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	<title>LieboldBuch - Der Schriftsteller Norman Liebold &#187; Die 7 Kelche</title>
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		<title>Die Sieben Kelche – 3. Das Buch der Heilung</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Feb 2006 10:29:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Norman Liebold</dc:creator>
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		<title>Die Sieben Kelche – 2. Das Buch der Wandlungen</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Feb 2006 10:25:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Norman Liebold</dc:creator>
				<category><![CDATA[Die 7 Kelche]]></category>
		<category><![CDATA[Hintergründe]]></category>

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		<description><![CDATA[View at Picasa 24-Apr-2007 14:39 View at Picasa 24-Apr-2007 14:31 View at Picasa 24-Apr-2007 13:59 Das “Buch des Wandels” könnte auch das Buch der Tore genannt werden. Nâhtegal wird durch den Trank des Muts in eine Parallelwelt geschleudert, die aus einem Alptraum zu stammen scheint. Es ist beständig Nacht, das Land versinkt in einem zähen, [...]]]></description>
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</td>
</tr>
</table>
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</div>
<p>Das “Buch des Wandels” könnte auch das Buch der Tore genannt werden. Nâhtegal wird durch den Trank des Muts in eine Parallelwelt geschleudert, die aus einem Alptraum zu stammen scheint.<br />
Es ist beständig Nacht, das Land versinkt in einem zähen, ekelerregenden Morast und überall wächst ein schwarzes Dorngerank, das alles überwuchert und erstickt.<br />
In diesem Zwischenreich befindet sich der “Dom”, jetzt nur noch Ruine, aber seine vier Tore sind ausschlaggebend für Nâhtegals Entwicklung im zweiten Buch. Ein jedes Tor reißt ihm eine seiner Masken vom Gesicht, sein Selbstbild wird zerstört, bis er am Ende wirklich <em>nackt</em> ist, gereinigt von Selbsttäuschungen würdig, auf die dritte Ebene zu steigen.<span id="more-217"></span></p>
<h3><a name="kap_1"></a>Kapitel 8.: Nebelland</h3>
<p><!--{{{--></p>
<p style="text-align: right;"><strong>Tarot-Entsprechung: VIII DIE KRAFT</strong></p>
<p>Nâhtegal findet sich in “Nebelland” wieder, am Ufer eines Sees, der so riesig ist, daß er kosten muß und Süßwasser schmecken, ehe er begreift, daß es kein Meer ist. Riesige Muscheln und Ammonshörner aus Silber liegen am Strand, und durch die Wasser ziehen die Schlangendrachen.<br />
Er braucht eine Weile, um zu verstehen, daß er auf der anderen Seite des Nebels ist. Wenn er jetzt die Melodie spielt, sieht er die “reale” Welt in den dunstigen Schleiern.<br />
Es dauert nicht lang, und er muß begreifen, daß mit dem Land etwas nicht stimmt. Aus dem Meer kommt ein gigantisches Ungeheuer, lauter Tentakel mit einem Auge darinnen und einem Maul für ein Haus groß genug. Er flieht in den Wald, hört enttäuschtes Jammern und sieht zurückspähend, daß das Ungeheuer am Strand hockt und offensichtlich einsam und traurig ist, aber die Furcht ist größer als das Mitleid, daß Nâhtegal zu seinem Erstaunen fühlt. Er schlägt sich weiter in den Wald.</p>
<p>Der Wald ist krank, die Bäume abgestorben. Der Boden ist schleimiger, schwarzer Morast, und überall kriechen die Ranken mit messerscharfen Dornen. Nâhtegal kann ihnen beim Wachsen zusehen, so schnell wuchern sie. Mühsam kämpft er sich vorwärts, bis er ein Licht sieht und auf eine Lichtung gelangt.</p>
<h3>Die Kapelle</h3>
<p>Die Lichtung und die Kapelle, die darauf steht, sind vor den Dornenranken geschützt. Zwar versucht das Gewächs, über die Lichtung zu kriechen, aber es verdorrt, sobald es über die imaginäre Grenze gelangt ist.<br />
Die Kapelle ist das Herzstück des Nebellandes. Als Nâhtegal sie betritt, fallen ihm die Schnitzereien und Steinmetzarbeiten auf, die sie verzieren, und er ahnt, daß das schwarze Rankengewächs einstmals etwas Schönes war, Wein vielleicht, sich aber verwandelt hat durch irgendetwas.<br />
Trotzdem draußen ewige Nacht ist und in der Kapelle kein Licht brennt, ist es hell. Licht dringt durch die Fenster, als ob draußen hellichter Tag wäre, und das Licht wandelt sich mit den Stunden, so als ob draußen ganz normal der Tag zur Neige ginge. Die ewige Nacht hat keinen Einfluß auf die Kapelle.<br />
Im Inneren entdeckt Nâhtegal sieben große Fenster, in deren Scheitel ein Kelch abgebildet ist mit einer Zahl. Im ersten Fenster und im zweiten sind die Kelche zu erkennen, und er erkennt sie wieder: es sind die beiden, die er bereits getrunken hat. Darunter zeigen sich Bilder. Unter dem ersten Kelch der Steg, auf dem er ihn trank, umringt von Schlangen. Das Bild unter dem zweiten Fenster zeigt ein Gleichnis seines Übergangs zur Nebelwelt.<br />
Als er die anderen Bilder beschauen will, stellt er fest, daß sie nur aus dem Augenwinkel Bilder zu zeigen scheinen, beim direkten hinschauen aber ein kubistisches Wirrwarr an Farbenmosaiken.<br />
Das Gewölbe der Kapelle zeigt das angefangene Fresko eines riesigen Schlangendrachens, aber erst zwei der Bereiche sind fertig. Der Altar ist ohne jede Verzierung.</p>
<p>Die Kapelle sind die “Sieben Kelche” und zugleich Nâhtegals Wanderschaft. Er kann nur das erkennen, was er bereits erlebt hat &#8211; die zwei Kelche, die er bereits trank, das, was er von den Schlangendrachen schon begreifen kann.<br />
Die Kapelle wird im dritten Buch wieder auftauchen, um Stück für Stück vollständiger zu werden.<br />
Nâhtegal erinnert sich an seine Vision, die ihn hatte über dieses magische Land fliegen lassen, um ihm zuletzt sein Wachtraumgesicht zu zeigen. Das Land ist verändert, aber er hofft, Landmarken wiederzuerkennen und macht sich auf den Weg, die Insel im See zu finden.</p>
<p><!--}}}--></p>
<h3><a name="kap_2"></a>Kapitel 9.: Domruinen</h3>
<p><!--{{{--></p>
<p style="text-align: right;"><strong>Tarot-Entsprechung: IX DER EREMIT</strong></p>
<p>Nach endlosem Irren stößt Nâhtegal auf einen alten Torbogen, der als Ruine und ohne Mauer im Wald steht &#8211; und, er weiß selber nicht, warum, es hat etwas symbolisches für ihn, tritt er durch ihn hindurch.<br />
Er findet sich im Innern einer Domruine, auf einer Wiese, die von der Sonne beschienen wird, und drüber spannt sich blau der Himmel. Wenn er durch das Tor schaut, blickt er n den finsteren Sumpf voller Dornen, in dem ewige Nacht herrscht.<br />
Der Weise wartet bereits auf ihn, und Nâhtegal, ihn fragend, wie er sein Wachtraumgesicht finden kann, erhält die Antwort:</p>
<p><!-- auszug {{{--></p>
<table border="0" cellspacing="0" cellpadding="0" align="center">
<tbody>
<tr>
<td valign="top">[…] “Du bist fast schon da. Siehst Du dort<br />
das andre Tor?” Ich folgte seinem Blick,<br />
und auf der andern Seite der Sonnenwiese<br />
öffnete sich spiegelgleich ein zweiter Bogen,<br />
dahinter die Nacht dunkel wogte.<br />
“Durchschreitest Du dieses Tor, bist Du<br />
im Herzen dieses Landes. Und das Herz des Landes<br />
ist niemand anderes als die Du suchst.<br />
“Schon wollte ich durch Sonn und Gräser laufen,<br />
doch der Fremde, er hielt an der Schulter mich zurück.<br />
“Der Weg ist weiter, als Du glaubst!” sagte er,<br />
“Du wirst Federn lassen müssen dort hinüber!”<br />
Ich schaute zum Tor, es war nicht weiter<br />
als vielleicht drei Dutzend Schritte.</td>
<td width="20"></td>
<td valign="top">“Du mußt ihr nackt gegenüber treten,<br />
denn auch sie ist nackt. Deine Masken,<br />
sie nützen Dir nichts, sie spricht nur mit Dir,<br />
und alles, was Du nicht bist,<br />
mußt Du auf dem Wege lassen.<br />
