In den letzten Jahren sind fast ausschließlich realistische Geschichten entstanden: Politische Krimis wie “Gläserner Sarg”(2008), “Dichterbrand”(2007/08) und “Krimifrass”(2008); Künstlernovellen wie “Beorn”(2010) und “Euthanatus”(2010), die Dystopie “Navigator”(2009). Die letzten phantastischen Novellen waren die “Spaltenzungen”(2005) und “Der Kulturgeist”(2007), und der letzte phantastische Roman mit Horror-Elementen war der “Incubus” von 2003. Es dürfte nicht wenig verwundern, dass jetzt plötzlich ein ausgesprochen süffiger und expliziter Horrorroman aus meiner Feder gekommen ist, der sich auf dem Grad zwischen realistischer Psychologie und mystischem Abgleiten nach Anderwelt bewegt. Vielleicht ist die Antwort darauf, dass “Die Höhle” gar nicht so phantastisch ist, wie sie erscheinen mag. Die Idee zu einem solchen Buch ist nicht neu, ich trage sie schon seit geraumer Zeit mit mir herum, sah mich aber noch nicht gereift genug, um sie adäquat umsetzen zu können. Das, was die Höhle bewegt, war letzthin Motivation zu meinen Studien in der Psychologie an der Uni Bonn ebenso wie für meine Ausflüge in “Magie” und Schamanismus und durchdringt meine ganze Lebenswirklichkeit. Es taucht in vielen Geschichten und Romanen auf, besonders, natürlich, in den eindeutig phantastischen wie den “Spaltenzungen”. Aber ich konnte dem nicht gerecht werden, wenn ich in die definiert phantastische Richtung ging, denn das, um was es mir geht, ist beständig da, um uns, in uns und geschieht nicht in irgendeinem Fantasy-Setting. Der Hyperrealismus der Krimis ist genauso Teil dieser Welt wie das völlige Abgleiten in Anderwelt, wie es in den “Spaltenzungen” geschieht. Aber es geschieht gleichzeitig, nur die Schwerpunkte liegen je anders. Spalte und Tore nach Anderwelt klaffen in U-Bahnschächten genauso wie in einer indianischen Schwitzhütte beim Eifelindianer Herbie. Beim Halten einer Lesung in einem Schickimicki-Laden nicht weniger als beim Vollmond-Bad in Maria Laach. Auch bei der “Höhle” ist mir die Gradwanderung noch nicht in der Weise gelungen, wie ich es angestrebt habe. Das bleibt dem Genre gestundet, dass gerade die beängstigenden, angsteinflößenden Aspekte in den Vordergrund treten und in der Klimax eine Eindeutigkeit annehmen, die schon fast zu eindeutig sind. Auch wenn ich denke, bei der Gradwanderung nicht abgestürzt zu sein.
Der Auslöser, die “Höhle” zu schaffen, war wie so oft ein starkes Erlebnis, dass eine bestimmte Thematik plötzlich wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt und dafür sensibilisiert. Ich war zur Dämmerstunde im Herbst letzten Jahres mit *** an den Höhlen, um ihr diesen wie ich finde sehr besonderen Ort zu zeigen. Es war ein besonderer Tag mit ausgesprochen starken Bewegungen in den tieferen Ebenen, und, wie ich es gerne ausdrücke, der Berg hatte schlechte Stimmung. Als gedankliches Modell sei an eine Personifizierung gedacht. Eben, als wohnte ihn den Höhlen der Ofenkaulen tatsächlich ein Wesen mit einer Form von Bewußtsein. Hat dieses Wesen schlechte Stimmung und möchte allein sein, sorgt es mit Gefühlen und unangenehmen Bildern und Assoziationen dafür, dass etwaige Besucher schnell das Weite suchen. Dazu gehören auch real festzumachende Phänomene wie Windstöße, seltsame Zufälle und verstörende Begegnungen mit Bewohnern des Waldes. In Bäumen und Felsen scheinen sich die Schatten zu Formen zu verdichten, die Angst machen. Massive Ansammlungen abstoßender Insekten, ein wilder Hund, der einen Weg zähnefletschend und geifernd versperrt und herabstoßende Krähen gehören ebenfalls dazu. Alles ringsum schreit: “Verschwinde! Geh nicht weiter! Verpiß Dich!” Man kann sich daran gewöhnen, damit umgehen lernen, in gewisser Weise sogar in Dialog damit treten, versöhnen, Einlass erbitten. Das gehört zum schamanischen Weltbild, das diese Phänomene mit Naturgeistern erklärt, ein wie finde recht praktisches Modell, mit dem man gut arbeiten kann.
