Amazon.de Widgets
NORMAN-LIEBOLD.COM | LIEBOLDBUCH.DE | LESEPERFORMER.DE | LIEBOLDKUNST.DE | LIEBOLDPHOTO.DE | LIEBOLDDESIGN.DE | SIEBENKUNST.DE | SIEBENGEBIRGSKRIMI.DE | WORTANKLANG.DE

WWW.LIEBOLDBUCH.DE

25-Apr-2007 12:26

26-Aug-2009 13:49, PENTAX PENTAX K-m , 4.5, 42.5mm, 0.017 sec, ISO 200

10-Mrz-2005 17:26, KONICA MINOLTA DiMAGE Z20, 3.3, 13.9mm, 0.01 sec, ISO 50

10-Mrz-2005 17:24, KONICA MINOLTA DiMAGE Z20, 3.3, 14.5mm, 0.01 sec, ISO 50

10-Mrz-2005 17:21, KONICA MINOLTA DiMAGE Z20, 3.2, 6.0mm, 0.013 sec, ISO 50

“Schlangensee” nimmt im Nâhtegal-Zyklus eine Sonderstellung ein, man könnte fast sagen, daß es eine Naht-Stelle ist, in mehrfacher Hinsicht. Die Geschichte ist ein Traum Nâhtegals, und er zeichnet im Grunde “Die Sieben Kelche” bereits vor: Viele Bilder überschneiden sich, aber nichtsdestotrotz ist “Schlangensee” eine ganz eigene, in sich geschlossene Erzählung, die Märchen und “Selbstfindungsroman” mit Sience-Fiction kreuzt und eine Art “romantisch-postapocalyptische Vision” zeichnet.

Entstehung der Geschichte

Im Herbst 1999 kam ich ins Rheinland zurück, nachdem ich zuerst zwei Jahre in Aachen, dann einige Monate in Weimar gelebt hatte. Grund war meine Entscheidung, Altgermanistik an der Universität Bonn – die beste Anlaufstelle für dieses Fach – zu studieren. Zwischen meiner Immatrikulation und dem tatsächlichen Beginn der Vorlesungen hatte ich etwa zwei Monate “frei”, den ich in meinem Wohnwagen im Siebengebirge verbrachte. Es war dies eine ungemein produktive Zeit: Ich schrieb innerhalb von sieben Tagen und Nächten in einer Art wildem Rausch die Novelle neu, die heute als “Vampyriade” bekannt ist, und eben “Eine dieser unendlichen Geschichten”, die nach mehrfachem Überarbeiten zu “Schlangensee” wurde. In dieser Zeit traf ich nicht nur viele Freunde wieder, die ich aus meiner Siegburger Schulzeit kannte, und die zum großen Teil noch im Rheinland waren, sondern ich besuchte auch jene Orte meiner Jugend, an denen ich viele schöne Stunden verbrachte. (Und die den Reigen bilden, den Nâhtegal in “Krähe und Nachtigall” durchläuft.) Wenn man nach längerer Zeit an Orte wiederkehrt, an denen man viel erlebt hat, so quellen die Erinnerungen mit seltsamer Kraft empor, und ich denke, daß es aus diesem Grunde nicht verwunderlich ist, daß zum einen die Siegburger Fischteiche und der Alte Friedhof den Ausgangspunkt von Nâhtegals seltsamer Reise durch die Zeit bilden, sondern daß auch eine ganze Reihe der alten Bilder und Metaphern hier wieder aufgegriffen wurden. Vielleicht spiegelt sich in dem Erleben, an einem alten Ort ein neuer Mensch zu sein, sich verwandelt und weiterentwickelt zu haben, eine nicht zu unterschätzende Rolle im Entstehen des Märchenromans. Und vielleicht ist es auch diesem Erleben zu verdanken, daß “Schlangensee” zu einer Art Destillier-Vorgang wurde, einer Nahtstelle zwischen den älteren Nâhtegal-Stücken und denen, die ihm nachfolgten: Die guten Bilder wurden mitgenommen und “gereinigt” und flossen später in die Spätstücke wie “Die Sieben Kelche” ein. Ein wie ich finde wirklich niedliches Detail ist, daß “Schlangensee” im Nâhtegal-Zyklus den Status einer Vision innehat. Sie findet vor Nâhtegals Berufung durch seinen Vorgänger Krähe in “Krähe und Nachtigall” statt, und er trägt hier noch seinen “bürgerlichen” Namen: Nord. Zeitlich fällt “Schlangensee” vor die Flucht Nâhtegals nach Egidir, von wo er in “Krähe und Nachtigall” durch die von Krähe geschickten dreisten Krähe nach Siegburg zurückgelockt wird. Eine große Anzahl – wenn nicht alle – der älteren und mittleren Nâhtegal-Erzählungen wurden für jemanden erzählt, den ich zu diesem Zeitpunkt besonders gern mochte, der meine Geschichten liebte und sich nur zu gern von ihnen verzaubern ließ. Das konnten alle möglichen lieben Freunde sein, aber meistens waren es denn doch Vertreter des schönen Geschlechtes. Als “Eine dieser unendlichen Geschichten” entstand, verbrachte ich viele und schöne Stunden mit Svenja, die ganz versessen auf Literatur und besonders Michael Ende war. Ihr hatte ich es – unter anderem – zu verdanken, daß ich zwei meiner Lieblingsbücher entdecken durfte: “Momo” und “Die unendliche Geschichte”. Abgesehen von märchenerzählend schönen Stunden in ihrer Dachwohnung bei außerordentlich schmackhaften Teesorten mit Kandiszucker, war wohl auch dies mit ein Movens, mich mittels einer schönen Geschichte bei ihr dafür zu bedanken. Wenn Nâhtegal in einer Aufgabe Wielands die “Allee des Ewigen Herbstes” kehren muß und sie schließlich nur dadurch bewältigt, daß er die Philosophie Beppo Straßenkehrers für sich entdeckt, so ist unschwer das liebevolle Anlehnen an Michael Ende zu erkennen, ebenso wie natürlich im ursprünglichen Titel “Eine dieser unendlichen Geschichten”.

