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[Dieser Artikel ist der 1. von 7 Teilen in der Reihe Hintergrund Dichterbrand]

Hintergrund Dichterbrand - Inhaltsverzeichnis

Dichterbrand – 1. Von der Idee zum Roman
Dichterbrand – 2. Nomen est Omen
Dichterbrand – 3. Dichtung und Wahrheit
Dichterbrand – 4. Zitatewut
Dichterbrand – 5. Ritzen und Spalten – der Schreibprozess
Dichterbrand – 6. Intentio auctoris – Wider die Dramatik
Dichterbrand – die Illustration der zweiten Auflage

01-Apr-2008 14:50, KONICA MINOLTA DiMAGE Z20, ISO 254

07-Jan-2008 23:12

Gay Einzahn und Joy, wie sie jedem neuen Gast von mir in Erinnerung bleiben, wenn ich mit ihm über den Hof komme und mich an seinem ängstlichen Gesichtsausdruck weide. Sie sind wirklich schnell, und ehe Ball und Stock bemerkt werden, ist zuerst die Angst da.

Gay Einzahn und Joy, wie sie jedem neuen Gast von mir in Erinnerung bleiben, wenn ich mit ihm über den Hof komme und mich an seinem ängstlichen Gesichtsausdruck weide. Sie sind wirklich schnell, und ehe Ball und Stock bemerkt werden, ist zuerst die Angst da.18-Sep-2007 11:07, KONICA MINOLTA DiMAGE Z20, 3.3, 37.9mm, 0.017 sec, ISO 50

Hier schrieb ich den Großteil meiner Magisterarbeit. Walter stellte mir diesen wunderschönen und abgelegenen Platz zur Verfügung, während über den Rest der Anlage das Gebrüll der Fußballweltmeisterschafts-Begeisterten rollte. Wenn Herr Wehner im neunten Kapitel Quirin den Wohnwagen überläßt, ist das eine ganz klare Reminiszenz daran.

Hier schrieb ich den Großteil meiner Magisterarbeit. Walter stellte mir diesen wunderschönen und abgelegenen Platz zur Verfügung, während über den Rest der Anlage das Gebrüll der Fußballweltmeisterschafts-Begeisterten rollte. Wenn Herr Wehner im neunten Kapitel Quirin den Wohnwagen überläßt, ist das eine ganz klare Reminiszenz daran.19-Jul-2006 13:08, KONICA MINOLTA DiMAGE Z20, 3.3, 14.5mm, 0.01 sec, ISO 80

Der Pfarrer-Wyler-Weg. Rechts die Kapelle des Friedhofes, links die Silo-Miete.

Der Pfarrer-Wyler-Weg. Rechts die Kapelle des Friedhofes, links die Silo-Miete.22-Okt-2007 18:06, KONICA MINOLTA DiMAGE Z20, 3.4, 26.5mm, 0.017 sec, ISO 50

Die Pferde auf der Koppel. Im Hintergrund die Wohnwagen des Platzes.

Die Pferde auf der Koppel. Im Hintergrund die Wohnwagen des Platzes.19-Sep-2007 17:38, KONICA MINOLTA DiMAGE Z20, 3.2, 42.1mm, 0.013 sec, ISO 50