Es wird Dir entrissen werden, und ich sage Dir,<br />
das wird nicht leicht für Dich!<br />
Vier Tore liegen zwischen Dir und dem,<br />
was Du zu finden hoffst, vier Tore,<br />
und ein jedes reißt Dir eine Maske vom Gesicht,<br />
ein jedes wird schmerzvoller als das vorige!<br />
Und noch kannst Du zurück, wend’ Dich um<br />
und geh durch das Tor, durch das Du gekommen bist!”<br />
Ich fuhr ihn an:<br />
“Und dann? Ist’s nicht so, daß dies der einz’ge Weg,<br />
Die andern Kelche mir zu erwerben?”</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p><!--}}}--> <!--}}}--></p>
<h3><a name="kap_3"></a>Kapitel 10.: Das erste Tor</h3>
<p><!--{{{--></p>
<p style="text-align: right;"><strong>Tarot-Entsprechung: X DAS GLÜCK/SCHICKSAL</strong></p>
<p>Nâhtegal findet sich in einem Hauseingang in Köln wieder. Seine Kleider sind von den Dornen Nebellands zerrissen, er selbst über und über mit Schlamm verkrustet. Er hat nichts, die Menschen starren ihn an wie einen Verrückten, und in einem Schaufenster widergespiegelt stellt er fest: zu recht.<br />
Es ist seine Flöte, die ihn rettet. Verloren und einsam will er sich mit dem Klang der magischen Melodie trösten, und die Menschen sind verzaubert. Sie werfen ihm genug Geld zu, während er spielt, daß er sich davon neue Kleider kaufen und ein billiges Zimmer nehmen kann.<br />
Aber er weiß nicht, was das soll, warum er hier ist.</p>
<p>Im ersten Tor wird Nâhtegals Glauben an seine Einmaligkeit als Mensch zerstört. Er erlebt die Stadt mit ihren Unzähligen Bewohnern, von denen er ein einzelner ist.</p>
<p><!-- auszug {{{--></p>
<table border="0" cellspacing="0" cellpadding="0" align="center">
<tbody>
<tr>
<td valign="top">[…] All diese Schicksale, eng an eng<br />
wie in jenem Hause dort,<br />
wo ein Fenster neben und über dem andern klebte,<br />
hundert Fenster, tausend Fenster.<br />
Wie viele Menschen<br />
wohnten dort? Übereinandergestapelt wie Schuhkartons<br />
die Räume, in jedem war ein Mensch,<br />
standen Dinge, die ihm was bedeuteten, tausendfach,<br />
überall ein Licht, ein Tisch, Stühle, Schränke, Bücher,<br />
Gedanken, Gefühle, Schicksale. Es erschlug mich,<br />
mehr kann ich nicht sagen, es war zu viel.<br />
Ein Schicksal konnte ich mir vorstellen, auch zehn,<br />
zehn Leben von Geburt bis Tod, voll Lieben,<br />
Hoffen, Hassen, Zweifeln, Ängsten, doch tausend?<br />
Millionen? Milliarden? Eng an eng, und ich,<br />
ich eines davon, ein Milliardstel? Ich stürzte, stürzte<br />
in mich zurück, die Melodie verklang mit schrägem Ton<br />
und hallte ängstlich wider in der Häuserschlucht.<br />
Etwas wie Verzweiflung war in mir, ich konnt<br />
nichts mehr denken, nichts mehr fühlen, war<br />
nichts mehr als ein Sandkorn in der Wüste.</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p><!--}}}--> Er versucht verzweifelt, seiner Vereinsamung, seiner Verlorenheit Herr zu werden, aber es verfolgt ihn, in Zeitungs-Schlagzeilen liest er von Katastrophen und Kriegen, er erlebt einen Autounfall mit, wo Leben einfach ausgelöscht werden, und schließlich fühlt er sich als ein unwichtiges Nichts, als einer von Milliarden, der jederzeit und ohne Spuren zu hinterlassen wieder verschwinden wird.<br />
Er irrt durch die Stadt, will nur Ruhe und verkriecht sich schließlich auf einem Friedhof.</p>
<p><!--}}}--></p>
<h3><a name="kap_4"></a>Kapitel 11.: Das zweite Tor</h3>
<p><!--{{{--></p>
<p style="text-align: right;"><strong>Tarot-Entsprechung: XI DIE GERECHTIGKEIT</strong></p>
<p>Das ist eines meiner Lieblingskapitel, und ich möchte dazu gar nicht allzuviele Worte verlieren. Ich stelle es hier einfach vollständig <a class="liinternal" href="file:///D:/sicherungen/nahtegal.de/scriptorium/buch_sieben-kelche/auszug_2-tor.html">online</a> zum Lesen.<br />
Nâhtegal findet auf dem Friedhof keine Ruhe, kaum ist er da, kriecht ein redseliges Skelett aus einem Grab, hustet Staub und fühlt sich sehr philosophisch aufgelegt.<br />
Auf Nâhtegals Fragen hin &#8211; wann hat man schon die Möglichkeit, jemanden zu Fragen, der den Tod gesehen hat &#8211; doziert es aber nur graue Theorie und faselt vor sich hin.<br />
Nâhtegal begeht den Fehler, ihm das zu sagen, woraufhin das Skelett nicht nur beleidigt ist (es ist nämlich nicht sehr kritikfähig), sondern sehr ungehalten wird. Es rächt sich, indem es unseren Spîlman psychologisch auseinandernimmt und ihm sämtliche Selbstbilder hemmungslos zertrümmert.<br />
Nachdem Nâhtegal den Glauben an seine Einzigartigkeit im ersten Tor verlor, verliert er jetzt sein Bild von sich selbst.</p>
<p><!--}}}--></p>
<h3><a name="kap_5"></a>Kapitel 12.: Das dritte Tor</h3>
<p><!--{{{--></p>
<p style="text-align: right;"><strong>Tarot-Entsprechung: XII DER GEHÄNGTE</strong></p>
<p>Der Gehängte im Tarot steht auf dem Kopf, und er sieht plötzlich seine Welt aus einem gänzlich anderen Blickwinkel. Es ist schmerzvoll, aber zugleich <em>begreift</em> er seine Welt vollständiger.<br />
Nâhtegal, am Morgen vom Friedhof kommend, völlig zerstört, schreitet durch das große mittelalterliche Tor in Köln, das in diesem Moment für ihn zugleich das Tor zu Nebelland wird: Er findet sich wieder im Inneren der Domruinen, und er hat die Wiese überwunden, steht vor dem Tor, daß ihn zu seinem Wachtraumgesicht bringen soll.</p>
<p>Aber in dem Moment, wo er hindurchgehen will, tritt ihm von der anderen Seite her der <em>Dunkle Prinz</em> entgegen. Das Tor ist Spiegel, aber Nâhtegals Spiegelbild ist gleichsam aus einem Alptraum entsprungen: <!-- auszug {{{--></p>
<table border="0" align="center" background="http://www.norman-liebold.de/wp-content/myfotos/scriptorium-bilder/1997_luna-lina_bg.gif">
<tbody>
<tr>
<td valign="top">Er schien mir wie ein Spiegelbild sich zu verhalten:<br />
Von der selben Seite war er aus dem Morast getreten,<br />
stand nun ganz wie ich im Bogen, hatte gar<br />
dieselbe Haltung inne, starrte mich an, wie wohl ich<br />
ihn nicht viel anders anstarren mußte.<br />
Doch es war gewißlich kein Spiegelbild!<br />
Der Mann dort war nicht ich! Er war ein Monster fast:<br />
Verwachsen und mit glüh’nem Blick schien er mir<br />
wie der Leihaftige daselbst. Seine Haut<br />
war mit Schwüren bedeckt, sein Gesicht war blaß,<br />
das Haar ihm ausgegangen. Und doch: Seine Züge<br />
waren gleichsam die Meinen, nur verzerrt und grotesk,<br />
und plötzlich kam mir ein Begreifen:<br />
Die Landschaft hinter diesem Tor war spiegelgleich<br />
mit jener hinter dem anderen! Jede Ranke, jeder Baum,<br />
die Hügel unter dem bleichen Mond, alles war<br />
Spiegelbild! Ein Tor spiegelte sich in dem Andern!<br />
Ich hob die Hand, und die häßliche Gestalt tat’s auch.<br />
Ich verzog das Gesicht grimmasierend, und sie,<br />
sie tat’s mir gleich, ihre Züge entgleisten,<br />
es war grauenhaft, fast als wollte ihr das Fleisch<br />
vom Schädel springen, doch es waren ohne Zweifel<br />
meine eigenen Grimassen, wenn auch grotesk verzerrt.<br />
Das war mein Spiegelbild! Ich schrie.</td>
<td width="20"></td>
<td valign="top">Auf dem Boden vor mir lag ein Stein, ein Bruchstück<br />
vom Gewölbe wohl, und mit aller Kraft hieb ich<br />
mit diesem auf den Spiegel ein, und mein Spiegelbild,<br />
es hatte einen schlamm’gen Stein aufgeklaubt<br />
und tat grad wie ich, von der andern Seite aus.<br />
Als der Riß sich zeigte, bebte alles rings umher.<br />
Innehaltend starrte ich den Andern an. Er starrt’<br />
zurück &#8211; meine eigne bitterböse Karikatur &#8211; und<br />
plötzlich bekam ich Angst. Was hatte ich getan?<br />
Was wußt ich schon von dieser mag’schen Welt?<br />
