Spätestens, seit der Generalanzeiger am 18. Januar 2008 über den seltsamen tintenfuchsenden Kauz im Siebengebirge berichtete [Artikel lesen >>>], der in einem Wohnwagen lebend einen Krimi schreibt, bei dem ein seltsamer tintenfuchsender Kauz im Siebengebirge, der in seinem Wohnwagen lebend Bücher schreibt, in die Luft fliegt,1 stellten sich wohl die letzten die Frage: Wie viel Autobiographie steckt da drinnen?
Besonders, wenn der Protagonist gerade seinen Abschluss als Magister Artium im Bereich Literaturwissenschaften – wenngleich Anglistik, nicht Germanistik – gemacht hat und sich in der Szene bei Seidel und Millinger diese wunderbare lateinische Zitateschlacht bis knapp an die Schmerzgrenze liefert, der ich einfach nicht widerstehen konnte [Blogeintrag lesen >>>].Ich denke, ich kann dies relativ einfach klären, da dies nicht nur für den „Dichterbrand” gilt, sondern im Grunde für alle Geschichten, die ich je geschrieben habe oder je schreiben werden, ganz gleich ob phantastisch oder realitätsnah. „Er schreibt grundsätzlich nur über Sachen, ‘die ich glaube, verstanden zu haben‘”, schrieb die Rhein-Sieg-Rundschau 2003, und das vertrete ich noch heute. Selbst der abgedrehteste Hypermoderne wird letzthin genauso über Dinge schreiben, die ihn persönlich berührt haben, wie die triefendste Historienschnulzenautorin. Ich darin vielleicht noch einen Schritt weiter. Mir genügt es nicht, eine Geschichte gründlich zu recherchieren. Als erklärter Skeptiker erlaube ich mir selbst ausschließlich Dinge zum Gegenstand zu machen, die ich kenne, insbesondere, wenn es sich um eine Geschichte mit realistischem Anspruch handelt. Die größte Barriere, die ich zu durchbrechen hatte, als ich begann, realistische Geschichten zu schreiben, war die, dass ich eine immense Furcht davor hatte, Menschen Unrecht zu tun. Denn meine Figuren müssen zwangsläufig meine Interpretation des Menschseins sein, Projektionen, Theoreme, wie ich mir das Innenleben eines Gegenüber vorstelle. Trotzdem ich es als große Herausforderung ansehen, zum Beispiel wie im „Gläsernen Sarg”2 aus der Sicht eines manisch-depressiven Dipolaren zu schreiben, so schwierig gestaltet sich das für mich. Mir ist es stets ein Quell zum einen der Verblüffung, zum anderen auch des Neides, bei Kollegen die Leichtigkeit zu sehen, mit der sie über Dinge zu schreiben sich erlauben, die sie bestenfalls aus zweiter Hand kennen.3 Wobei das nicht geringsten sagen will, dass ich autobiographisch schreibe. Wie Peter Kurzeck einmal schön formulierte, denke ich, dass „für jeden Schriftsteller das eigene Leben so etwas wie das Lager, das Materiallager ist, oder der Steinbruch”4Dass ich Beckmann drei Jahre lang in einem Wohnwagen leben und arbeiten lassen kann, setz gewissermaßen voraus, dass es kein Konstrukt ist, sondern gelebte Realität. Wenn ich einen völlig durchgeknallten Hund wie Gay Einzahn beschreibe, dann möchte ich erlebt haben, gesehen, dass ein solcher Hund möglich ist. Dass man auf einer Metaebene damit zu spielen anfängt, ist natürlich klar, einer solchen Versuchung kann, denke ich, niemand widerstehen, der sich des Spieles zwischen Autor und Leser bewusst ist – zumal in einer sich als solche ausgebenden Kriminalgeschichte. Auf die Frage, wie autobiographisch der „Dichterbrand” ist, kann es also keine andere Antwort geben als dass er es in keinster Weise ist. Würde die Frage dahingehend umformuliert werden, wie viel tatsächlich Gesehenes, Erlebtes, Gefühltest hineingeflossen ist, so wäre die Antwort wahrscheinlich bei diesem Roman schwieriger als bei allen anderen Geschichten aus meiner Feder. Zum Beispiel hat sich die Episode, wo Quirin mit rechts und links heruntergekurbelten Seitenfenstern zu seinem Schrauber tuckert, in sehr ähnlicher Weise zugetragen, als meine Öldruckwarnlampe aufgrund eines Kabeldefektes leuchtete. Meine Angst vor dem Gemeinen Kolbenfresser stand der Quirins nicht im geringsten nach. Was aber nicht heißt, dass ich gerade ein potentiellen Mordfall untersucht habe und von oben bis unten mit Schlamm und Modder verkrustet war. Nichtsdestotrotz hat es mir ausgesprochen Spaß gemacht, meinen eigenen Schrauber Jens Henseleit, dem ich vielfacher Hinsicht zu tausendfältigem Dank verpflichtet bin, in den Schrauber von Quirin einfließen zu lassen, soweit, dass, wer ihn kennt, ihn in Max wiedererkennen muss: Er ist ein Gigant mit langen roten Haaren und ebensolchen Vollbart, und ich hätte niemals eine