Die “Dichter-Dämonen” tragen den Untertitel “Nâhtegals Poeticon”, und sie sind – was die Nâhtegal-Stücke angeht gänzlich, was meine ganze Schreiberei angeht zumindest zu großen Teilen – meine perönliche Poetik.
Unter “Poetik” versteht man in der Germanistik eine eher theoretische Abhandlung über die “rechte Art des Dichtens”, angefangen mit dem Aufbau von Geschichten, über die stilistischen und rethorischen Mittel bis hin zu den Gegenständen und der Moral. Die erste uns bekannte Poetik ist die des Aristoteles, eine Blütezeit der “Dichterlehrbücher” war im Barock.
Die “Dichter-Dämonen” sind weder theoretisch, noch sind sie ein Lehrbuch. Sie sind ein Hörspiel und zugleich Nâhtegals Abgang, seine Verabschiedung. Sie beschreiben eine magische Reise durch den “Mären-” oder Geschichtenbaum, während der sich Nâhtegal mit seinen personifizierten “literarischen Göttern” auseinandersetzen muß, mit seiner Motivation ebenso wie mit dem Sinn und Zweck seines Dichtens, dem Publikum, den Kritikern, den Quellen und auch mit den “falschen” Weisen den Schreibens.
Und dadurch, daß Nâhtegal Stellung bezieht, werden die “Dichter-Dämonen” zu seiner Poetik, sie zeigt, warum und wie er (bzw., das ist ja klar, ich) schreibe, was Ziel und Zweck seiner Dichtung ist, und warauf es ihm ankommt.
Zugleich aber – und das ist weitaus wichtiger, ganz im Sinne der Poetik – erfüllt das Stück selbst die Ansprüche, die es an sich stellt. Es ist ein sehr humorvolles Hörspiel, eine zum Teil absurde Abenteuerreise, die einfach nur Spaß macht.
Zwischen dem Poeten und Liedermacher Daniel Schult und mir besteht ein ganz besonderes Verhältnis. Nicht nur, daß er und ich das produzieren, was man “Literatur” nennt, nicht nur, daß wir uns seit 1996 kennen, wir sind vor allem denkbar unterschiedlich.
Im Grunde könnte man sagen, beneiden wir uns gegenseitig, was gemeinhin sich in Achtung niederschlägt, in der Vergangenheit aber zuweilen auch in einer Form der Rivalität und des gegenseitigen Überzeugen-Wollens.
Daniel schreibt kurz, prägnant, direkt und lyrisch und ist Dichter. Ich hingegen gehe arg in die Breite, liebe Allegorien und Symbole, habe eine fast schon penetrante mystische Ader und verfahre auch da, wo ich Verse zusammenkloppe, episch.
Der punktuelle Lyriker und der schweifende Epiker, vielleicht ist das ein gutes Bild für das Verhältnis. Während Daniel ein Liebes-Gleichnis in einer verschmuddelten WG ansiedeln würde, direkt aus dem Leben gegriffen, greift mein Nâhtegal zu Rosen, Wanderern, Fischen oder solch monströsen Allegorien-Häufungen wie die Sieben Kelche.
1998 hatten wir einen regen Briefwechsel, in dessen Verlauf mir Daniel die “Zehn Gedichte übers Dichten” vor die Füße spieh.
Sie waren böse, sie waren witzig, und sie faßten sowohl Daniels Poetik zusammen wie auch seine Kritik an dem, was ich damals verbrach. Und sie enthielten ebenso Achtung vor dem, was ich machte. Das Verhältnis damals könnte man auch als Haßliebe bezeichnen – was nicht zuletzt vielleicht auch daran lag, wie wir uns kennenlernen: Auf einem überaus kuriosen Urlaub, wo er nicht nur mit seiner damaligen Freundin dabei war, sondern vor allem auch überzeugt war, daß sie mit mir fremdgehen würde1
Die Antwort auf die “Zehn Gedichte übers Dichten” hat zwar nicht zehn, aber doch immerhin acht Jahre gebraucht. Die “Dichterdämonen” sind das, was über unzählige Texte letztlich daraus geworden ist. Aber ein Epiker braucht halt etwas länger…
Seit 2003 stehe ich gemeinsam mit Daniel und auch seinem Liedermacher-Duo Positano auf der Bühne, und wir haben sehr viel Spaß. Lustigerweise begann unser gemeinsames Bühnenprojekt “LiedErZähling” damit, daß wir begannen, die “Dichter-Dämonen” zu vertonen – um dann jedoch ein ganz neues, ganz eigenes Konzept zu spinnen.
