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[Dieser Artikel ist der 3. von 3 Teilen in der Reihe Hintergrund Kulturgeist]

Hintergrund Kulturgeist - Inhaltsverzeichnis

Der Kulturgeist – 1. Carpe Noctem
Der Kulturgeist – 2. Venusberg
Der Kulturgeist – 3. Der Kulturgeist

Illustration zu 'Der Kulturgeist' von Katharina Theine. Dunjazads Augen (Kulturgeist). Grafit auf Papier. Katharina Theine 2008.

Illustration zu ‘Der Kulturgeist’ von Katharina Theine. Dunjazads Augen (Kulturgeist). Grafit auf Papier. Katharina Theine 2008.13-Jun-2009 12:21

Illustration zu 'Der Kulturgeist' von Katharina Theine. John (Kulturgeist). Grafit auf Papier. Katharina Theine 2008.

Illustration zu ‘Der Kulturgeist’ von Katharina Theine. John (Kulturgeist). Grafit auf Papier. Katharina Theine 2008.13-Jun-2009 12:20

Illustration zu 'Der Kulturgeist' von Katharina Theine. Die magische Lampe (Kulturgeist). Grafit auf Papier. Katharina Theine 2008.

Illustration zu ‘Der Kulturgeist’ von Katharina Theine. Die magische Lampe (Kulturgeist). Grafit auf Papier. Katharina Theine 2008.13-Jun-2009 12:19

Illustration zu 'Der Kulturgeist' von Katharina Theine. Mehmet und John (Kulturgeist). Grafit auf Papier. Katharina Theine 2008.

Illustration zu ‘Der Kulturgeist’ von Katharina Theine. Mehmet und John (Kulturgeist). Grafit auf Papier. Katharina Theine 2008.13-Jun-2009 12:19

Illustration zu 'Der Kulturgeist' von Katharina Theine. Dunjazad (Kulturgeist). Grafit auf Papier. Katharina Theine 2008.

Illustration zu ‘Der Kulturgeist’ von Katharina Theine. Dunjazad (Kulturgeist). Grafit auf Papier. Katharina Theine 2008.13-Jun-2009 12:18

Illustration zu 'Der Kulturgeist' von Katharina Theine. Der Metaller (Kulturgeist). Grafit auf Papier. Katharina Theine 2008.

Illustration zu ‘Der Kulturgeist’ von Katharina Theine. Der Metaller (Kulturgeist). Grafit auf Papier. Katharina Theine 2008.13-Jun-2009 12:17

Den “Kulturgeist” schleppte ich eine ganze Weile mit mir herum, ehe ich den Füllfederhalter auf das Papier setzte und ihn August und September 2007 endlich niederschrieb. Die erste Idee entstand, während ich gemeinsam mit den Positanos im Mai und Juno 2005 an unserem “LiedErZähling“-Projekt bastelte. Trotzdem ie sich in den dazwischen liegenden zwei Jahren immer wieder veränderte, fand sie zum Schluß wieder zu den Positanos zurück und John Brandi wurde zum Protagonisten. Was beim “Kulturgeist” wirklich amüsant zu beobachten war, war die Eigendynamik einer Story. Als die Grundidee entwickelt wurde, spielte sie auf irgendeinem Mittelalter-Markt und sollte als frei erzähltes Neuzeitmärchen ein Fünfminüter werden. Jetzt ist sie die längste Geschichte im “Der Kulturgeist und andere Dämonen” und ist mehr als eine Lesestunde lang geworden. (Live-Mitschnitt der Lesung im Café Podcast online anschauen!)

Thematik

Man mag es glauben oder nicht, aber ich meine in der Tat, was ich im “Kulturgeist” vertrete. Vielleicht wäre eine Welt denkbar, in der trotz oder vielleicht sogar wegen einer massenmedialen Verbreitung Kunst und Kultur blüht. In dieser unseren Welt ist es jedoch vielmehr so, daß diejenige Kunst, die massenmedial verbreitete wird, ein gänzlich unangemessenes Übergewicht erlangt. Und daß diese Kunst (nennen wir es mal so) nicht unbedingt (vorsichtig formuliert) diejenige Kunst ist, die ein solches Übergewicht haben sollte. Exemplarisch entschied ich mich im “Kulturgeist” für die Musik. Vielleicht, weil das für die meisten am besten nachzuvollziehen ist. Vielleicht, weil das Phänomen hier in Form der Musikindustrie am deutlichsten hervortritt und gerade die Musik sich gerade durch den Augenblick definiert. Und es zugleich – im Gegensatz zu der anderen noch klar erkennbaren Form der Kulturindustrie, dem Film – noch vorstellbar genug ist, sich in John hinein zu versetzen. Der Unterschied von handgemachter Musik zur Konserve ist noch klein genug, um fühlbar zu bleiben, während der Film kaum noch zu Theater, Lesung oder Erzählabend fühlbar bleibt und schon zu sehr eigenständige Kunstform geworden ist. Daß ich ausgerechnet ein deutsches Liedermacher-Duo als Protagonisten wählte, hat zwei Gründe. Zum einen sind die Positanos langjährige Freunde, und es machte ausgesprochen Spaß, ihnen die Geschichte auf diese Weise zuzueignen, auf der anderen Seite ist das Liedermaching der denkbar krasseste Gegensatz zu den geschildertenen Phänomenen.

