„Navigator” ist kein Weltraummärchen, das seinen Reiz auf der einen Seite aus althergebrachten Erzählmustern und auf der anderen aus der Beschreibung wundervoller oder beängstigender Technologien bezieht, wie es sie in fünfzig, hundert oder tausend Jahren geben mag. Und auch keine als Sience-Fiction verkleidete Fantasy-Geschichte. Ich habe ganz bewusst darauf verzichtet, auch nur ansatzweise dergleichen Momente zu bedienen und damit in Kauf genommen, dass die Geschichte vielleicht für manche nicht unterhaltsam genug sein könnte – es gibt keine Liebesgeschichte, kein Ringen zweier gegensätzlicher Parteien, kein kriminalistisches Rätsel, kein Sex, kein Crime.
Ich bin, was die Faszination für Zukunfts-Technologie angeht, sogar noch weiter gegangen als Bradbury, Orwell oder Huxley: Während diese drei Autoren in ihren Dystopien Technologien beschreiben und essentiell für die Handlung machen – so Huxley die Züchtungsverfahren, Orwell die für seine Zeit noch unmöglichen Überwachungstechnologien oder Bradbury die Kriegs- und Unterhaltungsmaschinerie – habe ich in „Navigator” ausschließlich Technologie verwandt, wie sie heute bereits existiert. Es hat mich diesbezüglich bei den Lesungen und Leserbriefen durchaus in Erstaunen versetzt, dass etliche der von mir beschriebenen Geräte nicht nur sehr futuristisch wirkten, sondern dass ihre Umsetzbarkeit sogar in den Bereich weiter Ferne gerückt wurde. Aus diesem Grund möchte ich an dieser Stelle einige dieser Dinge erläutern.
Unsere Wirtschaft versucht, die Produktion immer effizienter zu gestalten, um einigen wenigen eine immer größere Gewinnmarge zu verschaffen. Sie ist nicht darauf ausgerichtet, den größtmöglichen Wohlstand für die größtmögliche Menge zu erreichen. Dass dieses System auf Dauer nicht funktionieren kann, ist bekannt. Sei es aufgrund des Raubbaus an Natur und Ressourcen, sei es, weil der Markt nicht unendlich expandieren kann, sei es, weil die Technik darauf ausgerichtet wird, mit immer weniger Menschen immer mehr Waren produzieren zu können. Wirtschaftskrisen zeigen deutlich, dass dieser auf beständigen Wachstum eingenordete Wahnsinn zwangsläufig darauf hinaus läuft, dass es eine Unzahl an Arbeitslosen gibt, von Maschinen überflüssig gemacht. Würde man damit ähnlich umgehen, wie es Thomas Morus schon 1516 formulierte und Etliche nach ihm immer wieder empfahlen – nämlich die so gewonnenen Güter gleichmäßig zu verteilen und die auf diese Weise frei gewordene Zeit der einzelnen zur Bildung und Kultivierung des Menschen zu verwenden – eine wundervolle Sache. Allerdings gilt heute noch im selben Maße, was Friedrich Engels im 19. Jahrhundert formulierte, nur in noch verstärkterem Maße.
Diese unermeßliche Produktionsfähigkeit [sc. der Menschheit], mit Bewußtsein und im Interesse aller gehandhabt, würde die der Menschheit zufallende Arbeit bald auf ein Minimum verringern; der Konkurrenz überlassen, tut sie dasselbe, aber innerhalb des Gegensatzes. Ein Teil des Landes wird aufs beste kultiviert, während ein andrer – in Großbritannien und Irland 30 Millionen Acres gutes Land – wüst daliegt. Ein Teil des Kapitals zirkuliert mit ungeheurer Schnelligkeit, ein andrer liegt tot im Kasten. Ein Teil der Arbeiter arbeitet vierzehn, sechzehn Stunden des Tages, während ein anderer faul und untätig dasteht und verhungert.1
Im Moment werden auf der Basis der „sozialen Marktwirtschaft” gewisse Teile der Gewinnmargen so umverteilt, dass diejenigen notdürftig versorgt werden, die ansonsten verhungern müßten. In Deutschland mit seine relativ niedrigen Arbeitslosenzahl schätzungsweise 4 Millionen Erwachsene. Würde das nicht getan, hätte man ein erhebliches Potential an genügend unzufriedenen Menschen, die nichts zu verlieren hätten, um eine Revolution unausweichlich zu machen. Die ersten Schritte, diese ungeheure Anzahl von Menschen (man muss noch die von ihnen anhängige Anzahl an „nicht Erwerbsfähigen” hinzuzählen) zu verschleiern, werden aktuell bereits getätigt. „Nicht Vermittelbare” werden, z.B., ebenso aus den Statistiken heraus genommen wie die in „Arbeitsgelegenheiten” beschäftigten. Es liegt im Interesse von Aktionären und Produktionsmittel-Besitzern, die aktuellen Strukturen aufrecht zu erhalten, gleichgültig, wieviele Menschen dadurch verelenden, denn nur sie gewährt die Umverteilung der Güter in der haarsträubenden Weise, wie wir sie heute beobachten können. Ich gehe nicht davon aus, dass sich die Welt wie im „Navigator” entwickeln wird, aber sollten sich die Bedingungen nicht grundlegend ändern, stellt sich früher oder später die Notwendigkeit ein, das tatsächliche Ausmaß der Arbeitslosigkeit zu verbergen, um „weitermachen” zu können.