Eine Anekdote am Rande, die das Verhältnis zwischen den Dichtern Liebold und Schult (2004 machten wir zum Beispiel auch ein kleines Projekt, das wir “Schuld/t und Lieb(e)old brennt” nannten) vor 2003 sehr anschaulich zeigt. An einem Maifeuer – das muß 97 oder 98 gewesen sein, kam Daniel sturzbetrunken auf mich zu, um mir ins Gesicht zu schreien, daß ich Blumen in mir trage, Rosen, aber anstatt sie den Menschen zu schenken, vergrübe ich sie in mir, so daß sie irgendwann mein Herz durchwuchern und dann wie ein Alien aus meiner Brust herausbrechen werden, weils drinnen zu eng würde.
Daniel inspirierte mich mit dieser schönen Metapher, und sie stand Pate für die Geschichte vom Beduinen in “Krähe und Nachtigall”, und über diesen Umweg auch für die dorneneingewachsene Anima-Seele in “Die Sieben Kelche”.
Wahrscheinlich könnte Daniel ebensolche Anekdoten erzählen: aber wirklich verstanden, daß wir uns ergänzen, daß jeder auf seine Weise Gutes schafft und wir ganz ähnliche Gedanken damit ausdrücken und gerade durch die Unterschiedlichkeit viel voneinander lernen und uns befruchten, haben wir erst vor drei Jahren…

Das Stück ist als eine Reise durch einen Baum angelegt, beginnend bei den Wurzeln über den Stamm bis in den Wipfel hinauf. Der Baum ist Nâhtegals “Märenbaum”, das Sinnbild seines Geschichten-Schaffens.
Die Reise gliedert sich in die Abschnitte:
Zu den einzelnen Episoden und Gestalten hier ein paar Zeilen.
Nâhtegal gräbt sich selbst ein Grab. Er fühlt sich wie “Krähe” (der tote Barde aus “Krähe und Nachtigall”), dreht sich im Kreis und käut immer nur die alten Lieder wieder. Er will Ruhe und in Ruhe verrotten.
Aber er gräbt zu tief: Unter ihm ist eine Höhle, und er stürzt hinein.
Die Bewohnerin der Höhle – die die Pforte ist zur Wurzel des Märenbaums – ist eine gigantische Spinne. Nâhtegal muß sich als Spîlman beweisen, sonst läßt sie ihn nicht weiter. Aber auch zurück kann er nicht, einmal vor der Spinnenwächterin, hat er keine Wahl.
Er versucht es zuerst mit dem Lied vom ewigen Barden (das zentrale Motiv um Nâhtegal, das in “Krähe und Nachtigall” eingeführt wird und sich durch den gesamten Zyklus zieht), aber die Spinne lacht ihn nur aus. Er soll nicht Krähes Lieder nachplappern, sondern beweisen, daß er auch eigenes geschaffen hat.
Nâhegal singt ihr das Lied von der “Insel im See” (Zusammenfassung der ersten Geschichte aus “Krähe und Nachtigall”). Der Spinne gefällt es:
“Das will ich gelten lassen, Spielmann. Nicht neu, und auch nur Selbstbespiegelung, aber die Schlange fand ich nett: ‘Die Barden singen der Schönheit wegen und schmücken nur zu gern aus!’ Dafür darfst Du passieren!”
Das Symbol der Spinne als Spinnerin – Geschichtenspinnerin, Seemannsgarn spinnen – ist offensichtlich. Weniger offensichtlich ist, daß die Spinne in den Naturreligionen häufig die Wächterin zur Unterwelt und zur Welt der Unsterblichen darstellt.
Etwas eigenartig scheint die Szene zu sein, in der die Spinne Nâhtegal bereit einmal zu Rede stellen wollte:
“Ich wollte einfach nur mit Dir reden, Nahtegal, aber Du, Du mußtest mich ja unbedingt mit Deiner Klampfe zu Brei zermalmen. Doch damit nicht genug! Du goss’st, ängstlich zitternd, Petroleum über meine Reste und stecktest sie in Brand!”