Der Riß weitete sich, verästelnd kroch er<br />
über die ganze Fläche im Bogen hin, und Dunkelheit<br />
sickerte wie dunkles Blut aus ihm hervor. Sie floß<br />
auf das Gras der Wiese, und sofort<br />
verwandelte es sich zu Schlamm, und eine Dornenranke<br />
kroch daraus hervor und wucherte so schnell<br />
wie eine Schlange kriecht. Das dunkle Blut<br />
floß wie der Schatten einer Wolke über Land,<br />
und noch bevor der Spiegel mit einem Dröhnen barst,<br />
war die Wiese und das Land schon Morast und Dorn.<br />
Das Azur des Himmels zerplatzte grad wie der Spiegel<br />
in tausend Scherben, die wirbelnd hinunter fielen<br />
und unheimlich schimmernd im Morast versanken.<br />
Doch mein Spiegelbild, das blieb stehen, schaut’<br />
genau wie ich verwirrt um sich her und auf den Stein<br />
in seiner krallenbewehrten Klaue. […]</td>
<td width="20"></td>
<td valign="top"></td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p><!--}}}-->Erschrocken, entsetzt und auch aus Angst zerschmettert er den Spiegel, und zugleich <em>zerbricht</em> die “heile Welt” innerhalb der Domruinen: Morast, Dunkelheit und Dornenranken überfluten sie, und das Spiegelbild ist nicht etwa fort, sondern tritt durch den leeren Rahmen auf Nâhtegal zu.</p>
<p><!--}}}--></p>
<h3><a name="kap_6"></a>Kapitel 13.: Der dunkle Prinz</h3>
<p><!--{{{--></p>
<p style="text-align: right;"><strong>Tarot-Entsprechung: XIII DER TOD</strong></p>
<p>Der Dunkle Prinz ist Nâhtegals dunkle Seite, seine Ängste, das, was er an sich haßt und fürchtet. Er verbannte es tief in sein Inneres, ebenso, wie er seine Ängste vor der Welt hierhin einschloss. Sie inkarnierten sich hier, waren voller Wut und Haß, daß er sie aus dem Leben vertrieb und verwandelten sich in Ungeheuer. Und diese Ungeheuer erkannten ihren Peiniger im Dunklen Prinzen wieder und griffen ihn an. Der Dunkle Prinz lebt ein Leben im Krieg gegen Monster, er trägt die Spuren unzähliger Kämpfe, ist verbittert und zynisch und voller Haß gegen Nâhtegal. Und er ist <em>stark</em> geworden und beherrscht hier, in seinem ureigensten Reich, Kräfte der Magie.</p>
<p>Nâhtegal fragt ihn, was dieses Land sei, und er bekommt eine Antwort, die ihm &#8211; nachdem er die Illusion seiner Einmaligkeit in der Stadt und die seiner Selbstbilder durch das Skelett verloren hat &#8211; auch den Glauben an seine innere Integrität raubt.<br />
Dieses Land ist nichts anderes als sein Inneres, und er selbst hat es zerstört durch seine Dummheit. Der Trunk aus dem Kelch des Gifts öffnete die dunklen Höhlen, in die er seine Ängste verbannt hatte und all das, was er nicht sehen wollte, und wie das Gift in seinen Venen kriecht, so kriecht Dorngewächs und Schlamm durch das Land.</p>
<p>Mit dem Zerschmettern des Spiegels <em>befreit</em> er den Dunklen Prinzen, und auch die Insel aus Tag im Innern des zerborstenen Domes wird von der Dunkelheit, den Ranken und dem Schlamm überflutet. Und der Dunkle Prinz fordert Nâhtegal zum Kampf, will ihn vernichten. Er ist ungleich stärker, brutaler und mächtiger, aber Nâhtegal und er sind eins:<br />
Als sein Schlag Nâhtegal trifft und ihn quer über die Wiese schleudert, trifft er zugleich ihn selbst und noch härter. Nâhtegal sieht ihn am Boden liegen, nimmt ein schweres Trümmerstück und steht über ihm, um ihm den Schädel zu zerschmettern.<br />
Aber als der Dunkle Prinz ihn anlacht und “Nur zu!” brüllt, begreift er, wer vor ihm liegt. Und er bittet um Verzeihung. Es vollzieht sich ein Wandel im Dunklen Prinzen, als hätte er nur darauf gewartet. Er reicht Nâhtegal die Hand, und als dieser einschlägt, verwandelt er sich in den dritten Kelch, und getrunken verschmilzt er wieder mit seinem anderen Ich.<br />
Nâhtegal gewinnt viel zurück, seine <em>Kraft</em>, wie die Eingangskarte dieser Tarot-Ebene verspricht. Er hat den Löwen in sich befreit und sich mit ihm arrangiert.</p>
<p>Das Bild des Kampfes mit sich selbst, mit seinem anderen Ich, ist nicht nur in Nâhegal-Bilderwelt ein stehender Topos, es gehört zu den archetypischsten Bildern unserer Kultur. Bereits in den Gralsepen des Mittelalters taucht es auf.<br />
Im Nâhtegal-Zyklus erscheint es sehr ähnlich im Spiegelbruch, als <em>Animus</em> aus dem zerbrochenen Spiegel tritt, um den Auctor in die Mangel zu nehmen. Auch in dem Märchen “Die Sage vom Ewig Kämpfenden Ritter”“(1996) aus “Krähe und Nachtigall” ist das Bild bereits angelegt. Es symbolisiert die Auseinandersetzung mit sich selbst, mit seinen dunklen Seiten, die aber nichtsdestotrotz Teil von uns sind.</p>
<h1><!-- grafik flammenkelch {{{ --></h1>
<p><!--}}}--></p>
<h3><a name="kap_7"></a>Kapitel 14.: Das vierte Tor</h3>
<p><!--{{{--></p>
<p style="text-align: right;"><strong>Tarot-Entsprechung: XIV DIE MÄSSIGKEIT</strong></p>
<p>Diese Sequenz geht auf einen alten Text von mir zurück mit dem Titel “Der wahre Weg”. Dieser Text entstand 1996, und ähnlich wie bei dem Kampf von Dunklem Prinz und Nâhtegal, der bereits in “Die Sage vom Ewig Kämpfenden Ritter”, ebenfalls 1996 enstanden, angelegt ist, zieht sich hier das Bild von den ersten Anfängen des Nâhtegal-Zyklus hindurch.</p>
<p>Nâhtegal hat in den drei Toren alles verloren, was man als “Selbstbild” bezeichnen könnte. Er ist nackt und hat keine Masken mehr. Und jetzt wird das letzte in Zweifel gezogen: Der Glaube daran, daß man die Welt wahrnehmen kann und nicht irr irgendwelche Wahngestalten sieht.<br />
Ihm zeigt sich das Flammentor, das ihm als der einzige Weg erscheint, und er glaubt, endlich den Ausweg gefunden zu haben. Er sieht rechts und links des Weges Gestalten, die sich in die Dornenhecken stürzen und sich dabei die Augen ausstecken und das Fleisch von den Knochen zerren, ein Mann versucht, in ein Blatt hineinzukriechen, ein anderer in einen Stein oder in eine schlammige Pfütze. Und alle schreien sie, daß sie vor sich das Tor und den wahren Weg sehen.<br />
Nâhtegal begreift, daß auch er, der er sich “Der wahre Weg!” schreien hört und das Flammentor sieht, vielleicht gerade gegen eine Wand läuft und sich den Schädel einschlägt, und er muß eine Entscheidung treffen: Er sieht nur diesen einen Weg, er weiß, daß er möglicherweise eine Täuschung ist, aber er hat nur diesen einen.<br />
Er hört auf, die anderen aus den Hecken und Pfützen zerren zu wollen, um ihnen den “wahren Weg” zu zeigen &#8211; denn vielleicht sind sie ja in Wahrheit auf dem richtigen, oder zumindest nicht auf einem falscheren als er. Und er geht <em>seinen</em> Weg. Er steht zu sich, er ist mit seinem Inneren wieder in Einklang &#8211; und geht durch das Flammentor in die dritte Ebene und das dritte Buch.</p>
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		<series:name><![CDATA[Hintergrund Die Sieben Kelche]]></series:name>
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		<title>Die Sieben Kelche – 1. Das Buch der Irrungen</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Feb 2006 10:19:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Norman Liebold</dc:creator>
				<category><![CDATA[Die 7 Kelche]]></category>
		<category><![CDATA[Hintergründe]]></category>

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		<description><![CDATA[View at Picasa 24-Apr-2007 14:44 View at Picasa 24-Apr-2007 14:40 View at Picasa 24-Apr-2007 14:41 View at Picasa 24-Apr-2007 14:28 Das erste Buch der Sieben Kelche finde ich heute etwas zäh. Trotzdem enthält es einige sehr hübsche Sequenzen. Dem Leser, der diese Seite hier aufgesucht hat, wird es um die “Hintergründe” gehen, um das, was [...]]]></description>