|
[Norman Liebold,
17.05.2009 |
|
|
unwesen sagt am
17. Mai 2009
Das mit den Autopiloten geht sogar noch ein Stueck weiter. Heutzutage sind die soweit, dass sie nachweislich frueher als Menschen moegliche Gefahren erkennen, und sinnvoller darauf reagieren koennen. Es waere relativ wenig Aufwand noetig, sie serienreif zu bekommen. Warum passiert das also nicht? Ganz einfach, die Akzeptanz der Menschen ist nicht vorhanden. Niemand moechte sein Leben einem Computer anvertrauen, auch wenn die Statistiken dafuer sprechen wuerden. Dass Flugzeuge schon seit Jahren automatisch fliegen, und Piloten nur noch zur Ueberwachung und zum moeglichen Eingreifen in Notfaellen im Cockpit sitzen, faellt hinter den Aengsten der Menschen weit zurueck. Also bleiben die Dinger nach wie vor Forschungsprojekte. |
|
|
unwesen sagt am
17. Mai 2009
Das mit den Autopiloten geht sogar noch ein Stueck weiter. Heutzutage sind die soweit, dass sie nachweislich frueher als Menschen moegliche Gefahren erkennen, und sinnvoller darauf reagieren koennen. Es waere relativ wenig Aufwand noetig, sie serienreif zu bekommen. Warum passiert das also nicht? Ganz einfach, die Akzeptanz der Menschen ist nicht vorhanden. Niemand moechte sein Leben einem Computer anvertrauen, auch wenn die Statistiken dafuer sprechen wuerden. Dass Flugzeuge schon seit Jahren automatisch fliegen, und Piloten nur noch zur Ueberwachung und zum moeglichen Eingreifen in Notfaellen im Cockpit sitzen, faellt hinter den Aengsten der Menschen weit zurueck. Also bleiben die Dinger nach wie vor Forschungsprojekte. |
|
|
Norman Liebold sagt am
17. Mai 2009
Naja, mein Lieber. Das hat man auch einmal von Automatik-Getrieben gesagt und – nicht zuletzt – von Navigationsgeräten. Ich denke, daß die Akzeptanz wachsen wird bis dahin, dass man sie mehr und mehr einsetzt. Mit Bankautomaten und Selbstbedienungskassen hat man sich letzthin ebenso abgefunden wie mit automatischen Buchausleihen in Bibliotheken. Ich denke, wir werden es schon schaffen, den Menschen auch hier zu entmündigen |
|
|
Norman Liebold sagt am
17. Mai 2009
Naja, mein Lieber. Das hat man auch einmal von Automatik-Getrieben gesagt und – nicht zuletzt – von Navigationsgeräten. Ich denke, daß die Akzeptanz wachsen wird bis dahin, dass man sie mehr und mehr einsetzt. Mit Bankautomaten und Selbstbedienungskassen hat man sich letzthin ebenso abgefunden wie mit automatischen Buchausleihen in Bibliotheken. Ich denke, wir werden es schon schaffen, den Menschen auch hier zu entmündigen |
|
|
unwesen sagt am
18. Mai 2009
Du siehst das immer so negativ, ich wuerde mein Auto ganz gern von einem Computer fahren lassen – allein schon, weil es entspannender ist. Wie halt im Flugzeug auch. Aber man muss bei sowas wie bei anderer Technik auch immer Vernunft walten lassen, und das ist meiner Meinung nach das schwierigere Thema. Autopiloten, die bspw. nach GPS-Satelliten navigieren, wie es unsere TomTom- und andere Navigationssysteme tun, sind schwer fehleranfaellig. GPS hat sowas wie eine heisenbergsche Unschaerfe (nur nicht heisenbergsch), genauer als auf 3 Meter kann man die Position eines Fahrzeugs nicht bestimmen – mit viel Tricks und unter optimalen Bedingungen auf 1.5m. Aber die Satelitten werden vom amerikanischen Militaer betrieben, die die Ungenauigkeit regulieren koennen – und im Bedarfsfall auch regulieren (Der Gedanke ist, den eigenen Soldaten hohe Genauigkeit zu liefern, und alle anderen gucken halt in die Roehre). Das waer halt fatal, wenn man’s