Das bezieht sich auf ein “mystisches” Erlebnis, einer Begegnung mit einer monströsen Riesenspinne
, die zeitgleich mir und meinen engsten Freunden wiederfuhr. Es war die Gemeine Winkelspinne, in unseren Breiten häufig, und durchaus – mit Beinen – überaus groß, die im Halbdämmer aufgrund ihrer ausgesprochenen Haarigkeit sehr beeindruckend aussehen kann. Bei einem überaus romantischen Schäferstündchen wuselte das Vieh 1996 durch mein Zimmer, ich erschrak mich, denn das ganze geschah im Kontext wirklich beunruhigender Erlebnisse und war entsprechend aufgeladen. Ich erinnere mich, daß ich das arme Vieh mit einem Hammer verfolgte und mein Bett auseinandernahm, dabei etwas hysterisch “Spinni-spinni” krächzend. (Sehr zum Amüsement meines zärtlichen Besuches) Ich fand sie nicht, und wir begaben uns wieder ins Bett, wo ich, den Kopf zur Seite wendend, das Ding direkt über mir an der Wand sitzen sah, in der Tat so groß wie eine ausgestreckte Hand. Sie wurde ihres Lebens nicht mehr froh, denn in meinem exaltierten Zustand (ich erwähnte die Heimsuchung meiner Freunde durch große Spinnen, die an sich harmlos, einfach zum rechten Zeitpunkt am falschen Ort waren und entsprechend verheerend Treppenstürze und andere Unfälle verursachten) lief ich in mein Bad, holte das Haarspray und brannte das Vieh von der Wand. Das das Tier sich noch den Spaß draus machte, brennend über mein Bett zu hetzen, ehe es endlich unter dem Feuerstrahl der Treibhausgase in sich zusammenschrumpelte, ließ das Erlebnis auf jeden Fall unvergeßlich werden. Daß meine damalige Freundin mit einer gewissermaßen zoologischen Lust das Ding in ein Glas tat, sorgte dafür, daß das Tier mich zwei Monate später nochmal erschreckte: Mir meiner albernen Überreaktion bewußt hatte ich das Glas von ihrem Schrank genommen und lachend angeschaut, wobei eines der Beine, locker im Gelenk, sich bewegte und ich das Glas in die Ecke schleuderte, als hätte ich mich verbrannt.
Warum ich so einen Schiß vor diesem Tierchen hatte, ist mir ein Rätsel geblieben. Ich ließ schon Teranteln über meine Hand laufen, mit einem gewissen Schauder, aber ohne rechte Angst – und irgendwie hat sich die Szene in die Dichter-Dämonen hineingeschlichen.
Nâhtegal hat zumindest Berechtigung, sich zu fürchten, denn die Spinnenwächterin ist zwei Meter hoch und eher der Gattung Kankras angehörig als der der gemeinen Winkelspinne (die wirklich gemein ist, das kann ich sagen!).
Nâhtegal kriecht durch einen finsteren Gang, und er fürchtet sich. Er singt dabei – um seine Angst zu bekämpfen, das “Dunkelheitslied”, das ich gern mag:
Dunkelheit, Finsternis Du schreckst mich nicht!
Ich bin Nahtegal, ich fürcht mich nicht!
Wurzelfäden, ihr braucht erst gar nicht
so unheimlich über mein Gesicht zu streifen!
Ich halt Euch nicht für Spinnenfinger!
Ich seh’ nichts, aber ich habe keine Furcht,
was soll hier schon sein, wo Meterspinnen hausen?
Ich habe meine Schaufel, fest aus Stahl,
seht Ihr? Seht Ihr? Ich schlag Euch tot damit,
hört Ihr? Ich kenne keine Furcht!
Während Nâhtegal ängstlich zitternd und singend durch den Gang kriecht, spricht ihn plötzlich eine Stimme aus dem Nichts an: “Mach kein solchen Lärm, ich dichte!”
Unter den Wurzeln treiben sich unangenehme Gestalten herum, die “Falschen Dichter” und der Geldsack.
Die “Falschen Dichter” sind die unlauteren Motive Nâhtegals, die er zu überwinden hat.
