenn ihn hier schon der Geldsack nervt), so repräsentiert die Stammhalle die Dichtung in der Öffentlichkeit. Nâhtegal muß es mit dem dreiköpfigen Riesen Publikum – und noch schlimmer – dem Kritikerhuhn aufnehmen.
  • WIPFEL Nâhtegal macht Bekanntschaft mit der Verstopfung (der Schreibblockade) um schließlich, nachdem er sie überwindet, auf den Wipfel hinauszutreten. Er ist jetzt scheinbar am Ziel seiner Wünsche, aber aus seinem Herzen bricht der Nagewurm, der Zweifel und tötet ihn – jedoch nur, daß er in reinerer Form wiedergeboren werden kann.

Zu den einzelnen Episoden und Gestalten hier ein paar Zeilen.

Unter’m Baum

Nahtegals Grab

Nâhtegal gräbt sich selbst ein Grab. Er fühlt sich wie “Krähe” (der tote Barde aus “Krähe und Nachtigall”), dreht sich im Kreis und käut immer nur die alten Lieder wieder. Er will Ruhe und in Ruhe verrotten.
Aber er gräbt zu tief: Unter ihm ist eine Höhle, und er stürzt hinein.

Die Spinnenwächterin

Die Bewohnerin der Höhle – die die Pforte ist zur Wurzel des Märenbaums – ist eine gigantische Spinne. Nâhtegal muß sich als Spîlman beweisen, sonst läßt sie ihn nicht weiter. Aber auch zurück kann er nicht, einmal vor der Spinnenwächterin, hat er keine Wahl.
Er versucht es zuerst mit dem Lied vom ewigen Barden (das zentrale Motiv um Nâhtegal, das in “Krähe und Nachtigall” eingeführt wird und sich durch den gesamten Zyklus zieht), aber die Spinne lacht ihn nur aus. Er soll nicht Krähes Lieder nachplappern, sondern beweisen, daß er auch eigenes geschaffen hat.
Nâhegal singt ihr das Lied von der “Insel im See” (Zusammenfassung der ersten Geschichte aus “Krähe und Nachtigall”). Der Spinne gefällt es:

“Das will ich gelten lassen, Spielmann. Nicht neu, und auch nur Selbstbespiegelung, aber die Schlange fand ich nett: ‘Die Barden singen der Schönheit wegen und schmücken nur zu gern aus!’ Dafür darfst Du passieren!”

Das Symbol der Spinne als Spinnerin – Geschichtenspinnerin, Seemannsgarn spinnen – ist offensichtlich. Weniger offensichtlich ist, daß die Spinne in den Naturreligionen häufig die Wächterin zur Unterwelt und zur Welt der Unsterblichen darstellt.
Etwas eigenartig scheint die Szene zu sein, in der die Spinne Nâhtegal bereit einmal zu Rede stellen wollte:

“Ich wollte einfach nur mit Dir reden, Nahtegal, aber Du, Du mußtest mich ja unbedingt mit Deiner Klampfe zu Brei zermalmen. Doch damit nicht genug! Du goss’st, ängstlich zitternd, Petroleum über meine Reste und stecktest sie in Brand!”

Das bezieht sich auf ein “mystisches” Erlebnis, einer Begegnung mit einer monströsen Riesenspinne ;-) , die zeitgleich mir und meinen engsten Freunden wiederfuhr. Es war die Gemeine Winkelspinne, in unseren Breiten häufig, und durchaus – mit Beinen – überaus groß, die im Halbdämmer aufgrund ihrer ausgesprochenen Haarigkeit sehr beeindruckend aussehen kann. Bei einem überaus romantischen Schäferstündchen wuselte das Vieh 1996 durch mein Zimmer, ich erschrak mich, denn das ganze geschah im Kontext wirklich beunruhigender Erlebnisse und war entsprechend aufgeladen. Ich erinnere mich, daß ich das arme Vieh mit einem Hammer verfolgte und mein Bett auseinandernahm, dabei etwas hysterisch “Spinni-spinni” krächzend. (Sehr zum Amüsement meines zärtlichen Besuches) Ich fand sie nicht, und wir begaben uns wieder ins Bett, wo ich, den Kopf zur Seite wendend, das Ding direkt über mir an der Wand sitzen sah, in der Tat so groß wie eine ausgestreckte Hand. Sie wurde ihres Lebens nicht mehr froh, denn in meinem exaltierten Zustand (ich erwähnte die Heimsuchung meiner Freunde durch große Spinnen, die an sich harmlos, einfach zum rechten Zeitpunkt am falschen Ort waren und entsprechend verheerend Treppenstürze und andere Unfälle verursachten) lief ich in mein Bad, holte das Haarspray und brannte das Vieh von der Wand. Das das Tier sich noch den Spaß draus machte, brennend über mein Bett zu hetzen, ehe es endlich unter dem Feuerstrahl der Treibhausgase in sich zusammenschrumpelte, ließ das Erlebnis auf jeden Fall unvergeßlich werden. Daß meine damalige Freundin mit einer gewissermaßen zoologischen Lust das Ding in ein Glas tat, sorgte dafür, daß das Tier mich zwei Monate später nochmal erschreckte: Mir meiner albernen Überreaktion bewußt hatte ich das Glas von ihrem Schrank genommen und lachend angeschaut, wobei eines der Beine, locker im Gelenk, sich bewegte und ich das Glas in die Ecke schleuderte, als hätte ich mich verbrannt.
Warum ich so einen Schiß vor diesem Tierchen hatte, ist mir ein Rätsel geblieben. Ich ließ schon Teranteln über meine Hand laufen, mit einem gewissen Schauder, aber ohne rechte Angst – und irgendwie hat sich die Szene in die Dichter-Dämonen hineingeschlichen.
Nâhtegal hat zumindest Berechtigung, sich zu fürchten, denn die Spinnenwächterin ist zwei Meter hoch und eher der Gattung Kankras angehörig als der der gemeinen Winkelspinne (die wirklich gemein ist, das kann ich sagen!).

Wurzelreich

Nâhtegal kriecht durch einen finsteren Gang, und er fürchtet sich. Er singt dabei – um seine Angst zu bekämpfen, das “Dunkelheitslied”, das ich gern mag:

Dunkelheit, Finsternis Du schreckst mich nicht!
Ich bin Nahtegal, ich fürcht mich nicht!
Wurzelfäden, ihr braucht erst gar nicht
so unheimlich über mein Gesicht zu streifen!
Ich halt Euch nicht für Spinnenfinger!
Ich seh’ nichts, aber ich habe keine Furcht,
was soll hier schon sein, wo Meterspinnen hausen?
Ich habe meine Schaufel, fest aus Stahl,
seht Ihr? Seht Ihr? Ich schlag Euch tot damit,
hört Ihr? Ich kenne keine Furcht!

Während Nâhtegal ängstlich zitternd und singend durch den Gang kriecht, spricht ihn plötzlich eine Stimme aus dem Nichts an: “Mach kein solchen Lärm, ich dichte!”

Blättermonster und Geldsäcke

Unter den Wurzeln treiben sich unangenehme Gestalten herum, die “Falschen Dichter” und der Geldsack.
Die “Falschen Dichter” sind die unlauteren Motive Nâhtegals, die er zu überwinden hat.
Das Blättermonster ist der eitle Dichter, der sich etwas auf sein Schreiben einbildet:

“Das sind meine Werke, find’st Du nicht, daß sie mich sehr gut kleiden? Ich hab schon viel geschrieben, sieh, doppelt gelegt wärmen sie mich nicht allein, ich seh auch nach was aus! Bleib doch hier, Du bist gewiß auch ein Dichter wie ich es bin! Wir können uns die Zeit gut kürzen, uns anschaun, bewundern und drüber disputier’n, wessen Blätterkleid schöner ist!”

Nâhtegal schlägt ihm sein Blätterkleid herunter: er ist nur eine eitle Hure, bunt geschminkt, und drunter nichts als Eitelkeit.

Der Prediger

Der Prediger benutzt die Literatur, um von seiner Sache zu überreden. Nâhtegal erklärt, was er will: “duch Deiner Worte feingeschliffnen Zauber Mensch und Volk verhexen, bis sie ganz nach Deiner Pfeife tanzen”.

Der Spiegelmann

Er schreibt lediglich zur Selbst-Bespiegelung. Nâhtegal kann ihn noch am besten von allen verstehen, aber er ist ein unreifer Dichter, und Nâhtegal zerschlägt ihm seinen Spiegel.

Der Geldsack

Der Geldsack ist der mächtigste und eingebildetste der Wesen, die unter der Wurzel der Märenbaums hausen und ihn annagen. Er hat Heerscharen von Jüngern, und er hält sich für unbesiegbar.

Während Nâhtegal im “Schlagetot-Lied” den Falschen Dichtern in sich Herre wird, und sie nicht zuletzt auch darum erschlägt, weil sie den Märenbaum zu zerstören drohen, muß er den Geldsack überlisten: Er schlägt ihn nicht, sondern singt das “Geldsack-Lied”:

Geldsack, Geldsack -
ich kriech in Dich hinein,
ich kriech durch Dich hindurch!
Deine Plapperlaffen kennst Du,
Nahtegal kennst Du noch nicht!
Der steckt Dich in die Tasche, Sack!
Der haut Dich übers Ohr
und braucht noch nicht einmal
seine Totenschaufel zu!
Denn die Menschen hören
wenn ein Herz drin schlägt,
wenn sie einmal ein Herz
drin schlagen hören können!

Nâhtegal kriecht durch die Wunder, die die Falschen Dichter in die Wurzel des Märenbaums gefressen haben in den Baum hinein.

Wurzelnornen

In den Wurzeln des Märenbaums wohnen die Wurzelnornen. Die Nornen spinnen den “roten Faden” einer jeden Geschichte und sind Gleichnis für Nâhtegals Weg zu schreiben: Verwurzelt in der vieltausendjährigen Tradition des Geschichtenspinnens, verbunden mit der “Mondgöttin” – der Inspiration, dem Inneren Gefühl – gibt sie den Faden weiter an die Mutternorne, die den Faden durch das Leben zieht und mit ihrem Herzblut rot färbt: Sinnbild für das persönliche Erleben der Welt. Zuletzt die Nornenmaid, die, verliebt in Schönes und Verziertes, den Faden zu schönen Mustern webt: Bild für die rethorisch kunstvolle Weise zu erzählen.
Es sind magische Wesen, ihr Vorbild sind die Nornen der keltischen Mythologie, die zu Füßen der Weltenesche den Faden jeden menschlichen Schicksals spinnen.
Nâhtegal fleht sie an, den Baum zu heilen, aber sie sind nicht interessiert.

Greisennorne: “Die Alte” nennt man mich, und wohl schon zweitausend Jahr runzel ich für mich hin.
Meine Schwester ist Göttin Mond – bin ich festgewurzelt in der Erd, hängt sie am Himmel fest in starren Bahnen.
Mein Bein ist Wurzel, die rechte Hand steckt im Boden tief, zieht heraus, was Menschenkind in Jahrtausenden hineingesenkt.
Die Linke hält der Schwester schwesterlich die Hand – sie läßt ihr Licht daran herunterrinnen, und ich dreh’s mit Menschenkinderstaub verspinnend zu meines Fadens Lauf.
Mutternorne: Den Faden, den die Greisin aus ihren Händen laufen läßt, nehm ich, die Mutter, von ihr entgegen.
Ich spinn’ ihn fort, er läuft gradwegs durch mein Herz hindurch, denn ich, obgleich unsterblich, bin ein Mensch.
Ich atme, laufe durch die Welt, ich liebe, hasse, kranke, sterbe, und all das ringt sich rings herum um den Faden, den ich weiterreich’.
Wie rot er ist, der Faden – das ist meines Herzens Blut. Mein Handeln und mein Lebenssaft macht aus staub’gem Mondlichtfaden schon jetzt einen Handlungs-Strang.
Nornenmaid: Dank Dir, Schwester, für den Strang, der ewig meine Hand durchläuft – mich nennt man “Jungfrau” nur und schönes Weib.
Ich geb zu: Ich bin verliebt in Schönheit, ins Gefall’n, ich bin Frau und gern begehrt, was ist denn schlimm daran?
Den Strang schling ich zu Knoten wunderschön – ich kenn’ der Muster viel und erfind’ auch viele neu.
Im Anschaun soll’n meine Knoten das Aug’ erfreu’n, das Herze heben, wer tiefer schaut, trinkt der Mutter Blut oder, tiefer noch, Menschenstaub und das Licht der Göttin Mond.”