Dichtung und Wahrheit

Für den Anfang des “Kulturgeist”es machte ich mir den Spaß, ein mehr oder minder reales Konzert der Positanos am 20.04.2007 im Kulturcafé Siegburg zu verarbeiten. Die Band, über die ich zugebenermaßen ein wenig herablassend herziehe, ist “Seekick1 gewesen. Die Darstellung ist natürlich übertrieben und für die Geschichte abgewandelt – und damit Fiktion.2. Es gab an dieser Stelle kein Liedermacher-Festival, und auch kein Beduinenzelt…

Sharazad, Dunjazad und tausendundeine Nacht

Bei den zwei bisherigen Lesungen mit dem Text3 fand ich es immer wieder erstaunlich, daß das Auditorium am Ende der Geschichte überrascht ist, daß Johns Wunsch tatsächlich in Erfüllung geht und daß Dunjazad wirklich nichts anderes als ein Djinn ist. Dabei regnet es die ganze Geschichte über nur so von Zaunpfählen. Eine Furcht war, es mit den Antizipationen zu sehr übertrieben zu haben, aber wie so oft zeigt hier die letztlich Konfrontation mit dem Publikum, was das richtige Maß ist. Einige Zuhörer stellte eine Reihe von Fragen, die mich ehrlich gesagt überraschten. An dieser Stelle möchte ich auf sie beziehen. Dunjazad ist kein Name, den ich mir aus Finger oder Feder gesaugt habe. Er kommt in den Geschichten aus tausendundein Nächten vor und gehört tatsächlich der jüngeren Schwester Schahrazads.

„Nun hatte er [sc. Der Vizir] zwei Töchter, Schahrazad und Dunyazad, von denen die ältere die Bücher und Annalen und Legenden früherer Könige gelesen hatte und die Geschichten und Exempel vergangener Menschen und Dinge.“4

Die Djinn, und gleich zwei davon Ganz offensichtlich ist natürlich Dunjazad ein Djinn. Interessant und zugleich faszinierend ist, daß der Islam die Existenz dieser Wesen einräumt:

Vom offiziellen Islam wurde und wird ihre Existenz [sc. der Djinn] als gesichert angesehen und die islamische Jurisprudenz stellte zahlreiche Überlegungen zur rechtlichen Position der Djinnen in den verschiedensten Zusammenhängen an. Im Zentrum dieser Betrachtungen stehen die möglichen Beziehungen zwischen Djinnen und Menschen, die Frage von Liebesbeziehungen zwischen ihnen, Heiraten und der Stellung von Kindern aus derartigen Verbindungen. Auch bedeutende Vertreter der islamischen Philosophie wie al-Farabi waren der Ansicht, daß Djinnen existierten [...]5

Aber auch Mehmet ist ein Djinn. Das ist Angelehnt an die natürlich in diesem Fall naheliegende Referenzgeschichte “Die Geschichte von Ala al-Din oder der Wunderlampe”, wo, wie erstaunlicherweise nur noch wenige zu wissen scheinen, ebenfalls zwei Djinn vorkommen: Zum einen der Geist der Lampe, zum anderen der, der in dem Ring wohnt, den Maghrabi (nicht Dschafar!) Ala al-Din gibt, und der ihn letztlich retten wird, als Maghrabi die Lampe mittels List an sich bringt.6 Bezüglich des Wesens der Djinn griff ich auf die beiden Referenzstellen im Koran7 zurück. Dunjazad zitiert insbesondere Sure 55.158 Besondere Freude machte mir dabei die Beschreibung Dunjazads, als sie ihr wahres Wesen kurz durchscheinen läßt:

[....] ihr Gesicht [schien] auf kaum fassbare Weise transparent zu werden: Unter der durchscheinenden Haut floss kein Blut. Flammen drehten sich in feinsten Spiralen und Mustern – ein unendlich fein gestaltetes Gefäß, eine Mandelbrotmenge, ein Fraktal aus vielfarbigem Feuer. Atemlos starrte er, riss sich zusammen, kniff die Augen zusammen und schüttelte schließlich den Kopf: Dunyazads Lippen waren wieder Lippen, ihre Wangen wieder Wangen. Kaum fassbar zierlich zwar, doch warm und fest und kein dünner Schleier über Feuermeeren.

