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[Dieser Artikel ist der 8. von 8 Teilen in der Reihe Hintergrund Krähe und Nachtigall]

Hintergrund Krähe und Nachtigall - Inhaltsverzeichnis

Krähe und Nachtigall – 1. Einleitung
Krähe und Nachtigall – 4. Der Wassermann
Krähe und Nachtigall – 2. Die Insel im See
Krähe und Nachtigall – 3. Der Beduine
Krähe und Nachtigall – 5. Der Zeitenwächter
Krähe und Nachtigall – 6. Der Drachenpriester
Krähe und Nachtigall – 7. Der Tote Barde
Krähe und Nachtigall – 8. Die Geschichten des Toten Barden

15-Apr-2007 12:55

15-Apr-2007 12:44

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12-Jan-2007 12:29, KONICA MINOLTA DiMAGE Z20, 3.3, 11.9mm, 0.02 sec, ISO 160

18-Jun-2007 17:45

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Der Nymphenquell

Die Geschichte entstand 1996/97 in liedhafter Struktur und beschreibt die Urform des Bildes der Insel im See, das später in Reinform als “Die Insel im See”(1999) vollständig erzählt wird und das erste Kapitel von “Krähe und Nachtigall” bildet. Das Bild zieht sich durch den gesamten Nâhtegal-Zyklus. Als zentrales Motiv erscheint es im dritten Buch von Die Sieben Kelche, und zuletzt als “Zusammenfassung” als dasjenige Lied, das Nâhtegal der Spinne in den Dichterdämonen vorsingen wird, um Zugang zum Geschichtenbaum zu erlangen. In dieser Form taucht es zweimal in “Krähe und Nachtigall” auf: Im ersten Kapitel in der Erzählung der Nebeläugichten, die das Lied zitiert, das sie auf ihre 40-jährige Odyssee schickt, und im letzten Kapitel vom Toten Barden selbst vorgetragen – denn er ist derjenige, der das Lied dichtete und die Nebeläugichte damit verwirrte. Letzthin ist das versinkende Land Symbol für mehr oder minder selbst verschuldete Verdunkelung und Pervertierung des Lebensgefühls – durch übersteigerte Mythisierung, zu blauäugiges Glauben an so Gesagtes oder schlicht übertriebenes, intellektuelles Hineinsteigern.

In des Gottes Ei

Die Geschichte ist 1995 entstanden und dürfte die älteste im ganzen Buch sein, wahrscheinlich sogar die älteste Geschichte überhaupt unter meinen aktuellen Veröffentlichungen. Zugleich ist sie – abgesehen von einem nur einmal in “Die Elfentraumspieluhr” abgedruckten und zudem grottenschlechten “Gedicht” – das erste Textstück, indem die grünäugige Schöne vorkommt. Sie ist eng verwandt mit “Irgendwo im Nirgendwo”, aus dem später der Beduine geworden ist, und hier ist zum ersten Mal der Gedanke an die Welt als subjektives Konstrukt formuliert, der sich in den Wirklichkeits-Träumen der Drachen im Drachenpriester niederschlägt. Die Geschichte ist ein eher philosophischer Exkurs: Noctus, ein unsagbar alter und wissender Magier, kann die Phänomene der Welt durchschauen, nur beschworene Geister – aus anderen Dimensionen – sind ihm noch als Gesprächspartner interessant, da alle anderen Menschen und Wesen für ihn völlig transparent sind. Bis er an einem Morgen ein wunderschönes Mädchen (natürlich mt grünen Augen) trifft, in das er sich mirnichtsdirnichts und ganz und gar verliebt. Sie verwirrt ihn, er kann sie nicht durchschauen, ihre Reaktionen bringen ihn gänzlich durcheinander, und er beginnt herumzugrübeln, so sehr, daß er gar nicht mehr weiß, was er denken soll. Letztlich begreift er, daß er gar nichts erkennen kann, solange er irgendein Vorwissen hat, da dieses seine Wahrnehmung verzerrt und er wünscht sich in den Zustand des unwissenden Kleinkindes zurück. Er webt einen Vergessenszauber auf sich selbst, zeitlich befristet, um für eine gewisse Zeit wieder voreingenommen die Welt wahrnehmen zu können. Als der Zauber wirkt, verschwindet die Welt, denn er ist eine Art Gott in einem Ei, der seine Welt innerhalb der Eierschale selbst schafft – der Grund, warum sie für ihn so durchsichtig und begreiflich ist. Der Zauber wirkt allerdings nicht vollständig, so daß die absolute Leere um ihn herum sich mit einer ersten, schwammigen Erinnerung füllt, über die er nachsinnt und nachsinnend seine Welt neu erschafft – bis er, ein paar Jahrhunderte später – wieder auf dem selben Stand ist wie zu Beginn der Geschichte. Das ist der Moment, wo er sich – unbewußt – an die Grünäugige erinnert und sie – samt ihrer Undurchsichtigkeit – im selben Augenblick erschafft, um ihr am nächsten Morgen zu begegnen, sich verwirren zu lassen, zu grübeln, einen neuen Vergessenszauber zu weben, und so weiter und so fort – bis hin zu jenem Zeitpunkt, an der die Frist der Vergessenzauber endet, er sich schlagartig an alles erinnert und – wie Abraxas – aus dem Ei ausbricht, um recht verwirrt in der wirklichen Welt herumzutappen.