Der Weltenfresser

Aus dem Wurzelstrang kommt ein fetter, ekliger Wurm gekrochen und droht, die Nornen aufzufressen. Es ist der Weltenfresser, die andere Weise, an literarischen Stoff zu kommen: Sinnlos, wahllos in sich hineinfressen, um es dann – mehr oder weniger verdaut und ausgegoren – wieder auszuscheiden. Der Weltenfresser kann nur verstehen, was er gefressen hat, und es fressend, vernichtet er es zugleich.
Die Nornen können sich nicht gegen ihn erwehren, und sie flehen nun ihrerseits Nâhtegal an, für sie den Drachentöter zu spielen. Das Bild ist – da der Vergleich Märenbaum-Weltenesche angelegt ist – vergleichbar mit dem Drachen, der an den Wurzeln der Weltenesche nagt und sie irgendwann töten wird.
Nâhtegal schließt einen Pakt mit den Nornen: Er rettet sie, sie heilen den Baum. In höchster Not stimmen die Nornen zu.
Nâhtegal lenkt mit einem beleidigenden Lied die aufmerksamkeit und den Haß des Weltenfressers auf sich, is er die Beherrschung verliert und ihn fressen will. Aber Nâhtegal beginnt, ihm Erde in den schnappend-blinden Schlund zu schaufeln. “Im Schaufeln bin ich gut – schaufelte grad mein Grab! So schnell, wie Du fressen kannst, kann ich auch schippen!”
Der Weltenfresser hat ein unrühmliches Ende: “Kriegst Du nicht genug? Schnappst so gierig! Nahtegal kann noch schneller schaufeln! Was verdrehst Du Deine blinden Riesenaugen? Was wabbelst Du mit Deinem Fett? Ist Dir nicht wohl? Bist ja ganz angeschwollen, armer Literat! Verstopfung, wie? Paß auf, daß Du nicht platzt! [...] Ich hab Dich ja gewarnt! Was für eine Schweinerei! [...] Habt ihr noch nie einen Spielmann mit der Totenschaufel schaufeln sehen, bis die Würmer platzen?”

Der Text des Liedes vom Weltenfresser geht auf eine ältere Version zurück, die 2000 und 2001 im Kontext zum “Poeticon” entstanden. Damals waren diese Texte noch nicht in eine Handlung eingebunden, und nicht alle fanden Eingang in die “Dichterdämonen”.

Frau Form und Herr Gehalt

Das Geheimnis guter Kunst ist die Symbiose von ausgesagtem Inhalt und der äußeren Form. In den “Dichterdämonen” werden Form und Gehalt durch Frau Form und Herr Gehalt dargestellt, ein Ehepaar, Dichtungen sind ihre Kinder, der Prozeß kreativen Schreibens gelebte Liebe zwischen den Beiden.
Aber in Nâhtegals Märenbaum sind sie alt und zänkisch geworden, verbiestert und zänkisch die Alte, schrullig und eigenbrödlerisch der der Alte. Nâhtegal muß sie versöhnen, und als es ihm gelingt, verjüngen sie sich wieder.

Stammhalle

Die Stammhalle ist ein weiter Saal, dessen hohe Decke von einem lichten Wald an Birkenstämmen gestützt wird, der Boden ist eine grüne Wiese.
Nâhtegal ist glücklich hier und singt, da tritt, vom Gesang angelockt, der dreibeköpfte Riese an ihn heran.

Der fette Riese

Dreibeköpft, sich immer uneins, und ziemlich schwer zufriedenzustellen: Der dreiköpfige Riese “Publikum”. ;)
Der eine Kopf kann nur meckern, der andere sucht ewig nach etwas, das er bewundern kann, und der dazwischen versucht, des lieben Friedens willen zu vermitteln.
Nâhtegal mag sich zuerst vor ihm erschrecken, dann über ihn lachen, aber der Geldsack, sehr schmal geworden in der Zwischenzeit, macht ihm schnell klar: Ohne ihn geht es nicht.
Das Geldsack-Lied dieser Szene ist mein Lieblingslied, und es ist leider nur zu wahr. Der Geldsack wäscht dem naiven Nâhtegal gründlich den Kopf: Er ist leer, weil Nâhtegal ihn nicht füllte, und lakonisch bringt er es auf den Punkt: “verrecke ich, verreckst auch Du!”
Die ungläubige Panik Nâhtegals, als er im Geldsack wühlt und feststellt, daß er wirklich leer ist, ist für mich eine der köstlichsten Szenen der “Dichterdämonen”.
Und auch seine Reaktion: Er krempelt ihn um (was dem Geldsack gar nicht gefällt), und macht ihn zu einem Hut – und singt das Publikumslied
Dem Leser sei diese niedliche Szene der Publikums-Buhlerei (und Verarsche) nicht vorenthalten, aber unter uns: Ich bin verliebt in mein Publikum, ganz ehrlich.

Das Huhn

Vielleicht noch gefährlicher und nerviger als der fette Riese mit den drei Köpfen ist definitiv das H U H N. Das nämlich, das gackert, während andere Eier legen – der Kritiker.
Die drei Köpfe des Riesen haben Gefallen an Nâhtegals Liedern gefunden, und ihre Aufmerksamkeit ruft es auf den Plan. “Herr Dichter, auf ein Wort!”
Nâhtegal ist zuerst erstaunt, dann erheitert, denn das Huhn ist eine lächerliche Erscheinung, wie es daherstolziert, gackert und sich putzt und dabei gebildet daherplappert.
Als er es jodoch nicht ernst nimmt, sich auch noch über es lustig macht, wird es zornig und erklärt ihn für schlecht. Nâhtegal kann dem stakkatoartigen Gegacker nichts entgegen zu setzen, und der Riese Publikum verläßt Nâhtegal.

Doktor Nâhtegal

Der Geldsack – um seine Füllung fürchtend – empfiehlt Nâhtegal: “Du solltest studieren!” Nâhtegal versteht nicht: “Wozu denn das? Muß ich komische Wörter kennen, um gut zu dichten?” Aber darum geht es nicht, erklärt Geldsack: “Dann kannst Du das Huhn mit Hühnerwaffen schlagen!”
Die Spinne kommt, alle acht Beine mit Büchern beladen und sie singt Nâhtegal ein Schlaflied, denn nach dem Schlaf wird er die Bücher kennen:

Schlaf, Spielmann, schlaf,
Dein Vater ist ein Schaf,
Mutter ist ein Stachelschwein,
schlaf, Spielmann, schlaf ein!
Ich Spinnenwesen mach Dich belesen:
Mit klebrigem Buchbinderzwirn
spinn ich Netze in Dein Gehirn.
Begriff und Germanistenkniff
klebt in was ich gewebt
wie festgeschraubt – überhaupt -
das wird Dir zu guten Waffen
gegen Literatenpfaffen -
Zum Hühner-Beil, das ohne Eil,
Hühner schlägt, Kritik zerlegt.
Allegorie ist dickere Metapher,
alliterarisch nimm die gleichen Lettern
und vernagel sie zu dicken Brettern,
nimmst Du gleiche Worte, heißt’s Anapher!
Pleonastisch bist Du, wenn Du’s übertreibst!
Und’s Gleiche widersprüchlich schreibst!
Nimm nicht zu viele alte Worte -
Archaismen sogenannt, aus der Retorte,
denn als Anachronist kritikgebrannt,
bist Du dann schlechterdings bekannt

Als Nâhtegal wieder erwacht, hat er zwar das Hrn voll mit theoretischem Wissen und kennt literarische Werke auswendig, aber zugleich ist es ihm, als hörte er Stimmen, die alles kommentieren, was er sagt:

“Kann ich noch singen? Wenn ich einen Vers zu schmieden such’, ist’s, als würden hundert Stimmen sich in meinem Kopf erheben und wild durcheinander schrei’n! […] Denk’ ich: ‘Spielmanns Schädelkasten spukt von Säusel-Stimmen’, plappern Sie von ‘Alliteration’ und ‘Stabgereimtem Jambus’.”

Aber als das Huhn kommt, weiß er ihm zu begegnen, er bombardiert ihn mit Fremdwörtern und mit intertextuellen Interpretationen und unterstützt das ganze mit seinen akademischen Graden.
Das Huhn springt drauf an: “Warten Sie, ich muß mir schnell eine Feder aus dem Flügel rupfen! So! Jetzt sagen Sie, über was dichten Sie, was steht dahinter, was wollen Sie damit aussagen?”
Und Nâhtegal singt jetzt nicht das ehrliche, sondern das interessante Dichterlied. Das Huhn feiert ihn, und damit auch das Pulikum.
Aber Nâhtegal hat jetzt ein ganz anderes Problem: er hat Verstopfung.

Wipfel

Nâhtegal hat Wurzelhöhle, Wurzel und Stamm des Märenbaums durchquert, jetzt muß er in die Krone hinaus, der Eingang ist jedoch vom widerlicher Pfropf verstopft.

Verstopfung

Der horror vacui eines jeden Schriftstellers und Dichters: Die Schreibblockade.
Sie kommt aus dem Nichts, und sie verschwindet meistens ebenso unvermutet und unerwartet wieder, wie sie gekommen ist. Was sie auslöst? Woher sie kommt? Das ist meistens schwer zu sagen, aber man bastelt sich seine Theorien.
Trotzdem eine Schreibblockade grausam ist – weil man das Gefühl hat, nie wieder schreiben zu können und ausgebrannt zu sein – ist sie meiner Meinung nach eigentlich eher ein gutes Zeichen.
Ich habe immer festgestellt, daß nach einer Schreibblockade ein Riesensprung nach vorn eingetreten war. Je länger sie dauerte, um so heftiger die Entwicklung. Meistens kommt sie, wenn etwas Extremes geschehen ist, daß man nicht recht an sich heranließ und verdrängte oder einfach nicht dazukam, es wirklich durchzuarbeiten.
Ich vermute, daß es dann unterbewußt arbeitet, und daß diese integralen Arbeitsprozesse einfach die kreative Energie für sich veranschlagen. Was am Ende herauskommt, ist extrem dicht, und auch der Stil ist mit Siebenmeilenstiefeln vorwärts gestürmt.

