*DICHTERBRAND*
In der Neugermanistik wird nach wie vor eifrig diskutiert, ob es so etwas gebe wie die intentio auctoris, und insbesondere die neueren und insbesondere dekonstruktivistischen Ansätze klammern sie weitestgehend aus, bis dahin, den „Tod des Autors” zu konstatieren. Als Autor habe ich natürlich etwas dagegen, aus dem Textverständnis ausgeklammert zu werden, auch wenn ich diese Ansätze durchaus interessant finde, insbesondere, soweit es die wissenschaftliche Interpretation von literarischen Texten geht. Trotzdem ich natürlich durchaus im „Dichterbrand” mit den Konzepten von intentio auctoris et operis spiele1, bin ich mir doch einigermaßen sicher, dass ich soetwas wie eine Intention hatte.
Und auch wenn mir natürlich klar ist, dass es ab dem Moment, wo ich den Text aus der Hand gebe, nur noch eine intentio operis – beziehungsweise, wie ich richtiger finde, da ich ein bisschen Druckerfarbe auf Papier kein Bewusstsein zusprechen will die intentio lectoris - existieren kann, so ist es doch unleugbar die Intentio dieser Hintergrundseiten, einen Paratext aus erster Hand zu liefern, was denn meine Intentio gewesen sei.
*Hüstel*. Glücklicherweise interessiert dieses Geschwafel über intentio auctoris und lectoris zwar durchaus mich Hybrid aus Schreiber und Literturwissenschaftler, nicht jedoch 99 % meiner Leser – hier ist es schon Schwierig, das Bewusstsein der Spaltung zwischen Erzähler, Autor und Protagonist aufrecht zu erhalten – wobei ich zugestehen muss, dass ich innerlich grinsend beobachte, dass die Spielerei damit funktioniert und der arme interpretationssuchende normalsterbliche Leser in seltsame Konflikte gerät, wenn er sich nicht entscheiden kann, ob er nun Quirin Hundtemann (Literaturwissenschaftler und Protagonist) oder den verbrannten Schreiber (Autor, der im Wohnwagen lebt) mit dem Autor des „Dichterbrandes” in Deckungsgleichheit bringt. Auch wenn dieses Spiel nur eine hinterlistige Gemeinheit am Rande ist, so zieht sie sich doch durch den gesamten „Dichterbrand“, um auf den letzten Seiten nocheinmal einen Höhepunkt zu erleben2. Und, wie ich noch mehr grinsend gestehe, darüber hinaus, denn meine nächste Veröffentlichung, der „Gläserne Sarg” trägt nicht von ungefähr den Titel des Buches, das Beckmann im „Dichterbrand” geschrieben hat und erzählt ebendiese Geschichte.
Solche Perfiditäten sind nicht mehr als arrogante Spielereien von Autoren, die durch ein Studium gegangen sind, das sie selbst ad absurdum zu führen versuchte. Sie haben ihre neckische Freude daran, und die sollte man Ihnen gönnen. Der Leser grinst denn dann doch meistenteils mit und bedarf dabei nicht im geringsten den theoretischen Überbau, den der Autor mit sich herum schleppt. Ihm genügt es zu seinem Amüsement, dass ein Autor einen Autoren einen Autor verbrennen lässt, um als Autor einen Roman zu erzeugen, indem ein Autor einen Autoren uswusf..
Die Gestalt und der Aufbau der Handlung im „Dichterbrand” ist wesentlich undramatisch und orientiert an erlebter Realität.
