Illustration zu ‘Der Kulturgeist’ von Katharina Theine. De Krähe auf der Motorhaube (Venusberg). Grafit auf Papier. Katharina Theine 2008.13-Jun-2009 12:15
Illustration zu ‘Der Kulturgeist’ von Norman Liebold. Theiresias aus ‘Venusberg’. Tusche auf Papier. Norman Liebold 2007.29-Jul-2009 12:12
“Venusberg” ist im Gegensatz zu den meisten anderen Geschichten, die gerade jetzt [04-07/2007] entstehen, beziehungsweise von der Warteliste abgearbeitet werden, eine wirklich neue Geschichte. Die Idee entstand, während ich mich tatsächlich hoffnungslos in Bonn-Dottendorf verfuhr, weil irgendein Marathon-Lauf oder ein Rollerblades-Wettkampf stattfand und die mir bekannten Routen aus der Stadt heraus blockiert waren. In der Tat kurvte ich vielleicht eine halbe Stunde um den Venusberg herum, und ich befand mich, ganz ähnlich wie Uli, nicht unbedingt in der besten Verfassung, denn tatsächlich: nach heftigem Streit hatte ich im Wagen geschlafen und wollte mit schwerem Herzen nur noch nach hause.
Das war am 22.04.2007. Das ist aber auch der Punkt, an dem der Leser aufhören sollte, in der Geschichte nach Wiederspiegelungen aus meinem realen Leben zu forschen. Das beginnt damit, daß der Sprit natürlich aufgrund der Dramatik der Geschichte versiegt, geht über die reale Route, die Uli in der Geschichte nimmt (auch wenn sie topographisch natürlich stimmig ist) einschließlich der Tatsache, daß er zehn Mal im Kreis herum fährt und gilt ganz besonders für seine Rückblenden. Ich bin überzeugt, daß Kirke im Moment nicht in Bonn wohnt und Cerberus drei- oder hundertköpfig durch die Gassen streunt, um sie zu finden. Auch der alte Mann, den Uli an der Shell-Tankstelle trifft, ist eine Ausgeburt meines spinnerten Hirns.Während ich allerdings von diversen Absperrungen immer wieder aufgehalten und vom Gassengewirr in die Irre geleitet eine Weile durch Bonn irrte, und es mir – als intellektuelles Spiel, versteht sich – schien, als ob, was geschah, sich über mich lustig machte, entstand die Idee zur Geschichte. Tatsächlich fand ich es ausgesprochen mehrdeutig (nachdem ich mit Fluchen aufhörte), daß ich immer um den Venusberg herum kurvte und nicht von ihm weg kam. Wobei zwei Dinge in diesem Moment von ausgesprochenem Gewicht waren. Zum Einen, daß mein Vater vor zwei Jahren in den Kliniken starb, bzw. gestorben wurde, zum anderen, daß ich aus ausgesprochener Nähe zum Venushügel eine ganze Zeite in ausgesprochener Nähe zum Venusberg mehr oder minder wohnte. Natürlich bin ich der Überzeugung, daß ein Schriftsteller letztlich nur darstellen kann, was er begriffen und – in der einen oder anderen Form – innerlich erlebte. Man sollte nur von Dingen sprechen, von denen man auch Ahnung hat. Nichtsdestotrotz ist das lediglich als Inspiration zu betrachten, und die fertige Story ist in keinster Weise noch Abbild von realen Begebnissen. Schon gar nicht eine pantastische Geschichte.
Antike Anspielungen
Spätestens, wenn Hermann betrunken Homers Odyssee zitiert, dürften dem Leser Anspielungen zur Irrfahrt des Odysseus – lateinisch Uliixes – auffallen. Wenn Hermann bedeutungsvoll die Worte Hermes’ nachspricht, wird auch die Wahl seines Namens transparent. Die Rezeption der Odyssee – genauer des 10. Gesanges – für “Venusberg” ist dabei jedoch ein Spiel, das nicht notwendig für Verstehen und Genuß der Geschichte ist, den Reiz jedoch für den, der es bemerkt und die mitgetragenen Bedeutungen versteht, erheblich erhöht.