Person mit ausgestrecktem Arm eine andere am Kragen hochheben lassen, wenn ich es nicht selber gesehen hätte. Ebenso wenig, wie ich einen solchen Reparaturfall in eine Geschichte aufgenommen hätte, ohne sie selbst durch eigenes Erleben verifziert zu haben.Natürlich gilt das nicht für alle Dinge im „Dichterbrand“. Aber ich denke, das Prinzip dürfte hier klar werden. Und natürlich macht es einfach Spaß, ein Erlebnis wie ich es Oktober 2006 bei Seidel & Millinger hatte, in abgewandelter Form in eine Szene einzubauen, die tatsächlich bei Seidel & Millinger spielt. Diese Punkte spielen noch in weit größerer Tiefe für die Beschreibung von Charakteren eine kaum zu unterschätzende Rolle. Menschen sind das wunderbarste und komplexeste, das man sich überhaupt vorstellen kann – beziehungsweise eben nicht mehr. Wir erzeugen notgedrungen Archetypen und Seelenapparate, die viel zu sehr entweder Abziehbilder unserer selbst sind oder tatsächlich mechanische Psychofunktionen, eine Art automaton spirituale, wie Kant es nennen würde, zusammengekleistert aus Theorien und Modellen. Davon kann sich kein Schriftsteller freimachen5, ein Skeptiker noch am allerwenigsten. Ich versuche zumindest, meine Modelle vorher zumindest soweit an der Realität zu erproben, dass sie ihre wichtigen Aspekte von mir erfahrene reale Manifestationen im Wirklichen haben. Bei aus personaler Perspektive geschildertem Umfeld des Protagonisten „genügt” natürlich, dergleichen in äußerlicher Ausprägung bereits einmal gesehen zu haben. Bei innerlichen Prozessen ist das wesentlich heikler, weil man streng genommen nur das eigene Innenleben annähernd gut kennt – und oft noch nicht einmal dieses. Das Gefühl, wie es Quirin nach dem Ende seines Examens durchlebt, das SMA6 insbesondere oder das „Müsliproblem”, würde ich mich nur dann erla
uben zu beschreiben, wenn ich es entweder selbst durchlitten oder von einer sehr vertrauenswürdigen Person bis zu dem Grad geschildert bekomme, die seinem eigenen Grad der Selbstbeobachtung entspricht.Das mag klingen, als ob der Bereich, in dem ich mir selbst mich zu bewegen erlaube, ein sehr enger ist, aber hier halte ich es mit Doyle:
“das Leben ist viel seltsamer als alles, was der Geist des Menschen erfinden könnte. Wir würden es nie wagen, uns manche Dinge auszudenken, die tatsächlich doch nur simple Gemeinplätze des Daseins darstellen. Wenn wir Hand in Hand aus diesem Fenster fliegen könnten, um über dieser großen Stadt zu schweben, sachte die Dächer zu entfernen und all die merkwürdigen Dinge auszuspähen, die sich ereignen, die seltsamen Zufälligkeiten, das Pläneschmieden, die einander entgegengesetzten Absichten, die wunderbare Kette der Ereignisse, die über Generationen hinweg wirksam wird und zu den ausgefallensten Ergebnissen führt, dann würde das alle Dichtung mit ihren Konventionen und voraussehbaren Schlüssen überaus schal und unersprießlich machen.” Doyle, Sir Arthur Conan: Die Abenteuer des Sherlock Holmes. Dt. von Haefs, Gisbert. Zürich 1984. S. 677
Ein wie ich finde schönes Beispiel des Arbeitens mit dieser Methodik ist vielleicht der Schauplatz selbst. Es existiert natürlich der Campingplatz Eudenbach, das ist selbstverständlich. Aber es existiert tatsächlich auch der Ort, an dem Beckmanns Wohnwagen im Roman steht. Und an dieser Stelle befinden sich tatsächlich die Reste einen Wohnwagens. Natürlich nicht verbrannt, und natürlich war das so eine Art „Jugendzentrum” des Campingplatzes, ein Ort, wohin sich die Heranwachsenden unter sich zurückziehen konnten. Auf dem Platz lebt und arbeitet tatsächlich ein Schriftsteller (nämlich meine Wenigkeit), und es gab einmal ein Frau, die sich mit falschen Personalien angemeldet hatte und nach einigen wilden Geschichten verschwand, als sei sie vom Erdboden verschluck worden. Vor Jahren brannte auf dem Platz einmal ein Wagen, und die dabei erreichten Temperaturen ebenso wie das Aussehen der Reste ist diesem Brand nachempfunden. Das sind einige der real existierenden Elemente, die in den Wohnwagenbrand eingeflossen sind. Der geneigte Leser mag sich auf die schnüffelnde Spur nach zum Teil von mir bewusst und grinsend gesetzten Anspielungen auf reale Begebnisse begeben, muss allerdings verstehen, dass ich an dieser Stelle nichts definitives darüber sagen kann, ohne indiskret zu sein.
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[Norman Liebold,
10.02.2008 |
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