Die erste Idee zum Siebengebirgskrimi hatte ich um 2003 herum. Damals verbrachte ich mit meiner damaligen Partnerin sehr viel Zeit auf dem Wohnwagenplatz Eudenbach, wo wir uns eine Art kuscheliges Liebesnest eingerichtet hatten. Trotzdem gerade mal 20 Minuten vom Hause ihrer Eltern entfernt, hatte das Siebengebirge jedesmal den Flair eines kleinen Urlaubes: Wald, Berge, die wunderschönen, mit türkisenem Wasser gefüllten Steinbrüche zum Baden, Pilze- und Kräutersammeln… und keine nach Millimetern messende Rigips-Wand ohne jede schalldämmende Eigenschaften mit dem elterlichen Schlafzimmer auf der anderen Seite. Auch die Stille war eine wunderbare Sache, zum Lesen, Arbeiten, Träumen, Kuscheln. Zumindest außerhalb der Saison. In der Saison sieht das natürlich anders aus, immerhin sind die Wände eines Wohnwagens auch nicht dicker als Rigips, und keine Hecke und keine Wiesenfläche ist schallschluckend oder weitläufig genug, um ein bis zum Anschlag aufgedrehte HiFi-Gerät mit „Marmor, Stein und Eisen bricht”, „Er gehört zu mir” oder gar „Der Sultan het Durscht” auch nur ansatzweise zu dämpfen. Solches erregte insbesondere bei meiner Gefährtin sagen wir… unterschwellige Aggressionen. Laut zum Fußball grölende und hoch alkoholisierte Grillgemeinschaften mit ausgeprägten Organen trugen natürlich kaum zur Entspannung bei. So schon als das intellektuelle Künstlerpärchen Außenseiter par exellence, verweigerten wir natürlich aus Prinzip gewisse unter Gartenzwergfetischisten übliche Verhaltensmaßregeln wie 14-tägigiges Herunterhäckseln des Rasens zu einem braun verbrannten Stoppelteppich und die Erfüllung gewisser ästhetischer Ansprüche (Gartenzwerge, Koikarpfenteiche, bunte Lämpchen). Auch das nicht gerade Friedenspolitik. Das i-Tüpfelchen waren denn wohl Erlebnisse wie der ungefragte Zutritt eines übergewichtig-schwitzenden Zeitgenossen in gerippten Unterhemd mit Leggins und Plastikbadelatschen und geifernd-gaffenden Stielaugen, während die Gefährtin ihre Brüste in der Sonne bräunte. In diese Zeit sich gegenseitig aufschaukelnder Distanzierung zwischen Platzgemeinde und Künstlerpärchen dürfte wohl die Geburtsstunde der Idee zum Campingplatz-Krimi gefallen sein. Wobei er sich damals weitestgehend auf die Intrigen und gruppendynamischen Absurditäten konzentrierte, wie sie sich auf einem solchen Platz mit gehobenen Kleinbürgertum zusammen zu mengen pflegen. Anlaß zu dieser recht bissigen Alltagsstory sollte ein vermeintlicher Mord sein.

Die Geschichte in dieser Form überlebte letzthin die Trennung von der Gefährtin nur in rudimentärer Form. Längere Zeit war ich nicht mehr auf dem Platz, auch aus Furcht vor Herzrhythmusstörungen, bis ich mich September 2005 angesichts der beginnenden Examenszeit und der damit verbundenen Unmöglichkeit, genügend für die Erhaltung des bisherigen Lebensstandards zu arbeiten, meinen Wohnwagen als vorübergehenden Zweitwohnsitz zu wählen (Zu der Zeit hatte ich noch Wohnungen sowohl in Saaleck wie auch in Leipzig). Nunmehr über längere Zeiträume auf dem Platz, lernte ich die Nachbarn von neuen (und sympathischen) Seiten kennen, insbesondere entwickelte sich eine innige Freundschaft zum Besitzer des Platzes. Die Idee des Krimis auf dem Platz spukte mir während der Magisterzeit immer wieder im Kopf herum und zog andere Ideen an wie ein großer Quecksilbertropfen kleinere. Insbesondere die zentrale Idee aus dem „Zeitenquell”1, die mit der Figur des perfiden Schriftstellers zusammenhängt, der sich als Puppet-Master betätigt. Besonders zusammen mit meinem damaligen Kompagnon Jens Finkhäuser spann ich in freien Minuten während der Magisterarbeit an der Geschichte herum. In der Zeit entstand das Grundgerüst der Geschichte, insbesondere mit den finalen Friedhofs-Szenen. In diesem Stadium enthielt die Geschichte jedoch noch angedacht ausgedehnte Passagen, die den Privatdetektiv die Intrigen auf dem Campingplatz untersuchen und diverse Blicke in die Abgründigkeit Kölner Vorstadt-Kleinbürger werfen ließ. So das Mißtrauen, wie sie Intellektuellen – zumal Künstlern – entgegengebracht werden kann. Mord wegen zu hoch gewachsenem Rasen, sozusagen, herübergetragen aus der ersten Geschichten-Idee drei Jahre zuvor, nun als blinde Spur für den Leser.

Dieses zentrale Element wurde, während die Geschichte in ihren Details immer mehr wuchs und ich zugleich die Leute vom Platz immer besser kennen lernte, zunehmend verdrängt, bis schließlich davon nur die mehr oder weniger theoretische Betrachtung dieser Möglichkeit im neunten und zehnten Kapitel übrig geblieben ist. Die ganz am Anfang stehenden negativen Betrachtungen der Dauercamper konzentrierte sich schließlich in der Figur von Frau Schlömer (zehntes Kapitel), und auch diese geriet zwar ein wenig respektlos, aber durchaus auch mit einem liebevollen Augenzwinkern – wobei die Figur letzthin eine Art Destillat aus den eher unangenehmen Seiten einiger Dauercamper darstellt, nicht hingegen das Abbild einer realen Person.