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<p>Das erste Buch der Sieben Kelche finde ich heute etwas zäh. Trotzdem enthält es einige sehr hübsche Sequenzen. Dem Leser, der diese Seite hier aufgesucht hat, wird es um die “Hintergründe” gehen, um das, was man (argh!) in der Germanistik “Intention” zu nennen pflegt und um Anekdötchen, was wohl im Leben des Autors dafür Pate stand. Ich will mich bemühen, soweit möglich, eine Sätze dazu zu verlieren (und hoffen, daß sie nicht wiedergefunden werden).<br />
<span id="more-216"></span></p>
<h3>Das Geschehen im ersten Buch</h3>
<p>Das “Buch der Irrungen” beschreibt Nâhtegals Ausbruch aus dem Traum der Realität. Es spielt noch gänzlich im Diesseits, in das Anderwelt bzw. die Rätsel des Seins hineindringen, ohne daß er Antwort darauf finden kann.<br />
Er sucht den zweiten Kelch, hat aber keinen Ansatzpunkt, wo er ihn finden kann und versucht verschiedene Wege.<br />
“Das Buch der Irrungen” kann im Nâhtegal-Kontext mit der Phase des “Minnesänger-Komplexes” gleichgesetzt werden.</p>
<h3>Kapitel 1: Der Kelch des Gifts</h3>
<p><strong>Tarot-Entsprechung: I DER MAGIER</strong><br />
Nâhtegal sitzt in der Nacht auf einem Steg am See, er hat sich von einer Gesellschaft (einer Party vielleicht) zurückgezogen, denn er ist verwirrt von sich und seinem Leben. Zum einen fühlt er, daß ihm die Antworten nicht mehr ausreichen, daß unter den Dingen mehr ist, als er sehen kann, zum anderen aber verwirren ihm seine Gefühle dem anderen Geschlecht gegenüber. Er ist immer in vier Frauen zugleich “verliebt”, die denkbar unterschiedlich sind und in ihm je eine Saite zum Schwingen bringen &#8211; aber keine von Ihnen will er “wirklich”.<br />
Er sieht in senen Träumen und in seinem Gefühl immer die <em>Eine</em>, und die Vier haben immer einen Teil mit ihr gemein, aber eben nur den Einen.<br />
Er will wissen, wer die <em>Eine</em> ist, er will Antworten auf seine Fragen, warum er hinter den Dingen <em>mehr</em> sieht als die anderen.</p>
<p><strong>Der Weise aus Anderwelt</strong><br />
Das Begehren der Antworten ruft den Weisen aus Anderwelt auf den Plan, der ihm bis zum Ende immer wieder begegnen wird, um ihn zu leiten. Er kommt über die Wasser hin geschritten und spielt dabei auf seiner Flöte die Melodie, die die Nebel zwischen Diesseits und Jenseits zu heben imstande ist. Die Melodien finden Widerhall in Nâhtegal, er kennt sie, ohne sie greifen zu können.<br />
Der Weise bietet ihm auf sein Fragen hin einen Kelch zum Trunk an und erklärt, daß er ausgetrunken Antworten verspricht. Nâhtegal sieht in den Kelch und ahnt Antworten und fragt nicht weiter, was der Weise meint, als er spricht:</p>
<blockquote><p>Du fühlst einen Hunger in Dir drin<br />
und weißt doch nicht, was ihn stillen könnt.<br />
Für die Antwort gäbst Du viel,<br />
doch frage ich: Gäbst Du auch genug?</p></blockquote>
<p>Rings um die beiden tauchen jetzt zum ersten Mal die Seedrachen auf. Sie schwimmen im See der “realen Welt”, denn die Nebel sind dünn durch die Melodie, und was hier See ist, ist zugleich der See zwischen den Welten.</p>
<p>Nâhtegal trinkt, trotz seiner Furcht, er entscheidet sich, die Antworten finden zu wollen, und Schmerz durchbrennt ihn: er hat Gift getrunken, und das Gift wird ihn von Innen her ausbrennen, wenn er nicht in gesetzter Frist die sechs anderen Kelche findet und leert.<br />
Wichtig hierbei ist: es geht nicht um den Tod Nâhtegals: Findet er die Kelche nicht, so wird er nur “stumpf” und kann nicht mehr nach Anderwelt schauen, er wird zu einem “gewöhnlichen” Menschen.<br />
Als ich später den Film “Matrix” sah, konnte ich ein anderes Gleichnis für den Kelch des Gifts finden. Es ist ein archetypisches Moment, das in vielen Geschichten und Epen auftaucht, ein Initiationsritus, und wenn Morpheus Neo die zwei Kapseln anbietet, ist das durchaus vergleichbar: Es gibt kein Zurück, und man weiß nicht, was einen erwartet hinter dem Schleier. Und es ist schmerzvoll.</p>
<p>Die Szene selbst, der Steg in der Nacht, im Hintergrund im Haus andere Menschen, die aber plötzlich ganz fern sind, geht auf einen “magischen Moment” zurück, den ich 1996 erlebte. Einer dieser Augenblicke, wo alles den Atem anhält und man etwas “begreift”, ein Wendepunkt, ein Scheideweg. Ohne wasserwandelnde Andersweltler und Schlangen im See, natürlich, aber die Stimmung und das Ergebnis sind gleich. Der Moment 1996 war die Geburtsstunde des literarischen Nâhtegal-Zyklusses.</p>
<h3>Kapitel 2: Die Melodie</h3>
<p><strong>Tarot-Entsprechung: II DIE HOHEPRIESTERIN</strong><br />
Nâhtegal hat das Gift in sich, das ihn von innen her verbrennt. Aber der Anderweltler ist einfach in den See gesprungen, hat sich in eine der Drachenschlangen verwandelt und ist verschwunden, ohne ihm zu erklären, wo und wie er die Kelche finden kann.<br />
Von der Notwendigkeit des Giftes in sich getrieben sucht er verzweifelt nach einem Anhaltspunkt. Da hört er &#8211; an einem See &#8211; jemanden Flöte spielen, und zwar genau jene Melodie, die auch der Alte spielte und die fähig ist, die Nebel zu heben.<br />
Am Ufer des Sees begegnet er einem Mädchen, das die Flöte spielt. Sie kennt einen Teil des Melodie &#8211; vielleicht sogar die Ganze &#8211; bricht aber vor den letzten Tönen ab.<br />
In diesem Moment beginnt Nebel auf dem See zu ziehen, und im Nebel sieht man verschwommen die Drachenschlangen schwimmen.<br />
Aber das Mädchen fürchtet sich. Sie erzählt, daß man ihr ebenfalls den Kelch des Giftes angeboten hatte &#8211; nur war es bei ihr eine alte Frau, und der Kelch sah anders, aber sie hat ihn nicht getrunken, sondern abgelehnt. Jetzt sitzt sie am Ufer des Sees, schaut in die Nebel und sieht die Antworten greifbar nah und doch nicht erreichbar, ist aber damit zufrieden.<br />
Sie lehrt Nâhtegal das Flötenspiel, aber als er drängt, ihm auch die letzten Töne zu lehren, lehnt sie voll Furcht ab: Sie traut sich nicht, sie zu spielen, denn dann kommen die Schlangen und die Alte und bedrängten sie, den Kelch zu trinken.<br />
Im Grunde weiß das Mädchen mehr als Nâhtegal, sie kennt die Melodie bereits, aber ihre Furcht läßt sie stagnieren und sie offenbart ihm das Geheimnis nicht. Sie trennen sich, denn Nâhtegal kann ihrem Begehren nicht Folge leisten, am Ufer zu bleiben und mit ihr gemeinsam gewissermaßen nur schauend am Rande des Rätsels zu leben: Er hat das Gift in den Adern, er <em>muß</em> die anderen Kelche finden.</p>
<p>Die Flötenspielerin ist die erste von Nâhtegals Frauen, die ihn auf seinem Weg ein Stück weiter bringen, ihn etwas begreifen und reifer werden lassen. Der Weg des Wasser, den er beschritten hat, steht unter dem Zeichen der Hohepriesterin, und es werden immer Frauen sein, die für ihn ein Tor zu einer neuen Bewußtseinsstufe öffnen. Die Melodie, die er gelernt hat, läßt ihn nicht mehr los, er spürt, daß sie der Schlüssel ist, um weiterzukommen, und er spielt und spielt in der Hoffnung, die fehlenden Töne zu finden. Er reist umher, immer auf der Suche nach einem weiteren Ton, spielt allerorten die Melodie vor und verzaubert die Menschen mit ihr. Und zu seinem Geburtstag schenkt ihm eine seiner “vier Frauen” eine Spieluhr, wo die Melodie drauf gebannt ist. Seine Hoffnung, schon erloschen, leuchtet wieder auf: Es gibt die Melodie, irgendwo ist sie, sonst hätte sie den Weg auf die Spieluhr nicht gefunden, und er bricht auf zu seiner “Odyssee”.</p>
<h3>Kapitel 3: Odyssee</h3>
<p><strong>Tarot-Entsprechung: III DIE KAISERIN</strong><br />
Nâhtegal irrt ein Jahr lang durch die Welt und jagt der Melodie hinterher, die er auf der Spieluhr gebannt bei sich trägt. Eine Reihe von Frauen verzaubern ihn, weil sie die Melodie zu kennen scheinen, sie singen, auf Instrumenten spielen oder als Bild malen, aber jedes Mal stellt sich heraus, das letztlich er selbst es war, der die Melodie spielend sie inspiriert hatte.<br />