Das Blättermonster ist der eitle Dichter, der sich etwas auf sein Schreiben einbildet:
“Das sind meine Werke, find’st Du nicht, daß sie mich sehr gut kleiden? Ich hab schon viel geschrieben, sieh, doppelt gelegt wärmen sie mich nicht allein, ich seh auch nach was aus! Bleib doch hier, Du bist gewiß auch ein Dichter wie ich es bin! Wir können uns die Zeit gut kürzen, uns anschaun, bewundern und drüber disputier’n, wessen Blätterkleid schöner ist!”
Nâhtegal schlägt ihm sein Blätterkleid herunter: er ist nur eine eitle Hure, bunt geschminkt, und drunter nichts als Eitelkeit.
Der Prediger benutzt die Literatur, um von seiner Sache zu überreden. Nâhtegal erklärt, was er will: “duch Deiner Worte feingeschliffnen Zauber Mensch und Volk verhexen, bis sie ganz nach Deiner Pfeife tanzen”.
Er schreibt lediglich zur Selbst-Bespiegelung. Nâhtegal kann ihn noch am besten von allen verstehen, aber er ist ein unreifer Dichter, und Nâhtegal zerschlägt ihm seinen Spiegel.
Der Geldsack ist der mächtigste und eingebildetste der Wesen, die unter der Wurzel der Märenbaums hausen und ihn annagen. Er hat Heerscharen von Jüngern, und er hält sich für unbesiegbar.
Während Nâhtegal im “Schlagetot-Lied” den Falschen Dichtern in sich Herre wird, und sie nicht zuletzt auch darum erschlägt, weil sie den Märenbaum zu zerstören drohen, muß er den Geldsack überlisten: Er schlägt ihn nicht, sondern singt das “Geldsack-Lied”:
Geldsack, Geldsack -
ich kriech in Dich hinein,
ich kriech durch Dich hindurch!
Deine Plapperlaffen kennst Du,
Nahtegal kennst Du noch nicht!
Der steckt Dich in die Tasche, Sack!
Der haut Dich übers Ohr
und braucht noch nicht einmal
seine Totenschaufel zu!
Denn die Menschen hören
wenn ein Herz drin schlägt,
wenn sie einmal ein Herz
drin schlagen hören können!
Nâhtegal kriecht durch die Wunder, die die Falschen Dichter in die Wurzel des Märenbaums gefressen haben in den Baum hinein.
In den Wurzeln des Märenbaums wohnen die Wurzelnornen. Die Nornen spinnen den “roten Faden” einer jeden Geschichte und sind Gleichnis für Nâhtegals Weg zu schreiben: Verwurzelt in der vieltausendjährigen Tradition des Geschichtenspinnens, verbunden mit der “Mondgöttin” – der Inspiration, dem Inneren Gefühl – gibt sie den Faden weiter an die Mutternorne, die den Faden durch das Leben zieht und mit ihrem Herzblut rot färbt: Sinnbild für das persönliche Erleben der Welt. Zuletzt die Nornenmaid, die, verliebt in Schönes und Verziertes, den Faden zu schönen Mustern webt: Bild für die rethorisch kunstvolle Weise zu erzählen.
Es sind magische Wesen, ihr Vorbild sind die Nornen der keltischen Mythologie, die zu Füßen der Weltenesche den Faden jeden menschlichen Schicksals spinnen.
Nâhtegal fleht sie an, den Baum zu heilen, aber sie sind nicht interessiert.
“Greisennorne: “Die Alte” nennt man mich, und wohl schon zweitausend Jahr runzel ich für mich hin.
Meine Schwester ist Göttin Mond – bin ich festgewurzelt in der Erd, hängt sie am Himmel fest in starren Bahnen.
Mein Bein ist Wurzel, die rechte Hand steckt im Boden tief, zieht heraus, was Menschenkind in Jahrtausenden hineingesenkt.
Die Linke hält der Schwester schwesterlich die Hand – sie läßt ihr Licht daran herunterrinnen, und ich dreh’s mit Menschenkinderstaub verspinnend zu meines Fadens Lauf.
Mutternorne: Den Faden, den die Greisin aus ihren Händen laufen läßt, nehm ich, die Mutter, von ihr entgegen.
Ich spinn’ ihn fort, er läuft gradwegs durch mein Herz hindurch, denn ich, obgleich unsterblich, bin ein Mensch.
Ich atme, laufe durch die Welt, ich liebe, hasse, kranke, sterbe, und all das ringt sich rings herum um den Faden, den ich weiterreich’.