Die Literatur, zumal die kriminalistische, wird gänzlich überflutet von haarsträubenden Storys, die ganz in der Art der aktuellen Entwicklung der Filmindustrie3 gänzlich übertriebene Effekte aneinander reihen und aus unerfindlichen Dingen glauben, dass die Qualität einer Geschichte mit einer Formel zu ermitteln sei, die Explosionen, weltumspannende Bedrohungen, Tote und möglichst polarisierte Schwarzweiß-Charaktere mit einem Touch Heldentum kreuzen.4 Hier gibt es natürlich wunderbare Ausnahmen, auch auf dem Gebiete der Kriminalliteratur, aber leider ist dieses Höherweiterkrasser-Prinzip nur zu deutlich wahrzunehmen. Am besten noch gekreuzt mit irgendwelchen in die früheste Geschichte zurück reichenden Weltverschwörungen. Ich nenne es mal das Dan-Brown-Syndrom, wobei der Autor natürlich nur ein Vertreter dieser Bewegung ist und Autoren wie Jaques Berndorf oder Gisbert Haefs eher selten sind. Das Phänomen dieser Gigantomanie ist überaus faszinierend, und ich werde es in der nächsten Zeit im Philoblog einmal näher zu definieren suchen – meiner Meinung entspringt es einem Circulus vitiosus, der einerseits von einem Hilflosigkeits- und Ausgeliefertsein-Gefühl der Menschen angesichts unüber- und undurchschaubarer Staats- und Konzerngebilde und naturgewaltartiger Globalisierungsprozesse einerseits und dem inneren Bedürfnis, etwas zu ändern, als Individuum etwas bewegen zu können andererseits gespeist wird und letzthin zum passiven Konsum von Heldenepen aus zweiter Hand führt, deren virtueller Charakter eine beständige Steigerung der Reize bedarf, um noch eine gewisse Befriedigung des Handlungsdranges zu gewährleisten.5 Literarisch ist nebenbei natürlich auch die Flucht in eine Art avantgardistischen Biedermaier zu bemerken, das Paddeln und Sühlen in Befindlichkeiten und bis zur Unverständlichkeit hypermetaphorisierten Selbstbespiegelungen und Winseleien.
Der „Dichterbrand” geht den gegenteiligen Weg, spielt aber zugleich mit den Erwartungshaltungen des Lesers. Horst, der Bestatter, thematisiert das im sechsten Kapitel:
Der Bestatter war aufgestanden und fuchtelte mit den Händen. „Ich bin seit fünfundzwanzig Jahren in dem Geschäft”, erklärte er, „und mir ist verdammichnochmal nicht eine einzige beschissene Leiche untergekommen, die kaltblütig ermordet worden wäre! Ich hatte einen, ja, dem hat der Bruder den Schädel eingeschlagen…” – Dieter [sc. der Feuerwehrmann] sog die Luft scharf und hörbar zwischen seine Zähne – „… und ich erzähl Euch was: Der Bruder hat ihn auf den Venusberg gefahren und Rotz und Wasser heulend die Ärzte angebrüllt, sie sollen ihn wieder lebendig machen. Dann ist er geradewegs zu den Bullen marschiert und wollte am liebsten standesrechtlich erschossen werden. Der war ein Choleriker durch und durch, das wisst Ihr alle, und ist ausgerastet, weil der Bruder mit seiner Frau…” Er unterbrach sich selbst, um einen Augenblick später mit ruhiger Stimme fort zu fahren: „Ich habe keine Ahnung, in was für einer Welt Ihr lebt, aber in meiner ist nicht der erste Gedanke Mord. Und ich kenn mich aus mit Toten! Vielleicht läuft man in amerikanischen Filmen mit Pistolen im Hosenbund herum und knallt Leute ab, die einem in die Quere kommen, aber in meinem Deutschland, da …”
„Vergast man sie mit Stempel und Genehmigung.” Das Schweigen verriet Quirin deutlich, dass das überaus unpassend und er recht taktlos gewesen war.6
Der „Dichterbrand” bewegt sich in dem Bereich, der für den Menschen begreifbar und im Bereich des Vorstellbaren liegt, wo etwas verändert werden kann. Beziehungsweise, richtiger, zeigt genau die Schnittstellen auf – denn dieses gigantische globale Monsterkuriositätenkabinett, das dem modernen Menschen sich wie ein hilfloses Nichts im Sturm von Naturgewalten fühlen lässt, ist eine Illusion, die nur funktioniert, weil sie es schafft, sich für real halten zu lassen.
Vielleicht ist dies die eigentliche, wichtigste Intention des „Dichterbrand“es. Genau hierhin den Finger zu legen. Auf den Menschen zurückzuverweisen und auf sein Umgeben-Sein in einer Welt, in der flächendeckende Überwachung, entpersonalisierte massenproduzierende Konzerne und globale Konflikte ihn streifen, ohne dass er seinen Platz darin erkennen kann, es sei denn als Konsument.
Und, dies darf in keinster Weise unterschlagen werden, das in vollstem Sinne von Horatius‘ Empfehlung:
Aut prodesse uolunt aut delectare poetae aut simul et iucunda et idonea dicere uitae.7
Mit die größte Befriedigung empfand ich, wenn in den Lesungen das Amüsement des Publikums in gelöstem Lachen deutlich wurde.
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[Norman Liebold,
10.02.2008 |
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