Er hört von einem mysteriösen Spîlman, der flötespielend durch kreuz und quer umherreist, und der &#8211; so wird Nâhtegal erzählt &#8211; die Melodie spielt, die er sucht. Er reist ihm hinterher, aber er scheint immer grad einen Schritt hinter ihm zu sein. Schließlich kann er nicht mehr, ist zu Tode erschöpft, ist alle Wege schon gegangen und an diesem Tiefpunkt entschließt er sich zu tun, was er gleich hätte tun können: Diejenige zu fragen, die ihm die Spieluhr geschenkt hatte, woher sie die Melodie hatte.</p>
<h3>Kapitel 4: Die Spieluhr</h3>
<p><strong>Tarot-Entsprechung: IV DER KAISER</strong></p>
<p>Diese Kapitel ist ein Resümee des Minnesänger-Komplexes, und es ist in der Tat einer ganz bestimmten Frau gewidmet, die wie keine andere vom Minnesänger gequält wurde. In der “Realität”, leider Gottes.<br />
Die “Spieluhr” existiert im Übrigen wirklich, und es ist auch kein Wunder, daß sie in verschiedenen Texten immer wieder auftaucht. Ich bekam sie von ebenjener wundervollen Frau 1999 geschenkt, und es war etwas ganz besonderes, denn mir wurde meine Minnesänger-Verbrechen damit verziehen, und es konnte eine schöne und wertvolle Freundschaft daraus entstehen.<br />
Die zentrale Geschichte um die Spieluhr ist einfach: Das Mädchen, von Nâhtegals Melodie verzaubert, schreibt sie in Noten mit, läßt sie als Spieluhr bauen und schenkt sie ihm. Er hört die Melodie darauf und glaubt, daß dies ein Beweis dafür ist, daß irgendwo ein “Meister” lebt, der die Melodie kennt und sie ihm lehren kann. Er beginnt ihn zu suchen, reist kreuz und quer, und hört von einem Flötenspieler, der umherreist und eben die Melodie spielt, die die Menschen verzaubert.<br />
Daß dieser Flötenspieler er selbst ist, und er niemand anderes hinterherreist als sich selbst, begreift er erst am Ende seiner Odyssee, als er <em>fragt</em>, woher die Melodie auf der Spieluhr kommt.<br />
Er gleicht darin Parzifal, der all die Leiden erleiden muß, weil er zu <em>feige</em>, bzw. zu <em>höflich</em> ist, die Frage nach der Herkunft der Wunder Anfortas zu stellen &#8211; während das Stellen der Frage die Heilung in sich birgt. Wie Parzifal muß Nahtegal erst eine Irrfahrt hinter sich bringen und am Ende sein, ehe er den Mut findet, zur Fragen.</p>
<p>“Die Spieluhr” enthält, wie ich finde, eine der treffendsten Zusammenfassungen des “Minnesänger-Komplexes”:</p>
<blockquote><p>Ich wußte plötzlich, wovor ich immer Angst gehabt:<br />
Daß sie, die ausschaute<br />
wie das Wachtraumbild ausgeschaut,<br />
nicht seine Augen hätte und weniger noch<br />
seine Seele, seinen Geist.<br />
Daß sie, die von ferne ich<br />
wie das weiße Damaskus am blauen Meer<br />
sehnsüchtig schmachtend angeschaut<br />
mit schwerem Herz,<br />
von nahe auch nur eine Stadt sein würde:<br />
Daß das Weiß, von Ferne rein und strahlend,<br />
nah nur Farbe ist, grau und bröckelnd,<br />
dazwischen schmutz’ge Gassen voller Bettler,<br />
Krüppel, angefüllt von Menschen wie allerort -<br />
nicht wie von ferne träumbar<br />
voller wunderbarer, schöner Wesen.<br />
Daß das Meer, von Ferne so blau und helle,<br />
von nahe voller Unrat und stinkend ist,<br />
und man so lieber auf dem Berge stehen bleibt,<br />
schaut und träumend sich vorstellt,<br />
daß dies das heil’ge Jerusalem:<br />
Voller wunderbarer Wesen ohne Falsch,<br />
rein und von nah so weiß wie aus der Fern’.<br />
Lieber im Traume hängenbleibend von Jerusalem,<br />
als zu erfahr’n, daß kein Jerusalem auf Erden ist:<br />
So bleibt uns wenigstens die Hoffnung,<br />
daß Jerusalem dort unten liegt und wir<br />
durch seine Gassen schreiten könnten.<br />
Ich war in nichts anderes verliebt<br />
als in mein eigenes Gefühl,<br />
wollt lieber in rosenroten Träumen<br />
schönes Empfinden schlürfen als zu erfahr’n, zu leben,<br />
was die Wirklichkeit sein kann.</p></blockquote>
<h3><a name="kap_5"></a>Kapitel 5: Narrentanz</h3>
<p><strong>Tarot-Entsprechung: V DER HOHEPRIESTER</strong></p>
<p>Nâhtegal will &#8211; was das andere Geschlecht angeht &#8211; nicht mehr <em>feige</em> sein, und er beginnt, wild in der Gegend herumzuspringen, um jedem Mädchen, das ihm auch nur ansatzweise gefällt, Liebeserklärungen zu machen.<br />
Der “Minnesänger-Komplex” ist aber nicht überwunden, sondern nur <em>verwandelt</em>, denn Nâhtegal stellt sich nicht seiner Angst, sich durch das Gestehen seiner verletzlichen Gefühle <em>verletzlich zu machen</em>. Er bedient Phrasen und macht hohle Liebesgeständnisse, wo er bestenfalls so etwas wie leichte Verknalltheit spürt, und er muß immer wieder dieselbe Erfahrung machen:</p>
<blockquote><p>[…] und drum rannt ich nun umher<br />
und fiel vor jeder Frau zu Knien,<br />
die mein Herz ein wenig schneller klopfen ließ.<br />
Ich posaunt Liebesgeständnisse gleich<br />
bündelweis gebunden aus mir heraus<br />
und mit solch einer Vehemenz,<br />
daß die Unbekannten mich anstarrten,<br />
rot wurden und stotternd zumeist<br />
gar nicht mehr wußten, was zu tun.<br />
Ich genoß es, Ihr könnt mir glauben,<br />
es war ein Gefühl von Macht,<br />
wie sie vor mir erröteten, die Ader am Hals<br />
ganz furchtbar bebte und sie vor mir floh’n!<br />
Ich setzte ihnen nach, ich bedrängte sie,<br />
es war eine Freude, so vorwärts zu stürmen,<br />
vor mir nur Flucht, und hier und da<br />
ein Zugeständnis mir zu rauben.<br />
War ich zuvor scheu und kraftlos dagestanden,<br />
so sprang ich lachend jetzt<br />
den Weiberröcken nach und riß sie,<br />
bekam ich sie zu fassen,<br />
einfach vom begehrten Fleisch.<br />
Doch immer mußt eines ich erfahr’n:<br />
Hatt ich den Rock zerrissen, schaut ich dann<br />
auf das nackte Geschöpf vor mir,<br />
das mit gerötet Wangen, zitternd Herzchen<br />
dort vor mir lag, scheu lächelnd,<br />
die Augen niederschlagend, den Mund<br />
mir zum Kusse bietend, da zerplatzt’<br />
meine ganze Lust wie eine Seifenblase.<br />
Dann mußte ich mir eingesteh’n,<br />
daß allein das Jagen und Springen,<br />
das furchtlos Vorwärtsstürmen<br />
über den eignen Schatten weg die Freud’ gewesen,<br />
nun stand schamvoll ich und zagend<br />
wie ehedem vor dem Geschöpf,<br />
das erwartend sich mir ergeben,<br />
und mußt seh’n:<br />
Ich fühlte nichts.<br />
In mir war alles wund und traurig,<br />
überwand ich mein zagendes Gefühl<br />
und küßte, weil es erwartet wurde,<br />
und mutig kam ich mir nimmer vor.<br />
Doch ich ließ trotzdem es nicht sein,<br />
das Gift tobte in meinen Adern,<br />
und irgendwas in mir wollte glauben,<br />
dies sei der Weg, es zu bekämpfen.<br />
Denn jagend, springend, über jenes hinwegsetzend,<br />
das hemmend sonst mir entgegenstand,<br />
fühlte ich mich frei und stark.<br />
Und jenem Moment, wo ich erfolgreich warb<br />
und meines Lohnes angesichtig spürte,<br />
wie die Seifenblase platzte,<br />
ging ich balde aus dem Weg, indem ich<br />
so übertrieben warb, daß kein Mensch<br />
darauf noch eingeh’n konnt’.[…]<br />
So sprang und hüpft ich überlaut<br />
durch die Welt und Weiberröcken nach<br />
und versuchte zu vergessen, daß in mir drin<br />
noch immer das dunkle Gift sich<br />
durch meine Adern fraß.<br />
Den Blick, den’s mir geöffnet, verschloß<br />
mit Willen ich und wenn’s nicht ging,<br />
und er mir zeigte, was ich nicht sehen wollte -<br />
rannt ich einfach fort</p></blockquote>