Zwei Lämmer im Wolfspelz

Die kurze, einfache und niedliche Geschichte, 1996 für Sonja entstanden, ist nach wie vor eine meiner Lieblingsfabeln, die ich immer wieder gerne erzähle, besonders auch bei LieErZähling. Wie die zwei unbedarften, ängstlichen Lämmer sich im dunklen dunklen Wald gegenüberstehen, sich gegenseitig für den bösen grauen Wolf halten, vor Angst fast sterben und dabei so tun, als wären sie selbst ein Wolf, ist nicht nur ein köstliches Bild, es ist leider und nur zu oft ziemlich zutreffend. Da tut man groß und rollt Kulleraugen, da knurrt man klägliche “Mähs” und glaubt sich auch noch gerissen, den bösen Wolf da gegenüber ausgetrickst zu haben… dabei funktioniert es doch nur, weil da gegenüber auch nur ein solch blödes, angstblindes Dingelchen ist wie man selbst. Natürlich eine amüsante Liebesgeschichte, wie könnte es anders sein. Passiert mir auch heute manchmal noch – und es ist im Grunde verdammt schade, daß ausgerechnet die süßesten Lämmchen mit den liebenswürdigsten, weichsten Seelen sicherheitshalber den Wolf miemen und zum Ende auch noch dafür gelten. Unschwer kann man in der Geschichte zudem die spielerisch-grinsende Umkehr des Gedankens vom Wolfsschaf sehen – des Wolfes im Schafspelz, der sich für ein Schaf hält. Der Gedanke ist auch in der Sequenz dieser Geschichte enthalten, bei der die Schafsherde auf den absurden Gedanken kommt, in Wirklichkeit ein Rudel Wölfe zu sein.