An jenem Nachmittag war ich allerdings nicht mit anderen “Schamanen” vor Ort, sondern mit einem Menschen, der zwar äußerst sensibel und feinsinnig wahrnimmt, jedoch den Phänomenen bisher weiträumig auswich und keine Erfahrungen im Umgang damit gesammelt hat. Wie ich eine Zeitlang erwog, unter Umständen die Symptome einer schizophrenen Erkrankung zu erleben statt äußere Realität und darum Psychologie studierte, so neigte dieser Mensch dazu, es innerpsychisch zu erklären und lieber zu glauben, nicht richtig zu ticken als anzunehmen, dass seine Wahrnehmung feiner ist. Das Erlebnis war erschreckend. Während ich eher Faszination und eine mit Respekt untermischte Neugier empfinde und gewissermaßen die aufkommenden Ängste als Wegweiser der Verhaltens nutze und die seltsamen Begebnisse als Hinweise und Zeichen, reagierte meine Begleiterin mit unreflektierter Heftigkeit und ohne jeden geistigen Schutz. In der Vergangenheit, als ich die “Phänomene” fast schon mit wissenschaftlichen Methoden untersuchte und gezielt “Probanten” zu bestimmten Zeiten an bestimmte Orte führte, um deren Reaktionen zu beobachten, hatte ich nach einigen ausgesprochen heftigen Zwischenfällen eigentlich den Entschluß gefaßt, keine Unvorbereiteten mehr in so eine Situation zu bringen. Jetzt, zehn Jahre später, wurde mir wieder schmerzlich vor Augen geführt, was mich zu diesem Entschluss gebracht hatte. *** hatte nicht nur einfach nackhaaraufstellende Angst, sie erlebte ungebremste Visionen, erbrach sich, war zeitweise völlig unzurechnungsfähig. Und das parallel zu den Dingen, die ich empfing, aber anders aufnahm. Wo der Berg ein klares Verbot aussprach, einen Ort zu betreten, durchfuhr mich eine Welle von unangenehmer Furcht, gepaart mit einem Bild. Aber es war wie etwas, das gesagt wird. Für *** manifestierte sich das Bild und die Furcht war real und in einer Stärke, wie man sie in unserem normalisierten Leben kaum noch erlebt. Es kostete mich grosse Anstrengung, gewissermaßen ein Schild aufzubauen, um sie dort heraus zu bekommen.
Das Erlebnis brachte für mich wieder Dinge ins Bewußtsein, die für mich selbstverständlich geworden waren. Und die Beschäftigung damit schuf letzthin die Grundidee zur “Höhle”. Daß ich sie tatsächlich an dem Ort ansiedelte, wo das reale, zugrunde liegende Erlebnis stattgefunden hat, versteht sich von selbst. Allerdings hat die Geschichte der “Höhle” nur noch in Aspekten etwas mit den realen Begebnissen zu tun – es sind letztlich Jahrzehnte in diese Geschichte mit eingeflossen und die Erfahrungen und Gespräche mit sehr vielen, unterschiedlichsten Menschen.
Wannimmer eine explizite erotische Szene in einem Buch oder einer Geschichte vorkommt, hagelt es kurz darauf Fragen, ob das “wirklich” sei und ob die beschriebenen Personen ich selbst und meine Partnerin vorstellen. Ich bin immer wieder fasziniert davon und frage mich, was zu solchen Gedanken führt. Und ich kann darauf nur dieselbe Antwort geben, die ich auch dann gebe, wenn es um andere Personen in meinen Stories geht. Ich schreibe sehr nah an meinem Erleben und meiner Wirklichkeit, und das bedeutet natürlich, dass die Dinge, die ich beschreibe, in meinem Erleben verwurzelt sind. Es wäre nicht falsch zu sagen, daß ich nichts beschreibe, was ich nicht in der einen oder anderen Weise selbst erlebt habe oder aus erster Hand erfuhr. Aber das ist nicht gleichbedeutend damit, daß auch nur eine Figur ein realistisches Abbild einer real exiestierenden Person darstellt. Mehr noch: Genau das vermeide ich bewusst. Natürlich ist Bauer Rowedder aus dem “Gläsernen Sarg” einem manisch-depressiven Freund nachempfunden, was bestimmte Aspekte des Verhaltens und Erlebens angeht. Lange Gespräche und eigene Beobachtungen sind hier eingeflossen. Aber Rowedder selbst ist genauso wie seine Geschichte erfunden, auch wenn diverse Szenen real geschehenen Dingen angelehnt sind. So ist durchaus klar, das Silvias Erscheinung und Charakter irgendwo reale Echos in Partnerinnen von mir haben dürfte, und wahrscheinlich auch, das Aspekte der beschriebenen Beziehung aus verschiedenen selbst erfahrenen Erlebnissen heraus gestaltet sind. Aber es ist immer eine Montage aus verschiedensten Zeiten und Erlebnissen, was am Ende zu einer Person destilliert wird, und ein Grossteil davon ist erfunden, abgeleitet und entwickelt schnell auch eine nicht zu unterschätzende Eigendynamik. Und ob ich bei Vollmond auf der Betonplatte vor dem Höhleneingang Sex gehabt habe überlasse ich der Phantasie des Lesers, beziehungsweise empfehle, es selbst auszuprobieren, denn aus Erfahrung kann ich sagen, dass es kaum etwas schöneres gibt als Sex bei Vollmond am Busen der Natur.