Das Obstipations-Lied
Ich spiel jetzt schaufelnd
Arzt für Dich, mein Baum – Du bist verstopft!
Nahtegal entschuldigt sich:
Er hat es soweit kommen lassen!
Im Alten gutvertraut, stilfest, formgewandt,
traute sich Nahtegal nicht zu Neuem:
neues Land zu erforschen dauert lang
und ist oft auch sehr gefährlich!
Das Neue aber, das war schon da,
staut’ sich auf, denn voller Angst
traute Nahtegal sich nicht dazu:
Was würd der Riese dazu sagen und das Huhn?
Er kniff den Arsch zusammen,
ging nicht zum Stuhl, und im Darm
sammelte sich Schicht um Schicht,
Lied um Lied, wurde fest, wurde Stein.
Das ist nämlich wie beim Verdau’n:
Läßt man’s aus Angst nicht raus,
entzieht der Körper alles Wasser,
und immer fester werdend wird’s zum Pfropf.
Alleine kacken kann man dann vergessen,
bald helfen keine Abführmittel mehr -
da kann man nur noch tun, was
“Ausräumen” man zu nennen pflegt.
Ich hoff’, es ist noch nicht zu spät!
Denn geht das nicht mehr, wird’s ekelig:
Hinten verstopft rückstaut sich
all die Kacke im Lauf der Zeit
Bis in den Magen, in die Speiseröhre
und quillt Dir schließlich aus dem Maul -
es ist kein schöner Tod,
am eignen Kot langsam zu ersticken!

Ein interessantes Detail an der Verstopfungs-Szene ist, daß sich der Pfropf, nachdem er von Nâhtegal Stück für Stück abgetragen wird, zuerst als die Spinne und schließlich als Amica erweist. Und Amica ist ziemlich sauer, denn Nâhtegal hat sich, ohne ihr etwas zu sagen, einfach mit seinem Spaten davongestohlen, um sich selber einzugraben.

Spielmannsblut

Die letzte Szene der Dichter-Dämonen ist erschreckend und erhebend zugleich.
Nâhtegal hat den Märenbaum durchreist, hat alle Prüfungen bestanden, und als alles glücklich ausgegangen zu sein scheint, bricht aus seiner Brust der Nagewurm hervor.
Das Vieh saß immer darin, nährte sich im Stillen, um im lichtesten Moment hervorzubrechen.
Es ist der Selbstzweifel, und wenn weder Weltenfresser noch fette Riesen noch verrückte Hühner Nâhtegal haben ernsthaft gefährlich werden können: Der Nagewurm reißt ihm eine unheilbare Wunde ins Herz, und Nâhtegal stirbt daran.
Die Todesszene ist natürlich ungemein dramatisch: Der Nagewurm sieht seinen Erfolg gefährdet, als Nâhtegals Freunde (die Nornen, Frau Form und Herr Gehalt und sogar der fette Riese) kommen, um ihn vor dem Chor der Aaskrähen (die Neider) zu beschützen.

Als Nâhtegal seine Seele aushaucht, geschieht Wunderbares:

” Vom Monde schlägt’s Brücken wie Regenbogen,
singend ein Zug hinunterschreitet
von Tausend lichten Barden – sie spiel’n
Nahtegal ein Heimkehr-Lied, wie selbst wir
es noch niemals hören durften!

Und vornweg, baren Fußes, kommt
eine Jungfrau, so wunderschön,
daß man vor Scham erblinden will!
Sie nimmt den Leib Nahtegals
und trägt ihn fort, seht!

In ihren mächt’gen Götterarmen
regt sich seine Brust, er blickt zurück!
Er lächelt! Und ist so licht
wie all die Tausend Sänger,
die Geleit ihm geben! ”

Der Kreis des Nâhtegal schließt sich und knüpft an “Krähe und Nachtigall” an. Wie sein Vorgänger Krähe begibt sich Nâhtegal ins Paradies der “ewigen Barden”, das hinter dem Mond liegt. Aber natürlich ist Amicas Weinen unangebracht, die Nornen und das Ehepaar von Form und Gehalt erklären lakonisch:

“Nicht alles ist […], wie es scheint, Besonders hier nicht, begreifst Du nicht, daß das hier eine Geschichte ist? […] Das Ganze ist doch nicht wirklich, Du nie Riesenspinne. Und mich gibts nur als gut gesetztes Wort und schwarze Letter. […] Das ist nämlich alles ganz allegorisch!”

Sie denken, daß, wenn Amica erwacht, ihr Liebster warm und atmend neben ihr liegt.
[Naja, auch Nornen können sich mal irren… oder haben sie mehr gewußt?]

Das Stück schließt mit einer Wiedergeburt Nâhtegals: Der junge Nâhtegal weiß um was Nâhtegal gewußt, aber es belastet ihn nicht. Was der Nagewurm zerfraß, lebt jetzt glücklich hinterm Mond (*g* bzw. ist gedruckt nicht mehr zu korrigieren…) und die Nornen versprechen, ihm noch schöne neue Fäden zu spinnen.
Nach “Dichterdämonen” entstanden gänzlich neue Stücke, die tatsächlich nichts mehr mit den Nâhtegal-Bildern zu tun hatten. Die sozialkritische Novelle “Eckstein” wurde kurz darauf begonnen, “Absurdistan” entstand, der Krimi “Ruhestand” und schließlich etwas, daß durchaus sich wieder in das Märchenhafte hineinwagt, aber ohne Nâhtegal-Ballast und sehr frisch un vor allem nicht so schrecklich jünglingshaft pathetisch: Die “Spaltenzungen”.Der oft dick aufgetragene Pathos des Nâhtegal-Zyklus erinnert mich heute, lese ich ihn, ein wenig an den Spruch Nietzsches über die über-dramatische Jugend, die noch nicht viel Gesehenes und Erfahrenes in ihren Seelen-Gewölben hat, weswegens da unten halt laut schallen und hallen müsse.
Aber auch die Dichter-Dämonen kommen schon, obwohl sie noch den Pathos der Sprache Nâhtegals bedienen, recht entspannt daher und können über sich selber lachen.

[ Leseproben >>> ]

  1. das wurde erst 2003 (!) geklärt, bei einem weinseligen Abend, wo er mich endlich fragte, und ich einen Lachanfall bekam. []


[Norman Liebold, 14.02.2007
Bardenträume, Hintergründe
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Absurdistan

Von Norman Liebold geschrieben am: 16.02.2006 unter Absurdistan, Hintergründe

Amator Veritas Ensemble. Cinestar Leipzig 2004, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. Cinestar Leipzig 2004, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. Cinestar Leipzig 2004, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. Cinestar Leipzig 2004, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. Cinestar Leipzig 2004, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. SJZ Siegburg, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. SJZ Siegburg, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. SJZ Siegburg, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. SJZ Siegburg, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. SJZ Siegburg, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. SJZ Siegburg, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. SJZ Siegburg, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. SJZ Siegburg, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. SJZ Siegburg, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. SJZ Siegburg, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. SJZ Siegburg, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. SJZ Siegburg, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. SJZ Siegburg, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. SJZ Siegburg, Asurdistan-Zyklus.
Maxim Spektor, Tahir Gök und Norman Liebold. WortAnKlang gibt Norman Liebolds 'Gläserner Sarg' und 'Absurdistan' zur Vernissage am 05.11.2010 von Kaikaoss im ArtCorner Köln.
Tom Schmidt, Maxim Spektor Tahir Gök und Norman Liebold. WortAnKlang gibt Norman Liebolds 'Gläserner Sarg' und 'Absurdistan' zur Vernissage am 05.11.2010 von Kaikaoss im ArtCorner Köln.

“Absurdistan” besteht aus fünf Einaktern mit witzig-nachdenklichen Pointen. Sie stellen gegenüber den komplexen und zuweilen arg im tiefen Schlamm wühlenden anderen Stücken aus meiner Feder einen auffälligen Gegenpart dar, und grenzen sich stark ab – zum einen durch ihre Kürze, zum anderen durch die Thematiken.

[Zum Rest des Beitrages! »]



[Norman Liebold, 16.02.2006
Absurdistan, Hintergründe
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Schlangensee

Von Norman Liebold geschrieben am: 16.02.2006 unter Bardenträume, Hintergründe

“Schlangensee” nimmt im Nâhtegal-Zyklus eine Sonderstellung ein, man könnte fast sagen, daß es eine Naht-Stelle ist, in mehrfacher Hinsicht. Die Geschichte ist ein Traum Nâhtegals, und er zeichnet im Grunde “Die Sieben Kelche” bereits vor: Viele Bilder überschneiden sich, aber nichtsdestotrotz ist “Schlangensee” eine ganz eigene, in sich geschlossene Erzählung, die Märchen und “Selbstfindungsroman” mit Sience-Fiction kreuzt und eine Art “romantisch-postapocalyptische Vision” zeichnet.

Entstehung der Geschichte

Im Herbst 1999 kam ich ins Rheinland zurück, nachdem ich zuerst zwei Jahre in Aachen, dann einige Monate in Weimar gelebt hatte. Grund war meine Entscheidung, Altgermanistik an der Universität Bonn – die beste Anlaufstelle für dieses Fach – zu studieren. Zwischen meiner Immatrikulation und dem tatsächlichen Beginn der Vorlesungen hatte ich etwa zwei Monate “frei”, den ich in meinem Wohnwagen im Siebengebirge verbrachte. Es war dies eine ungemein produktive Zeit: Ich schrieb innerhalb von sieben Tagen und Nächten in einer Art wildem Rausch die Novelle neu, die heute als “Vampyriade” bekannt ist, und eben “Eine dieser unendlichen Geschichten”, die nach mehrfachem Überarbeiten zu “Schlangensee” wurde. In dieser Zeit traf ich nicht nur viele Freunde wieder, die ich aus meiner Siegburger Schulzeit kannte, und die zum großen Teil noch im Rheinland waren, sondern ich besuchte auch jene Orte meiner Jugend, an denen ich viele schöne Stunden verbrachte. (Und die den Reigen bilden, den Nâhtegal in “Krähe und Nachtigall” durchläuft.) Wenn man nach längerer Zeit an Orte wiederkehrt, an denen man viel erlebt hat, so quellen die Erinnerungen mit seltsamer Kraft empor, und ich denke, daß es aus diesem Grunde nicht verwunderlich ist, daß zum einen die Siegburger Fischteiche und der Alte Friedhof den Ausgangspunkt von Nâhtegals seltsamer Reise durch die Zeit bilden, sondern daß auch eine ganze Reihe der alten Bilder und Metaphern hier wieder aufgegriffen wurden. Vielleicht spiegelt sich in dem Erleben, an einem alten Ort ein neuer Mensch zu sein, sich verwandelt und weiterentwickelt zu haben, eine nicht zu unterschätzende Rolle im Entstehen des Märchenromans. Und vielleicht ist es auch diesem Erleben zu verdanken, daß “Schlangensee” zu einer Art Destillier-Vorgang wurde, einer Nahtstelle zwischen den älteren Nâhtegal-Stücken und denen, die ihm nachfolgten: Die guten Bilder wurden mitgenommen und “gereinigt” und flossen später in die Spätstücke wie “Die Sieben Kelche” ein. Ein wie ich finde wirklich niedliches Detail ist, daß “Schlangensee” im Nâhtegal-Zyklus den Status einer Vision innehat. Sie findet vor Nâhtegals Berufung durch seinen Vorgänger Krähe in “Krähe und Nachtigall” statt, und er trägt hier noch seinen “bürgerlichen” Namen: Nord. Zeitlich fällt “Schlangensee” vor die Flucht Nâhtegals nach Egidir, von wo er in “Krähe und Nachtigall” durch die von Krähe geschickten dreisten Krähe nach Siegburg zurückgelockt wird. Eine große Anzahl – wenn nicht alle – der älteren und mittleren Nâhtegal-Erzählungen wurden für jemanden erzählt, den ich zu diesem Zeitpunkt besonders gern mochte, der meine Geschichten liebte und sich nur zu gern von ihnen verzaubern ließ. Das konnten alle möglichen lieben Freunde sein, aber meistens waren es denn doch Vertreter des schönen Geschlechtes. Als “Eine dieser unendlichen Geschichten” entstand, verbrachte ich viele und schöne Stunden mit Svenja, die ganz versessen auf Literatur und besonders Michael Ende war. Ihr hatte ich es – unter anderem – zu verdanken, daß ich zwei meiner Lieblingsbücher entdecken durfte: “Momo” und “Die unendliche Geschichte”. Abgesehen von märchenerzählend schönen Stunden in ihrer Dachwohnung bei außerordentlich schmackhaften Teesorten mit Kandiszucker, war wohl auch dies mit ein Movens, mich mittels einer schönen Geschichte bei ihr dafür zu bedanken. Wenn Nâhtegal in einer Aufgabe Wielands die “Allee des Ewigen Herbstes” kehren muß und sie schließlich nur dadurch bewältigt, daß er die Philosophie Beppo Straßenkehrers für sich entdeckt, so ist unschwer das liebevolle Anlehnen an Michael Ende zu erkennen, ebenso wie natürlich im ursprünglichen Titel “Eine dieser unendlichen Geschichten”.