Verortungen

Ich neige – damals wie heute – dazu, insbesondere phantastische Geschichten an realen Orten anzusiedeln, die für mich den Atem der Geschichte atmen, beziehungsweise an denen Dinge geschahen oder Inspirationen kamen, die letzthin auch zum Entstehen der Geschichte führten. Heute geht das zuweilen soweit, daß ich wenn möglich sogar versuche, die Geschichten letzthin auch an diesem Ort niederzuschreiben. Obwohl “Schlangensee” in seinem weitaus größten Anteil in einer Art Mischung aus postapokalyptischen Zukunft und Anderwelt spielt, so beginnt die Erzählung doch in Siegburg und endet auch hier.

Der Spaziergang

Nach der Märchenerzähler-Einleitung beschreibt der Anfang von “Schlangensee” einen Spaziergang, den ich früher sehr oft gegangen bin. Durch Siegburg bis zum Alten Friedhof, wo die alten Geleise der Straßenbahn Siegburg-Lohmar (nicht mehr in Betrieb) verlaufen und auf diesen Schienen weiter bis in das Waldgebiet im Norden der Stadt. Diese Schienen haben durchaus etwas ganz eigenes, denn man kann auf Ihnen die halbe Stadt durchlaufen, sich durch Dorngestrüpp kämpfen, ohne einem Menschen zu begegnen. Wenn komische Käuze und Fabelwesen in Siegburg hausen sollten, so würden sie ganz bestimmt ihre Wege auf diesen Geleisen nehmen, ohne je gesehen zu werden. Wenn man in der Nordstadt an der ersten Ansammlung von Fischteichen vorbeigeht und dem Weg weiter folgt, kommt man unter der erwähnten Betonbrücke hinweg, auf der die Autobahn langführt. Eine Viertelstunde zu Fuß weiter gelangt man dann an eine zweite, kleinere Gruppe von vier Fischteichen, die etwas versteckt liegt und einen ganz eigenen Reiz besitzt.

