Der “Euthanatus” ist einer der Novellen, die eine überaus lange Geschichte hinter sich haben. Die erste Idee entstand 1998 während verschiedener Gespräche mit Martin Herweg und Jens Finkhäuser auf dem Dach meiner Mansarde in Aachen, als wir über Anton Szandor LaVeys “Satanic Bible” diskutierten, insbesondere über die von ihm beschriebenen Psychischen Vampire. Seitdem beschäftigte mich das Thema immer wieder, sowohl auf persönlicher wie auch besonders auf literarischer Ebene, und es fand Eingang in einer ganzen Reihe von Texten wie, zum Beispiel, der “Vampyriade” (1999), Der Wanderer und das Meer (1999), Heimgang (1999), Zwei Schwestern (1999), Mond und Wolf (2000), Incubus (2003), “Venusberg” (2007). Eine ganz besondere Begegnung mit einer Strassenbahn bewirkte 2008, daß ich mich sehr intensiv erneut mit den Psychischen Vampiren, ihren Methoden und Strategien und insbesondere den Folgen für ihre Mitmenschen auseinandersetzte. Der Titel – “Euthanatus” – geht auf einen Neologismus von Martin Herweg zurück, den er für jemanden erfand, der es sich zur Aufgabe macht, diese Energievampire aufzufinden, zu jagen und zu eleminieren. Tatsächlich erwogen wir damals vor 12 Jahren durchaus, selbst zu Euthanati zu werden. Bei mir wurde die Idee letztlich zu dieser Geschichte, und 12 Jahre Zeit der Reifung schufen eine Tiefe und Facettenreichtum in den Charakteren und ihrer Entwicklung, die mich diese Geschichte mit Stolz in Händen halten lassen.
Der “Euthanatus” ist die erste Novelle im Episodenroman “Ansichten eines Aktmodells”. Im Kontext der Romanhandlung nimmt sie die Station des Umbruchs ein: Durch die Begegnung mit dem Euthanatus wird der Protagonist aus seiner Welt geschleudert und ein tiefer Zweifel an sich und seiner bisherigen Lebensweise in ihm geweckt. Er begibt sich in existenzieller Angst vor dem Getötetwerden auf eine Flucht, die von Ort zu Ort hetzt, nie lange verweilt, um für den Euthanatus nicht auffindbar zu sein. Und diese Flucht wird ihm zu einer Reise, die er mit neuen Augen antritt, und die ihm seinem wahren Selbst mit jeder weiteren Geschichte näher bringt – bis er sich selbst befreit haben wird. Wie alle Geschichten aus den “Ansichten eines Aktmodells” ist auch der “Euthanatus” für sich völlig eigenständig und kann auch unabhängig von der Rahmenhandlung gelesen werden.
Der Künster Junus Karimow, der Meister Norman Liebolds, was realistisches Zeichnen angeht, konnte für die Illustration des Euthanatus gewonnen werden. Er schuf eine Reihe von sieben Graphit-Zeichnungen in A2.
Die Zeichnungen sind allesamt Portraits von Norman Liebold, die Karimow in seiner zugleich realistischen wie abstrakt-kubistischen Manier bewußt verfremdete. Sie stellen den Euthanatus dar, wie er sich dem Auge des Erzählers zeigt. Der Illustrationszyklus spielt mit der Idee im Euthanatus, daß im Grunde Erzähler und Euthanatus dieselbe Person ist, die sich über menschliche Abgründe hinweg spiegelt – die Verfremdungen zeigen verschiedene Interpretationen vom Gesicht des Autors.
Eine weitere simultan-komplexe Illustration schuf die Künstlerin Katharina Theine, mit der Norman Liebold bereits seit Jahren zusammen arbeitet. Sie verbildlichte eine symbolische Interpretation des Euthanatus in ihrer Lieblingstechnik, dem Bleistift, wobei sie für die verschiedenen Gesichter des Killers verschiedene Portraits von Robert Louis Stevenson als Vorbild nahm, dessen “Dr. Jekyll and Mr. Hyde” für Liebold eine der literarischen Anspielungen darstellt.
Der Protagonist begegnet dem Euthanatus auf der Terasse des Bundesgästehauses “Petershof” auf dem Petersberg kurz nach dem 01. Mai während es im Bonner Raum statt findenden grossen Konzeptfeuerwerks “Rhein in Flammen”. Die ausgekoppelte Novelle, die als eigenes Buch erschienen ist, reiht sich damit in Liebolds Siebengebirgskrimi-Reihe als fünftes Buch ein. Der Verlauf des Feuerwerks vom ersten Dämmern, über das langsam den Rhein hinaus kommende bengalische Feuer, die ankommenden Vergnügungsschiffe bis zum eigentlichen Feuerwerk bilden den zeitlichen Rahmen der Geschichte und illustrieren den Spannungsbogen.
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[Norman Liebold,
15.08.2010 |
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