Norman Liebold bei der Niederschrift von "Versichert".Norman Liebold bei der Niederschrift von "Versichert".
Norman Liebold bei der Niederschrift von "Versichert".
Arbeitsplatz während der Niederschrift von "Versichert". Foto: Norman Liebold.Arbeitsplatz während der Niederschrift von "Versichert". Foto: Norman Liebold.
Arbeitsplatz während der Niederschrift von "Versichert". Foto: Norman Liebold.
Norman Liebold bei der Niederschrift von "Versichert".Norman Liebold bei der Niederschrift von "Versichert".
Norman Liebold bei der Niederschrift von "Versichert".
Notizbücher für Ansichten eines Aktmodells. Foto: Norman Liebold, 29.10.2009Notizbücher für Ansichten eines Aktmodells. Foto: Norman Liebold, 29.10.2009
Notizbücher für Ansichten eines Aktmodells. Foto: Norman Liebold, 29.10.2009
Norman Liebold direkt nach dem Vollenden des letzten Satzen von "Versichert" - 15.04.2010.Norman Liebold direkt nach dem Vollenden des letzten Satzen von "Versichert" – 15.04.2010.
Norman Liebold direkt nach dem Vollenden des letzten Satzen von "Versichert" – 15.04.2010.

Die erste Skizze von “Versichert” notierte ich am 10. Februar 2009 in mein Tagebuch. Die Skizze ist bereits fest umrissen und enthält alle wesentlichen Elemente der Geschichte, das Setting und die Höhepunkte. Nur über das Ausgestalten des Endes sind mehrere Möglichkeiten festgehalten. Bis zum Beginn der Niederschrift am 03. April 2010 notierte ich immer wieder Überlegungen in Bezug auf den Stil, die Personen und insbesondere das Dilemma des Endes. Die letzten entscheidenden Puzzlestücke kommen Schlag auf Schlag, nachdem ich im Februar 2010 eine fast absurd parallele Situation erlebte, wie sie ein Jahr zuvor die Grundidee zur Geschichte schuf. Ich lerne Maxim Spektor, Landi “Graywolf” Landefeld und den Bildhauer und Lichtkünstler Michael Frank kennen, die genau jene Eigenschaften besitzen, die der Figur des Beorn den letzten Schliff geben. Die Niederschrift geht schnell: Vom 03. bis zum 15. April 2010 schreibe ich die Story von Hand auf 98 Manuscriptseiten, übertrage sie am 16. und 17. April in den Rechner und trage sie auf der Premierenlesung am 17. April in den “Vier Raben” (Köln) gemeinsam mit dem Gitarristen und Liedermacher Bernd Gast vor.


Schauen Sie in Norman Liebolds Schreibwerkstatt und lesen Sie die Werkstattberichte in seinem “LieBLOG”: Werkstattberichte zu “Beorn” lesen >>>!


Dichtung und Wahrheit

Wer meine Wohnverhältnisse im Wohnwagen im Siebengebirge und meine Einstellungen zu Leben und Kunst kennt, wird unschwer neben den “Vätern” Beorns – den Schreiner und Bogenbauer Landi “Graywolf” Landefeld, den Künstler, Tättoowierer und Caisa-Percussionisten Maxim Spektor und den Bildhauer Michael Frank – auch mich in der Geschichte wiedererkennen. Ich spiele in dieser Geschichte – wie in allen geplanten Stories aus “Ansichten eines Aktmodells” – genau mit dieser Doppelung und Spiegelung von Realität, Ideal und Phantasie.

