Die Idee der beiden Magier, die an einem ganz gewöhnlichen Ort sitzen und über alles andere als gewöhnliche Dinge reden, ist ein Bild, das mich schon sehr lang immer wieder faszinierte. Inmitten einer gänzlich gewöhnlichen Situation üben sie – für sie selbstverständlich – Magie, während die Menschen ringsum sich damit zu arrangieren versuchen, aber nichtsdestotrotz in ihrer Wirklichkeit verstört werden. (Natürlich ist das eines jener Pubertäts-Bilder, um in fast schon nietzscheanischer Arroganz das Gefühl der Besonderheit zu umschreiben, das in der Pubertät ganz gerne das Selbstgefühl bestimmt.)
Das Bild verwandelte sich im Laufe der Jahre immer wieder, verlor aber nie seine faszinierende Wirkung auf mich. Vielmehr entwickelte es mehr und mehr Facetten, bis es in der allegorischen Dichte seine Ausprägung fand, wie ich es in die Geschichte goß.
Der Grundgedanke, aus dem sich die Geschichte speist, ist die Hilflosigkeit, die sich mit Plötzlichkeit einstellt, wenn man mehr und mehr mögliche Sichtweisen auf die Wirklichkeit kennen und – ganz fatal – zu sehen gelernt hat. Alles wird ambivalent, vieldeutig, und wenn gut und böse genauso zu bloßen Relationen werden wie daß ein und dieselbe Sache aus verschiedenen Winkeln nicht nur gänzlich anders erscheint, sondern gänzlich anders ist, dann bricht jene Sicherheit weg, die bislang das Handeln erlaubte.
Von den Bonner Vor-Lesern wurde schon die Frage gestellt, warum ich “Carpe Noctem” im Atlantis1 spielen lasse und nicht, wie der Titel vermuten ließe, im Carpe Noctem . Abgesehen vielleicht davon, daß ich die Geschichte schrieb, als ich in Bonn war und ich bestimmte Bilder sowohl mit Atlantis wie mit dem Atlantis verbinde, muß darüber nicht viel gesagt werden als daß der Titel nur eine weitere Irritation des Textes ist und mich beim Aufkommen der Frage eine diebische Freude erfüllte. In der Tat bezieht sich “carpe noctem”2 mehr auf die Bedeutung der lateinischen Phrase und weniger auf den doch recht banalen Namen einer Diskotheque (wenngleich diese sich natürlich aus der Bedeutzung der Phrase heraus den Namen verlieh).Daß ich die Geschichte Martin Leichfuß zum 30. widmete, hat mehrfache Gründe, unter anderem der, daß ich die Geschichte in ihrer jetzigen Form während eines ausgesprochen schönen, diskussionsfreudigen Abends entwickelte – als ich sie als Bild nutzte.
Als ich die Geschichte letztlich niederschrieb – amüsanter Weise zu nicht geringem Teil im Garten der WG, in der Martin wohnt – machte es mir zudem nicht geringe Freude, mich für Minosch und sein fast schon als Kunstform gepflegtes Einsamen von Martins Erzählungen inspirieren zu lassen und auch weitere Details einfließen zu lassen, die mich un ihn an eine Reihe von durchphilosophierten Abenden denken lassen. Es war darum ein ausgesprochen schönes Kompliment an die Geschichte, als Martin und ich sie gemeinsam bei einer Flasche Wein unter dem Frühlingssternenhimmel lasen und er gerührt meinte, ich hätte darin sowohl den Gegenstand wie auch die Stimmung auf den Punkt gebracht.
Joachim und Arnold hingegen, die beiden Zauberer, sind aus mir selbst und Jens Finkhäuser geschnitzt worden. Wir beide können uns nur zu gut daran erinnern, unter zum Teil abstrusesten Bedingungen in Menschengewühl und Partylärm gesessen zu haben, all das Gewimmel von uns abperlen lassend und über Dinge wie die Teilbarkeit des Unendlichen zu reden (natürlich Kaschieren pubertierender Unsicherheit, versteht sich). Jens konnte ausgesprochen herzhaft lachen, als er las, wie Arnold Joachim provoziert und ihn sich mehr und mehr echauffieren läßt. Eine Kunst, die er nur zu gut und heute wie eh und je beherrscht.
Auch die sieben Köpfe des unheiligen SMA gehörten selbstverständlich zu den Themen…
Natürlich darf man davon Ausgehen, daß die geheimnisvolle Stierbeköpfte Minotaurin ihr Vorbild oder ihre Vorbilder in dem Spazieren trägt, was man “Realität” nennen könnte – allein ist es traditionsgemäß als unhöflich und kompromittierend geächtet, literarisch verarbeitetes Frauen-Knie namentlich zu benennen.
Bereits jetzt, während die Geschichte gerade einmal bei meinen Vor-Lesern die Runde macht, kamen schon verschiedentlich die Frage nach Minotauren, Stieren und Garnknäul-Labyrinthen auf – was ja so fernliegend nicht ist, wenn ein stierköpfiges Menschenwesen einen Ariadne-Faden vom Knäul rollt, um einen Geliebten aus einem Wirklichkeites-Labyrinth zu führen. Zu meinem Erstaunen zeigte sich, daß die Geschichte um den Minotauros kaum präsent ist, und in diesem Kontext kaum auffiel, daß Minosch eine direkte Reminiszenz an Minos ist, den Gemahl der Pasiphaë – Mutter des Minotauros und der Ariadne -, den sagenhaften Kreterkönig, der das Labyrinth von Daidalos erbauen ließ. (Und da hatte ich mir Sorgen gemacht, daß es zu platt sein könnte). Natürlich enthalten diese Anspielungen lediglich weitere Ebenen der Interpretation und des hinterlist keckernden Spieltriebes, notwendig zum Genuß der Geschichte sind es nicht3.
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[Norman Liebold,
20.04.2007 |
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