Wie rot er ist, der Faden – das ist meines Herzens Blut. Mein Handeln und mein Lebenssaft macht aus staub’gem Mondlichtfaden schon jetzt einen Handlungs-Strang.
Nornenmaid: Dank Dir, Schwester, für den Strang, der ewig meine Hand durchläuft – mich nennt man “Jungfrau” nur und schönes Weib.
Ich geb zu: Ich bin verliebt in Schönheit, ins Gefall’n, ich bin Frau und gern begehrt, was ist denn schlimm daran?
Den Strang schling ich zu Knoten wunderschön – ich kenn’ der Muster viel und erfind’ auch viele neu.
Im Anschaun soll’n meine Knoten das Aug’ erfreu’n, das Herze heben, wer tiefer schaut, trinkt der Mutter Blut oder, tiefer noch, Menschenstaub und das Licht der Göttin Mond.”
Aus dem Wurzelstrang kommt ein fetter, ekliger Wurm gekrochen und droht, die Nornen aufzufressen. Es ist der Weltenfresser, die andere Weise, an literarischen Stoff zu kommen: Sinnlos, wahllos in sich hineinfressen, um es dann – mehr oder weniger verdaut und ausgegoren – wieder auszuscheiden. Der Weltenfresser kann nur verstehen, was er gefressen hat, und es fressend, vernichtet er es zugleich.
Die Nornen können sich nicht gegen ihn erwehren, und sie flehen nun ihrerseits Nâhtegal an, für sie den Drachentöter zu spielen. Das Bild ist – da der Vergleich Märenbaum-Weltenesche angelegt ist – vergleichbar mit dem Drachen, der an den Wurzeln der Weltenesche nagt und sie irgendwann töten wird.
Nâhtegal schließt einen Pakt mit den Nornen: Er rettet sie, sie heilen den Baum. In höchster Not stimmen die Nornen zu.
Nâhtegal lenkt mit einem beleidigenden Lied die aufmerksamkeit und den Haß des Weltenfressers auf sich, is er die Beherrschung verliert und ihn fressen will. Aber Nâhtegal beginnt, ihm Erde in den schnappend-blinden Schlund zu schaufeln. “Im Schaufeln bin ich gut – schaufelte grad mein Grab! So schnell, wie Du fressen kannst, kann ich auch schippen!”
Der Weltenfresser hat ein unrühmliches Ende: “Kriegst Du nicht genug? Schnappst so gierig! Nahtegal kann noch schneller schaufeln! Was verdrehst Du Deine blinden Riesenaugen? Was wabbelst Du mit Deinem Fett? Ist Dir nicht wohl? Bist ja ganz angeschwollen, armer Literat! Verstopfung, wie? Paß auf, daß Du nicht platzt! [...] Ich hab Dich ja gewarnt! Was für eine Schweinerei! [...] Habt ihr noch nie einen Spielmann mit der Totenschaufel schaufeln sehen, bis die Würmer platzen?”
Der Text des Liedes vom Weltenfresser geht auf eine ältere Version zurück, die 2000 und 2001 im Kontext zum “Poeticon” entstanden. Damals waren diese Texte noch nicht in eine Handlung eingebunden, und nicht alle fanden Eingang in die “Dichterdämonen”.
Das Geheimnis guter Kunst ist die Symbiose von ausgesagtem Inhalt und der äußeren Form. In den “Dichterdämonen” werden Form und Gehalt durch Frau Form und Herr Gehalt dargestellt, ein Ehepaar, Dichtungen sind ihre Kinder, der Prozeß kreativen Schreibens gelebte Liebe zwischen den Beiden.
Aber in Nâhtegals Märenbaum sind sie alt und zänkisch geworden, verbiestert und zänkisch die Alte, schrullig und eigenbrödlerisch der der Alte. Nâhtegal muß sie versöhnen, und als es ihm gelingt, verjüngen sie sich wieder.
Die Stammhalle ist ein weiter Saal, dessen hohe Decke von einem lichten Wald an Birkenstämmen gestützt wird, der Boden ist eine grüne Wiese.
Nâhtegal ist glücklich hier und singt, da tritt, vom Gesang angelockt, der dreibeköpfte Riese an ihn heran.