Darüber hinaus geht die Grundkonstellation der Geschichte auf ein tatsächlich mir widerfahrenes Erlebnis zurück. Im Februar 2009 versank das Siebengebirge – genau wie fast exakt ein Jahr später – in Schnee. Zu einem Zeitpunkt, da ein Schneesturm tobt und die Strassen nahezu unpassierbar waren, verbrauchte sich die letzte meiner Gasflaschen, und ich war gezwungen, ungeachtet der Gefährlichkeit der Witterungsverhältnisse die kurvenreiche und bergige Strecke nach Asbach zu fahren, um neues Gas zu holen. Tatsächlich war es zutiefst verunsichernd, das gewiss vier Wagen auf der Strecke im Strassengraben gelandet waren, einer davon auf dem Dach liegend. Mein Wagen schlitterte mehr als einmal gefährlich. Aber anders als in der Geschichte kam ich heil wieder zuhause an, nichtsdestotrotz mit der starken Vorstellung, was hätte geschehen können. Nicht sehr lange danach, im März, als die Straßen zwar naß, aber nicht vereist zu sein schienen, fuhr ich spät nachts von Herrn Karimow in Rauenhahn nach hause, und in einer sehr scharfen Kurfe, wo sich der Wald öffnet und ein kalter Wind über die Fahrbahn streicht, hatte sich die Nässe in Eis verwandelt. Mein Wagen fuhr, ohne, daß ich etwas tun konnte, einfach geradeaus, flog über den Straßengraben und landete gut sechs Meter weiter in der Lichtung. Ich kam mit dem Schrecken davon, konnte über einen Forstweg wieder auf die Strasse zurück, saß die Nacht aber lange wach und wurde mir bewußt, daß soetwas meistens dann geschieht, wenn man es am wenigsten erwartet. Hieraus entstand – unschwer wiederzuerkennen – die situative Grundkonstellation der Geschichte, die damit spielt, was hätte geschehen können. Auch der amüsante Moment, in dem Beorn die Vorteile seiner Wohnverhältnisse preist und insbesondere seine Gasheizung idealisiert, ist meinen Freunden nicht fremd – genausowenig wie der schon fast slapstickhafte Umstand, daß Gott am liebsten solche Momente exaltierter Lobpreisungen wählt, um sie mit gutmütiger Ironie zu zerbrechen, indem er genau da den letzten Rest Propan aus der Flasche entweichen läßt.

Darüber hinaus gibt es noch einige Details, die vielleicht für den Leser eine Bereicherung zu wissen sind.

In Beorn sind verschiedene Facetten real existiernder Freunde literarisch verarbeitet. Tatsähclih spielt Maxim Spektor phantastisch auf seiner Caisa, und wer Maxim kennt, wird eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihm und der äußeren Erscheinung sowie er Art und Weise des Sprechens amüsiert registrieren. Beorns wunderbare Fähigkeiten als Schreiner, seine Liebe fürs Bogenschießen und sein Wunsch nach einer unabhängigen Lebensweise ist eine Hommage an meinen lieben Freund Landi “Graywolf” Landefeld, der mir die Freude am Bogenschießen ebenso vermittelte, wie er mich mit seinen Schreinerarbeiten begeistern konnte. Die Skulpturen und Beorn als Künstler sind eine Liebeserklärung an die wundervollen Bildwerke, die der Bildhauer und Lichtkünstler Michael Frank schafft, und die zwar literarisch verfremdet sind, aber, wie Michael geschmeichelt gestand und Maxim bestätigte, eine nichtsdestotrotz eindeutige Anlehnung an seine Kunst darstellt. Der Künstler Junus Karimow mit seinem Atelier in Rauenhahn ist ebenfalls eine real existierende Person und ein lieber Freund, und das einzige, was an der Schilderung des buswartenden Aktmodells unwahrscheinlich ist, ist, daß Junus es nicht bis zum Bahnhof gebracht haben soll, sondern es in der Kälte stehen läßt. Aber soweit muß literarische Freiheit gehen, und ich stelle mir vor, daß Lisa dieses Angebot vielleicht fehement ablehnte. Und Lisa … nun, alles zu erzählen würde unter Umständen den Zauber der Geschichte mindern.

Orte und Landschaft

Beorns Obstgarten im Winter. Dort, wo die Ruine steht, stelle ich mir seine Hütte vor. Hier vorn an der Kehre stände sein Kombi. Foto: Norman Liebold 2010.Beorns Obstgarten im Winter. Dort, wo die Ruine steht, stelle ich mir seine Hütte vor. Hier vorn an der Kehre stände sein Kombi. Foto: Norman Liebold 2010.
Beorns Obstgarten im Winter. Dort, wo die Ruine steht, stelle ich mir seine Hütte vor. Hier vorn an der Kehre stände sein Kombi. Foto: Norman Liebold 2010.
Beorns Obstgarten.Beorns Obstgarten.
Beorns Obstgarten.
Strasse nach Sassenberg. Foto: Norman Liebold, 2010Strasse nach Sassenberg. Foto: Norman Liebold, 2010
Strasse nach Sassenberg. Foto: Norman Liebold, 2010
Die verschneite Straße von Eudenbach Richtung Asbach. Der Unfall Beorns ereignet sich etwa einen Kilometer weiter in diesem Wald. Foto: Norman Liebold 2010.Die verschneite Straße von Eudenbach Richtung Asbach. Der Unfall Beorns ereignet sich etwa einen Kilometer weiter in diesem Wald. Foto: Norman Liebold 2010.
Die verschneite Straße von Eudenbach Richtung Asbach. Der Unfall Beorns ereignet sich etwa einen Kilometer weiter in diesem Wald. Foto: Norman Liebold 2010.