KIRKE |ist letztlich eines der Archetypen für die gefährlich verführende Frau, die in sexuelle Hörigkeit zwingt. Nicht umsonst heißen wir es “bezirzen”, wenn einem Mann mit geschickter “Technik” der Kopf verdreht wird. Bezeichnend für Kirke ist es, daß sie mit ihrer Kunst Männer zu Tieren verwandelt, die über ihre Insel streifen und mit mächtigen Schweifen wedeln. Ulixes wird durch die Warnungen Hermes’ und das Zauberkraut Moly immun gegen Kirkes Künste und als Einziger nicht zum Schwein, sondern zu Kirkes’ Geliebten.
“Venusberg” weißt Bezüge zu “Carpe Noctem, die sich zum Einen in dem Labyrinth spiegeln, durch das Odysseus/Uli mit seinem Wagen/Schiff irren muß (9 Mal im Kreis, um beim zehnten anzukommen, nicht wie in der Odyssee 9 Tage, um am 10. anzukommen), sondern auch in den Bezügen Kirkes. Sie ist die Schwester Pasiphaës, der Gemahlin Minos’, und damit die Tante von Ariadne und des Minotauros. Wie Ariadne versteht sie sich auf das Weben, weshalb in ihrer “Höhle” auch handgewebtes Tuch das Sonnenlicht aussperrt, vor dem sie sich versteckt. Kirke ist die Tochter Helios’.
ODYSSEUS/ULIXES |liegt natürlich nahe, wenn es um eine Irrfahrt geht. Und wenn Uli im Automobil – einem “Straßenkreuzer” – durch die Gassen Dottendorfs irrt und einen Weg nach hause sucht, kann man sich eines Bezuges zu Odysseus’ Fahrt nach Ithaka nicht enthalten. Daß Odysseus/Ulixes im zehnten Gesang bei Kirke landet und die Zeit in ihren zauberischen Armen völlig vergißt, verstärkt diese Verbindung noch. Ebenso, daß die Verzauberung nicht gänzlich gelingt, weil Hermes eingreift. Besonders aber war es mir wichtig, darzustellen, wie Uli sich dagegen wehrt, zum Schwein zu werden
TEIRESIAS | hat eine Doppelfunktion in mehrfacher Hinsicht. Er ist auch derjenige, der ohne Abwandlungen beim Namen seines antiken Spiegels genannt wird. Teiresias als aus dem Hades kommend, tritt in der Odyssee direkt im Anschluß an die Kirke-Episode auf, Kirke selbst rät Odysseus, ihn aus dem Hades zu rufen, ihn Blit trinken zu lassen und als Orakel zu befragen. Trotzdem in der Odyssee als Teieresias als blutgieriger Geist aus dem Hades angelegt ist, hat er nicht den dämonischen/daimonischen Charakter wie in “Venusberg”, und daß die Götter Kirke suchen, die sich in unserer Welt in einen menschlichen Körper geflüchtet hat, ist natürlich weiteste literarische Freiheit. Teiresias ist aber zugleich in Sophokles’ Oidipus eine der herausragendsten Gestalten. Weshalb Uli den Blinden mit dem Blindenstock mit dem Sphinxen-Rätsel zu provozieren versucht (”[…]es ist ein Thier, welches eine Stimme hat, am Morgen vierfüssig, am Mittag zwei- und am Abend dreifüssig ist, was?”). Im Oidipus ist er der, der um den Wahn des Ödipus und sein Schicksal weiß, dem – von den Göttern verhängt – nicht auszuweichen ist. Und Teiresias macht noch einen anderen Bedeutungsraum auf, den zur Psychoanalyse, denn Sigmund Freud, seines Zeichens Verehrer der antiken Literatur, nahm die Geschichte des Oidipus als Namensgeberin für den “Ödipus-Komplex”, der wie kaum ein anderes seiner Theoreme Berühmtheit erlangte. Die Interpretation von “Venusberg” als sich manifestierende paranoide Schizophrenie mit Wahnvorstellungen ist eine Ebene, die gleichrangig neben der phantastischen liegt.