Dreibeköpft, sich immer uneins, und ziemlich schwer zufriedenzustellen: Der dreiköpfige Riese “Publikum”. ![]()
Der eine Kopf kann nur meckern, der andere sucht ewig nach etwas, das er bewundern kann, und der dazwischen versucht, des lieben Friedens willen zu vermitteln.
Nâhtegal mag sich zuerst vor ihm erschrecken, dann über ihn lachen, aber der Geldsack, sehr schmal geworden in der Zwischenzeit, macht ihm schnell klar: Ohne ihn geht es nicht.
Das Geldsack-Lied dieser Szene ist mein Lieblingslied, und es ist leider nur zu wahr. Der Geldsack wäscht dem naiven Nâhtegal gründlich den Kopf: Er ist leer, weil Nâhtegal ihn nicht füllte, und lakonisch bringt er es auf den Punkt: “verrecke ich, verreckst auch Du!”
Die ungläubige Panik Nâhtegals, als er im Geldsack wühlt und feststellt, daß er wirklich leer ist, ist für mich eine der köstlichsten Szenen der “Dichterdämonen”.
Und auch seine Reaktion: Er krempelt ihn um (was dem Geldsack gar nicht gefällt), und macht ihn zu einem Hut – und singt das Publikumslied …
Dem Leser sei diese niedliche Szene der Publikums-Buhlerei (und Verarsche) nicht vorenthalten, aber unter uns: Ich bin verliebt in mein Publikum, ganz ehrlich.
Vielleicht noch gefährlicher und nerviger als der fette Riese mit den drei Köpfen ist definitiv das H U H N. Das nämlich, das gackert, während andere Eier legen – der Kritiker.
Die drei Köpfe des Riesen haben Gefallen an Nâhtegals Liedern gefunden, und ihre Aufmerksamkeit ruft es auf den Plan. “Herr Dichter, auf ein Wort!”
Nâhtegal ist zuerst erstaunt, dann erheitert, denn das Huhn ist eine lächerliche Erscheinung, wie es daherstolziert, gackert und sich putzt und dabei gebildet daherplappert.
Als er es jodoch nicht ernst nimmt, sich auch noch über es lustig macht, wird es zornig und erklärt ihn für schlecht. Nâhtegal kann dem stakkatoartigen Gegacker nichts entgegen zu setzen, und der Riese Publikum verläßt Nâhtegal.
Der Geldsack – um seine Füllung fürchtend – empfiehlt Nâhtegal: “Du solltest studieren!” Nâhtegal versteht nicht: “Wozu denn das? Muß ich komische Wörter kennen, um gut zu dichten?” Aber darum geht es nicht, erklärt Geldsack: “Dann kannst Du das Huhn mit Hühnerwaffen schlagen!”
Die Spinne kommt, alle acht Beine mit Büchern beladen und sie singt Nâhtegal ein Schlaflied, denn nach dem Schlaf wird er die Bücher kennen:
Schlaf, Spielmann, schlaf,
Dein Vater ist ein Schaf,
Mutter ist ein Stachelschwein,
schlaf, Spielmann, schlaf ein!
Ich Spinnenwesen mach Dich belesen:
Mit klebrigem Buchbinderzwirn
spinn ich Netze in Dein Gehirn.
Begriff und Germanistenkniff
klebt in was ich gewebt
wie festgeschraubt – überhaupt -
das wird Dir zu guten Waffen
gegen Literatenpfaffen -
Zum Hühner-Beil, das ohne Eil,
Hühner schlägt, Kritik zerlegt.
Allegorie ist dickere Metapher,
alliterarisch nimm die gleichen Lettern
und vernagel sie zu dicken Brettern,
nimmst Du gleiche Worte, heißt’s Anapher!
Pleonastisch bist Du, wenn Du’s übertreibst!
Und’s Gleiche widersprüchlich schreibst!
Nimm nicht zu viele alte Worte -
Archaismen sogenannt, aus der Retorte,
denn als Anachronist kritikgebrannt,
bist Du dann schlechterdings bekannt
Als Nâhtegal wieder erwacht, hat er zwar das Hrn voll mit theoretischem Wissen und kennt literarische Werke auswendig, aber zugleich ist es ihm, als hörte er Stimmen, die alles kommentieren, was er sagt:
“Kann ich noch singen? Wenn ich einen Vers zu schmieden such’, ist’s, als würden hundert Stimmen sich in meinem Kopf erheben und wild durcheinander schrei’n! […] Denk’ ich: ‘Spielmanns Schädelkasten spukt von Säusel-Stimmen’, plappern Sie von ‘Alliteration’ und ‘Stabgereimtem Jambus’.”