“Versichert” reiht sich in gewisser Weise in meine Siebengebirgsgeschichten ein. Während die bisher entstandenen – Dichterbrand (2007/2008), Gläserner Sarg (2008) und Krimifrass (2008) – sich den Untertitel “Siebengebirgskrimi” geben, ist “Versichert” nicht in dieses Genre einzuordnen. Nichtsdestotrotz spielt es gänzlich in meiner Wahlheimat, dem Oberhau. Alle Orte der Geschichte gibt es wirklich, und ich habe mich bemüht, sie genau und mit Liebe zu schildern.

Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei Beorns Heim ein. In Sichtweite meiner Wohnschnecke gibt es einen wundervolle, verwilderten alten Obstgarten mit altem, herrlich knorrigen Baumbestand. Ich komme auf meinen Spaziergängen regelmäßig daran vorbei, und mehr als einmal dachte ich bei mir, daß dies ein wunderbarer Platz wäre, um sich seine Hütte zu bauen. Tatsächlich hat schon ein anderer irgendwann daran gedacht, denn exakt auf dem Platz, wo ich Beorn sein Blockhaus errichten lasse, steht die verfallene Ruine eines Fachwerkhauses. Umgeben von den alten Obstbäumen mit einem weiten Blick ins Siebengebirge hinein. Natürlich steht an diesem Ort nicht Beorns Hütte, aber sie könnte sehr wohl da stehen. Und wenn Beorn dort lebte, so wären die beschriebenen Wege, die er zum Gasholen fahren müßte, die in der Geschichte beschriebenen.

Der moralische Zeigefinger

Auch wenn ich mehr und mehr versuche, die moralisch-anklagenden Zeigefinger aus den Geschichten etwas mehr zu verstecken, so drängte er sich in dieser vor über einem Jahr geborenen Geschichte noch massiv in den Vordergrund. Dem Leser, der “Navigator” gelesen hat, wird eine gewisse Parallelität zwischen den Ausführungen Beorns am Anfang und den belehrenden Exkursen Diogenes’ nicht entgangen sein, und die beiden gleichen sind natürlich auch in ihrer Lebensweise als Aussteiger aus der Gesellschaft. Das ist nicht weiter verwunderlich, bedenkt man, daß in den beiden ein nicht ignorierbarer Teil von mir selbst steckt.

Aber eine weitere, über die Reflexionen der Kunst hinaus gehende Ebene ist maßgeblich für “Versichert” und ist eine ihrer ureigensten Motivationen. Es ist das Thema der Krankenversicherungen. Nicht wenige meiner Künstler-Freunde, und zwar in der Tat ausgerechnet die, die den Weg ihrer Kunst kompromisslos gehen, haben ihre eigenen Bedürfnisse an Sicherheit und Luxus hinter den Forderungen ihrer Kunst zurück gestellt. Liebe Kollegen, die in einem alten, baufälligen Schloß mit sehr lustigen Dorfkünstler-und-Schloßerwalterstellung leben, des Winters mit Skikanzug und einem unzureichenden Ölradiator vor ihrer Leinwand stehen, kondensierten Atem vor ihrem Mund, und eben nicht krankenversichert sind. Das geht immer eine Zeitlang gut, manchmal sogar, bis die Zeit des Kämpfens der Zeit relativen Erfolges gewichen ist und wieder eine Krankenversicherung im Bereich des Möglichen liegt. Diese Künstler, voll Stolz und Unabhängigkeitswille, nehmen keinen Cent vom Staat und sind ganz wie Beorn in ihrer Haltung aufrecht, egal, was da komme. Ohne ein trauriges Erlebnis, das unmittelbar auf die oben beschriebene Unfallsituation folgte, wäre aus dem Abenteuer, mit meinem alten Opel quer durch den Wald über Stock, Stein und vor allem Baumstümpfe bis zum Forstweg zu fahren voller Angst, mir den Auspuff abzureißen, einfach eine Anekdote geblieben, die man auf Partys mit einem Lachen zum Amüsement der Zuhörer zum Besten gibt. Aber in dieser Zeit wurde bei einem dieser Künstlerkollegen Krebs diagnostiziert, er starb kurz darauf. Ich konnte mich erinnern, wie ich keine sechs Wochen vorher noch mit ihm geplaudert hatte, als er auf einer meiner Lesungen war. Und plötzlich war er gestorben und seine Familie hatte einen Berg Schulden, wie er schier unvorstellbar ist. Und, das ist eine Hommage an ihn und dieses Erlebnis, seine Kollegen und Freunde veranstalteten Benefiz-Konzerte und schafften es, einen Großteil der Schulden zusammen zu kratzen und die Familie des Künstlers damit zu helfen.

In diesem Sinne ist “Versichert” all jenen Künstlern gewidmet, die sich in diesem Aspekt in Beorn spiegeln.


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