<p>Wie viele Menschen durch den “realen” Narrentanz vor den Kopf gestoßen oder verwirrt wurden, kann ich heute nicht mehr sagen. Ich erinnere mich aber gut an zwei Dinge. Zum einen, daß es in der Tat fast eine Art Sport war, sich der eigenen Verlegenheit gegenüber des anderen Geschlechtes zu stellen und &#8211; wenngleich in unheimlich übertriebener Form &#8211; über den eigenen Schatten zu springen, was sich dann zumeist in Kniefall und Liebesgeständnis äußerte. Daß ich zu dieser Zeit ständig ein paar Rosen mit mir herumschleppte, spricht für sich. Und daß, als ich eine Beziehung in der Stadt einging, wo ich als Jugendlicher den Narrentanz tanzte, die Mutter der Betreffenden zu wissen glaubte, daß ich ein ganz schlimmer “Hallodri” und “Schwerenöter” sei, zeigt, daß diese Phase nicht vergessen wurde, denn inzwischen waren etliche Jahre ins Land gegangen… <img src='http://lieboldbuch.de/wp-includes/images/smilies/icon_wink.gif' alt=';)' class='wp-smiley' /> .</p>
<p>Der Narrentanz endet, als Nâhtegal tatsächlich einem Mädchen begegnet, daß mehr in ihm anrührt als nur ein bißchen Herzklopfen: Und er ist genauso schüchtern und gehemmt wie zuvor.</p>
<h3><a name="kap_6"></a>Kapitel 6: Lektion</h3>
<p><strong>Tarot-Entsprechung: VI DIE LIEBENDEN</strong></p>
<p>Nâhtegal begegnet einem Mädchen und fällt ihr narrentanzend zu Füßen, um ihr Liebe zu gestehen und eine Rose zu schenken. Aber er empfindet mehr, als sie ihn lächelnd anschaut, und er bekommt die Angst zu spüren, die er überwunden zu haben glaubte.<br />
Er flieht ins Treppenhaus, um sich mit dem Flötenspiel abzulenken. Erstaunt bemerkt er &#8211; der er lang nicht mehr die Flöte spielte &#8211; daß er einige Töne mehr spielen kann, und die Töne lassen den Weisen erscheinen, der im zu Beginn den Kelch des Giftes gereicht hatte.<br />
Er wird zusammengestaucht, sein Narrentanz wird ihm vor Augen geführt, ihm gezeigt, daß er keinen Mut aufbrachte, denn er hatte nichts zu verlieren, hatte keine Gefühle investiert und mit hohlen Phrasen mit den Gefühlen anderer gespielt.<br />
Nâhtegal bricht in Zorn aus und wirft dem Weisen vor, daß er ihn vergiftet hat, ohne ihm einen Wink zu geben, wie er die anderen Kelche finden kann.</p>
<blockquote><p>”Du hieltst unter Versprechungen ihn mir hin,<br />
verlocktest mich, sprachst,<br />
Antwort sei da drin für mich.<br />
Und ich Tor, ich trank ihn im dümmlichen Vertrau’n!<br />
Und was hab’ ich nun davon? Ha!<br />
Gift frißt in meinen Adern,<br />
und wenn ich nicht in gesetzter Frist<br />
irgendwelche Kelche bis zur Neige sauf’,<br />
werd ich ein tumber Schatten, ausgebrannt,<br />
ohn Ziel, einfach vor mich hin lebend,<br />
um irgendwann dann zu kreppiern, ohn auch nur<br />
die Chance zum begreifen gehabt zu haben!<br />
Und die Kelche, von denen Du mir sprachst,<br />
daß alle ich sie leeren müßt?<br />
Seit Jahren renn ich durch die Landen,<br />
suche, suche und finde nichts,<br />
bin im Kreis gerannt, denn Du,<br />
Du sagtest mir noch nicht einmal,<br />
wo ich die verdammten Becher finden kann!”</p></blockquote>
<p>Der Weise grinst und erklärt Nâhtegal, daß der Kelch des Gifts nicht war als die Entscheidung, sich den Fragen zu stellen. Jedem wird diese Wahl aufgegeben an der Grenze von Kind zum Erwachsenen, die meisten bemerken es nicht, andere &#8211; wie die Flötenspielerin, weisen der Trank zurück, und einige trinken ihn.<br />
Und für einen Moment enthüllt er, wer er wirklich ist, und Nâhtegal glaubt in einen Spiegel zu schauen, der ihn selber zeigt: Älter, weiser und ohne das ruhelose Suchen, denn die Antworten stehen in den Augen seines älteren Selbst, Ruhe und Frieden.</p>
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<h3><a name="kap_7"></a>7. Kapitel: Der Kelch des Muts</h3>
<p><strong>Tarot-Entsprechung: VII DER WAGEN</strong></p>
<p>Nâhtegal geht zurück zu dem Mädchen und durchleidet all jene kleinen und großen Selbstüberwindungen, die mit dem Eingestehen von Gefühlen für den Anderen einhergehen. Er durchlebt das große Zittern vor der ersten Berührung, dem ersten Wort, dem ersten Kuß, und er wird belohnt, denn er wird nicht abgewiesen.<br />
Aber sein Glück dauert nicht lang, denn er ist noch lange nicht von seinem Wahn geheilt: er such <em>die Eine</em> in seiner Geliebten, nicht die Person, und enttäuscht muß die Liebe scheitern.<br />
Er rennt weg, wieder einmal, irgendwohin, in die Ferne, um den Trennungsschmerz zu überwinden, sitzt an einem See und hält ein Glas roten Weines in seiner Hand.<br />
Die symbolische Welt drängt sich in die reale, das Weinglas flimmert, changiert, verwandelt sich in einen Kelch von Bronze, und ihm See ringsum schwimmen die Drachenschlangen, die ihn über die Bewandtnis des Kelches aufklären:<br />
Nâhtegal hat sich seinen Ängsten gestellt, mehr hat er zwar nicht geschafft, aber genügend, um den Schritt in sein Inneres zu wagen.</p>
<blockquote><p>[…] “Dies ist der Kelch des Muts,<br />
trinke ihn bis zur Neige aus oder laß ihn steh’n,<br />
treffe Deine Wahl!<br />
Doch trinkst Du ihn, so wisse,<br />
daß fernerhin Du der Feigheit abgeschworen<br />
und eine Straße gewählet hast,<br />
die Mut von Dir fordern wird!”<br />
Ich sah den Kelch mir an und sprach:<br />
“Hab ich denn eine Wahl? Das Gift schäumt in mir,<br />
ich muß ihn trinken, um nicht nach der Frist<br />
zum tumben Schatten auszubrennen.<br />
Hab einmal ich den Weg gewählt, will ich ihn<br />
denn auch zuende geh’n!”<br />
Und mit diesen Worten setzt ich den Kelch<br />
mir an die Lippen und stürzte in einem Zuge ihn hinunter.<br />
Er schmeckte bitter wie ein starker Schnapps<br />
und wärmte mich tief drinnen, und das Gift<br />
schien weniger hoch zu schäumen.<br />
Doch kaum, daß ich mich drüber freuen konnt,<br />
begann wie bei starkem Schnaps sich alles<br />
um mich herum zu dreh’n, mir war,<br />
als stürzte ich immerfort<br />
in einen tiefen, schwarzen Strudel.<br />
Ich konnt mich wehren, wie ich wollt:<br />
Ich stürzte doch immer und immer tiefer</p></blockquote>
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		<series:name><![CDATA[Hintergrund Die Sieben Kelche]]></series:name>
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		<title>Die Sieben Kelche – 0. Allgemein</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Feb 2006 10:14:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Norman Liebold</dc:creator>
				<category><![CDATA[Die 7 Kelche]]></category>
		<category><![CDATA[Hintergründe]]></category>

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		<description><![CDATA[View at Picasa 24-Apr-2007 14:00 View at Picasa 24-Apr-2007 14:37 View at Picasa 24-Apr-2007 14:41 Wäre der Nâhtegal-Zyklus ein Wein, so sind die Sieben Kelche der Schnaps, der daraus destilliert wurde. Wie oft gebrannt, ist schwer zu sagen. Um im Gleichnis zu bleiben wurde jeder Jahrgang einzeln destilliert, um daraus einen Branntwein zusammenzustellen, der daraufhin [...]]]></description>
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<p>Wäre der Nâhtegal-Zyklus ein Wein, so sind die Sieben Kelche der Schnaps, der daraus destilliert wurde. Wie oft gebrannt, ist schwer zu sagen. Um im Gleichnis zu bleiben wurde jeder Jahrgang einzeln destilliert, um daraus einen Branntwein zusammenzustellen, der daraufhin ein weiteres Mal gebrannt wurde.<span id="more-215"></span><br />
Vielleicht &#8211; das kann nur der Leser einschätzen &#8211; wurde er ein paar Mal zu oft gebrannt und der Alkoholgehalt ist so hoch geworden, daß er nur in kleinen Schlucken genießbar ist.<br />