Die Fischteiche

Her findet Nâhtegal endlich Ruhe und macht es sich unter einer Kiefer mit Blick auf einen mächtigen Eichenbaum bequem (Den Platz sieht man oben auf dem Photo). Er schläft schließlich ein, und damit beginnt der phantastische Teil der Geschichte. Als er wieder erwacht, findet er sich in ein Brombeergesträuch völlig eingewachsen, Die Blätter unzähliger Jahre und verrottete Gräser hüllen ihn wie in einen Kokon ein, sein Mantel fällt ihm vermordert vom Körper und Haupt- und Barthaar haben eine unwahrscheinliche Länge. Die Zigaretten in seiner Manteltasche sind ein verbackener Klumpen, das Heft des Messers von Rissen und Moos durchzogen – kurz, Nâhtegal hat verschlafen. Die Welt ist nicht mehr, wie er sie kennt, es sind keine Menschen mehr da, Siegburg eine verfallende Stadt im Wald, in deren Häuserresten Bären und Füchse und Eulen wohnen. Zwar gibt es keine Anzeichen von Krieg und Zerstörung, aber nichtsdestotrotz ist die Welt scheinbar völlig menschenleer, und die Natur hat sich ihres einst geraubten Landes wieder bemächtigt.

Odyssee und Wieland in der Kapelle

Nâhtegal – versorgt mit einigen Dingen aus den Lagern der Siegburger Geschäfte – beginnt sich quer durch das verwandelte Deutschland zu schlagen. Er begegnet nicht einem Menschen und irrt durch eine Welt, die an die alten Maja-Städte im Dschungel Südamerikas gemahnt. Mitten im Wald stößt man auf Reste der Zivilisation, halb überwuchert und kaum mehr kenntlich: Hier die schon zu Felsen gewordenen Betonbrückenpfeiler einer Autobahnauffahrt, da ein gangbarer Weg, der sich als alte Straße entpuppt. Nâhtegal fühlt Verzweiflung und fühlt schreckliche Sehnsucht nach seinesgleichen, aber bis er an Wielands Kapelle gelangt, scheint er der letzte Mensch zu sein. Parallele: Die Pfeiler der Autobahnauffahrt und die Beschreibung des postapokalyptischen Deutschlands findet 2001 Eingang in die Schlußszene der Prophezeiung.

Wieland

In einer alten Kapelle am Rande einer Lichtung trifft Nâhtegal endlich auf einen Menschen: Es ist ein weiser Greis mit Namen Wieland, der ihm auf eigenartige Weise bekannt erscheint. Er geht bei ihm in die “Lehre”. Diese Figur des Alten Weisen wird im Nâhtegal-Zyklus immer wieder vorkommen. Am deutlichsten ist die Parallele zum Anderweltler in “Die Sieben Kelche”, denn genau wie dieser verwandelt sich Wieland in eine Drachenschlange, um in den See hinabzutauchen, stellt ihm Aufgaben (bei denen ebenfalls Parallelitäten bestehen wie beim “Wahren Weg”) und stellt sich am Ende als sein älteres Selbst heraus.

Der See mit den Schlangen darin

Wiederkehrender Ort ist der Schlangensee. Wieland pflegt hier zu fischen, und in dem See scheinen nicht nur Sterne zu sein, daß es ist als schaute man in einen Himmel, schaut man hinein, sondern vor allem ist er bevölkert von offensichtlich magischen Drachenschlangen. Auch hier ist die Parallele zu “Die Sieben Kelche” am stärksten. Die Drachenschlangen sind definitiv dieselben, haben ganz die gleichen Eigenschaften bis hin zu der Tatsache, daß sich der Weise – hier Wieland, da der Anderweltler – in eine von Ihnen zu verwandeln pflegt. Nord wird mehrere Male an den See zurückkehren, und ein jedes Mal – ganz wie der ältere Nord Nâhtegal später – ein wenig wenig Angst verspüren, bis er schließlich den “Weg des Wassers” geht (oder den der Kelche), um selbst zu einer solchen Drachenschlange zu werden. Aber nach einem ersten Kontakt mit den Drachenschlangen wird er zuerst von Wieland in die Welt geschickt, mit dem Versprechen, nach je drei Jahren an den See zurückzukommen.

