Am 19.09.2007 vermerkte ich in der Fußnote zur geraden abgeschlossenen Szene mit Gay Einzahn und Joy Blauauge: „Das Erscheinen des Rufmords schätze ich auf Mitte Oktober, Anfang November. [...] Das Romänchen dürfte etwas um die 80 Seiten haben [...]” (Zum Post springen >>>) Das waren zwei Wochen, nachdem ich mit dem Schreiben begonnen hatte.
Tatsächlich schrieb ich den letzten Satz am 19.01.2008 – ein gutes Vierteljahr und später mit einem Manuscript in der Hand, das tatsächlich den dreifachen Umfang hatte wie angenommen1. Und das, trotzdem die Geschichte selbst, was ihre Handlung angeht, sehr nah am ursprünglichen Exposé geblieben ist und ich eigentlich eher dazu neige, eine Story so prägnant als möglich, gewissermaßen von novellarischer Wesensart, zu halten anstatt in der Art des Romanciers eine Geschichte durch Neben-, Über- und Unterstränge bis ins Bodenlose aufzublasen. Nichtsdestotrotz ganz und gar Novellist, hatte ich beim „Dichterbrand” mehr als bei irgendeiner anderen Geschichte bisher damit zu kämpfen, sie am Überborden zu hindern, und das vielleicht anstrengendste während des Schreibprozesses war, die Handlungsflüsse wieder in ihr Bett zurückzudrängen. Dass in meinen Schädelwänden bunte Knete wuchert und gärt, ist bekannt; auch, dass ich vielleicht gerade darum zuerst Storys mehrfach durchspiele, Freunden erzähle und gnadenlos mit Steckbeiteln, Hackmessern und Schleifhexen bearbeite, bis jeder Schnörkel herunter ist und das blanke Gerüst vor mir steht. Denn sobald ich dann die Feder auf das Papier setze, wuchert es in bunten Kringeln und Auswüchsen über das Skelett und gleichsam ein Bonsai-Züchter ist es die eigentliche Kunst, in Bahnen zu lenken und an den richtigen Stellen wegzuschneiden.
Ich war allerdings nicht darauf gefasst, dass beim „Dichterbrand” das Gären und Wuchern und all die kleinen Tierchen in dem Käfig hinter dem linken Schläfenlappen in einer derartigen Wildheit hervor preschen würden und jede kleinste Lücke im Skelett, jede Ritze zwischen den Gelenken gnadenlos ausnutzen, um sich dazwischen zu drängen und die absonderlichsten Auswüchse hervorzubringen. Vor allem: Schöne Auswüchse, die wegzuschneiden fast mehr schmerzte als den klaren, schnurgeraden Faden der Geschichte sich abwickeln zu sehen. Der Kampf mit diesen Blüten und Wucherungen glich der Auseinandersetzung mit einer Hydra – oder mit den Trieben eines Essigbaums, so man die Dummheit begangen hat, ihn zu kappen. Zuweilen kam ich mir vor, als stände ich mit dem Rücken gegen eine Tür gepresst, durch die ein nicht abreissender Strom von Exkursen, Zitateschlachten und Reminiszenzen an geliebte Menschen und Orte quoll. Aber vielleicht ist das schlicht unausweichlich, wenn es derart viele Deckungen zwischen den Protagonisten und einem selbst gibt. So die Beschreibungen der Existenzsorgen Quirins, während er noch in den Nachwehen der Examina hängt, die heimatlichen Gefilde natürlich, das Leben im Wohnwagen, die Problematik des jungen, noch unbekannten Schriftstellers, der verzweifelt einen Weg sucht, nicht in der erstickender Überfülle massenproduzierter Unterhaltungsromane unterzugehen.
Nichtsdestotrotz hat der Roman keinen wuchernden Krebs entwickelt, wenn er auch verglichen mit den drahtig-muskulösen sonstigen Novellen vielleicht ein wenig mehr Fleisch angesetzt hat. Allerdings wurde schon mehrfach gesagt, dass ihm das gut zu Gesicht stände und insbesondere die farbigen geschilderten liebenswerten bis skurrilen Charaktere das Lesen zu einem echten Vergnügen machen würden. Was ich natürlich gerne höre – nach fünf Monaten ringen mit diesem Essigbaum mit Wurzeln in den letzten zweieinhalb Jahren gibt es nichts Schöneres, dass einem gesagt werden kann.
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[Norman Liebold,
10.02.2008 |
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