Verortungen

Ich neige – damals wie heute – dazu, insbesondere phantastische Geschichten an realen Orten anzusiedeln, die für mich den Atem der Geschichte atmen, beziehungsweise an denen Dinge geschahen oder Inspirationen kamen, die letzthin auch zum Entstehen der Geschichte führten. Heute geht das zuweilen soweit, daß ich wenn möglich sogar versuche, die Geschichten letzthin auch an diesem Ort niederzuschreiben. Obwohl “Schlangensee” in seinem weitaus größten Anteil in einer Art Mischung aus postapokalyptischen Zukunft und Anderwelt spielt, so beginnt die Erzählung doch in Siegburg und endet auch hier.

Der Spaziergang

Nach der Märchenerzähler-Einleitung beschreibt der Anfang von “Schlangensee” einen Spaziergang, den ich früher sehr oft gegangen bin. Durch Siegburg bis zum Alten Friedhof, wo die alten Geleise der Straßenbahn Siegburg-Lohmar (nicht mehr in Betrieb) verlaufen und auf diesen Schienen weiter bis in das Waldgebiet im Norden der Stadt. Diese Schienen haben durchaus etwas ganz eigenes, denn man kann auf Ihnen die halbe Stadt durchlaufen, sich durch Dorngestrüpp kämpfen, ohne einem Menschen zu begegnen. Wenn komische Käuze und Fabelwesen in Siegburg hausen sollten, so würden sie ganz bestimmt ihre Wege auf diesen Geleisen nehmen, ohne je gesehen zu werden. Wenn man in der Nordstadt an der ersten Ansammlung von Fischteichen vorbeigeht und dem Weg weiter folgt, kommt man unter der erwähnten Betonbrücke hinweg, auf der die Autobahn langführt. Eine Viertelstunde zu Fuß weiter gelangt man dann an eine zweite, kleinere Gruppe von vier Fischteichen, die etwas versteckt liegt und einen ganz eigenen Reiz besitzt.

Die Fischteiche

Her findet Nâhtegal endlich Ruhe und macht es sich unter einer Kiefer mit Blick auf einen mächtigen Eichenbaum bequem (Den Platz sieht man oben auf dem Photo). Er schläft schließlich ein, und damit beginnt der phantastische Teil der Geschichte. Als er wieder erwacht, findet er sich in ein Brombeergesträuch völlig eingewachsen, Die Blätter unzähliger Jahre und verrottete Gräser hüllen ihn wie in einen Kokon ein, sein Mantel fällt ihm vermordert vom Körper und Haupt- und Barthaar haben eine unwahrscheinliche Länge. Die Zigaretten in seiner Manteltasche sind ein verbackener Klumpen, das Heft des Messers von Rissen und Moos durchzogen – kurz, Nâhtegal hat verschlafen. Die Welt ist nicht mehr, wie er sie kennt, es sind keine Menschen mehr da, Siegburg eine verfallende Stadt im Wald, in deren Häuserresten Bären und Füchse und Eulen wohnen. Zwar gibt es keine Anzeichen von Krieg und Zerstörung, aber nichtsdestotrotz ist die Welt scheinbar völlig menschenleer, und die Natur hat sich ihres einst geraubten Landes wieder bemächtigt.

Odyssee und Wieland in der Kapelle

Nâhtegal – versorgt mit einigen Dingen aus den Lagern der Siegburger Geschäfte – beginnt sich quer durch das verwandelte Deutschland zu schlagen. Er begegnet nicht einem Menschen und irrt durch eine Welt, die an die alten Maja-Städte im Dschungel Südamerikas gemahnt. Mitten im Wald stößt man auf Reste der Zivilisation, halb überwuchert und kaum mehr kenntlich: Hier die schon zu Felsen gewordenen Betonbrückenpfeiler einer Autobahnauffahrt, da ein gangbarer Weg, der sich als alte Straße entpuppt. Nâhtegal fühlt Verzweiflung und fühlt schreckliche Sehnsucht nach seinesgleichen, aber bis er an Wielands Kapelle gelangt, scheint er der letzte Mensch zu sein. Parallele: Die Pfeiler der Autobahnauffahrt und die Beschreibung des postapokalyptischen Deutschlands findet 2001 Eingang in die Schlußszene der Prophezeiung.

Wieland

In einer alten Kapelle am Rande einer Lichtung trifft Nâhtegal endlich auf einen Menschen: Es ist ein weiser Greis mit Namen Wieland, der ihm auf eigenartige Weise bekannt erscheint. Er geht bei ihm in die “Lehre”. Diese Figur des Alten Weisen wird im Nâhtegal-Zyklus immer wieder vorkommen. Am deutlichsten ist die Parallele zum Anderweltler in “Die Sieben Kelche”, denn genau wie dieser verwandelt sich Wieland in eine Drachenschlange, um in den See hinabzutauchen, stellt ihm Aufgaben (bei denen ebenfalls Parallelitäten bestehen wie beim “Wahren Weg”) und stellt sich am Ende als sein älteres Selbst heraus.

Der See mit den Schlangen darin

Wiederkehrender Ort ist der Schlangensee. Wieland pflegt hier zu fischen, und in dem See scheinen nicht nur Sterne zu sein, daß es ist als schaute man in einen Himmel, schaut man hinein, sondern vor allem ist er bevölkert von offensichtlich magischen Drachenschlangen. Auch hier ist die Parallele zu “Die Sieben Kelche” am stärksten. Die Drachenschlangen sind definitiv dieselben, haben ganz die gleichen Eigenschaften bis hin zu der Tatsache, daß sich der Weise – hier Wieland, da der Anderweltler – in eine von Ihnen zu verwandeln pflegt. Nord wird mehrere Male an den See zurückkehren, und ein jedes Mal – ganz wie der ältere Nord Nâhtegal später – ein wenig wenig Angst verspüren, bis er schließlich den “Weg des Wassers” geht (oder den der Kelche), um selbst zu einer solchen Drachenschlange zu werden. Aber nach einem ersten Kontakt mit den Drachenschlangen wird er zuerst von Wieland in die Welt geschickt, mit dem Versprechen, nach je drei Jahren an den See zurückzukommen.

Der Untergang der Welt

Wieland eröffnet Nord auch, was mit der Welt geschehen ist, während Nord schlief:

“Es muß wohl vierzig Jahre her sein, vielleicht auch fünfzig, ich war noch ein junger Mann, hatte ein Mädel und freute mich meines Lebens. Man sprach damals viel über eine Krankheit, Immunschwäche nannte man sie, und weite Teile der Erde waren schon infiziert. In Afrika, so hieß es, und Thailand weit über die Hälfte aller Menschen. Sie wurde durch Beischlaf übertragen, unter anderem, und also redeten die meisten nur hinter vorgehaltener Hand darüber, und sie breitete sich schweigend aus. Sie brauchte eine lange Zeit, ehe sie ausbrach und den Körper verzehrte, man wußte meist nicht, daß man den Virus in sich trug und trug ihn also weiter. Und starb einer daran, so schwieg man es tot, als wäre es eine Schande. Dann aber, wie eine rasende Flut, begann die Seuche auszubrechen und es zeigte sich, wie viele schon angesteckt worden waren – man hatte sich sehr getäuscht in den Schätzungen. Es waren bald, da überall Ansteckung drohte und der Virus mutierend auch die Luft infizierend erfüllte, mehr Kranke als Gesunde, und immer mehr wurden hinweggerafft. Es war eine schreckliche Zeit. Die Seuche breitete sich aus wie Feuer in trockenem Gras, die Wirtschaft brach zusammen, man verschanzte sich aus Angst – die Pest im Mittelalter war harmlos dagegen. Die Städte wurden inWochen entvölkert, von zehntausend überlebte einer, die Zivilisation brach zusammen, Strom gab es keinen mehr, die Nahrungsmittel wurden knapp, Krieg brach aus, ganze Landstriche äscherte man samt Menschen ein, um die Seuche einzudämmen. Die Menschen waren nur noch Angst und Panik, sie schlachteten sich gegenseitig nieder um einen Kanten Brot, kurzum, nach ein paar Jahren gab es nichts mehr, das an die Alte Welt erinnerte. Irgendwann waren nur noch jene übrig, die immun gegen die Seuche waren, es kehrte wieder Ruhe ein, eine Todesstille, und langsam nahm sich die Natur zurück, was ihr der Mensch genommen. Es gibt Städte noch, damals hätte man sie wohl eher Dorf genannt, weit verstreut im Land, und am ehesten könnte man sagen: Wir sind ins Mittelalter zurück katapultiert, in dem, was man früher Deutschland nannte, leben vielleicht hunderttausend Menschen. Ich selbst muß sagen, die Menschen sind selber schuld, und an und für sich gefällt es mir besser so.”

Ein wenig banal, aber zumindest im Bereich des Möglichen ;) .

Stadt der Falschheit versus Dorf der Bäume

Stadt der Falschheit

Das ganze ist verdichtete Metapher für die Fremdheit des Fremden in der Stadt. Ganz ähnlich wie hier wird dies auch in der “Prophezeiung” benutzt, und das Prinzip zu verdeutlichen. Auch in den “Sieben Kelchen”, Zweites Buch und Zweites Tor, wird Nâhtegal als Einsamer in die Stadt geschleudert, um dort doppelt einsam zu sein. Das ist natürlich völlig übertrieben, polarisiert und zudem idealisiert, aber es ist wohl ein ureigenstes empfinden, das mich letzthin auch zu einem schrecklichen Landei macht ;) .

Das Dorf der Bäume

Krasser Gegensatz dazu ist das Dorf der Bäume, das wohl am ehesten an eine Ewok-Siedlung, an die Verfilmung Robin Hoods mit Cevin Costner oder an die Darstellung Ithiliens durch Peter Jackson in der “Lord of the Rings”-Verfilmung erinnert. Die kleine, ungemein liebenswerte Gemeinschaft freundlicher und symphatischer, in sich selbst ruhender Menschen wohnt mit der Natur im Einklang, und zwar in Häusern, die auf den Bäumen gebaut werden, ohne sie zu verletzten. Sie leben autark und stellen alles in kunstfertiger Handarbeit selbst her, und natürlich findet Nord hier herzliche und warme Aufnahme und darf seinen Teil zur Gemeinschaft beitragen. Nach einer Weile wird er zu geschätzten und gemochten Mitglied der Gemeinschaft.