ZITATE | Aufgrund der grinsenderweise spielerischen Adaption der Kirke-Odysseus-Geschichte befinden sich etliche direkte und indirekte Zitate im Text, die weitestgehend dem Zehnten Gesang der Odyssee entstammen. Für den Interessierten fasse ich die Auffälligsten hier kurz zusammen.
Uli steht das zehnte Mal vor der Absperrung in der Hausdorffer Straße, neun Mal ist er schon vergeblich in die Seitenstraße gefahren. | “Ununterbrochen fuhren wir über die Wogen, neun Tage. / Aber am zehnten zeigten sich uns die Fluren der Heimat, / und wir sahen schon, ganz in der Nähe, die Wachtfeuer brennen.” (Homer-W Bd. 2, S. 146) – In der Odyssee ist das der Moment, wo die Gefährten den Windbeutel Aiolos’ öffnen, und sie wieder weitab in den Oceanos geschleudert werden, obwohl sie Ithakas Wachtfeuer schon gesehen hatten.
“Fast jeder Abend war mit mehreren Flaschen dunkelrotem Wein beendet worden. Beim Abendessen wurde die erste geöffnet, zum Fleisch. Es gab immer Unmengen von Fleisch bei ihr.” – “Tag für Tag, ein Jahr lang, verweilten wir nun bei der Göttin, / schmausten Mengen von Fleisch und tranken vom köstlichen Weine.” (Homer-W Bd. 2, S. 160)
Die “neoklassizistischen Stuckverbrechen” sind ein deutlicher Hinweis auf die Antikenrezeption in “Venusberg”.
“‘Aber das Jahr verfloß, die Horen kehrten schon wieder im Entrinnen der Monde, und länger wurden die Tage’, ging ihm durch den Kopf, er wußte nicht woher […]” – Direktes Zitat, Homer-W. Bd.2, S. 160. Es handelt sich um den Umstand, daß Odysseus in Kirkes Armen die Zeit völlig vergißt.
“Sein Mobiltelephon meldete sich mit den Paukenschlägen und den Bläsern von Strauss’ Also sprach Zarathustra. Das war der Klingelton, der er ihr zugeordnet hatte.” – Das Stück wird als wiederkehrendes Motiv für den Obelisken in Stanley Kubriks 2001 – Odyssee im Weltraum verwandt.
Uli haßt Tauben, weil sie der Venus/Aphrodite geweiht sind. „’Wenn dich Kirke mit ihrem langen Stecken berührt hat, […]’ Dann wurde Hermann ernst und beugte sich zu Uli herunter. […] Leise und eindringlich, mit seltsam verdrehten Augen zitierte er: ‘Lasse sie aber den bindenden Eid der Seligen leisten, / gegen dich kein weiteres Unheil zu planen, dich niemals, /bist du entblößt, zu schwächen und deiner Kraft zu berauben!’” Hermann zitiert direkt (ibd. 154), und zwar die warnenden Worte Hermes’ an Odysseus.