Der Untergang der Welt

Wieland eröffnet Nord auch, was mit der Welt geschehen ist, während Nord schlief:

“Es muß wohl vierzig Jahre her sein, vielleicht auch fünfzig, ich war noch ein junger Mann, hatte ein Mädel und freute mich meines Lebens. Man sprach damals viel über eine Krankheit, Immunschwäche nannte man sie, und weite Teile der Erde waren schon infiziert. In Afrika, so hieß es, und Thailand weit über die Hälfte aller Menschen. Sie wurde durch Beischlaf übertragen, unter anderem, und also redeten die meisten nur hinter vorgehaltener Hand darüber, und sie breitete sich schweigend aus. Sie brauchte eine lange Zeit, ehe sie ausbrach und den Körper verzehrte, man wußte meist nicht, daß man den Virus in sich trug und trug ihn also weiter. Und starb einer daran, so schwieg man es tot, als wäre es eine Schande. Dann aber, wie eine rasende Flut, begann die Seuche auszubrechen und es zeigte sich, wie viele schon angesteckt worden waren – man hatte sich sehr getäuscht in den Schätzungen. Es waren bald, da überall Ansteckung drohte und der Virus mutierend auch die Luft infizierend erfüllte, mehr Kranke als Gesunde, und immer mehr wurden hinweggerafft. Es war eine schreckliche Zeit. Die Seuche breitete sich aus wie Feuer in trockenem Gras, die Wirtschaft brach zusammen, man verschanzte sich aus Angst – die Pest im Mittelalter war harmlos dagegen. Die Städte wurden inWochen entvölkert, von zehntausend überlebte einer, die Zivilisation brach zusammen, Strom gab es keinen mehr, die Nahrungsmittel wurden knapp, Krieg brach aus, ganze Landstriche äscherte man samt Menschen ein, um die Seuche einzudämmen. Die Menschen waren nur noch Angst und Panik, sie schlachteten sich gegenseitig nieder um einen Kanten Brot, kurzum, nach ein paar Jahren gab es nichts mehr, das an die Alte Welt erinnerte. Irgendwann waren nur noch jene übrig, die immun gegen die Seuche waren, es kehrte wieder Ruhe ein, eine Todesstille, und langsam nahm sich die Natur zurück, was ihr der Mensch genommen. Es gibt Städte noch, damals hätte man sie wohl eher Dorf genannt, weit verstreut im Land, und am ehesten könnte man sagen: Wir sind ins Mittelalter zurück katapultiert, in dem, was man früher Deutschland nannte, leben vielleicht hunderttausend Menschen. Ich selbst muß sagen, die Menschen sind selber schuld, und an und für sich gefällt es mir besser so.”

Ein wenig banal, aber zumindest im Bereich des Möglichen ;) .

Stadt der Falschheit versus Dorf der Bäume

Stadt der Falschheit

Das ganze ist verdichtete Metapher für die Fremdheit des Fremden in der Stadt. Ganz ähnlich wie hier wird dies auch in der “Prophezeiung” benutzt, und das Prinzip zu verdeutlichen. Auch in den “Sieben Kelchen”, Zweites Buch und Zweites Tor, wird Nâhtegal als Einsamer in die Stadt geschleudert, um dort doppelt einsam zu sein. Das ist natürlich völlig übertrieben, polarisiert und zudem idealisiert, aber es ist wohl ein ureigenstes empfinden, das mich letzthin auch zu einem schrecklichen Landei macht ;) .

