Von Norman Liebold geschrieben am: 17.05.2008 unter Gläserner Sarg, Hintergründe
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[Dieser Artikel ist der 2. von 2 Teilen in der Reihe Hintergrund Gläserner Sarg]
Der Paratext zum »Gläsernen Sarg« ist selbstverständlich George Orwells »1984«. Nichtsdestotrotz sind auch andere Texte als direkte Zitate in die Erzählung eingeflossen. In der mit “Carpe Noctem”1 begonnenen umfassenderen Dokumentation zu den einzelnen Geschichten an dieser Stelle die maßgeblichen Quelltexte und die wortwörtich im Text zitierten Stellen.
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[Norman Liebold,
17.05.2008 |
Von Norman Liebold geschrieben am: 06.04.2008 unter Gläserner Sarg, Hintergründe
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[Dieser Artikel ist der 1. von 2 Teilen in der Reihe Hintergrund Gläserner Sarg]
Es zeigt sich beim “Gläsernen Sarg” zum ersten Mal der Nutzen, bestimmte Erlebnisse und Ideen im LieBLOG festgehalten zu haben – ich kann erstmals genau sagen, wann ich die Idee zum “Gläsernen Sarg” hatte: Am 16.07.2007, als mir ziemlich genau das widerfuhr, was Bauer Rowedder in den ersten drei Kapiteln am Germscheider Steinbruch erlebt und was die Geschichte in Gang bringt. Trotzdem ich mich seit geraumer Zeit näher mit den Blüten des Überwachungsstaates und dem Phänomen “Stasie 2.0″ beschäftige und eine Novelle darüber zu schreiben beabsichtigte, war das eben jenes Erlebnis, das den gewissen Groschen fallen ließ. Das ganz spezielle Quäntchen Absurdistan, dass als Keimzelle betrachtet werden kann, als jener erste Tropfen Quecksilber, der Stück um Stück weitere Tröpfchen an sich zieht und immer mächtiger wird – so mächtig schließlich, dass der Drang, die Geschichte aufzuschreiben, übermächtig wird. Dass die Geschichte in mir arbeitete, zeigt sich auf amüsante Weise darin, dass, als ich am »Dichterbrand« schrieb, mein fiktiver Schriftsteller Richard Beckmann keine andere Geschichte geschrieben hat, als eben den »Gläsernen Sarg«. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass ich, kaum dass der »Dichterbrand« fertig gestellt war, sofort mit den Recherchen für den »Gläsernen Sarg« begann. Dass man in Deutschland versuchen könnte, einen zweiten 11. September zu inszenieren, um endlich einige Gesetze durchzubringen, ist letzthin nur die konsequente Fortsetzung des Gedankens, dass die Bürger absichtlich in Angst und Schrecken gehalten werden, um den Status mehr Zugriffsrechte auf private Daten zu verschaffen. Eine Entwicklung, die, wie ich finde, seit dem Terroranschlag auf das World Trade Center ganz erschreckende Formen angenommen hat. Warum der Lange Eugen? Während ich an der Konstruktion der Geschichte arbeitete, wurdeich mehrfach gefragt, warum ich ausgerechnet den Langen Eugen attackieren wollte, und nicht etwa den Post-Tower – der doch viel mehr an das World Trade Center erinnert und auch sonst wesentlich beeindruckender ist. Die Antwort ist darauf relativ einfach. Der Lange Eugen war vor den Berlin-Umzug das Bürogebäude für die Abgeordneten des Deutschen Bundestages. Er wird damit zum Symbol für den Rechtsstaat, der bis vor wenigen Jahren versuchte, die Menschenrechte hochzuhalten und der sich strikt weigerte, an kriegerischen Auseinandersetzungen gleich welcher Art teilzunehmen. Abgesehen davon war noch zwei andere Umstände dafür verantwortlich, dass sich die Transall in das Hauptgebäude des UNO-Campus rasen lasse. Zum einen natürlich die UNO selbst, die sich als Inbegriff einer weltweiten, sich für den Frieden einsetzenden Institution für diesen doppelten Angriff in allegorischer Weise anbietet, denn ihre Ziele werden ad absurdum geführt, wenn Angriffs-Kriege wie gegen den Irak und Afghanistan von ihr geduldet werden müssen. Zum anderen: ist es vielleicht schon einmal aufgefallen, dass das UNO-Logo, das oben auf dem Gebäude prangt, entschieden wie eine Zielscheibe ausschaut? Natürlich kann und