Das Zeitparadox

Als Nord nach drei Jahren aus dem Dorf der Bäume aufbricht, um sein Versprechen bei Wieland einzulösen, wird ihm ein Brief mitgegeben, der sichtlich uralt ist. Er stammt laut Aussagen der Baumdörfler vom “Gründer” und wäre in Verwahrung gegeben worden, als dieser das Dorf verließ, um Einsiedler zu werden. Und das ist etliche Dutzend Jahre her. Der Brief spricht Nord mit Namen an und weiß offensichtlich ganz genau, was geschehen wird, und er stammt von Wieland, der mit dem Gründer eins ist. Nord wird später herausfinden, daß Wieland niemand anderes ist als er selbst – zurückgekehrt in seinen an den Fischteichen schlafenden Körper wird Nord selbst der Gründer werden, der eine ausgewählte Gemeinschaft von Menschen sicher durch die das Chaos der zerbrechenden Zivilisation führen und das Baumdorf gründen wird. Und es gelingt ihm dies, weil er durch die Prüfungen Wielands zum reifen Menschen geworden ist und er dieses Vorwissen besitzt.

Die Prüfungen

Wieland wird Nord drei Prüfungen stellen, jede von ihnen eigentlich unlösbar. Die Aufgaben haben zum Ziel, das unlösbare zu begreifen und im Begreifen zu wachsen. Sie sind vielleicht vergleichbar mit Nâhtegals Aufgabe in den “Sieben Kelchen”, die Kelche zu finden. Diese Struktur, daß einem Aufgaben gestellt sind, die gelöst zu werden verlangen, um die Persönlichkeit weiterzuentwicklen, ein reifer Mensch zu werden und sein Schicksal erfüllen zu können, ist ein wesentliches Moment im gesamten Nâhtegal-Zyklus. Daran ist auch nichts wesentlich neues bis auf die Ausformungen, insbesondere die ewigen, sich stets wiederholenden Kreise oder vielmehr Spiralen in übereinander gelegenen Ebenen, an deren Ende soewtas wie “Erlösung” wartet, Frieden und vielleicht Weisheit.

Die kleine Wüste

Aber besonders in “Schlangensee” zeigt sich, daß diese Dinge nicht so “dramatisch” sind, wie man sie wahrnehmen kann. Nâhtegal kriecht acht Jahre lang in der kleinen Wüste auf Knien, weil er sich darauf versteift, die genaue Zahl der Sandkörner zu ermitteln. Doch darum geht es überhaupt nicht, das ist idiotisch und obendrein menschenunmöglich. Nâhtegal bzw. Nord krankt an seinem Wahn, alles “perfekt” machen zu wollen und gerade aus der verbohrten Engstirnigkeit, aus der durchaus ehrenwerten aber einfach blöden Konsequentheit heraus übersieht er das eigentlich Wichtige. Er muß sich fast wahnsinnig zählen, bis an den Rand der Verzweiflung sich aus-zählen, bis er in genau jenem Moment, wo er heulend aufgibt, von Schuldgefühlen geplagt, ganz einfach sieht, was die ganze Zeit vor ihm stand und nur darauf wartete, daß er mal hochschaut. Im Übrigen leider ein Verhaltensmuster, um dessen Ablegung ich ewig zu kämpfen habe – vielleicht ist der Nâhtegal-Zyklus selbst ein Paradebeispiel dafür, denn wie endlose Sandkörner bereitete ich alte Texte akribisch auf, um das “Ganze” endlich fertig zu bekommen… *g*

Die Allee des ewigen Herbstes

Diese Prüfung ist eine Variation der “Kleinen Wüste”. Nâhtegal erhält die Aufgabe, eine Allee in einem Lande zu kehren, daß sich in einem ewigen Herbst befindet (es fallen also ständig diese blöden Blätter auf den gerade so schön sauberen Weg…). Mit dem selben Wahn wie beim Sandkörner-Zählen stürzt sich Nord auf die Aufgabe, um festzustellen, daß am Morgen das Stück gekehrte Weg genauso voll Laub ist wie zuvor. Und er kehrt es wieder. Und wieder. Und wieder. Die Berge Laubes am Wegesrand türmen sich himmelhoch, und er kommt einfach nicht vorwärts. Er versucht, ganz fix zu sein, aber das macht nur die gekehrte Wegstrecke länger, die er am nächsten Tag erneut zu kehren beginnt. Er reibt sich völlig auf. Auch die Erinnerung an einen alten Freund, der ihm die Geschichte von Beppo Straßenkehrer erzählte, hilft ihm nicht weiter. (In der Tat, Thomas, der Zivildienstleistende, der mit erklärter Beppo-Philosophie die Wege des Parkes im Malteserhof Oberdollendorf kehrte, bist Du ;) .) Zuletzt lernt er doch noch aus der Wüsten-Geschichte: Er hät sich die Aufgabenstellung vor Augen und begreift, daß er mehr darin gehört hat, als gesagt worden war. So sagte Wieland: “Geh zur Kleinen Wüste und zähle die Sandkörner, und dann komm zurück und sage mir, was Du gesehen hast!” Er hatte nichts von einer Zahl gesagt. Und zum Weg hatte er gesagt: “Deine Zweite Aufgabe ist, den Weg zu fegen, Nord, vom Anfang bis zum Ende!” Und Nord beginnt, einfach den Weg zu fegen. Mit Hingabe und in jeden Besenstrich all sein Fegen-Können legend, aber er schaut nicht mehr zurück.

Der Wahre Weg

Am Ende der Allee befindet sich der “Wahre Weg”. Das Motiv wird ebenfalls als Übergangsmoment zum Dritten Buch benutzt, und es geht auf eine Geschichten-Studie von 1996 zurück. Letztlich ist dieses Bild Allegorie dafür, seinen eigenen Weg zu gehen, auch wenn tausend andere ringsum offensichtlich auch einen vor Augen haben, der es definitiv nicht ist (sie versuchen, in Pfützen, Steine und Dornen hineinzukriechen mit für sie eher kontraproduktiven Folgen wie Beulen, ausgestochene Augen und Ersticken) – und trotz der Gefahr, daß man vielleicht selbst ebenfalls gerade versucht, irgendetwas (objektiv) idiotisches zu tun wie von einer Klippe zu springen oder in ein WC zu schlüpfen. Wieland faßt es wie folgt zusammen: “Der Weg warst Du selbst, Nord […]. Die Blätter all die Gedanken aus der Vergangenheit, die Du immer und immer wieder hochgewirbelt hast, um sie zu betrachten, anstatt vorwärts zu gehen und darauf zu vertrauen, daß die Antworten kommen werden. Denn was wichtig ist, bleibt, Du mußt nicht mit dem Geist im Gestern hängen, sondern frei werden im Jetzt. Du mußtest begreifen, daß Du den Weg nicht rein von Blättern halten kannst, sondern vorwärts gehen mußt. Und daß der Weg schön ist mit den Blättern darauf. Und das Tor, mein Lieber, warst Du selbst, nichts anderes als Du selbst, Dein Jetzt, daß Du endlich erreicht hast, anstatt in Deinem Gestern herumzuwühlen!”

Der Weg des Wassers

Wielands letzte Aufgabe beschließt zugleich den Roman. Und sie ist die seltsamste von allen, Wieland läßt einen Tropfen Wassers verdampfen und fordert von Nord, dem Tropfen zu folgen. Nord hält aus einer eher dummen Laune heraus die Hand ins Feuer und verbrennt, wird Rauch und Dampf und geht den Weg des Wassers. Er erlebt den gigantischen und beeindruckenden Weg mit, den das Wasser über unseren Planeten geht, wird zu Tieren, Pflanzen, zu Regen, Schnee, Eis und Meer, gefriert schließlich in einem Gletscher, schmilzt, gelangt über Bach und Fluß schließlich in den See zurück und bleibt an sich selber beim Bade hängen – das Zeitparadox doppelnd. Wieland schöpft ihn ab, verdampft ihn und er wird wieder er selbst. Nach einer traumreichen Nacht fährt er innerlich verwandelt wieder auf den See, um den Kreis zu vollenden. Er hat begriffen, und er erwandelt sich in einen der Schlangendrachen. Im Wasser trifft er den Wieland-Drachen, sie verschmelzen (wie diverse andere im Nâhtegal-Zyklus auch), und Nord kann sich an sein Leben erinnern – gewissermaßen an seine eigene Zukunft – denn er selbst wird, nachdem er das Chaos der Apokalypse überstanden hat und alt ist, sich selbst in der Kapelle begrüßen, um sich selber all diese idiotischen Aufgaben zu stellen. Aber zuvor schwimmt der Nord-Drache durch die Zeit, die kein Hindernis mehr für ihn ist, taucht schließlich im Fischteich auf, wo er sich selbst schlafend sieht und kriecht gewissermaßen durchs Nasenloch wieder in sich selber hinein, um zu erwachen – und erst mal eine zu rauchen.

Ansiedlung im Nâhtegal-Zyklus

“Schlangensee” ist im Kontext des Nâhtegal-Zyklusses eine Vision. Nâhtegal ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht der Ewige Barde, sondern trägt noch seinen “bürgerlichen” Namen Nord, und er lebt und wohnt offenbar noch in Siegburg. Seine Berufung durch Krähe findet später statt, nachdem er eine Zeit lang durch die Welt gereist ist – auf der Flucht, gewissermaßen. Krähe erklärt ihm in “Krähe und Nachtigall”, daß er den “Ruf” ignoriert habe – und nichts anderes ist dieser propedeutische Traum als eben Nords Berufung, die Nachfolge Krähes anzutreten. Dies macht die Parallelität zu einigen Nâhtegal-Geschichten, die sein eigenes Leben zum Thema haben (wie ganz besonders “Die Sieben Kelche”), im Sinne einer Antizipation verständlich. Nichtdestotrotz ist “Schlangensee” jedoch eine gänzlich eigenständige Geschichte, die in sich geschlossen Vergnügen zu lesen macht.

Um die innere Chronologie des Nâhtegalzyklusses zu verdeutlichen, habe ich mir die kleine Mühe gemacht, eine Schautafel zu erstellen.

Zeittafel anschauen [PDF, 48K] |


[N.Liebold, 16.02.2006]



[Norman Liebold, 16.02.2006
Bardenträume, Hintergründe
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Krähe und Nachtigall – 8. Die Geschichten des Toten Barden

Von Norman Liebold geschrieben am: 14.02.2006 unter Hintergründe, Krähe und Nachtigall

[Dieser Artikel ist der 8. von 8 Teilen in der Reihe Hintergrund Krähe und Nachtigall]

Der Nymphenquell

Die Geschichte entstand 1996/97 in liedhafter Struktur und beschreibt die Urform des Bildes der Insel im See, das später in Reinform als “Die Insel im See”(1999) vollständig erzählt wird und das erste Kapitel von “Krähe und Nachtigall” bildet. Das Bild zieht sich durch den gesamten Nâhtegal-Zyklus. Als zentrales Motiv erscheint es im dritten Buch von Die Sieben Kelche, und zuletzt als “Zusammenfassung” als dasjenige Lied, das Nâhtegal der Spinne in den Dichterdämonen vorsingen wird, um Zugang zum Geschichtenbaum zu erlangen. In dieser Form taucht es zweimal in “Krähe und Nachtigall” auf: Im ersten Kapitel in der Erzählung der Nebeläugichten, die das Lied zitiert, das sie auf ihre 40-jährige Odyssee schickt, und im letzten Kapitel vom Toten Barden selbst vorgetragen – denn er ist derjenige, der das Lied dichtete und die Nebeläugichte damit verwirrte. Letzthin ist das versinkende Land Symbol für mehr oder minder selbst verschuldete Verdunkelung und Pervertierung des Lebensgefühls – durch übersteigerte Mythisierung, zu blauäugiges Glauben an so Gesagtes oder schlicht übertriebenes, intellektuelles Hineinsteigern.