Das Dorf der Bäume

Krasser Gegensatz dazu ist das Dorf der Bäume, das wohl am ehesten an eine Ewok-Siedlung, an die Verfilmung Robin Hoods mit Cevin Costner oder an die Darstellung Ithiliens durch Peter Jackson in der “Lord of the Rings”-Verfilmung erinnert. Die kleine, ungemein liebenswerte Gemeinschaft freundlicher und symphatischer, in sich selbst ruhender Menschen wohnt mit der Natur im Einklang, und zwar in Häusern, die auf den Bäumen gebaut werden, ohne sie zu verletzten. Sie leben autark und stellen alles in kunstfertiger Handarbeit selbst her, und natürlich findet Nord hier herzliche und warme Aufnahme und darf seinen Teil zur Gemeinschaft beitragen. Nach einer Weile wird er zu geschätzten und gemochten Mitglied der Gemeinschaft.

Das Zeitparadox

Als Nord nach drei Jahren aus dem Dorf der Bäume aufbricht, um sein Versprechen bei Wieland einzulösen, wird ihm ein Brief mitgegeben, der sichtlich uralt ist. Er stammt laut Aussagen der Baumdörfler vom “Gründer” und wäre in Verwahrung gegeben worden, als dieser das Dorf verließ, um Einsiedler zu werden. Und das ist etliche Dutzend Jahre her. Der Brief spricht Nord mit Namen an und weiß offensichtlich ganz genau, was geschehen wird, und er stammt von Wieland, der mit dem Gründer eins ist. Nord wird später herausfinden, daß Wieland niemand anderes ist als er selbst – zurückgekehrt in seinen an den Fischteichen schlafenden Körper wird Nord selbst der Gründer werden, der eine ausgewählte Gemeinschaft von Menschen sicher durch die das Chaos der zerbrechenden Zivilisation führen und das Baumdorf gründen wird. Und es gelingt ihm dies, weil er durch die Prüfungen Wielands zum reifen Menschen geworden ist und er dieses Vorwissen besitzt.

Die Prüfungen

Wieland wird Nord drei Prüfungen stellen, jede von ihnen eigentlich unlösbar. Die Aufgaben haben zum Ziel, das unlösbare zu begreifen und im Begreifen zu wachsen. Sie sind vielleicht vergleichbar mit Nâhtegals Aufgabe in den “Sieben Kelchen”, die Kelche zu finden. Diese Struktur, daß einem Aufgaben gestellt sind, die gelöst zu werden verlangen, um die Persönlichkeit weiterzuentwicklen, ein reifer Mensch zu werden und sein Schicksal erfüllen zu können, ist ein wesentliches Moment im gesamten Nâhtegal-Zyklus. Daran ist auch nichts wesentlich neues bis auf die Ausformungen, insbesondere die ewigen, sich stets wiederholenden Kreise oder vielmehr Spiralen in übereinander gelegenen Ebenen, an deren Ende soewtas wie “Erlösung” wartet, Frieden und vielleicht Weisheit.

Die kleine Wüste

Aber besonders in “Schlangensee” zeigt sich, daß diese Dinge nicht so “dramatisch” sind, wie man sie wahrnehmen kann. Nâhtegal kriecht acht Jahre lang in der kleinen Wüste auf Knien, weil er sich darauf versteift, die genaue Zahl der Sandkörner zu ermitteln. Doch darum geht es überhaupt nicht, das ist idiotisch und obendrein menschenunmöglich. Nâhtegal bzw. Nord krankt an seinem Wahn, alles “perfekt” machen zu wollen und gerade aus der verbohrten Engstirnigkeit, aus der durchaus ehrenwerten aber einfach blöden Konsequentheit heraus übersieht er das eigentlich Wichtige. Er muß sich fast wahnsinnig zählen, bis an den Rand der Verzweiflung sich aus-zählen, bis er in genau jenem Moment, wo er heulend aufgibt, von Schuldgefühlen geplagt, ganz einfach sieht, was die ganze Zeit vor ihm stand und nur darauf wartete, daß er mal hochschaut. Im Übrigen leider ein Verhaltensmuster, um dessen Ablegung ich ewig zu kämpfen habe – vielleicht ist der Nâhtegal-Zyklus selbst ein Paradebeispiel dafür, denn wie endlose Sandkörner bereitete ich alte Texte akribisch auf, um das “Ganze” endlich fertig zu bekommen… *g*