dazu verwendet, um bspw. zu bestimmen ob das Auto mitten auf der Kreuzung oder brav am Strich bei der Ampel steht. Gluecklicherweise sind sich die Hersteller solcher Technologie der Problematik bewusst. Ich will auch gar nicht um Autopiloten argumentieren, sondern grundsaetzlich darum, dass Technologie Probleme mit sich bringt. Werden die bedacht, bin ich sehr technophil. Bei RFID-Implantaten sehe ich zwar die Bequemlichkeit, aber primaer den Eingriff in die Privatsphaere, und kann mich mit dem Gedanken gar nicht anfreunden. Leider – und das ist das wirklich bloede – werden politische Entscheidungen um Technologie nicht Fachleuten getroffen, sondern von Internetausdruckern, die sich der Problematiken selten bewusst sind. Lustigerweise habe ich also keinerlei Angst vor der Technik, sondern vor der Unvernunft der Menschen. |
|
|
unwesen sagt am
18. Mai 2009
Du siehst das immer so negativ, ich wuerde mein Auto ganz gern von einem Computer fahren lassen – allein schon, weil es entspannender ist. Wie halt im Flugzeug auch. Aber man muss bei sowas wie bei anderer Technik auch immer Vernunft walten lassen, und das ist meiner Meinung nach das schwierigere Thema. Autopiloten, die bspw. nach GPS-Satelliten navigieren, wie es unsere TomTom- und andere Navigationssysteme tun, sind schwer fehleranfaellig. GPS hat sowas wie eine heisenbergsche Unschaerfe (nur nicht heisenbergsch), genauer als auf 3 Meter kann man die Position eines Fahrzeugs nicht bestimmen – mit viel Tricks und unter optimalen Bedingungen auf 1.5m. Aber die Satelitten werden vom amerikanischen Militaer betrieben, die die Ungenauigkeit regulieren koennen – und im Bedarfsfall auch regulieren (Der Gedanke ist, den eigenen Soldaten hohe Genauigkeit zu liefern, und alle anderen gucken halt in die Roehre). Das waer halt fatal, wenn man’s dazu verwendet, um bspw. zu bestimmen ob das Auto mitten auf der Kreuzung oder brav am Strich bei der Ampel steht. Gluecklicherweise sind sich die Hersteller solcher Technologie der Problematik bewusst. Ich will auch gar nicht um Autopiloten argumentieren, sondern grundsaetzlich darum, dass Technologie Probleme mit sich bringt. Werden die bedacht, bin ich sehr technophil. Bei RFID-Implantaten sehe ich zwar die Bequemlichkeit, aber primaer den Eingriff in die Privatsphaere, und kann mich mit dem Gedanken gar nicht anfreunden. Leider – und das ist das wirklich bloede – werden politische Entscheidungen um Technologie nicht Fachleuten getroffen, sondern von Internetausdruckern, die sich der Problematiken selten bewusst sind. Lustigerweise habe ich also keinerlei Angst vor der Technik, sondern vor der Unvernunft der Menschen. |
|
|
Norman Liebold sagt am
18. Mai 2009
Dem kann ich unumwunden zustimmen. Daß mich Technik grundsätzlich fasziniert, ist kaum übersehbar Im Falle von Autopiloten und Navigationssystemen hieße das, ich fürchte, daß der Mensch in seiner Bequemlichkeit entmündigen läßt und die Kompetenzen verliert, die ihn zum eigenständigen Navigieren in seiner Umwelt befähigen – bis er in der Tat komplet abhängig ist durch die von Interessengruppen gesteuerten Informationsfilter… |
|
|
Norman Liebold sagt am
18. Mai 2009
Dem kann ich unumwunden zustimmen. Daß mich Technik grundsätzlich fasziniert, ist kaum übersehbar Im Falle von Autopiloten und Navigationssystemen hieße das, ich fürchte, daß der Mensch in seiner Bequemlichkeit entmündigen läßt und die Kompetenzen verliert, die ihn zum eigenständigen Navigieren in seiner Umwelt befähigen – bis er in der Tat komplet abhängig ist durch die von Interessengruppen gesteuerten Informationsfilter… |