In jedem Fall sind “Die Sieben Kelche” eine Geschmacksfrage.Sie sind ein dichter Bildereigen, ursprünglich komplett in Versen abgefaßt, dann aber &#8211; weil es arg zu abschreckend wirkte &#8211; wieder dem Scheine nach in einen geschlossenen Text gesetzt. Dem Leser wird nur auffallen, daß die Sprache sehr rythmisch ist und die geschilderten Bilder sehr dicht und lyrisch.<br />
Die “Sieben Kelche” sind &#8211; streng genommen &#8211; so etwas wie ein “modernes Gralsepos”, und sie bedienen nicht nur die komplette Bilderwelt des “Nâhtegal-Zyklusses”, sondern verweisen auf eine Vielzahl von Mythologien und insbesondere auf die Gralsepen des Mittelalters.Trotzdem aber ist es eine moderne Geschichte. Eine allegorische Reise in uns Selbst hinein, und es geht letzthin um das Erlangen menschlicher Reife, insbesondere solcher in der Liebe.Der einzelnen Bilder und Symbole sind derart viele, und zudem sehr verschränkt, daß ich auf die einzelnen im jeweiligen Kontext der Geschichte eingehen will.<br />
Die übergreifenden werden jedoch zuerst abgehandelt.</p>
<h2><a name="struktur"></a>Die Struktur des Epos</h2>
<p>Das Epos ist auf allen Ebenen in höchstem Maße strukturiert. So wie die einzelnen Abschnitte, Bilder und Handlungen symbolische Bedeutungen auf verschiedenen Ebenen tragen, so spiegelt sich dies auch in der äußeren Struktur des Textes wieder.</p>
<h3><a name="zahlen"></a>Numerologisch</h3>
<p>“Die Sieben Kelche” enthalten <strong>21</strong> Kapitel, die sich in <strong>3</strong> Bücher zu je <strong>7</strong> Kapiteln gliedern. Voran- und nachgestellt ist Pro- und Epilog als Rahmen, der die Zahl auf <strong>22</strong> anhebt.<br />
Die Zahl <strong>7</strong> wiederholt sich in der Anzahl der Kelche, die Nâhtegal trinken muß.<br />
Die Zahl <strong>4</strong> bezeichnet ebenso die Anzahl der Tore, die Nâhtegal zu durchschreiten hat, wie auch die Anzahl der Statuen und ihrer Entsprechungen, der viergeteilten idealen Frau.</p>
<p><!--}}}--></p>
<h3><a name="tarot"></a>Bezüge Numerologie &#8211; Tarot</h3>
<p>Das Tarot enthält <strong>21</strong> &#8211; mit dem Narren <strong>22</strong> Karten in der großen Arkana, wobei der Narr den Zahlwert <strong>0</strong> <em>und</em> <strong>22</strong> besitzt, also Anfang und Ende zugleich darstellt.<br />
Jedes Kapitel der “Sieben Kelche” enthält Bezüge zur jeweiligen Karte der großen Arkana. Daß die <strong>21</strong> zugleich in unserem Kulturkreis die Marke zur “Volljährigkeit” ist, spielt für dieses Buch durchaus in dem Sinne eine Rolle, als daß es um das Erwachsenwerden im Sinne des reifen Menschen geht.</p>
<p>Die <em>Großen Arkana</em> des Tarot-Systems beschreiben in symbolischer Form den Weg des Menschen zur Weisheit. Sie werden in drei Ebenen unterteilt, die jeweils sieben Karten enthalten und für eine andere Ebene des Seins stehen:</p>
<ul>
<li> Die Karten I-VII für die Sphäre des irdischen Lebens</li>
<li> Die Karten VIII-XIV für das Innere des Menschen, die magische Welt in uns</li>
<li> Die Karten XV-XXI für die göttliche Welt.</li>
</ul>
<p>Der Narr, der am Anfang und am Ende steht, ist der Mensch, der mit sich selbst und mir der Welt und dem Schicksal im Reinen ist: Am Anfang, weil er nichts weiß, am Ende, weil er Weisheit erlangt hat.<br />
Die Karten an den Scheidewegen zwischen den Ebenen sind “Torkarten”, die sowohl die Erlangung einer gewissen Weisheitsstufe in der jeweiligen Seinsebene symbolisieren, wie sie auch zum einen die Möglichkeit der zufriedenen Stagnation enthalten wie auch zum anderen das Potential, auf die nächsthöhere Ebene zu steigen.<br />
Am Ende des 1.Zyklusses steht die VII, der Wagen. Er symbolisiert zum Einen das “Erwachsensein” in der irdischen Welt und das Erreichen eines Lebensstatusses und ein ausgeglichenes Verhältnis mit den Instanzen der Welt der täglichen Erfahrung (materielle Absicherung, gefestigtes soziales Umfeld, Achtung, Frieden mit den Instanzen wie Staat und Moral) wie auch das Potential des Wagens, aufgrund der Erreichung dieses Statusses sich um seine Seele, sein Inneres zu kümmern.<br />
Der zweite Zylus beginnt (bei Rider) mit der VIII, der Kraft. Das Tier im Innern, das Verdrängte, Ungebändigte aber auch kraftvoll Schöne wird befreit, um Frieden mit ihm zu schließen. Es beginnt die Reise durch die innere Welt, an deren Ende die XIV steht, das Maß. Das Maß ist die innere Ausgeglichenheit mit sich selbst, das, was gerne als “Selbstfindung” beschrieben wird, das Ruhen in sich selbst.<br />
Der dritte Zyklus beginnt mit dem Teufel, der XV. Der Suchende stellt sich &#8211; nun mit sich selbst und der materiellen Welt im Reinen &#8211; den höheren Mächten, die die Welt bewegen, den göttlichen Kräften. Am Ende des Zyklusses steht die XXI, die Welt in ihrer Gesamtheit, die Vollendung, die Weisheit. Der Suchende ist ähnlich ausgeglichen und “sorglos” wie der Narr, als der er am Anfang aufgebrochen ist, aber aus einem tieferen Wissen heraus.</p>
<p>“Die Sieben Kelche” folgen dieser Struktur.<br />
Die drei Bücher zu sieben Kapiteln entsprechen diesen drei Ebenen der großen Arkana. Spielt das erste Buch in der realen, alltäglichen Welt, so stürzt Nâhtegal am Ende des 7.Kapitels in eine verzauberte, dunkle Welt, die, wie er später herausfinden wird, nichts anderes ist als sein eigenes Seeleninneres. Am Ende des zweiten Buches durchschreitet er das Flammentor, um sich in einer dritten Welt wiederzufinden, dem Kern seiner Selbst, wo die Anima in den Dornen gefangen ist.<br />
Diese dritte Welt entspricht der dritten Ebene der großen Arkana, und Nâhtegal muß sich mit seinen Göttern auseinandersetzen.</p>
<h3>Alchemie/ Magie</h3>
<p>Die Zahl <strong>4</strong> ist ebenso stark besetzt, und sie bezieht sich auf die vier Elemente. Die vier Frauen-Idole, in die Nâhtegal Anima zerrissen hat, sind gefangen in Statuen, die jeweils eines der Elemente verkörpern.<br />
Die kleinen Arkana des Tarot sind ebenfalls zu vier Serien den Elementen zugeordnet, die Scheiben/Pentakel der Erde, die Schwerter der Luft, die Stäbe dem Feuer und schließlich die Kelche dem Wasser.<br />
Nâhtegal beschreitet den Weg des Wassers, der Kelche, wobei das Wasser dem Gefühl, dem Unterbewußten und der Liebe zugeordnet ist.<br />
Der “Weise Alte” erklärt Nâhtegal, daß es ebenso die Wege des Feuers, der Erde und der Luft (Willen, Materielles und Intellekt) gegeben hätte, er aber für den Weg des Wasser bestimmt sei.</p>
<h3>Mythologie</h3>
<p>Über die Jahre hinweg entwickelte die Bilderwelt des Nâhtegal-Zyklus ganz eigene Mythen, und in diesem Destillat sind sie sämtlich vertreten. Nichtsdestotrotz tauchen die Kelche zugleich auch in den Schatz der menschlichen Mythen, ebenso wie die einzelnen Bilder des Nâhtegalzyklus diese nicht ignorieren.<br />
Am auffallendsten neben den ihrerseits symbolisch und mythologisch aufgeladenen Elementen des Tarot dürfte der Gral sein. Weniger der Gral des letzten Abendmals, sondern an der keltischen Sagenwelt orientiert der Kessel der Wiedergeburt.</p>
<h2>Romanübergreifende Allegorien</h2>
<h3>Die Kelche</h3>
<p>Sieben Kelche muß Nâhtegal bis zur Neige trinken, ehe er ein reifer Mann bzw. Liebender wird. Der erste Kelch wird ihm von einem Weisen gereicht, der über das Wasser geschritten kommt und ihm Antworten auf die quälenden Fragen verspricht, trinkt er aus ihm. Aber der erste Kelch ist von Gift, und es wird ihm erklärt:</p>
<blockquote><p>“Dies ist der erste Kelch […]<br />
Man nennt ihn den Kelch des Gifts!<br />
Und wirst Du die andern Kelche nicht<br />
bis zur Neige trinken bis zum Letzten,<br />
so wird der Trunk von innen her<br />
Dich bei lebend’gem Leib verbrennen,<br />
bis nur noch ein leerer Schatten Du,<br />
ohn Gefühl, Sinn, Ziel und Freud!<br />