Die Grundstruktur der Kriminalnovelle blieb über die ganze Zeit dieselbe, auch die zentralen Szenen des Handlungsablaufes standen bereits im Frühsommer 2006 komplett als Scribbel. Allein, damals dachte ich noch, dass der „Dichterbrand” eine Novelle von vielleicht 40 Taschenbuchseiten werden würde. Und ich war mir auch nicht sicher, ob ich sie überhaupt angehen sollte, oder ob ich sie nicht lieber zu dem beständig wachsenden Haufen mich bösartig und schuldgefühlerregt anschielenden unbearbeiteten Storys sperren sollte, die grummelnd in einem speziell dafür vorgesehenem Käfig hinter meinem linken Schläfenlappen vegetieren und auf ihre Chance warten. Sie kam mir dochrecht banal vor.

Die Unvorsichtigkeit, die mich letzthin fünf Monate in die Asche des „Dichterbrand“es eingrub, war, als ich Walter – dem Besitzer des Campingplatzes – von der Geschichte erzählte. Das war im Herbst 2006, als ich mich – bereits erheblich mit Rotwein angefüllt – dafür bedankte, dass er mir im Sommer einen leeren und abseits stehenden Wohnwagen zur Verfügung stellte, um in Ruhe an der Magisterarbeit schreiben zu können. Denn zu diesem Zeitpunkt war die Fußballweltmeisterschaft, und wenn ein Tor fiel, brandete eine Welle von Gebrüll über den Platz – unmöglich, sich zu konzentrieren.2 Es versteht sich natürlich von selbst, dass Walter mich ab diesem unvorsichtigen Moment bei jeder Gelegenheit löcherte, ob ich mit der Geschichte schon angefangen habe, die auf seinem Platz spielen sollte. Trotzdem fürchtete ich mich vor der Geschichte (mit Recht, wie sich herausstellen sollte), wie ich mich stets vor Geschichten mit realistischem Anspruch gefürchtete habe. Nachdem ich die Prüfungen Februar 2007 hinter mich gebracht und die drei Storys geschrieben hatte, die heute im „Kulturgeist” zusammengefasst sind, gingen mir die Ausreden aus – sowohl Walter wie auch mir selbst gegenüber. Zudem beschäftigte ich mich grüblerisch mit meiner Rückkehr in die literarische Welt – hatte ich doch fast zwei Jahre lang weder die Bühne unsicher gemacht noch neue Geschichten veröffentlicht – und das Schicksal kleiner Schriftsteller ist eines der großen Themen des „Dichterbrand“s.

Ich erinnere mich, dass ich eine Wanderung durch das Siebengebirge machte und durch den Steinbruch bei Kalenborn kroch, als sich in meinem Kopf zwei Sachen miteinander verbanden: Sherlock Holmes und der gerade fertig gewordene Magister Artium mit all seinen menschlichen und finanziellen Problemen. Das war die Geburtsstunde von Quirin Hundtemann, dem Sherlock-Holmes-Fan, Anglisten und frischgebackenen Akademikers mit Geldsorgen. Geburt heißt bei einer Figur soviel als dass ein Haufen von mechanischen Notwendigkeiten zum Funktionieren einer fiktiven Person in einem Handlungsablauf durch irgendein magisches Element ähnlich zum Leben erwacht wie der lehmzusammengebackene Golem des Rabbi Jada Löw, wenn er seinen Zettel unter die Zunge bekommt. Ist eine Figur einmal erwacht, ist sie ein abscheulich aufdringliches Wesen, das unausweichlicher ist als jeder lebendige Mensch je sein kann, denn wie soll man vor einer Stimme weglaufen, die im eigenen Hirn sitzt? Am vierten September, kaum dass ich den „Kulturgeist” fertig gestellt hatte, begann ich mit der Niederschrift der Geschichte, die mich bereits seit vier Jahren beschäftigte. (Blogeintrag zum Arbeitsbeginn lesen >>)


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  1. Der „Zeitenquell” ist ein bisher Fragment gebliebener Roman von 2003/04 aus meiner Feder. Eine Vollendung ist allerdings durchaus – aber ohne Zeitlimit – angedacht. []
  2. Richtig, der abgelegene Wohnwagen stammt mit einiger Sicherheit hierher. In den ersten Notizen zur Story war es noch ein Wagen, der mitten auf dem Platz stand. Wobei die Überlegung jedoch mehr in Richtung der Gefährlichkeit des Brandes ging und an die notwendige Unzugänglichkeit des Brandherdes für die Feuerwehr. []

[Norman Liebold, 10.02.2008
Dichterbrand, Hintergründe
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Dichterbrand – 1. Von der Idee zum Roman

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