Nicht nur die Tatsache, dass im „Dichterbrand” etliche Personen vorkommen, deren Inspiration1 realen Zeitgenossen zu verdanken ist, stellt inhärent die Problematik der Namensgebung auf. Der „Dichterbrand” ist das, was gerne unter „Lokalkrimi” subsumiert wird. Was ich persönlich allerdings nachgerade für Schwachfug halte, denn letzthin braucht jede Geschichte, insbesondere solche mit „realistischem Anspruch”2, eine Verortung. Sind Doyles Sherlock-Holmes-Geschichten Lokalkrimis, weil sie des Öfteren ausschließlich in London spielen? Und sind dann Holmes-Geschichten, welche die Reise in andere Gegenden3 beinhalten, „Reisekrimis” oder schon „Reiseliteratur”? Die Kategorisierungen der Neugermanisten beäugte ich nicht nur während der 7 Jahre Studium stets mit gerunzelter rechter Augenbraue. Eines steht jedoch fest: Wenngleich die Orte und die landschaftlichen Gegebenheiten natürlich gewahrt bleiben können, so zeigen sich sofort Probleme, würde man den Figuren im fiktiven Geschehen die Namen ihrer Vorbilder belassen. Auch so kamen schon genügend Rückfragen, ob in Eudenbach jemand verbrannt sei4. Und das, obwohl keine Figur im „Dichterbrand” einen realen Namen trägt – denn, nochmal betont, es sind erfundene Personen in erfundenen Geschehnissen.5
In meinen fantastischen Geschichten ist es nur natürlich, sprechende Namen zu Verwenden, um weitere Bedeutungsebenen ebenso herzustellen wie Reminiszenzen und Antizipationen. Namen wie „Karon”, „Anderich”, „Hieronimus” etcpp. allerdings in einem Lokalkrimi zu verwenden, wäre schlicht äußerst ungeschickt. Nichtsdestotrotz liebe ich es, sprechende Namen einzubauen, auch wenn sie zum Teil etwas banal sind – wie im Falle Buhr für die Milchbauern, was schlicht die alte (oder rheinische) Sprechweise von „Bauer” (althdt. giburo) darstellt.6 Amüsanter da schon der Name meiner gehassten Dan-Brown-Leserin, der Gerüchteschleuder Frau Kibbenibbe, was nichts anderes bedeutet als „Keifschnabel”7 oder meine Dauercamper-Schrecks, die Schlömers.8 Der Name für die Besitzer des Campingplatzes – Wehner - ist wiederum recht einfallslos, „Wehner” ist der Wagenmacher, und das spielt letzthin nur auf den Besitz eines (Wohn)wagen-Platzes an.
Spaß hingegen hat wiederum mein perfider Tintenfuchs gemacht – Michel Recknagel:
Fast alle Körperteile spiegeln sich in Familiennamen, sogar der Penis. Die im MA. für diesen gebräuchlichen Wörter zumpf, unker, visel, zers können Anlaß gewesen sein für Namen wie Zump(e), Zumpf, Zümpfel; Unker(t); Visel, Fissel, Fies(e)l(er); aber Zersch, Zerres kommt wohl meist vom Rufnamen Nazarius. Dazu kommen Metaphern wie Wackernagel ›tüchtiger Penis‹, ähnlich zu deuten vielleicht auch Stülp-, Recknagel. (Kunze: Namenskunde. S. 146)
Dem des Mittelhochdeutschen (oder auch noch Frühneuhochdeutschen) Kundigen wird sich hier vielleicht ein Lächeln entlocken, wenn er bedenkt, dass michel nichts anderes bedeutet als „groß”.
Das Spiel mit Beckmann/Bachmann ist integraler Bestandteil des Romans:
„Sie hatten doch Sprachgeographie bei Herrn Professor Thomas Klein, nicht war? Soweit ich mich erinnern kann, war Bachmann eines seiner Lieblingsbeispiele…”
„Im Niederdeutschen erscheint Bachmann als Beckmann”, wiederholte Quirin tonlos den oft gehörten Satz. Die machen/maken-Linie des rheinischen Fächers. Machen/maken – Bachmann/Beckmann.
„Wussten Sie, dass King seinen ersten Erfolgsroman Carrie in einem Wohnwagen geschrieben hat? Und dass er ben die Bücher, die er vor seinem Durchbruch geschrieben hat, als Richard Bachmann veröffentlichte?”9
Und, natürlich, ist der Name des Protagonisten – Quirin Hundtemann – ein sprechender Name. Der Nachname ist zum einen eine Anspielung auf Sir Artur Conan Doyle, über den gewiss weitschweifigen Umweg Doyle, Thöle, Döle10, und zum anderen – natürlich, wie banal, eine Metapher für einen „Schnüffler”. Der Vorname – Quirin – ist, ebenfalls recht banal, nicht wie im Roman breitgetreten vom Heiligen Quirin(us) abgeleitet, sondern von lateinisch inquiro.11
Ich brauchte einen Namen, mit dem der Besitzer beständig unfreiwillige Komik erregt, und das Spiel mit dem Heiligen Quirin, zuständig für Fisteln, Blattern und Geschwüre – und besonders gegen Kopfleiden und Kopfschwerzen, hat auch deswegen Spaß gemacht, weil er mit als erstes von Caesarius von Heisterbach erwähnt worden war.12 Caesarius spielt im Roman noch eine weitere Rolle13, schon deswegen, weil das Kloster Heisterbach keine Viertelstunde von hier weg im Siebengebirge liegt.14
Abgesehen von Quirin habe ich bei der Namensgebung natürlich auf die Wahrscheinlichkeit geachtet, dass an der Grenze von Rheinland zum Westerwald diese Namen auch vorkommen und ihr sprechender Charakter nicht störend deutlich ins Auge fällt. Ach ja: Gay und Joy hingegen, die beiden Hunde, heißen allerdings in der Tat genau so…
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[Norman Liebold,
10.02.2008 |
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