Der Salam Martin H* zeigte sich erstaunt über Mehmets Äußerung bezüglich des Salams. An dieser Stelle die entsprechende Referenz:

„Als der eigentliche islamische Gruß gilt das in allen islamischen Sprachen übliche arabische »as-Salam ‘alaykum« (der Friede sei mit euch), worauf die Antwort »’alaykum as-Salam« (mit Euch sei der Friede) zu geben ist. […] Das »as-Salam ‘alaykum« kann jedoch nur zwischen gläubigen Muslimen gewechselt werden; denn der in dieser Formel zum Ausdruck gebrachte Friedenswunsch hat eine ganz konkrete rechtliche Bedeutung. […] In multireligiösen Gesellschaften, […] kann ein Muslim jedoch nicht in jedem Fall gewiß sein, daß er sich einem anderen Muslim gegenübersieht. In solchen Fällen antwortet er mit den Worten »as-Salam ‘ala al-mu’min« (Friede mit dem Gläubigen).9

Der Geschichtenerzähler Es wurde mehrfach gefragt, ob ich mich selbst meine, wenn dieser “Geschichtenerzähler und Vorleser” erwähnt wird, und der von John zu Dunjazad gebracht werden wird, um der Literatur wieder ähnlich zu ihrem Recht zu verhelfen wie der Musik. Die Antwort hier ist einfach: Natürlich. :-D Warum Orient? Es stellt sich natürlich die Frage, weshalb ich ein orientalisches Setting wählte. Oder eigentlich stellt sie sich nicht, denn es liegt im Grunde auf der Hand. Nicht nur wegen des Djinns10. Vor allem auch wegen der Tradition der Geschichtenerzähler und der Musikkultur, wie ich sie im Orient habe erleben dürfen. Daß das Setting dann entsprechend detailliert ausgearbeitet wird, versteht sich natürlich von selbst. Was allerdings auch nicht vergessen werden darf, ist der Gegenentwurf, den der Orient stets zum Okzident bildete11. Traum und Rausch Gerd alias Shankaraananda ließ bei der ersten Lesung etliche Lacher los, als von blumigen Geschmack des Shisha-Tabaks die Rede ist unddie Anspielungen zum Alten vom Berge und seinen Haschschâschîn die Rede ist. Auf die Frage, ob ich damit ausdrücken will, daß John da gutes Gras raucht12, ist nur zu sagen, daß dies zweitrangig ist: Ich brauche diese Möglichkeit für den Leser, um ihn in der Waage zu halten: Johns Empfindungen und das, was er zu sehen glaubt, soll bis zum Ende der Geschichte zumindest potentiell Folge guten Grases sein. Eine Hintertür, wenn man so möchte, die die Möglichkeiten bis zum Ende offenhält.

Weiterführendes

Nachdem ich die Geschichte fertig hatte, schickte ich sie John und Daniel zu. Immerhin treten die beiden unter ihrem richtigen Namen in der Geschichte auf. Es hat mich sehr gefreut, daß John sein Okay gab: “Huyhuy, heftige Geschichte! Also, meinen Segen hast du, da ich mit ja bewusst bin, dass ich hier nur als Abziehbild diene, was das Lesen sehr amüsant und aufregend gemacht hat – ich war noch nie Vorlage für den Protagonisten einer Geschichte, hihi. Guts Nächtle, John”. Zwar hätte die Geschichte nicht wesentlich gelitten, wenn sie mit erfundenen Charakteren gearbeitet hätte, aber sie gewinnt doch erheblich dadurch hinzu, daß sie zugleich zur Hommage an die beiden werden durfte.

Direkt genutzte Referenzen


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  1. Gerade sehe ich, wo ich den Link überprüfe, daß “Seekick” “tot” ist und nunmehr unter “Bambule” auftreten will. []
  2. Leider vergißt man das sehr gerne… []
  3. Am 08.09.2007 im Kulturcafé Siegburg und am 12.12.2007 im Café Podcast, Bonn. []
  4. Die Erzählungen aus den tausendundein Nächten. Leipzig 1907-08. Bd. 1, S. 21 []
  5. Adel Theodor Khoury, Ludwig Hagemann und Peter Heine: Islam-Lexikon. Geschichte – Idee – Gestalten. 3 Bd.e, Freiburg, Basel und Wien 1991.Bd.1, S. 183 []
  6. Übrigens ist auch die immer und immer wieder breit getretene Geschichte mit den drei Wünschen nicht im Original zu finden: Wer immer die Lampe (oder den Ring) besitzt, hat Macht über den Djinn und verfügt unbegrenzt über dessen Dienste. []
  7. Suren 37.158, 6.128, 72 und 55.14f. []
  8. Er hat den Menschen aus Ton gleich (dem) der Töpferware geschaffen (oder: Er hat den Menschen aus Ton geschaffen, wie der Töpfer?), und die Geister aus einem Gemisch(?) von Feuer (oder: aus hell loderndem Feuer?). []
  9. Adel Theodor Khoury, Ludwig Hagemann und Peter Heine: Islam-Lexikon. Geschichte – Idee – Gestalten. 3 Bd.e, Freiburg, Basel und Wien 1991. Bd. 2, S. 322f. []
  10. Es wäre, zumindest ansatzweise, auch andere wunscherfüllende Geister denkbar, wenngleich der Djinn selbstredend die erste Referenz ist. []
  11. bzw., natürlich, zu dem er gestaltet wurde. []
  12. was er mir sicher gerne bestätigen würde []

[Norman Liebold, 09.09.2007
Der Kulturgeist, Hintergründe
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Der Kulturgeist – 3. Der Kulturgeist

DER SCHRIFTSTELLER NORMAN LIEBOLD

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