Die Allee des ewigen Herbstes

Diese Prüfung ist eine Variation der “Kleinen Wüste”. Nâhtegal erhält die Aufgabe, eine Allee in einem Lande zu kehren, daß sich in einem ewigen Herbst befindet (es fallen also ständig diese blöden Blätter auf den gerade so schön sauberen Weg…). Mit dem selben Wahn wie beim Sandkörner-Zählen stürzt sich Nord auf die Aufgabe, um festzustellen, daß am Morgen das Stück gekehrte Weg genauso voll Laub ist wie zuvor. Und er kehrt es wieder. Und wieder. Und wieder. Die Berge Laubes am Wegesrand türmen sich himmelhoch, und er kommt einfach nicht vorwärts. Er versucht, ganz fix zu sein, aber das macht nur die gekehrte Wegstrecke länger, die er am nächsten Tag erneut zu kehren beginnt. Er reibt sich völlig auf. Auch die Erinnerung an einen alten Freund, der ihm die Geschichte von Beppo Straßenkehrer erzählte, hilft ihm nicht weiter. (In der Tat, Thomas, der Zivildienstleistende, der mit erklärter Beppo-Philosophie die Wege des Parkes im Malteserhof Oberdollendorf kehrte, bist Du ;) .) Zuletzt lernt er doch noch aus der Wüsten-Geschichte: Er hät sich die Aufgabenstellung vor Augen und begreift, daß er mehr darin gehört hat, als gesagt worden war. So sagte Wieland: “Geh zur Kleinen Wüste und zähle die Sandkörner, und dann komm zurück und sage mir, was Du gesehen hast!” Er hatte nichts von einer Zahl gesagt. Und zum Weg hatte er gesagt: “Deine Zweite Aufgabe ist, den Weg zu fegen, Nord, vom Anfang bis zum Ende!” Und Nord beginnt, einfach den Weg zu fegen. Mit Hingabe und in jeden Besenstrich all sein Fegen-Können legend, aber er schaut nicht mehr zurück.

Der Wahre Weg

Am Ende der Allee befindet sich der “Wahre Weg”. Das Motiv wird ebenfalls als Übergangsmoment zum Dritten Buch benutzt, und es geht auf eine Geschichten-Studie von 1996 zurück. Letztlich ist dieses Bild Allegorie dafür, seinen eigenen Weg zu gehen, auch wenn tausend andere ringsum offensichtlich auch einen vor Augen haben, der es definitiv nicht ist (sie versuchen, in Pfützen, Steine und Dornen hineinzukriechen mit für sie eher kontraproduktiven Folgen wie Beulen, ausgestochene Augen und Ersticken) – und trotz der Gefahr, daß man vielleicht selbst ebenfalls gerade versucht, irgendetwas (objektiv) idiotisches zu tun wie von einer Klippe zu springen oder in ein WC zu schlüpfen. Wieland faßt es wie folgt zusammen: “Der Weg warst Du selbst, Nord […]. Die Blätter all die Gedanken aus der Vergangenheit, die Du immer und immer wieder hochgewirbelt hast, um sie zu betrachten, anstatt vorwärts zu gehen und darauf zu vertrauen, daß die Antworten kommen werden. Denn was wichtig ist, bleibt, Du mußt nicht mit dem Geist im Gestern hängen, sondern frei werden im Jetzt. Du mußtest begreifen, daß Du den Weg nicht rein von Blättern halten kannst, sondern vorwärts gehen mußt. Und daß der Weg schön ist mit den Blättern darauf. Und das Tor, mein Lieber, warst Du selbst, nichts anderes als Du selbst, Dein Jetzt, daß Du endlich erreicht hast, anstatt in Deinem Gestern herumzuwühlen!”