Ähnlich verhält es sich mit Manuel. Da seine Innenwelt geschildert wird, ist es unumgänglich, dass er gewisse Parallelen zu mir hat. man kann nur so denken und fühlen wie man denkt und fühlt, und was immer verschiedene Autoren auch sagen mögen, es läßt sich nicht verhindern, dass die eigene Art und Weise, die Wirklichkeit aufzufassen, bei einer Schilderung der Innenwelt einer Person maßgeblich mit ein fließt. Alles andere ist und bleibt notwendigerweise intellektuelles Konstrukt ohne Anspruch auf Wirklichkeit. Effektiv ist das Liebespaar Manuel-Silvia aber ein Konstrukt, um die Geschichte möglich zu machen und gehorcht der inneren Dynamik des Romans. Sie sind einander ein Spiegel, wie es in vielen Beziehungen der Fall ist, und insbesondere Manuel sieht in Silvia die Dinge gespiegelt, die er mehr oder weniger bewusst als seine eigenen menschlichen Schwächen spürt. Dies ist Teil der psychologischen Ebene des Buches und eines der Hauptmovens der Geschichte.
“Die Höhle” besteht aus drei Ebenen, die sich untereinander spiegeln und eng miteinander verwoben sind. Die zwischenmenschliche Beziehung von Manuel und Silvia, Manuels Beziehung zu seinem eigenen Inneren und die Berührung der Menschen mit dem “Geist” im Berg. Jede einzelne dieser Ebene spiegelt sich in den anderen wieder und ist zugleich Allegorie für sie. Dei Entwicklung der Geschichte und der Personen vollzieht sich in allen drei Ebenen und changiert zwischen ihnen. Daraus ergibt sich die Struktur der Erzählung, die sich in drei grossen Abschnitten vollzieht, die sich zugleich auch in den Handlungsorten Steinbruch, Wald vor den Höhlen und das Höhleninnere manifestiert. Zugleich sind diese Orte auch Stationen auf dem Weg ins Innerpsychische. Der Roman vollzieht den Gang vom Äußeren in den dunklen Urgrund der Seele, und das zunehmend tiefenpsychologische ist durch die zunehmende Phantastik in der Erzählung symbolisiert. Je nachdem, wie man “Die Höhle” interpretieren möchte, hat man entweder eine Geschichte vor sich, die sich mit der Magie in unserer Welt auseinandersetzt oder einen tiefenpsychologischen Roman über die Ängste und Neurosen des heutigen Menschen. Beide Interpretationsweisen sind “richtig”, wenn hier soetwas wie “richtig” oder “falsch” überhaupt anzulegen ist. Das äußere Kleid, das letztlich das Lesevergnügen schafft, ist das eines klassischen Schauerromans mit allen Elementen, bei denen sich der Leser hoffentlich ordentlich einer Gänsehaut erfreuen kann.
Die Höhle ist vollständig im Manuscript entstanden, ich arbeitete am Text vom 16.02. bis zum 01.06.2011 und füllte drei Moleskine-Notizbücher mit dem Manuscript. In der ersten Juniwoche übertrug ich es in den Rechner und begann gemeinsam mit Alexander Lebedev die Illustration. Die letzte Illustration ist Ende Juli entstanden. In den Wochen danach lektorierten Freunde das Buch und ich schliff den Text, nachdem ich die Lektorenexemplare zurück erhielt, den Text noch einmal. Fertig war der Roman Ende August. Die Satzarbeiten und die Gestaltung bis zum fertigen, ausbelichtbaren Buch dauerten bis Anfang Oktober. Am 14. ging das Buchinnere in die Druckerei, die Gestaltung des Covers war am 20. Oktober abgeschlossen. Das Buch wurde am 26.10.2011 bei Meierdruck Hennef auf einer Heidelberg Offset-Letterset 64x89cm Zylindermaschine, Baujahr 1963, gedruckt, die nicht nur wunderschön ist, sondern auch ganz hervorragende Drucke liefert. Für die Interessierten hier eine kleine Galerie, wie das Buch gedruckt wurde:
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[Norman Liebold,
29.10.2011 |