In des Gottes Ei

Die Geschichte ist 1995 entstanden und dürfte die älteste im ganzen Buch sein, wahrscheinlich sogar die älteste Geschichte überhaupt unter meinen aktuellen Veröffentlichungen. Zugleich ist sie – abgesehen von einem nur einmal in “Die Elfentraumspieluhr” abgedruckten und zudem grottenschlechten “Gedicht” – das erste Textstück, indem die grünäugige Schöne vorkommt. Sie ist eng verwandt mit “Irgendwo im Nirgendwo”, aus dem später der Beduine geworden ist, und hier ist zum ersten Mal der Gedanke an die Welt als subjektives Konstrukt formuliert, der sich in den Wirklichkeits-Träumen der Drachen im Drachenpriester niederschlägt. Die Geschichte ist ein eher philosophischer Exkurs: Noctus, ein unsagbar alter und wissender Magier, kann die Phänomene der Welt durchschauen, nur beschworene Geister – aus anderen Dimensionen – sind ihm noch als Gesprächspartner interessant, da alle anderen Menschen und Wesen für ihn völlig transparent sind. Bis er an einem Morgen ein wunderschönes Mädchen (natürlich mt grünen Augen) trifft, in das er sich mirnichtsdirnichts und ganz und gar verliebt. Sie verwirrt ihn, er kann sie nicht durchschauen, ihre Reaktionen bringen ihn gänzlich durcheinander, und er beginnt herumzugrübeln, so sehr, daß er gar nicht mehr weiß, was er denken soll. Letztlich begreift er, daß er gar nichts erkennen kann, solange er irgendein Vorwissen hat, da dieses seine Wahrnehmung verzerrt und er wünscht sich in den Zustand des unwissenden Kleinkindes zurück. Er webt einen Vergessenszauber auf sich selbst, zeitlich befristet, um für eine gewisse Zeit wieder voreingenommen die Welt wahrnehmen zu können. Als der Zauber wirkt, verschwindet die Welt, denn er ist eine Art Gott in einem Ei, der seine Welt innerhalb der Eierschale selbst schafft – der Grund, warum sie für ihn so durchsichtig und begreiflich ist. Der Zauber wirkt allerdings nicht vollständig, so daß die absolute Leere um ihn herum sich mit einer ersten, schwammigen Erinnerung füllt, über die er nachsinnt und nachsinnend seine Welt neu erschafft – bis er, ein paar Jahrhunderte später – wieder auf dem selben Stand ist wie zu Beginn der Geschichte. Das ist der Moment, wo er sich – unbewußt – an die Grünäugige erinnert und sie – samt ihrer Undurchsichtigkeit – im selben Augenblick erschafft, um ihr am nächsten Morgen zu begegnen, sich verwirren zu lassen, zu grübeln, einen neuen Vergessenszauber zu weben, und so weiter und so fort – bis hin zu jenem Zeitpunkt, an der die Frist der Vergessenzauber endet, er sich schlagartig an alles erinnert und – wie Abraxas – aus dem Ei ausbricht, um recht verwirrt in der wirklichen Welt herumzutappen.

Zwei Lämmer im Wolfspelz

Die kurze, einfache und niedliche Geschichte, 1996 für Sonja entstanden, ist nach wie vor eine meiner Lieblingsfabeln, die ich immer wieder gerne erzähle, besonders auch bei LieErZähling. Wie die zwei unbedarften, ängstlichen Lämmer sich im dunklen dunklen Wald gegenüberstehen, sich gegenseitig für den bösen grauen Wolf halten, vor Angst fast sterben und dabei so tun, als wären sie selbst ein Wolf, ist nicht nur ein köstliches Bild, es ist leider und nur zu oft ziemlich zutreffend. Da tut man groß und rollt Kulleraugen, da knurrt man klägliche “Mähs” und glaubt sich auch noch gerissen, den bösen Wolf da gegenüber ausgetrickst zu haben… dabei funktioniert es doch nur, weil da gegenüber auch nur ein solch blödes, angstblindes Dingelchen ist wie man selbst. Natürlich eine amüsante Liebesgeschichte, wie könnte es anders sein. Passiert mir auch heute manchmal noch – und es ist im Grunde verdammt schade, daß ausgerechnet die süßesten Lämmchen mit den liebenswürdigsten, weichsten Seelen sicherheitshalber den Wolf miemen und zum Ende auch noch dafür gelten. Unschwer kann man in der Geschichte zudem die spielerisch-grinsende Umkehr des Gedankens vom Wolfsschaf sehen – des Wolfes im Schafspelz, der sich für ein Schaf hält. Der Gedanke ist auch in der Sequenz dieser Geschichte enthalten, bei der die Schafsherde auf den absurden Gedanken kommt, in Wirklichkeit ein Rudel Wölfe zu sein.

Die Zwei Schwestern

1995 schrieb ich eine kleine, niedliche Geschichte mit Namen “Von Rittern und Hexen”, grad mal anderthalb Seiten lang und in “Fabaella de Sphingem”(1996) veröffentlicht. Die kleine Geschichte enthält das zentrale Motiv des zweiten Teils, wo Schwester Sonne ihren Neffen dadurch überlistet, daß sie die Gestalt einer zuckersüßen Katze annimmt. Aber hier ist sie einfach eine böse Hexe, die den Ritter vernichten will und auch wenn das Ende, wenn sie durch den unbeabsichtigten Genuß der Seele des Ritters plötzlich “gut” wird, bereits enthalten ist, mangelt dieser Version der Geschichte doch die epische Breite und vor allem das, was der eigentliche Gehalt der Endversion “Die zwei Schwestern” ist. 1999 geschah mit “Von Rittern und Hexen” etwas ganz ähnliches wie mit dem “Nymphenquell”. Genau wie diese Geschichte erzählte ich sie an einem Abend Ulrike, und während ich sie erzählte, wurde ich mir nicht nur ganzen Geschichte bewußt, sondern ich erzählte sie auch samt der Vorgeschichte, die erzählt, wie und warum Schwester Sonne zur “bösen” Hexe wird. Und die verträumte Begeisterung, die Ulrike für die Geschichte aufbrachte, mag wohl durchaus das Movens gewesen sein, diese neue Version zu bearbeiten und aufzuschreiben. Jetzt gibt es zwei Hexen, Zwillingsschwestern, die ähnlicher nicht sein können und zudem unzertrennlich sind. Sie sind die Töchter einer weisen Hexe, die den heiligen Hain hütet, und die sie ausschickt, um die Welt kennenzulernen. Sie lernen einen Mann kennen, in den sie sich beide verlieben, und ist es zuerst so, daß sie ihn sich schwesterlich teilen, ohne daß er etwas mitbekommt (sie sind sich sehr ähnlich), so sieht er sie doch irgendwann durch Zufall zusammen und wird mißtrauisch, daß man ihn hintergehe. Und er beginnt ein albernes Spielchen, um die Wahrheit herauszufinden. Als er (durch abgetrennte Knöpfchen, Knoten in den Schnürsenkeln und andere Albernheiten) herausgefunden hat, daß es zwei Frauen sind, nicht eine, will er erreichen, daß sie’s ihm auch sagen – und zwar von selbst. Die Taktik, die er anwendet, ist denkbar dämlich. Er redet ihnen ein, daß sie verschieden wären, indem er vorgibt, in der einen mehr eine dunkel-nachdenkliche Person zu sehen, und in der anderen ein immergrinsendes Sonnenkind. Wenn man das oft genug sagt, beginnt man, daß selbst an sich zu sehen, denn jeder Mensch trägt diese Seiten in sich, und nach einer Weile beginnen die Schwestern sich zu verändern und sich auch so zu benehmen: Die eine wird dunkel und nachdenklich und kritisch, die andere reichlich oberflächlich, aber stets lachend. Die Schwestern entfremden sich, und der Plan des Liebhabers der Beiden geht mehr oder minder auf: Sie stehen plötzlich vor ihm mit einem: Sie oder ich. Das hatte er allerdings gar nicht gewollt, und mehr aus Hilflosigkeit der Situation gegenüber schnappt er sich recht wahllos die immerlachende Schwester Mond. Schwester Sonne – so schon arg zweifeln und selbstkritisch und philosophisch geworden, wird also zurückgewiesen und vergräbt sich im Wald, wo sie verbittert und schließlich ihre Enttäuschung an der Welt ausläßt und zur bösen Hexe wird, die ihrem Haß mittels ihrer magischen Kräfte freien Lauf läßt. Es kommt letztlich – ebenfalls ein dummes Mißverständnis – zum Kampf zwischen den Schwestern, und die “Gute” gewinnt deswegen, weil die andere sich selber anekeln und im Grunde verlieren will. Und sie wird in einen Eichenbaum gesperrt.

Es vergehen zwei Jahrzehnte, Schwester Mond bekommt einen Sohn, den sie als heldenhaften Ritter erzieht – nicht zuletzt im Bewußtsein, daß der Tag kommen wird, wo der Bann des Eichenbaums ihre Schwester wieder frei lassen wird. Als daß geschieht und Schwester Sonne die Welt erneut in eine Schreckensvision verwandelt, gibt sie ihrem Sohn eine magische Rüstung, die ihn vor den Zaubern der Schwester schützt, und schickt ihn los, daß er Schwester Sonne tötet. Er sucht und sucht, aber er kann sie nirgends finden. Und eines Tages rettet er ein allerliebstes, süßes Kätzchen vor den Angriffen einiger Monstren. Jetzt erst kommt es zu der Szene, die in “Von Rittern und Hexen” beschrieben ist, aber auch sie ist erheblich ausgebaut. Es ist nicht mehr irgendein Ritter, die Hexe nicht mehr irgendeine “böse” Hexe: Alles ist eine Geschichte, die ihre Gründe hat, und in der es kein “Gut” und “Böse” gibt. Der Ritter, in seiner harten und kalten Rüstung nach Nähe schmachtend, kann dem niedlichen Kätzchen nicht auf Dauer widerstehen, es ist der Wunsch, sich zu öffnen, nicht in magischer Panzerung durch die Welt zu laufen, die ihn letztlich den Panzer ausziehen läßt – und ihn dem Kätzchen ausliefert. Schwester Sonne, verbittert, saugt ihm seine Seele aus und schickt ihn postwendend an den Absender zurück: Er erschlägt seine Mutter. Aber seine Seele, in den Staub gespiehn, gedeiht zu einem Apfelbaum, dessen herrlichen Fürchten Schwester Sonne nicht wiederstehen kann. Und als sie von ihm genießt, strömt ihre verlorene Hälfte wieder in sie zurück, das in Dunkel und Hell gespaltene, das glücklich-sorglose und das dunkel-verzweifelte Leben von Schwester Sonne und Schwester Mond wird eins, und Schwester Sonne begreift. Sie heilt die von ihr versehrten Lande mit ihrer Magie, macht sie vielleicht sogar ein wenig besser und kehrt – wie sie es einst versprach – zu ihrer Mutter zurück. Diese kennt ihr Schicksal, hat es selbst vor unzähligen Jahren selbst erlebt und übergibt ihre Priesterschaft der Tochter, der verziehen wird. Sie selbst wird vom Gehörnten des Haines in Empfang genommen und geht nach Anderwelt. Interessant am Werdegang der Geschichte ist nicht nur, daß ich hier selbst verfolgen kann, wie ein Motiv sich entwickelt und letztlich seine Reife über vier Jahre hinweg erkämpft, sondern auch, wie die kleine Geschichte, die ganz am Anfang im Kompendium des ersten Märchenbuchs war, dieses verließ, sich verwandelte, um schließlich wieder dahin zurückzukehren.