|
|
unwesen sagt am
20. Mai 2009
Nun, wenn Du’s soweit treibst, dass Leute nicht mehr eigenstaendig navigieren koennen… das ist in der Tat ein erschreckender Gedanke. Es ist ja schon schlimm genug, dass wenn man eine Strecke in einer unbekannten Stadt nur mit dem Auto kennt, man dann oft erkennen muss, dass man zu Fuss sich ganz anders, und unter Umstaenden viel besser bewegen kann. Gluecklicherweise gehoer ich da noch zu den Menschen, die fuer kuerzere Strecken doch lieber den Fussweg waehlen, und finde das dann heraus. Wenn ich mir dann Leute angucke, die vorzugsweise nie den Fussweg waehlen, und daraus extrapoliere… ja, das kann in der Tat erschreckend werden. Hab im Uebrigen grad vor ein paar Tagen eine Kurzgeschichte von Asimov gelesen, die das auf ihre Weise thematisiert. Da beschreibt er eine Welt, in der sich die Menschen daran gewoehnt haben, Portale zu verwenden, die sofortige Reise von einem Ort zum anderen ermoeglichen – aehnlich einem Transporter in Star Trek. In der Geschichte entwickelt das Portal einer Familie einen kurzzeitigen Defekt, woraufhin die Mutter den Sohn zur Haustuer rausschickt, und anweist, er soll doch das Portal der Nachbarn zur Schule nehmen. Der Sohn hat dank dieser Portaltechnik noch nie die Aussenwelt, ausserhalb eines Hauses gesehen, und ist fasziniert – er waehlt fortan den Fussweg zur Schule. Die Aussenwelt ist natuerlich dem Wetter ausgesetzt, aber ansonsten perfekt von Robotern in parkaehnlichem Zustand gehalten. Das Ganze bereitet der Mutter grosse Sorgen, sie befuerchtet, ihr Sohn habe eine Neurose entwickelt. Letztlich sympathisiert der gerufene Psychiater mit dem Sohn, und geht dann auch haeufiger zu Fuss. |
|
|
unwesen sagt am
20. Mai 2009
Nun, wenn Du’s soweit treibst, dass Leute nicht mehr eigenstaendig navigieren koennen… das ist in der Tat ein erschreckender Gedanke. Es ist ja schon schlimm genug, dass wenn man eine Strecke in einer unbekannten Stadt nur mit dem Auto kennt, man dann oft erkennen muss, dass man zu Fuss sich ganz anders, und unter Umstaenden viel besser bewegen kann. Gluecklicherweise gehoer ich da noch zu den Menschen, die fuer kuerzere Strecken doch lieber den Fussweg waehlen, und finde das dann heraus. Wenn ich mir dann Leute angucke, die vorzugsweise nie den Fussweg waehlen, und daraus extrapoliere… ja, das kann in der Tat erschreckend werden. Hab im Uebrigen grad vor ein paar Tagen eine Kurzgeschichte von Asimov gelesen, die das auf ihre Weise thematisiert. Da beschreibt er eine Welt, in der sich die Menschen daran gewoehnt haben, Portale zu verwenden, die sofortige Reise von einem Ort zum anderen ermoeglichen – aehnlich einem Transporter in Star Trek. In der Geschichte entwickelt das Portal einer Familie einen kurzzeitigen Defekt, woraufhin die Mutter den Sohn zur Haustuer rausschickt, und anweist, er soll doch das Portal der Nachbarn zur Schule nehmen. Der Sohn hat dank dieser Portaltechnik noch nie die Aussenwelt, ausserhalb eines Hauses gesehen, und ist fasziniert – er waehlt fortan den Fussweg zur Schule. Die Aussenwelt ist natuerlich dem Wetter ausgesetzt, aber ansonsten perfekt von Robotern in parkaehnlichem Zustand gehalten. Das Ganze bereitet der Mutter grosse Sorgen, sie befuerchtet, ihr Sohn habe eine Neurose entwickelt. Letztlich sympathisiert der gerufene Psychiater mit dem Sohn, und geht dann auch haeufiger zu Fuss. |
Sagen Sie etwas dazu!
|
|