Der Weg des Wassers

Wielands letzte Aufgabe beschließt zugleich den Roman. Und sie ist die seltsamste von allen, Wieland läßt einen Tropfen Wassers verdampfen und fordert von Nord, dem Tropfen zu folgen. Nord hält aus einer eher dummen Laune heraus die Hand ins Feuer und verbrennt, wird Rauch und Dampf und geht den Weg des Wassers. Er erlebt den gigantischen und beeindruckenden Weg mit, den das Wasser über unseren Planeten geht, wird zu Tieren, Pflanzen, zu Regen, Schnee, Eis und Meer, gefriert schließlich in einem Gletscher, schmilzt, gelangt über Bach und Fluß schließlich in den See zurück und bleibt an sich selber beim Bade hängen – das Zeitparadox doppelnd. Wieland schöpft ihn ab, verdampft ihn und er wird wieder er selbst. Nach einer traumreichen Nacht fährt er innerlich verwandelt wieder auf den See, um den Kreis zu vollenden. Er hat begriffen, und er erwandelt sich in einen der Schlangendrachen. Im Wasser trifft er den Wieland-Drachen, sie verschmelzen (wie diverse andere im Nâhtegal-Zyklus auch), und Nord kann sich an sein Leben erinnern – gewissermaßen an seine eigene Zukunft – denn er selbst wird, nachdem er das Chaos der Apokalypse überstanden hat und alt ist, sich selbst in der Kapelle begrüßen, um sich selber all diese idiotischen Aufgaben zu stellen. Aber zuvor schwimmt der Nord-Drache durch die Zeit, die kein Hindernis mehr für ihn ist, taucht schließlich im Fischteich auf, wo er sich selbst schlafend sieht und kriecht gewissermaßen durchs Nasenloch wieder in sich selber hinein, um zu erwachen – und erst mal eine zu rauchen.

Ansiedlung im Nâhtegal-Zyklus

“Schlangensee” ist im Kontext des Nâhtegal-Zyklusses eine Vision. Nâhtegal ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht der Ewige Barde, sondern trägt noch seinen “bürgerlichen” Namen Nord, und er lebt und wohnt offenbar noch in Siegburg. Seine Berufung durch Krähe findet später statt, nachdem er eine Zeit lang durch die Welt gereist ist – auf der Flucht, gewissermaßen. Krähe erklärt ihm in “Krähe und Nachtigall”, daß er den “Ruf” ignoriert habe – und nichts anderes ist dieser propedeutische Traum als eben Nords Berufung, die Nachfolge Krähes anzutreten. Dies macht die Parallelität zu einigen Nâhtegal-Geschichten, die sein eigenes Leben zum Thema haben (wie ganz besonders “Die Sieben Kelche”), im Sinne einer Antizipation verständlich. Nichtdestotrotz ist “Schlangensee” jedoch eine gänzlich eigenständige Geschichte, die in sich geschlossen Vergnügen zu lesen macht.

Um die innere Chronologie des Nâhtegalzyklusses zu verdeutlichen, habe ich mir die kleine Mühe gemacht, eine Schautafel zu erstellen.

Zeittafel anschauen [PDF, 48K] |


[N.Liebold, 16.02.2006]


[Norman Liebold, 16.02.2006
Bardenträume, Hintergründe
Kommentare: Keine Kommentare » ]



Sagen Sie etwas dazu!




Schlangensee

DER SCHRIFTSTELLER NORMAN LIEBOLD

BUCHLADEN | eBOOKS BÜCHER | SCHMÖKERECKE | AUTORENGEFASEL | LESUNGSTERMINE