Die Frau, in die sich Ulis Geliebte zu verwandeln scheint, entspricht der Beschreibung Kirkes in der Odyssee, z.B.: “Dort wohnte die menschlich / sprechende, prachtvoll gelockte Kirke, die machtvolle Göttin” (ibd. S.150)
Die Macht Kirkes über die Tiere, von denen sich Uli verfolgt glaubt: “im Umkreis lagerten Wölfe und Löwen der Berge, / Menschen, die Kirke verzaubert hatte durch Darreichen böser / Säfte! Die Tiere gingen nicht los auf die Männer, sie standen / zutraulich auf und umwedelten sie mit den mächtigen Schweifen.” (ibd. S. 152) Ebenso das Gefühl, sie webte Fäden: “Drinnen hörten sie Kirke singen mit lieblicher Stimme, / während sie hin- und herschritt am göttlichen, großen Gewebe; / prächtig und reizend war es und fein, wie Göttinnen weben. / […] / ‘Freunde, drin schreitet ein Weib hin und wider am mächtigen Webstuhl’” (ibd. S. 152)
“‘Ich kann nicht mehr’, hatte er rauh seine Stimme gehört, ‘erfülle mir jetzt das Versprechen, das damals du gabest, mich nach Haus zu entlassen!’” – Direktes Zitat Odysseus’, als er Kirke bittet, ihn freizugeben. (ibd. S.160)
“Stecke denn, bitte, dein Schwert in die Scheide, wir wollen gemeinsam unsere Lagerstatt aufsuchen.” – Direktes Zitat Kirkes, als sie merkt, daß ihre Säfte bei Odysseus nicht wirken. (ibd. S.155)
“wenn sie von dem Toten sprach, der Blut trank, um Gestalt anzunehmen” und weitere Beschreibungen Teiresias. Z.B. “Vorher müßt ihr ein anderes Ziel noch erreichen: des Hades / und der schrecklichen Persephoneia düstere Fluren, / euch ein Orakel zu holen von der Seele des blinden / Sehers aus Theben, Teiresias, der noch bei vollem Verstand ist. / Ihm nur verlieh, noch im Tode, Persephoneia Bewußtsein / wie auch Vernunft; die anderen Toten schweben als Schatten.” (ibd. S. 160) und “Selber ziehe dein schneidendes Schwert und halte die Wache: / Wehre den kraftlosen Häuptern der Toten den Zutritt zum Blute, / bis du den Seher Teiresias um das Orakel gebeten. / Dann wird bald der Seher hervorkommen, Führer der Völker.” (ibd. S. 161f.) Die Schatten aus dem Hades können nur dann sprechen, wenn sie Blut getrunken haben – wobei sie bei Homer jedoch nicht körperlich werden.
„Du stinkst nach ihr und ihrer Höhle, und Cerberus hat den Geruch schon in seine Nasen, seine Schlangenhaare zischeln gierig. Verschwinde und wasch’ Dich, bis Dir die Haut in Fetzen hängt. Du riechst nach ihr.“ – Cerberus hat die Aufgabe, die Lebendigen am Hinabsteigen in die Unterwelt und die Toten am Hinaufsteigen in die Welt der Lebendigen zu verhinden. Kirke wird damit als Seele gekennzeichnet, die dem Hades entronnen ist.
Stilistik und Technikspielerei
Wie Carpe Noctem ist auch “Venusberg” als zweite Geschichte nach dem “dunklen Jahr” auch ein stilistisches Experiment. Effektiv besteht die gesamte Geschichte aus Rückblenden und Überlegungen Ulis, die durch die Irrfahrt in Bonn und ihre im Grunde banalen Ereignisse miteinander verknüpft sind. Die Geschehnisse werden dadurch verfremdet und nehmen in Ulis Geist mehr und mehr den Charakter einer Wahnvorstellung an, die auf die Wirklichkeit abfärbt. Er belegt alle Geschehnisse mit Sinn und Absicht und versetzt sich selbst in eine pantheistische Welt, in der Götter die Geschicke der Menschen lenken und sich nicht scheuen, mit ihnen zu schlafen. Bis ich die Geschichte am 18.05.2007 im Kulturcafe vorgelesen hatte, trug ich durchaus die nicht geringe Sorge, daß dies der Geschichte schaden könne und der Spannungsbogen nicht in der von mir beabsichtigen Weise aufgebaut würde. Zu meiner großen Freude ging die Rechnung jedoch auf, und die Geschichte kam sogar noch besser an als “Carpe Noctem“. Das Durcheinandermischen von Jetzt und Erinnerung und das immer stärkere Zerfasern der Realität war die schwierigste Aufgabe, was die Stilistik der Geschichte angeht.
Deutung
Nun, das ist ja nun wahrlich eine Sache, die nicht an mir liegt, sondern an Euch, den Hörern und Lesern. Ich würde mich freuen, wenn Ihr Euch nicht scheut, Eure Meinungen und Gedanken zu bekunden.