Aber als das Huhn kommt, weiß er ihm zu begegnen, er bombardiert ihn mit Fremdwörtern und mit intertextuellen Interpretationen und unterstützt das ganze mit seinen akademischen Graden.
Das Huhn springt drauf an: “Warten Sie, ich muß mir schnell eine Feder aus dem Flügel rupfen! So! Jetzt sagen Sie, über was dichten Sie, was steht dahinter, was wollen Sie damit aussagen?”
Und Nâhtegal singt jetzt nicht das ehrliche, sondern das interessante Dichterlied. Das Huhn feiert ihn, und damit auch das Pulikum.
Aber Nâhtegal hat jetzt ein ganz anderes Problem: er hat Verstopfung.
Nâhtegal hat Wurzelhöhle, Wurzel und Stamm des Märenbaums durchquert, jetzt muß er in die Krone hinaus, der Eingang ist jedoch vom widerlicher Pfropf verstopft.
Der horror vacui eines jeden Schriftstellers und Dichters: Die Schreibblockade.
Sie kommt aus dem Nichts, und sie verschwindet meistens ebenso unvermutet und unerwartet wieder, wie sie gekommen ist. Was sie auslöst? Woher sie kommt? Das ist meistens schwer zu sagen, aber man bastelt sich seine Theorien.
Trotzdem eine Schreibblockade grausam ist – weil man das Gefühl hat, nie wieder schreiben zu können und ausgebrannt zu sein – ist sie meiner Meinung nach eigentlich eher ein gutes Zeichen.
Ich habe immer festgestellt, daß nach einer Schreibblockade ein Riesensprung nach vorn eingetreten war. Je länger sie dauerte, um so heftiger die Entwicklung. Meistens kommt sie, wenn etwas Extremes geschehen ist, daß man nicht recht an sich heranließ und verdrängte oder einfach nicht dazukam, es wirklich durchzuarbeiten.
Ich vermute, daß es dann unterbewußt arbeitet, und daß diese integralen Arbeitsprozesse einfach die kreative Energie für sich veranschlagen. Was am Ende herauskommt, ist extrem dicht, und auch der Stil ist mit Siebenmeilenstiefeln vorwärts gestürmt.
Das Obstipations-Lied
Ich spiel jetzt schaufelnd
Arzt für Dich, mein Baum – Du bist verstopft!
Nahtegal entschuldigt sich:
Er hat es soweit kommen lassen!
Im Alten gutvertraut, stilfest, formgewandt,
traute sich Nahtegal nicht zu Neuem:
neues Land zu erforschen dauert lang
und ist oft auch sehr gefährlich!
Das Neue aber, das war schon da,
staut’ sich auf, denn voller Angst
traute Nahtegal sich nicht dazu:
Was würd der Riese dazu sagen und das Huhn?
Er kniff den Arsch zusammen,
ging nicht zum Stuhl, und im Darm
sammelte sich Schicht um Schicht,
Lied um Lied, wurde fest, wurde Stein.
Das ist nämlich wie beim Verdau’n:
Läßt man’s aus Angst nicht raus,
entzieht der Körper alles Wasser,
und immer fester werdend wird’s zum Pfropf.
Alleine kacken kann man dann vergessen,
bald helfen keine Abführmittel mehr -
da kann man nur noch tun, was
“Ausräumen” man zu nennen pflegt.
Ich hoff’, es ist noch nicht zu spät!
Denn geht das nicht mehr, wird’s ekelig:
Hinten verstopft rückstaut sich
all die Kacke im Lauf der Zeit
Bis in den Magen, in die Speiseröhre
und quillt Dir schließlich aus dem Maul -
es ist kein schöner Tod,
am eignen Kot langsam zu ersticken!
Ein interessantes Detail an der Verstopfungs-Szene ist, daß sich der Pfropf, nachdem er von Nâhtegal Stück für Stück abgetragen wird, zuerst als die Spinne und schließlich als Amica erweist. Und Amica ist ziemlich sauer, denn Nâhtegal hat sich, ohne ihr etwas zu sagen, einfach mit seinem Spaten davongestohlen, um sich selber einzugraben.