Die Zwei Schwestern

1995 schrieb ich eine kleine, niedliche Geschichte mit Namen “Von Rittern und Hexen”, grad mal anderthalb Seiten lang und in “Fabaella de Sphingem”(1996) veröffentlicht. Die kleine Geschichte enthält das zentrale Motiv des zweiten Teils, wo Schwester Sonne ihren Neffen dadurch überlistet, daß sie die Gestalt einer zuckersüßen Katze annimmt. Aber hier ist sie einfach eine böse Hexe, die den Ritter vernichten will und auch wenn das Ende, wenn sie durch den unbeabsichtigten Genuß der Seele des Ritters plötzlich “gut” wird, bereits enthalten ist, mangelt dieser Version der Geschichte doch die epische Breite und vor allem das, was der eigentliche Gehalt der Endversion “Die zwei Schwestern” ist. 1999 geschah mit “Von Rittern und Hexen” etwas ganz ähnliches wie mit dem “Nymphenquell”. Genau wie diese Geschichte erzählte ich sie an einem Abend Ulrike, und während ich sie erzählte, wurde ich mir nicht nur ganzen Geschichte bewußt, sondern ich erzählte sie auch samt der Vorgeschichte, die erzählt, wie und warum Schwester Sonne zur “bösen” Hexe wird. Und die verträumte Begeisterung, die Ulrike für die Geschichte aufbrachte, mag wohl durchaus das Movens gewesen sein, diese neue Version zu bearbeiten und aufzuschreiben. Jetzt gibt es zwei Hexen, Zwillingsschwestern, die ähnlicher nicht sein können und zudem unzertrennlich sind. Sie sind die Töchter einer weisen Hexe, die den heiligen Hain hütet, und die sie ausschickt, um die Welt kennenzulernen. Sie lernen einen Mann kennen, in den sie sich beide verlieben, und ist es zuerst so, daß sie ihn sich schwesterlich teilen, ohne daß er etwas mitbekommt (sie sind sich sehr ähnlich), so sieht er sie doch irgendwann durch Zufall zusammen und wird mißtrauisch, daß man ihn hintergehe. Und er beginnt ein albernes Spielchen, um die Wahrheit herauszufinden. Als er (durch abgetrennte Knöpfchen, Knoten in den Schnürsenkeln und andere Albernheiten) herausgefunden hat, daß es zwei Frauen sind, nicht eine, will er erreichen, daß sie’s ihm auch sagen – und zwar von selbst. Die Taktik, die er anwendet, ist denkbar dämlich. Er redet ihnen ein, daß sie verschieden wären, indem er vorgibt, in der einen mehr eine dunkel-nachdenkliche Person zu sehen, und in der anderen ein immergrinsendes Sonnenkind. Wenn man das oft genug sagt, beginnt man, daß selbst an sich zu sehen, denn jeder Mensch trägt diese Seiten in sich, und nach einer Weile beginnen die Schwestern sich zu verändern und sich auch so zu benehmen: Die eine wird dunkel und nachdenklich und kritisch, die andere reichlich oberflächlich, aber stets lachend. Die Schwestern entfremden sich, und der Plan des Liebhabers der Beiden geht mehr oder minder auf: Sie stehen plötzlich vor ihm mit einem: Sie oder ich. Das hatte er allerdings gar nicht gewollt, und mehr aus Hilflosigkeit der Situation gegenüber schnappt er sich recht wahllos die immerlachende Schwester Mond. Schwester Sonne – so schon arg zweifeln und selbstkritisch und philosophisch geworden, wird also zurückgewiesen und vergräbt sich im Wald, wo sie verbittert und schließlich ihre Enttäuschung an der Welt ausläßt und zur bösen Hexe wird, die ihrem Haß mittels ihrer magischen Kräfte freien Lauf läßt. Es kommt letztlich – ebenfalls ein dummes Mißverständnis – zum Kampf zwischen den Schwestern, und die “Gute” gewinnt deswegen, weil die andere sich selber anekeln und im Grunde verlieren will. Und sie wird in einen Eichenbaum gesperrt.