möchte ich nicht behaupten, dass dergleichen durch die Regierung wirklich in die Wege geleitet werden könnte. Es ist nichts anderes als ein Gedankenexperiment, eine Dystopie in deer Tradition von ’1984′ oder ‘Brave New World’1 Dergleichen Überlegungen lassen, und das vielleicht nicht unberechtigterweise, auch an diesbezügliche Übertreibungen und Verschwörung-Theorien denken. Oder sogar an paranoide Wahnvorstellungen. Das ist ein Grund, weshalb ich mir als Protagonisten einen psychisch Kranken wählte, der dafür prädestiniert ist. Denn indem ich die Novelle aus seiner Sicht schreibe, halte ich die Möglichkeit offen, dass es sich in der Tat um nichts als Wahnvorstellungen handelt oder gar um Halluzinationen. Hinzu kommt eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt: nämlich die, wo Charakter aufhört und Wahnsinn beginnt, beziehungsweise wann man jemanden denn überhaupt als verrückt bezeichnen könnte. Diese Fragestellung und das Spielen mit dieser Grenze ist ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte: Bis zum Ende bleibt offen, was und wie viel vom Geschehen objektiv passiert ist, und wann es sich um die verzerrte Wahrnehmung Rowedders handelt oder gar um tatsächliche Halluzinationen. Insbesondere all das, was nach seinem Wutausbruch in der Gedenkstätte Wachtberg geschieht, bewegt sich in dieser Grauzone. Das ist auch in gewisser Weise ein Schutz für mich selbst, da das Szenario, was ich zeichne, doch schon recht »grenzwertig« ist und subversiv, wie Frau Adele Wischner von der Rundschau bei der Buchvorstellung meinte – über den Umweg, dass es sich theoretisch nur um eine Wahnvorstellungen handeln könnte, sichere ich mich ein wenig ab.2 Auch dies ein Grund, weshalb ich in der Beschreibung des Inneren vom Langen Eugen und des Ahr-Bunkers absichtlich von der Realität abweiche. Mit dem Anfangspunkt des Steinbruchs, dem Endpunkt der Zerstörung des langen Eugen und dem Wahnsinn des Protagonisten als Filter sind die drei Grundpfeiler der Novelle umrissen, an denen ich das Handlungs-Gerüst aufhängen konnte. Dieses Gerüst stand etwa Oktober 2007, und sammelte seitdem ständig Details, Anekdoten und Beobachtungen um sich. Dass ich letztlich einen manisch-depressiven Bauer als Protagonisten wählte, hat vielleicht mit dem Phänomen zu tun, dass, wenn man an einer Geschichte arbeitet, entweder die eigene Sicht alles auf diese Geschichte bezieht, oder aber tatsächlich die Welt bestimmte Menschen und Ereignisse in den Weg legt, die bedeutungsvoll für die Erzählung werden.3 Nachdem für mich feststand, dass die Hauptperson, aus deren Sicht ich schreibe, in den Augen des Lesers irgendeiner Form des Wahnsinns sein Eigen nennen musste, wurde ich von verschiedensten Seiten auf das Phänomen der bipolaren Störung aufmerksam gemacht, an deren Formen bekanntermaßen mehr als vier Millionen Deutsche erkrankt sind. Ich hatte das große Glück, von zweien mir sehr lieben Menschen das innere Erleben aus erster Hand und in sehr nachzuempfindener Weise geschildert zu bekommen, und ich hoffe, dass ich dem in der Gestaltung meines Charakters gerecht geworden bin.4 Die ein oder andere Szene wurden von den Schilderungen inspiriert. Die fiktive Person Rowedder hat nicht das geringste mit lebenden Personen zu tun, sie ist eine frei erfundene Figur, die ich speziell zum Zwecke dieser Geschichten-Konstellation und nach deren Anforderungen kreiert habe. Es darf dabei auch nicht vergessen werden, dass das Erleben der manisch-depressiven Störung ein nicht geringes Echo in mir selber fand, denn es würde mich nicht verwundern, wenn das auf und ab von wild an einem Projekt arbeiten einerseits und dem nachfolgenden, zum Teil mehrere Wochen andauernden ausgebrannt sein durchaus Parallelen aufwiese – ohne eine solche Parallelität hätte ich mich, glaube ich, nie vermessen, eine solche Figur beschreiben zu wollen.
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[Norman Liebold,
06.04.2008 |