Der Argonautische Goldvließraub

Zu dieser Geschichte möchte ich gar nicht allzuviel sagen. Daß ich sie ungemein gern habe von den älteren Sachen, steht außer Frage, insbesondere, weil ich sie ausgesprochen amüsant finde und den Stil nach wie vor in seiner fast lyrischen Dichte sehr mag. Die Geschichte entstand 1998/99 (genau weiß ich das nicht mehr), während ich Thomas Leichtfuß auf seiner Zivildienststelle im Malteserhof im Siebengebirge besuchte. Er bewohnte da einen mittelalterlichen Turm mit einem phantastischen runden Fenster, das aufgrund der Mauertiefe von mehr als einem Meter einen herrlichen Platz abgab, sich hineinzusetzen und Geschichten zu schreiben, während Thomas unten im Garten entweder Laub kehrte oder Äste in einen Schredderer schob. In dieser Zeit entstand auch “Pluto und Hyronimus”, und beide Geschichten in einem wahren Schreibrausch und am Stück. Die Geschichte spielt mit der Sage vom goldenen Vließ und turnt sich breit grinsend durch den Homer hindurch, recht frech die verschiedenen Figuren für eigene Zwecke mißbrauchend. Natürlich war es Odysseus, nicht Jason, der sich bei Circe verlag, und Chiron war der Lehrer von Herkules. Auch ist die Geschichte vom goldenen Vließ gänzlich umgestrickt, denn es hat rein gar nichts mit Circe zu tun, und vom Leuchtkäfer-Himmel zeugt zwar ein klagender Brief an meine damalige Circe, aber keine Stelle in den alten Epen. Natürlich – bei welcher Geschichte in “Krähe und Nachtigall” könnte man das nicht sagen – handelt es sich um eine Liebesgeschichte, und wenn die Taube mit einer Locke des Vließes zu Jason kommt, braucht man weniger in der Antike zu suchen als bei Eilharts von Oberge “Tristrant”, wenn das Federtier eine Locke Isoldes zu König Marke bringt. Und, ganz unter uns, Chiron gallopiert als Genuß-Zentaur nur auf dem Deck der Argo, weil er zugleich als menschköpfiges Pferd Symbol für den Schützen ist – und auch Schützen-Männer kriegen den Hals nicht voll und sind eben Schweine.

Die Sage vom Ewig Kämpfenden Ritter

Ich denke, seit Lanzelot mit sich selber kämpfte, ohne gewinnen zu können, empfing er doch jede ausgeteilte Wunde selbst, ist dieser Topos immer und immer wieder aufgenommen worden. Innerhalb des Nâhtegal-Zyklus – und auch darüber hinaus – gehört er auch bei mir zu den stehenden Topoi, die, immer wieder neu interpretiert, immer wieder kehren. Nichtdestotrotz dürfte diese 1996 entstandene Geschichte die älteste Version davon sein. Sie entstand für jenes Märchenbuchprojekt, an dem ich gemeinsam mit Sonja Mlynarski 1995/1996 arbeitete, und dessen Kernstücke letztlich zu den Geschichten es toten Barden wurden. Und es spiegelt noch sehr “unverdaut” den Kampf widerstreitender Kräfte in einem Selbst, aus dem Nichtbegreifen heraus, daß beide Teile erst das Ganze ergeben. In Reinform tritt das Motiv – allerdings ohne Ritterrüstungen – schließlich in den “Sieben Kelchen” auf, wenn Nâhtegal sich in Nebelland dem dunklen Prinzen stellen muß – und hier wird das Motiv auch aufgelöst, denn er reicht dem dunklen Prinzen letzthin begreifend seine Hand. Aber auch der Kampf mit der Statue der Luft im letzten Kapitel der “Sieben Kelche” rekuriert darauf, wenn der Ritter vom Podest steigt und die unangenehme Eigenschaft aufweist, getroffen zugleich die Wunde beim Schlagenden erscheinen zu lassen. Interessant, wenngleich – da nicht veröffentlicht – nicht anschaubar ist die Richterszene in “P”, einem kleinen absurden (und meinem ersten) Theaterstück von 1996. Auch hier erhält P. jeden ausgeteilten Schlag zugleich selbst, weil der Richter mit ihm identisch ist. Verwandelt tritt das Motiv auch im “Spiegelbruch” auf, wenn Animus aus dem Spiegel tritt und eigentlich mit Nâhtegal identisch ist, aber der zentrale Punkt, nämlich die Konfrontation mit dem Fremden und Gehaßten in uns selbst, die Abwehr und der Kampf mit uns selbst, das uns die unangenehmsten Vorwürfe macht, bleibt sich gleich. Die jüngste Rekurierung des Motivs ist in den Spaltenzungen zu finden, wo auf Nonnenwerth das Liebespaar in der Rüstung völlig sinnlos miteinander kämpfen. Aber des liegt schon weit außerhalb des Nâhtegal-Zyklusses, und anstatt des doppelten Selbstes kämpfen hier zwei Liebende unter der Maske der Unverletzlichkeit miteinander, während sie sich zutiefst gegenseitig versehren.

Ein Ast vom Baum des Lebens

Dieses Ding ist ein Relikt. Es mag eine Zeit gegeben haben (in der Tat), wo ich diesen Text nicht nur niederschrieb, sondern ihn (wahrscheinlich) auch noch ernst meinte. Es ist eine Weltschmerz-Ode, die sich in Einsamkeits-Floskeln wälzt und in geradezu nietzscheanischer Selbstüberhöhung und Selbstmitleids-Attitüden. Innerhalb des Nâhtegal-Zyklusses taucht dieses Ding zwei Mal auf, und beide Male (in notwendiger Weise) sehr relativiert. Ohne diese Relativierungen könnte man es bestenfalls in das Kuriositätenkabinett dieser Seite einstellen. ;) In “Krähe und Nachtigall” wird es dem Toten Barden in den Mund gelegt, der allein schon durch das “Dumdidelei” davor das ganze ins Absurde zieht. Noch wesentlich angenehmer verfährt Hyronimus damit, der dieses Ding als sein persönliches und ernstgemeintes Lebensgefühl vorträgt, um Puella in “Pluto und Hyronimus” zu beeindrucken. Man muß Martin Herweg als Hyronimus auf der Bühne erlebt haben, wenn er vor gruftigem Weltschmerz geradezu zerfließend das Gedicht in den Saal schmettert und es schafft, daß dieser grölend vor Lachen am Boden liegt.

Die Ballade von Nadir

Dieser Text kann als Selbstverarsche verstanden werden, nichtsdestotrotz ist er niedlich und amüsant. Er entstand zu jener Zeit, als ich aufgrund diverser Ausflüge in die mittelalterliche Literatur gewissermaßen den Schwanz “Mittelalter-Künstler” angesteckt bekommen hatte. Nadir, der in irgendeinem vergessenen Tal in seiner Burg herumhängt und weder vom Ende des Mittelalters etwas mitbekommen hat, noch von irgendetwas anderem, bekommt – etliche Jahrhunderte verspätet – Post: Den Aufruf zum Kreuzzug. Und er nimmt ihn an, schnappt sich einhundert seiner besten Ritter und macht sich auf den Marsch gen Jarusalem – mitten durch unsere heutige Welt. Man nimmt ihn natürlich nicht ernst, und er verzweifelt an der Unmoral und der mangelnden Gottesfürchtigkeit unserer Zeit – im Gegensatz zu immer mehr von seinen Mitstreitern, denen es eigentlich ganz gut hier gefällt. Eine ganze Reihe anderer sterben schlicht an Altersschwäche, und nachdem er zurückgekehrt feststellen muß, daß seine Burg im vergessenen Tal mittlerweile ein Berghotel geworden ist und auch seine Eroberungspläne für eine neue Burg nicht wirklich fruchten, bleibt er zum Schluß allein zurück, verdient seine Brötchen damit, daß er seine Geschichte vorsingt und spart eben auf eine neue Burg. Das Stück eignete sich hervorragend für den Abschluß von Veranstaltungen auf Mittelalter-Märkten, kurz bevor man den Hut rumgehen ließ… ;) .

Von Elfen und Häusern

Noch eine Liebesgeschichte, eine niedliche, und zwar eine, die meistens grundlegend mißverstanden wird. Daß es sich um eine Liebesgeschichte handelt, ist natürlich jedem klar: Da ist der freiheitsliebende Waldelf und das süße Häuschen, dessen Lebenszweck im Bewohntwerden besteht, die Liebe zwischen beiden, das Kletten des Hauses, das im Elf Beziehungs-Klaustrophobie erzeugt und schließlich zum schmerzhaften Bruch führt. Das sieht jeder, und wenn sich Frauen im Haus wiedererkennen und Männer im Elf, wie es dem gängigen Klischee entspricht, so sei das natürlich gerne stattgegeben. Möchte man allerdings an die Wurzel der Entstehung der Geschichte gehen, die notwendigerweise etwas mit mir selber zu tun hat, so zeigt sich schnell ihre Spiegelverkehrtheit: Trotz Waldverliebtheit und Wolfsattitüden dürfte ich 1995, als ich die Geschichte schrieb, mich kaum in Blätterrauscher, Sohn des Wipfelwind, wiedergefunden haben… die Klette war definitiv ich, oder, um es mit den Worten der Waldelfin von 1995 auszudrücken: “Ich habe nicht gedacht, daß Dackel blaue Augen haben können.” *Grumpf*



[Norman Liebold, 14.02.2006
Hintergründe, Krähe und Nachtigall
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Krähe und Nachtigall – 7. Der Tote Barde

Von Norman Liebold geschrieben am: 14.02.2006 unter Hintergründe, Krähe und Nachtigall

[Dieser Artikel ist der 7. von 8 Teilen in der Reihe Hintergrund Krähe und Nachtigall]
Siegburg. Alter Friedhof. Photo: Norman Liebold, 2009
Siegburg. Alter Friedhof. Photo: Norman Liebold, 2009

Der Tote Barde ist Anfang und Ende von “Krähe und Nachtigall”, er ist das Fädenzieher im Hintergrund, er ist Nâhtegals Schicksal, sein Vorgänger als “Ewiger Barde”. Zugleich und sich darin spiegelnd ist dieser Teil des Romans das tradierte Fragment der Anfänge sowohl des Buches wie auch des gesamten Nâhtegal-Zyklusses: Nachdem das “Märchenbuch-Projekt” 1996 scheiterte, aber 1998 wieder als “Das Alineske Märchenbuch” aufgenommen wurde, wurden die Geschichten, die für ersteres gesammelt und geschrieben worden waren, mit hinüber genommen und in den Mund des Toten Barden gelegt. In werkethymologischer Weise war das ein Kunstgriff und ein Spiel mit Metaphern: Derjenige, der diese Geschichten schrieb, war ein anderer Erzähler als der, der 1998 das “Alineske Märchenbuch” in Angriff nahm, sein älteres Selbst. Mir waren die Geschichten, die zwischen 1995 und 1996 entstanden waren, lieb und teuer, auch wenn sie in manch anderer Hinsicht weder stilistisch noch – dies ganz besonders – von ihren Inhalten und Aussagen her nicht mehr den Maßstäben entsprachen, die ich an meine Geschichten anlegte. Die Wirklichkeit des Schriftstellers wurde zur Metapher: Der tote Barde ist das ältere Selbst, daß nicht von seinen Geschichten lassen kann, ehe er sie nicht endlich erzählt hat, aber er ist im Grunde schon längt tot, nur die empfundene Pflicht, sie noch zu erzählen, hält ihn – mehr oder minder – lebendig, vielmehr untot. Vielleicht ist das in der Tat die Wurzel gewesen, aus der das Bild vom Toten Barden entstanden ist, aber es baute sich über die Zeit hinweg mehr und mehr aus. Hatte es im “Alinesken Märchenbuch” noch die Form einer Figur unter anderen, eines Kuriosums neben den anderen Kuriosa der Fabelwesen, so wird der Tote Barde nach etlichen Verwandlungen zum Urgrund für “Krähe und Nachtigall”, und zur Brennlinse vieler Symbole. Das Bild tauchte nicht nur immer wieder auf in verschiedenen Geschichten, es wurde zum Sinnbild eines grundsätzlichen Problems: Des Festhaltens an einer übersteigert empfundenen Pflicht, die eigentlich jede Daseinberechtigung verloren hat und nur noch um ihrer Selbst willen verbissen verfolgt wird. Mit der Folge gelähmter Lebenskräfte und einer Art von Zombie-Dasein.