Es vergehen zwei Jahrzehnte, Schwester Mond bekommt einen Sohn, den sie als heldenhaften Ritter erzieht – nicht zuletzt im Bewußtsein, daß der Tag kommen wird, wo der Bann des Eichenbaums ihre Schwester wieder frei lassen wird. Als daß geschieht und Schwester Sonne die Welt erneut in eine Schreckensvision verwandelt, gibt sie ihrem Sohn eine magische Rüstung, die ihn vor den Zaubern der Schwester schützt, und schickt ihn los, daß er Schwester Sonne tötet. Er sucht und sucht, aber er kann sie nirgends finden. Und eines Tages rettet er ein allerliebstes, süßes Kätzchen vor den Angriffen einiger Monstren. Jetzt erst kommt es zu der Szene, die in “Von Rittern und Hexen” beschrieben ist, aber auch sie ist erheblich ausgebaut. Es ist nicht mehr irgendein Ritter, die Hexe nicht mehr irgendeine “böse” Hexe: Alles ist eine Geschichte, die ihre Gründe hat, und in der es kein “Gut” und “Böse” gibt. Der Ritter, in seiner harten und kalten Rüstung nach Nähe schmachtend, kann dem niedlichen Kätzchen nicht auf Dauer widerstehen, es ist der Wunsch, sich zu öffnen, nicht in magischer Panzerung durch die Welt zu laufen, die ihn letztlich den Panzer ausziehen läßt – und ihn dem Kätzchen ausliefert. Schwester Sonne, verbittert, saugt ihm seine Seele aus und schickt ihn postwendend an den Absender zurück: Er erschlägt seine Mutter. Aber seine Seele, in den Staub gespiehn, gedeiht zu einem Apfelbaum, dessen herrlichen Fürchten Schwester Sonne nicht wiederstehen kann. Und als sie von ihm genießt, strömt ihre verlorene Hälfte wieder in sie zurück, das in Dunkel und Hell gespaltene, das glücklich-sorglose und das dunkel-verzweifelte Leben von Schwester Sonne und Schwester Mond wird eins, und Schwester Sonne begreift. Sie heilt die von ihr versehrten Lande mit ihrer Magie, macht sie vielleicht sogar ein wenig besser und kehrt – wie sie es einst versprach – zu ihrer Mutter zurück. Diese kennt ihr Schicksal, hat es selbst vor unzähligen Jahren selbst erlebt und übergibt ihre Priesterschaft der Tochter, der verziehen wird. Sie selbst wird vom Gehörnten des Haines in Empfang genommen und geht nach Anderwelt. Interessant am Werdegang der Geschichte ist nicht nur, daß ich hier selbst verfolgen kann, wie ein Motiv sich entwickelt und letztlich seine Reife über vier Jahre hinweg erkämpft, sondern auch, wie die kleine Geschichte, die ganz am Anfang im Kompendium des ersten Märchenbuchs war, dieses verließ, sich verwandelte, um schließlich wieder dahin zurückzukehren.

Der Argonautische Goldvließraub

Zu dieser Geschichte möchte ich gar nicht allzuviel sagen. Daß ich sie ungemein gern habe von den älteren Sachen, steht außer Frage, insbesondere, weil ich sie ausgesprochen amüsant finde und den Stil nach wie vor in seiner fast lyrischen Dichte sehr mag. Die Geschichte entstand 1998/99 (genau weiß ich das nicht mehr), während ich Thomas Leichtfuß auf seiner Zivildienststelle im Malteserhof im Siebengebirge besuchte. Er bewohnte da einen mittelalterlichen Turm mit einem phantastischen runden Fenster, das aufgrund der Mauertiefe von mehr als einem Meter einen herrlichen Platz abgab, sich hineinzusetzen und Geschichten zu schreiben, während Thomas unten im Garten entweder Laub kehrte oder Äste in einen Schredderer schob. In dieser Zeit entstand auch “Pluto und Hyronimus”, und beide Geschichten in einem wahren Schreibrausch und am Stück. Die Geschichte spielt mit der Sage vom goldenen Vließ und turnt sich breit grinsend durch den Homer hindurch, recht frech die verschiedenen Figuren für eigene Zwecke mißbrauchend. Natürlich war es Odysseus, nicht Jason, der sich bei Circe verlag, und Chiron war der Lehrer von Herkules. Auch ist die Geschichte vom goldenen Vließ gänzlich umgestrickt, denn es hat rein gar nichts mit Circe zu tun, und vom Leuchtkäfer-Himmel zeugt zwar ein klagender Brief an meine damalige Circe, aber keine Stelle in den alten Epen. Natürlich – bei welcher Geschichte in “Krähe und Nachtigall” könnte man das nicht sagen – handelt es sich um eine Liebesgeschichte, und wenn die Taube mit einer Locke des Vließes zu Jason kommt, braucht man weniger in der Antike zu suchen als bei Eilharts von Oberge “Tristrant”, wenn das Federtier eine Locke Isoldes zu König Marke bringt. Und, ganz unter uns, Chiron gallopiert als Genuß-Zentaur nur auf dem Deck der Argo, weil er zugleich als menschköpfiges Pferd Symbol für den Schützen ist – und auch Schützen-Männer kriegen den Hals nicht voll und sind eben Schweine.