Beeile Dich, Dein Jünglingsein<br />
sei Dir als Frist gesetzt, mit dem letzten Kelch<br />
wirst Du zum Manne oder aber<br />
zum stumpfen Nichts!”</p></blockquote>
<p>Nâhtegal macht sich auf die Suche nach den übrigen sechs Kelchen, die er trinken muß, um nicht auszubrennen. Der erste Kelch ist eine Initiation zum Suchenden, er symbolisiert die Entscheidung, den Weg zu gehen, und als Nâhtegal ihn getrunken hat, gibt es kein zurück mehr. Er muß gehen, er kann nicht länger in der Phase des nur Fragenstellens verbleiben wie das Mädchen aus dem zweiten Kapitel, daß den ersten Kelch zurückwies, als er ihr gereicht wurde und zwar nicht droht auszubrennen, aber eben stagniert.</p>
<p>Die sechs Kelche sind Stufen der Bewußtwerdung, der Reife zur Entscheidung.<br />
Der zweite Kelch ist der Kelch des Mutes &#8211; Nahtegal muß sich seinem Selbst stellen, und als er ihn trinkt, stürzt er in die Welt seines Inneren &#8211; und er braucht das gesamte erste Buch, um ihn zu finden.<br />
Der dritte Kelch wird ihm zuteil, als er sich mit seinem dunklen Selbst auseinandersetzt und sich mit ihm versöhnt, er symbolisiert die Kraft und den Trieb, und er kann ihn erst erreichen, nachdem er die vier Tore der Masken durchschritten hat, es ist der silberne mit Sch<br />
erterband<br />
Der vierte, fünfte und sechste Kelch wird ihm im Kloster gereicht, wohin es ihn immer wieder nach dem Kampf der Statuen verschlägt. Die Statuen von Feuer, Erde und Luft befinden sich auf der Insel, in der Anima (das Wasser) in Dornen eingewachsen zu sterben droht. Eine jede erwacht und fordert ihn zum Kampf. Sie sind, was er aus den Frauen machte, ohne ihnen gerecht zu werden, und ein jeder dieser Kämpfe endet in einer Art Liebesbeziehung, eine jede ein Stück reifer, da sie die vorhergehenden in sich birgt. Aber immer fehlt ihm der <em>Name</em> noch. Der vierte Kelch ist die Wollust und gehört zur Statue des Feuers, der fünfte der der Treue, zur Statue der Erde gehörig und der sechste ist der Kelch der Wahl und der Entscheidung, er gehört zur Statue der Luft.<br />
Der siebte Kelch ist zwiefach. In Anderwelt muß er ihn sich aus der Rüstung schmieden, die Stück für Stück mit jedem Kelch zu ihm kommt, und er muß ihn mit seinem eignen Blut füllen. Aber die Erlösung kommt nicht, und erst, als er aufgibt und sich dem Schicksal unterwirft, indem er sich einen Gifttrank mischt, wird ihm der letzte der Kelche zuteil.<br />
Der Kreis schließt sich, denn wie zu Anfang steht ein Kelch des Gifts.</p>
<h3>Die Überschneidung der Welten</h3>
<p>In den “Sieben Kelchen” existieren verschiedene Welten parallel zueinander. Sie überschneiden sich, es gibt Zugänge, und die Dinge erscheinen in jeder der Welten auf andere Weise.<br />
Diese Konstellation taucht in sehr vielen meiner Texte und Geschichten auf, soweit sie nicht den Anspruch erheben, naturalistisch zu sein wie “Eckstein” oder “Ruhestand”.<br />
Das hat wenig mit “Fantasy” zu tun, es entspricht meinem eigenen Weltbild. Nâhtegal formuliert es zu Beginn des Zweiten Buches so:</p>
<blockquote><p>Immer glaubte man, daß diese unsre Welt<br />
nur eine Welt von vielen ist, daß<br />
drüber, drunter, darinnen und dahinter<br />
andere Welten sind, und wir sie erreichen können.<br />
Wie viele Namen gibt es nicht dafür?<br />
Die Traumpfade der Aborigines,<br />
das Avalon der Kelten, Hölle, Paradies,<br />
Tir Nan Og, Dschehenna, Hades und<br />
noch Tausend andre mehr. Allein heute,<br />
in unsrer so modernen Welt,<br />
will man nicht länger daran glauben<br />
oder zumindest nicht offen davon sprechen.<br />
Unsere Bücher, Fantasy genannt, sind zwar<br />
übervoll davon, ganz ebenso die Filme,<br />
doch ist’s nur die Nahrung für etwas in uns drin,<br />
dem wir nicht mehr zu fressen geben woll’n.<br />
Ich sage Euch, die Alten wußten mehr!<br />
Es ist drüber, drunter, darinnen und auch dahinter,<br />
es ist überall, durchdringt’s und ist doch ganz eigen.<br />
Vielleicht ist unsre Welt nur hohles Widerspiegeln<br />
von was wirklich ist und das wir nicht sehen woll’n,<br />
aber sagen kann ich es nicht.</p></blockquote>
<h3>Die Melodie</h3>
<p>Ein sich durch alle Szenen des Romans ziehender Topos ist das Flötenspiel. Es gibt eine Melodie, die fähig ist, den Schleier zwischen den Welten zu zerreißen und den Weg dorthin zu öffnen. Nâhtegal, nach den Kelchen suchend, lernt Ton um Ton, und ein jeder Ton mehr führt tiefer in die Zwiebelschalen des Seins hinab. Im Sinne einer “Sphärenmusik” verkörpert sie die Tiefe des Empfindens, und eine meiner Lieblingsszenen in den “Sieben Kelchen” ist, wie Nâhtegal dem Mythos eines Flötenspielers hinterherrennt, der diese Melodie zu kennen scheint &#8211; um am Ende der “Odyssee” herauszufinden, daß er sich selbst verfolgt hat.<br />
Es ist keine Melodie, die man <em>lernen</em> kann, sondern nur <em>erfahren</em>. Erst wenn Nâhtegal eine bestimmte Erfahrung durchlebt hat, ist er fähig, den entsprechenden Ton zu spielen, und dann kommt er von selbst und ist nicht anders zu denken.</p>
<h3>Die Schlangen im See</h3>
<p>Die symbolische Welt ist bevölkert von drachenartigen Wesen, die im See leben. Es sind gigantische Schlangen mit rädergroßen Augen, die etwas von Nâhtegal zu fordern scheinen. Am Beginn ist er von lähmender Furcht erfüllt, um sich Schritt für Schritt an sie anzunähern, sie zuerst achten, später lieben lernt.<br />
Am Anfang des dritten Buches sind sie es, die ihm ermöglichen, zur Insel im See zu gelangen, zu dritten Stufe seiner Welt. Die Schlangen sind das Wissen um die Welt, und Nâhtegals Ritt auf ihnen gehört zu den schönsten und wie ich finde erhebensten Szenen des Romans, als er seine Angst endlich überwindet und <em>begreift</em>.</p>
<h3>Der Weise aus Anderwelt</h3>
<p>In der Eingangsszene kommt ein Mann us den Nebeln über das Wasser geschritten. Er weiß um die Antworten, er kennt die Melodie, und er “verführt” Nâhtegal, den Kelch des Gifts zu trinken. An den Scheidepunkten des Romans taucht er immer wieder auf, erklärt, leitet, lenkt.<br />
Er weiß um Nâhtgals Inneres, um seine Zweifel, Sehnsüchte und Fragen, und zuweilen ist es Nâhtegal, als schaute er in einen Spiegel auf sein älteres Selbst. Der Weise ist Nâhtegal, nachdem er den Weg gegangen ist, er ist jetzt einer der Seedrachen und weder an Welten, noch an Zeit gebunden, er kommt zurück, um sein jüngeres Selbst durch die Reise der Sieben Kelche zu leiten, was den Roman zu einem großen, in sich geschlossenen Kreis macht.</p>
<p>Einige der spezielleren Details und Bilder beschreibe ich im Kontext der einzelnen Bücher. Wer sich die “Sieben Kelche” zu Gemüte geführt hat, wird dies zu schätzen wissen. Aber um von vornherein jegliches Mißverständnis auszuschließen, möchte ich an dieser Stelle Nâhtegals Worte im Prolog noch einmal wiedergeben:</p>
<blockquote><p>[…] Der Spielmann<br />
mag zwar bestimmen, in welcher Folg<br />
die Tön seiner Melodie erklingen,<br />
doch das Instrument erst macht den Ton! -<br />
Eine Mär ist gleichsam der Hammerschwung<br />
auf die Glocken eines Glockenspiels -<br />
ohne Glockenspiel jedoch<br />
wirbeln sie ohne Sinn nur durch die Luft. -<br />
So braucht die Mär und der Märenspinner<br />
Euch, die Ihr seinen Geschichten lauscht -<br />
so wie der Hammer des Glockenspiels bedarf,<br />
damit die Melodie erklingt. -<br />
Doch ein jedes Glockenspiel macht einen andern Ton,<br />
und so auch die Geschicht in Euch bei jedem<br />
eine eigne Mär &#8211; lauscht drauf, findet Eure Kelche!<br />
Dies hier ist keine andre Reise als die Eure!</p></blockquote>
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