Die Nachfolge

Wie die Beduinen ihr Erbe an den Nachfolger weitergeben, um so über Generationen über Generationen irgendwann alle Wüsten durchforscht und die Kuppel des gefangenen Gottes erreicht zu haben, so existiert auch bei den “Ewigen Barden” eine Art Meister-Schüler-Verhältnis, wo der Vorgängige seinem Nachfolger sein Wissen anvertraut, damit er den Weg weitergeht und schließlich seinerseits einen Nachfolger wählt. Das selbe Muster wiederholt sich in “Krähe und Nachtigall” mehrfach. Immer existiert eine Tradition, in dessen Läufte sich die Figur integrieren muß: Der Zeitenwächter wird durch den Wassermann abgelöst, der Drachenpriester in die Gemeinschaft der Drachenpriester aufgenommen, und jedes Mal nach verzweifeltem Wehren und Kämpfen. Signifikant ist das Schicksal in “Krähe und Nachtigall” durch das “Zeichen”, daß die Betreffenden auf ihrer Stirn tragen. Die anderen sehen und erkennen das Zeichen auf Nâhtegals Stirn, aber sie verraten ihm nicht seine Bewandtnis. Aber es ist dieses Zeichen, das sie letztlich dazu anhält, ihm ihre Lebensgeschichte anzuvertrauen, denn Nâhtegal ist der künftige “Ewige Barde”, dessen Schicksal es ist, die Läufte der Welt zu durchleben, Geschichten zu lauschen, sie weiterzutragen und lebendig zu halten. Aber Nâhtegal läuft vor seinem Schicksal davon, bis es ihn – in Form all jener kuriosen Wesen und Figuren aus “Krähe und Nachtigall”, Geister, Wassermänner, Wüstenläufer, Zeitenwächter und Drachenpriester – einholt und er sich nicht mehr dagegen wehren kann. Das ist der Moment, wo er seinem Vorgänger begegnet, der nicht mehr nur – wie in der Version von “Das Alineske Märchenbuch” – einfach durch die Schwere seine Geschichten gehindert ist, seinen Frieden hinter dem Mond zu finden, sondern vor allem, weil Nâhtegal vor ihm weggelaufen ist, und Nâhtegal derjenige ist, der ihm die Last seiner Geschichten als einziger abnehmen kann. Ein Großteil des Textes im letzten Kapitel besteht aus den Geschichten, die der Tote Barde Nâhtegal erzählt. Sie werden kurz und gesondert abgehandelt, denn sie sind eigenständig und nicht wesentlich für den Verlauf des Buches.

Anfang und Ende

Wie alle anderen Figuren im Buch – mit Ausnahme der Nebeläugichten, die einfach nur zu blauäugig war – trägt der Tote Barde eine schwere Schuld mit sich herum. Diese Schuld schlägt den Bogen zum Anfang des Romans, denn er war jener Barde, der in das Land der Nebeläugichten kam, dort das Lied vom Nymphenquell dichtete, es ihr vorsang und sich ohne weiteren Kommentar und Erklärung wieder verkrümelte. Wegen seines Liedes irrt die Nebeläugichte ihr ganzen Leben durch Sumpf und Morast, um eine Metapher zu finden. Und letztlich ist es ihre von ihm unerfüllte Liebe, die sie erst in diesen verbissenen Wahn bringt, denn das Lied ist das einzige, was er ihr zurückläßt, und in einer Art Ersatzhandlung erhebt sie es zu ihrem Lebensinhalt. Nâhtegal erlöst ihn, nicht allein, weil er ihm das Gewicht der Geschichten abnimmt und die Nachfolge antritt, sondern nicht zuletzt auch, weil er auf diese Weise auch für die Nebeläugichte sprechen kann – denn Nâhtegal darf im Namen der Nebeläugichten die Verzeihung aussprechen, sie steht am Anfang seiner Reise, und sie trägt ihm dies auf. Eine ganze Nacht lang lauscht Nâhtegal den Geschichten des Toten Barden, und wie dieser mit jeder Geschichte ein wenig leichter wird, so wird Nâhtegal ein wenig mehr der Ewige Barde. Als Krähe – so lautet der Name des Toten Barden – alle seine Geschichten erzählt hat, ist er so leicht, daß er auf dem Mondlicht ins Jenseits der Ewigen Barden reisen kann: Hinter den Mond. Und zugleich ist dies auch die Geburt Nâhtegals, bei der er seinen Namen erhält: Denn gleichsam wie ein Totemtier ist es der Schlag der Nachtigall, der sich ihm verkündet den Namen nennt, unter dem er reisen und Geschichten sammeln wird.

Minnesängertode und andere Metaphern

Der Tote Barde ist voll von Anspielungen, die sich auf den gesamten Nâhtegal-Zyklus beziehen. Er ist eine der zentralen Figuren und Allegorien, und vor allem weiß er um die Bewandtnisse, die Nâhtegal erst nach und nach auf seinem langen Weg bis zu den Dichterdämonen erfahren wird, wenn er Krähes Schicksal selbst teilt und seinerseits auf die Reise hinter den Mond geht, um sich zu seinen Vorgängern zu gesellen. Der Tote Barde ist ein Sinnbild für eine schmerzhafte Neugeburt, wenn eine Phase des Schaffens endet und man als Schreibender zwar weiß, daß dies vorbei und nicht wiederholbar, das Neue aber noch nicht greifbar ist. Es ist ein eigenartiges Pflichtverhältnis, daß man zu seinen älteren Arbeiten empfindet, man käut sich – nicht zuletzt auf Lesungen und anderen Veranstaltungen – immer wieder, obgleich man ihnen schon fremd geworden ist. Die Leser und Hörer erwarten zudem – man sollte nicht glauben, wie drängend das empfunden werden kann -, daß sie mehr davon bekommen, schließlich mögen sie einen darum. Es ist ein langsamer, zuweilen sehr qualvoller Prozeß, denn während man sich in den alten Bildern sicher fühlt, weiß, wie man ein Thema, ein Bild anzupacken hat, muß im Neuen alles erst errungen und erobert und erkämpft werden. Es ist wie der Minnesänger-Tod: Der Quell in einem ist versiegt, aber man muß erzählen, und da einem die Geschichten zugleich Nahrung sind, käut man sie wieder, und jedesmal stillen sie weniger den Hunger, bis man verhungert ist, aber immer noch nicht tot – ein literarischer Zombie, sozusagen. Der Abschluß des Nâhtegalzyklusses war im Grund 2001 mit Die Sieben Kelche vollzogen, die Ablösung dauerte jedoch bis 2003, und erst 2004 entstand mit Eckstein das erste eigentlich neue Stück, das sich unabhängig von der Nâhtegal-Welt bewegen konnte. Und bis dahin hatte Nâhtegal etliches an Spiegeln und Toren zu zerbrechen, und mehr als einen “Totentanz” zu tanzen – seinen abschließenden tanzte er 2003 mit den Dichterdämonen.

Die Geschichten des Toten Barden

Um sie an Nâhtegal weiterzugeben, erzählt Krähe ihm seine Geschichten. Es sind insgesamt neun:

  • Der Nymphenquell (1997)
  • In des Gottes Ei (1995)
  • Zwei Lämmer im Wolfspelz (1996)
  • Die Zwei Schwestern (1995-1999)
  • Der Argonautische Goldvließraub (1999)
  • Die Sage vom Ewig Kämpfenden Ritter (1996)
  • Ein Ast vom Baum des Lebens (1997)
  • Die Ballade von Nadir (1998)
  • Von Elfen und Häusern (1995)

Bei der Umarbeitung vom “Alinesken Märchenbuch” zu “Krähe und Nachtigall” wurden etliche Geschichten des Toten Barden herausgenommen. Die Geschichten “Nacht” und “Der Denker” kamen in den Minnesänger-Komplex, während der “Egel”, zum Beispiel, gar nicht mehr aufgelegt wurde. Zwei der Geschichten, die noch im Alinesken Märchenbuch vom Toten Barden gehört hatten, waren inzwischen eigene Wege gegangen: Der “Nymphenquell” hatte sich zur Insel im See gemausert, die letzthin zum 1.Kapitel von “Krähe und Nachtigall” werden sollte – die Geschichte ist jetzt sozusagen doppelt vorhanden: Einmal in der ursprünglichen Fassung als “Der Nymphenquell”, also das Lied, das Krähe der Nebenäugichten vorsingt, und einmal als die fertige und ausgereifte Geschichte. “Von Rittern und Hexen” (1995) erlebte eine ähnliche Aufbereitung, aus der kleinen Geschichte wurde das Märchen “Die zwei Schwestern” (1999), das 2003 in dieser neuen Form wieder in die Geschichten des Toten Barden aufgenommen wurde. Zuletzt wurden einige weitere Geschichen, die nach dem “Alinesken Märchenbuch” entstanden waren, aber ganz im selben Zusammenhang standen, ebenfalls dem Toten Barden in den verfaulten Mund gelegt: “Ein Ast vom Baum des Lebens”, “Der Argonautische Goldvließraub” und “Die Ballade von Nadir”. Das Ganze habe ich für den Interessierten anhand einer Art “Stammbaum” für den interessierten Leser hier eingestellt. Stammbaum anschauen! Für mich ist es heute sowohl amüsant wie auch faszinierend zu sehen, wie sich ein Buchkonzept über immerhin sieben Jahre hinweg entwickelt. Die einzelnen Geschichten des Toten Barden handle ich gesondert und in kurzer Form gesondert ab. Zu den Geschichten des Toten Barden.

Der Ort der Handlung: Der alte Friedhof zu Siegburg

Nâhtegal begegnet dem Toten Barden natürlich – wie sollte das auch anders sein – auf dem Alten Friedhof in der Siegburger Nordstadt. Auch dies war eine Zeitlang für mich ein Ort, an dem ich mich wohl fühlte und gerade auch zum Schreiben hinkam. Damals war der Friedhof eher selten besucht und wunderbar verwildert, hatte etwas von einem “geheimen Garten”. Leider – zumindest für solche Käuze wie mich – wurde er irgendwann um 1998 herum wieder “hübsch” gemacht, was soviel bedeutete, als daß die schönsten Bäume und Büsche und verwilderten Ecken rigeros niedergemacht wurden, anstatt dieser kamen dann nicht nur irgendwelche Leute, die ihren Spaß dran hatten, Grabmäler umzukippen und zu beschmieren und aller Arten Müll vom benutzten Kondom bis zur Bierdose dort zu plazieren, sondern vor allem Hunde und ihre Besitzer, die den Ort letztlich in ein beschissenes Hundeklo verwandelten.



[Norman Liebold, 14.02.2006
Hintergründe, Krähe und Nachtigall
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