Die letzte Szene der Dichter-Dämonen ist erschreckend und erhebend zugleich.
Nâhtegal hat den Märenbaum durchreist, hat alle Prüfungen bestanden, und als alles glücklich ausgegangen zu sein scheint, bricht aus seiner Brust der Nagewurm hervor.
Das Vieh saß immer darin, nährte sich im Stillen, um im lichtesten Moment hervorzubrechen.
Es ist der Selbstzweifel, und wenn weder Weltenfresser noch fette Riesen noch verrückte Hühner Nâhtegal haben ernsthaft gefährlich werden können: Der Nagewurm reißt ihm eine unheilbare Wunde ins Herz, und Nâhtegal stirbt daran.
Die Todesszene ist natürlich ungemein dramatisch: Der Nagewurm sieht seinen Erfolg gefährdet, als Nâhtegals Freunde (die Nornen, Frau Form und Herr Gehalt und sogar der fette Riese) kommen, um ihn vor dem Chor der Aaskrähen (die Neider) zu beschützen.
Als Nâhtegal seine Seele aushaucht, geschieht Wunderbares:
” Vom Monde schlägt’s Brücken wie Regenbogen,
singend ein Zug hinunterschreitet
von Tausend lichten Barden – sie spiel’n
Nahtegal ein Heimkehr-Lied, wie selbst wir
es noch niemals hören durften!Und vornweg, baren Fußes, kommt
eine Jungfrau, so wunderschön,
daß man vor Scham erblinden will!
Sie nimmt den Leib Nahtegals
und trägt ihn fort, seht!In ihren mächt’gen Götterarmen
regt sich seine Brust, er blickt zurück!
Er lächelt! Und ist so licht
wie all die Tausend Sänger,
die Geleit ihm geben! ”
Der Kreis des Nâhtegal schließt sich und knüpft an “Krähe und Nachtigall” an. Wie sein Vorgänger Krähe begibt sich Nâhtegal ins Paradies der “ewigen Barden”, das hinter dem Mond liegt. Aber natürlich ist Amicas Weinen unangebracht, die Nornen und das Ehepaar von Form und Gehalt erklären lakonisch:
“Nicht alles ist […], wie es scheint, Besonders hier nicht, begreifst Du nicht, daß das hier eine Geschichte ist? […] Das Ganze ist doch nicht wirklich, Du nie Riesenspinne. Und mich gibts nur als gut gesetztes Wort und schwarze Letter. […] Das ist nämlich alles ganz allegorisch!”
Sie denken, daß, wenn Amica erwacht, ihr Liebster warm und atmend neben ihr liegt.
[Naja, auch Nornen können sich mal irren… oder haben sie mehr gewußt?]
Das Stück schließt mit einer Wiedergeburt Nâhtegals: Der junge Nâhtegal weiß um was Nâhtegal gewußt, aber es belastet ihn nicht. Was der Nagewurm zerfraß, lebt jetzt glücklich hinterm Mond (*g* bzw. ist gedruckt nicht mehr zu korrigieren…) und die Nornen versprechen, ihm noch schöne neue Fäden zu spinnen.
Nach “Dichterdämonen” entstanden gänzlich neue Stücke, die tatsächlich nichts mehr mit den Nâhtegal-Bildern zu tun hatten. Die sozialkritische Novelle “Eckstein” wurde kurz darauf begonnen, “Absurdistan” entstand, der Krimi “Ruhestand” und schließlich etwas, daß durchaus sich wieder in das Märchenhafte hineinwagt, aber ohne Nâhtegal-Ballast und sehr frisch un vor allem nicht so schrecklich jünglingshaft pathetisch: Die “Spaltenzungen”.Der oft dick aufgetragene Pathos des Nâhtegal-Zyklus erinnert mich heute, lese ich ihn, ein wenig an den Spruch Nietzsches über die über-dramatische Jugend, die noch nicht viel Gesehenes und Erfahrenes in ihren Seelen-Gewölben hat, weswegens da unten halt laut schallen und hallen müsse.
Aber auch die Dichter-Dämonen kommen schon, obwohl sie noch den Pathos der Sprache Nâhtegals bedienen, recht entspannt daher und können über sich selber lachen.
[ Leseproben >>> ]