Die Sage vom Ewig Kämpfenden Ritter

Ich denke, seit Lanzelot mit sich selber kämpfte, ohne gewinnen zu können, empfing er doch jede ausgeteilte Wunde selbst, ist dieser Topos immer und immer wieder aufgenommen worden. Innerhalb des Nâhtegal-Zyklus – und auch darüber hinaus – gehört er auch bei mir zu den stehenden Topoi, die, immer wieder neu interpretiert, immer wieder kehren. Nichtdestotrotz dürfte diese 1996 entstandene Geschichte die älteste Version davon sein. Sie entstand für jenes Märchenbuchprojekt, an dem ich gemeinsam mit Sonja Mlynarski 1995/1996 arbeitete, und dessen Kernstücke letztlich zu den Geschichten es toten Barden wurden. Und es spiegelt noch sehr “unverdaut” den Kampf widerstreitender Kräfte in einem Selbst, aus dem Nichtbegreifen heraus, daß beide Teile erst das Ganze ergeben. In Reinform tritt das Motiv – allerdings ohne Ritterrüstungen – schließlich in den “Sieben Kelchen” auf, wenn Nâhtegal sich in Nebelland dem dunklen Prinzen stellen muß – und hier wird das Motiv auch aufgelöst, denn er reicht dem dunklen Prinzen letzthin begreifend seine Hand. Aber auch der Kampf mit der Statue der Luft im letzten Kapitel der “Sieben Kelche” rekuriert darauf, wenn der Ritter vom Podest steigt und die unangenehme Eigenschaft aufweist, getroffen zugleich die Wunde beim Schlagenden erscheinen zu lassen. Interessant, wenngleich – da nicht veröffentlicht – nicht anschaubar ist die Richterszene in “P”, einem kleinen absurden (und meinem ersten) Theaterstück von 1996. Auch hier erhält P. jeden ausgeteilten Schlag zugleich selbst, weil der Richter mit ihm identisch ist. Verwandelt tritt das Motiv auch im “Spiegelbruch” auf, wenn Animus aus dem Spiegel tritt und eigentlich mit Nâhtegal identisch ist, aber der zentrale Punkt, nämlich die Konfrontation mit dem Fremden und Gehaßten in uns selbst, die Abwehr und der Kampf mit uns selbst, das uns die unangenehmsten Vorwürfe macht, bleibt sich gleich. Die jüngste Rekurierung des Motivs ist in den Spaltenzungen zu finden, wo auf Nonnenwerth das Liebespaar in der Rüstung völlig sinnlos miteinander kämpfen. Aber des liegt schon weit außerhalb des Nâhtegal-Zyklusses, und anstatt des doppelten Selbstes kämpfen hier zwei Liebende unter der Maske der Unverletzlichkeit miteinander, während sie sich zutiefst gegenseitig versehren.

