Der Moment, an dem ich mich entschloss, den „Navigator” nieder zu schreiben, kann ich ziemlich genau festmachen – der 17. Mai 2008.
Ich war zu Besuch in Leipzig, hatte einige Dokumente auszudrucken, aber keinen Drucker zur Hand und machte mich auf die Suche nach einem Copyshop. Mit dem Fahrrad ist solch eine Suche meistens wesentlich praktischer als mit dem Wagen, und so radelte ich gen Leipzig Zentrum. Und gelangte in die Gegend, die Pate stand für das aus der Realität geschnittene Viertel in der Geschichte. Leipzigs Stadtkern ist saniert und blitzt sauber den Messetouristen entgegen. Die grüne Villenviertel am Stadtrand sind fest in der Hand von Münchner Immobilienriesen und sind ebenfalls grundsaniert eine Augenweide. Dazwischen aber befindet sich ein Bereich, den ich gerne den „Todesgürtel” nenne. Häuserruinen, mit Brettern vernagelte Fenster und Türen, abbröckelnder Putz und Straßen, die mehr aus Löchern denn aus Asphalt bestehen. Die hohe Arbeitslosigkeit in der Stadt und die Harz-IV-Gesetze haben zur Folge, dass sich hier diejenigen sammeln, die am Existenzminimum leben. Es ist schwer zu beschreiben, was mit mir geschah, während ich mich im „Todesgürtel” verirrte. Die Menschen, die Gebäude und das ganze Umfeld strahlten eine Hoffnungslosigkeit, eine dumpfe Verzweiflung aus, gegen die ich mich nicht wehren konnte, und die mich bald selbst erfüllte – und die ich nur schwer aus mir vertreiben konnte. Die Vorstellung, hier dauerhaft zu leben, war ein Alptraumszenario, das mich zutiefst berührte und zu einem der Hauptinspirationen wurde, mich der Ausarbeitung der Geschichte zu widmen.
Ein anderer Moment, der die Geschichte befruchtete, war eine Autofahrt im Januar 2008, als ich mit einem Freund zu einem Seminar in den Ruhrpott fuhr. Und wir, trotzdem scheinbar alle Angaben, die uns das Navigationsgerät gab, durchaus zu stimmen schienen – immerhin ließ es uns nicht in Gräben und Sackgassen manövrieren – gänzlich woanders heraus kamen. Statt an einer kleinen, alten Burg in irgendeiner neu gebauten Siedlung 30 Kilometer weiter. Ich selbst hatte wenig Erfahrungen mit diesen Geräten, ich lehne sie aus ähnlichen Gründen ab, aus dem ich kein Automatik-Getriebe haben wollte oder anderen technischen Schnickschnack, der mir augenscheinlich Arbeit abnimmt, mich aber bei genauerem Hinsehen um wichtige Kompetenzen bringt. Als ich dann begann, herum zu fragen, stellte sich heraus, dass diese Erfahrung keine Besonderheit ist. Weitaus interessanter fand ich jedoch die Beobachtung in meiner Eigenschaft als fleißiger Mitnehmer von Mitfahrern. Menschen, die Strecken dutzendfach mit Navigationsgerät gefahren waren, sahen sich außerstande, mich in ihrer Heimatstadt so zu lotsen, dass ich sie – freundlich wie ich bin – vor ihrer Haustür absetzen konnte. Ich beobachte auch zunehmend, dass sich mehr und mehr Leute auf solche Dinge wie Googlemaps zu verlassen scheinen, um sich davon sogar die „perfekte” Route aussuchen zu lassen. Die Frage drängte sich geradezu auf, was geschehen würde, wenn Karten nur mehr in digitaler Form vorlägen. Und man sie – aus welchen Gründen auch immer – manipulierte. Im Falle von militärischen Objekten wird dies selbstverständlich getan. Wenn allerdings der relevante Teil der Bevölkerung diese Karten und die Navigationsgeräte als ausschließlichen Realitätsabgleich haben, liegt es in der Hand derer, die diese Karten kontrollieren, die Wirklichkeit der Menschen zu gestalten. Die damit einhergehende Macht wäre größer als die der Kirche im Mittelalter, denn die Menschen glauben, dass alles gänzlich transparent ist und suchen noch nicht einmal mehr nach Alternativen.
Bereits für „Dichterbrand” (erschienen Januar 2008) und „Krimifrass” (erschienen Oktober 2008) recherchierte ich im Bereich der Arbeitslosigkeit, der sozialen Gerechtigkeit und der sogenannten „1-Euro-Jobs”. Die Tatsachen empfand ich als zutiefst erschreckend, verfolgte die aktuelle Entwicklung und musste mir immer wieder die Frage stellen, was die Regierung mit solchen Reformen beabsichtige, da die Folgen auf der Hand liegen. Der Missbrauch dieser Arbeitskräfte wurde an vielen Stellen publik und zeigte die Möglichkeit eines – harmlos formuliert – „neuen Billiglohnsektors”, oder – hart Formuliert – eines neuen Sklavenstandes, der zusätzlich noch zur Schönung der Arbeitslosenzahlen dient. Der Wahnsinn und die Idiotie unseres Wirtschaftssystems, das immer mehr entmenscht, ließ die im „Navigator” beschriebene Vision schon fast in den Bereich des Wahrscheinlichen rücken. Letztlich existieren dergleichen Zustände schon zum Teil, und das existierende ist in der Novelle lediglich weitergedacht worden.
Aus diesen sehr realen und sehr aktuellen Thematiken eine Dystopie zu machen, lag in der Thematik selbst. Zum einen, weil eine realistische Darstellung des Jetztzustandes die Gefahr der Polemisierung in sich barg, zum anderen aber, weil die Versetzung in eine nicht allzu ferne Zukunft nicht nur die Freiheit der Überzeichnung bietet, sondern darüber hinaus auch erlaubte, eine Reihe weiterer, verwandter Thematiken mit einzubringen – insbesondere die gesteigerte Technikabhängigkeit, wie sie für die nähere Zukunft zu erwarten ist.
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[Norman Liebold,
17.05.2009 |
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