Ein Ast vom Baum des Lebens

Dieses Ding ist ein Relikt. Es mag eine Zeit gegeben haben (in der Tat), wo ich diesen Text nicht nur niederschrieb, sondern ihn (wahrscheinlich) auch noch ernst meinte. Es ist eine Weltschmerz-Ode, die sich in Einsamkeits-Floskeln wälzt und in geradezu nietzscheanischer Selbstüberhöhung und Selbstmitleids-Attitüden. Innerhalb des Nâhtegal-Zyklusses taucht dieses Ding zwei Mal auf, und beide Male (in notwendiger Weise) sehr relativiert. Ohne diese Relativierungen könnte man es bestenfalls in das Kuriositätenkabinett dieser Seite einstellen. ;) In “Krähe und Nachtigall” wird es dem Toten Barden in den Mund gelegt, der allein schon durch das “Dumdidelei” davor das ganze ins Absurde zieht. Noch wesentlich angenehmer verfährt Hyronimus damit, der dieses Ding als sein persönliches und ernstgemeintes Lebensgefühl vorträgt, um Puella in “Pluto und Hyronimus” zu beeindrucken. Man muß Martin Herweg als Hyronimus auf der Bühne erlebt haben, wenn er vor gruftigem Weltschmerz geradezu zerfließend das Gedicht in den Saal schmettert und es schafft, daß dieser grölend vor Lachen am Boden liegt.

Die Ballade von Nadir

Dieser Text kann als Selbstverarsche verstanden werden, nichtsdestotrotz ist er niedlich und amüsant. Er entstand zu jener Zeit, als ich aufgrund diverser Ausflüge in die mittelalterliche Literatur gewissermaßen den Schwanz “Mittelalter-Künstler” angesteckt bekommen hatte. Nadir, der in irgendeinem vergessenen Tal in seiner Burg herumhängt und weder vom Ende des Mittelalters etwas mitbekommen hat, noch von irgendetwas anderem, bekommt – etliche Jahrhunderte verspätet – Post: Den Aufruf zum Kreuzzug. Und er nimmt ihn an, schnappt sich einhundert seiner besten Ritter und macht sich auf den Marsch gen Jarusalem – mitten durch unsere heutige Welt. Man nimmt ihn natürlich nicht ernst, und er verzweifelt an der Unmoral und der mangelnden Gottesfürchtigkeit unserer Zeit – im Gegensatz zu immer mehr von seinen Mitstreitern, denen es eigentlich ganz gut hier gefällt. Eine ganze Reihe anderer sterben schlicht an Altersschwäche, und nachdem er zurückgekehrt feststellen muß, daß seine Burg im vergessenen Tal mittlerweile ein Berghotel geworden ist und auch seine Eroberungspläne für eine neue Burg nicht wirklich fruchten, bleibt er zum Schluß allein zurück, verdient seine Brötchen damit, daß er seine Geschichte vorsingt und spart eben auf eine neue Burg. Das Stück eignete sich hervorragend für den Abschluß von Veranstaltungen auf Mittelalter-Märkten, kurz bevor man den Hut rumgehen ließ… ;) .

Von Elfen und Häusern

Noch eine Liebesgeschichte, eine niedliche, und zwar eine, die meistens grundlegend mißverstanden wird. Daß es sich um eine Liebesgeschichte handelt, ist natürlich jedem klar: Da ist der freiheitsliebende Waldelf und das süße Häuschen, dessen Lebenszweck im Bewohntwerden besteht, die Liebe zwischen beiden, das Kletten des Hauses, das im Elf Beziehungs-Klaustrophobie erzeugt und schließlich zum schmerzhaften Bruch führt. Das sieht jeder, und wenn sich Frauen im Haus wiedererkennen und Männer im Elf, wie es dem gängigen Klischee entspricht, so sei das natürlich gerne stattgegeben. Möchte man allerdings an die Wurzel der Entstehung der Geschichte gehen, die notwendigerweise etwas mit mir selber zu tun hat, so zeigt sich schnell ihre Spiegelverkehrtheit: Trotz Waldverliebtheit und Wolfsattitüden dürfte ich 1995, als ich die Geschichte schrieb, mich kaum in Blätterrauscher, Sohn des Wipfelwind, wiedergefunden haben… die Klette war definitiv ich, oder, um es mit den Worten der Waldelfin von 1995 auszudrücken: “Ich habe nicht gedacht, daß Dackel blaue Augen haben können.” *Grumpf*


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[Norman Liebold, 14.02.2006
Hintergründe, Krähe und Nachtigall
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Krähe und Nachtigall – 8. Die Geschichten des Toten Barden

DER SCHRIFTSTELLER NORMAN LIEBOLD

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