Der Tote Barde ist Anfang und Ende von “Krähe und Nachtigall”, er ist das Fädenzieher im Hintergrund, er ist Nâhtegals Schicksal, sein Vorgänger als “Ewiger Barde”. Zugleich und sich darin spiegelnd ist dieser Teil des Romans das tradierte Fragment der Anfänge sowohl des Buches wie auch des gesamten Nâhtegal-Zyklusses: Nachdem das “Märchenbuch-Projekt” 1996 scheiterte, aber 1998 wieder als “Das Alineske Märchenbuch” aufgenommen wurde, wurden die Geschichten, die für ersteres gesammelt und geschrieben worden waren, mit hinüber genommen und in den Mund des Toten Barden gelegt. In werkethymologischer Weise war das ein Kunstgriff und ein Spiel mit Metaphern: Derjenige, der diese Geschichten schrieb, war ein anderer Erzähler als der, der 1998 das “Alineske Märchenbuch” in Angriff nahm, sein älteres Selbst. Mir waren die Geschichten, die zwischen 1995 und 1996 entstanden waren, lieb und teuer, auch wenn sie in manch anderer Hinsicht weder stilistisch noch – dies ganz besonders – von ihren Inhalten und Aussagen her nicht mehr den Maßstäben entsprachen, die ich an meine Geschichten anlegte. Die Wirklichkeit des Schriftstellers wurde zur Metapher: Der tote Barde ist das ältere Selbst, daß nicht von seinen Geschichten lassen kann, ehe er sie nicht endlich erzählt hat, aber er ist im Grunde schon längt tot, nur die empfundene Pflicht, sie noch zu erzählen, hält ihn – mehr oder minder – lebendig, vielmehr untot. Vielleicht ist das in der Tat die Wurzel gewesen, aus der das Bild vom Toten Barden entstanden ist, aber es baute sich über die Zeit hinweg mehr und mehr aus. Hatte es im “Alinesken Märchenbuch” noch die Form einer Figur unter anderen, eines Kuriosums neben den anderen Kuriosa der Fabelwesen, so wird der Tote Barde nach etlichen Verwandlungen zum Urgrund für “Krähe und Nachtigall”, und zur Brennlinse vieler Symbole. Das Bild tauchte nicht nur immer wieder auf in verschiedenen Geschichten, es wurde zum Sinnbild eines grundsätzlichen Problems: Des Festhaltens an einer übersteigert empfundenen Pflicht, die eigentlich jede Daseinberechtigung verloren hat und nur noch um ihrer Selbst willen verbissen verfolgt wird. Mit der Folge gelähmter Lebenskräfte und einer Art von Zombie-Dasein.
Wie die Beduinen ihr Erbe an den Nachfolger weitergeben, um so über Generationen über Generationen irgendwann alle Wüsten durchforscht und die Kuppel des gefangenen Gottes erreicht zu haben, so existiert auch bei den “Ewigen Barden” eine Art Meister-Schüler-Verhältnis, wo der Vorgängige seinem Nachfolger sein Wissen anvertraut, damit er den Weg weitergeht und schließlich seinerseits einen Nachfolger wählt. Das selbe Muster wiederholt sich in “Krähe und Nachtigall” mehrfach. Immer existiert eine Tradition, in dessen Läufte sich die Figur integrieren muß: Der Zeitenwächter wird durch den Wassermann abgelöst, der Drachenpriester in die Gemeinschaft der Drachenpriester aufgenommen, und jedes Mal nach verzweifeltem Wehren und Kämpfen. Signifikant ist das Schicksal in “Krähe und Nachtigall” durch das “Zeichen”, daß die Betreffenden auf ihrer Stirn tragen. Die anderen sehen und erkennen das Zeichen auf Nâhtegals Stirn, aber sie verraten ihm nicht seine Bewandtnis. Aber es ist dieses Zeichen, das sie letztlich dazu anhält, ihm ihre Lebensgeschichte anzuvertrauen, denn Nâhtegal ist der künftige “Ewige Barde”, dessen Schicksal es ist, die Läufte der Welt zu durchleben, Geschichten zu lauschen, sie weiterzutragen und lebendig zu halten. Aber Nâhtegal läuft vor seinem Schicksal davon, bis es ihn – in Form all jener kuriosen Wesen und Figuren aus “Krähe und Nachtigall”, Geister, Wassermänner, Wüstenläufer, Zeitenwächter und Drachenpriester – einholt und er sich nicht mehr dagegen wehren kann. Das ist der Moment, wo er seinem Vorgänger begegnet, der nicht mehr nur – wie in der Version von “Das Alineske Märchenbuch” – einfach durch die Schwere seine Geschichten gehindert ist, seinen Frieden hinter dem Mond zu finden, sondern vor allem, weil Nâhtegal vor ihm weggelaufen ist, und Nâhtegal derjenige ist, der ihm die Last seiner Geschichten als einziger abnehmen kann. Ein Großteil des Textes im letzten Kapitel besteht aus den Geschichten, die der Tote Barde Nâhtegal erzählt. Sie werden kurz und gesondert abgehandelt, denn sie sind eigenständig und nicht wesentlich für den Verlauf des Buches.
Wie alle anderen Figuren im Buch – mit Ausnahme der Nebeläugichten, die einfach nur zu blauäugig war – trägt der Tote Barde eine schwere Schuld mit sich herum. Diese Schuld schlägt den Bogen zum Anfang des Romans, denn er war jener Barde, der in das Land der Nebeläugichten kam, dort das Lied vom Nymphenquell dichtete, es ihr vorsang und sich ohne weiteren Kommentar und Erklärung wieder verkrümelte. Wegen seines Liedes irrt die Nebeläugichte ihr ganzen Leben durch Sumpf und Morast, um eine Metapher zu finden. Und letztlich ist es ihre von ihm unerfüllte Liebe, die sie erst in diesen verbissenen Wahn bringt, denn das Lied ist das einzige, was er ihr zurückläßt, und in einer Art Ersatzhandlung erhebt sie es zu ihrem Lebensinhalt. Nâhtegal erlöst ihn, nicht allein, weil er ihm das Gewicht der Geschichten abnimmt und die Nachfolge antritt, sondern nicht zuletzt auch, weil er auf diese Weise auch für die Nebeläugichte sprechen kann – denn Nâhtegal darf im Namen der Nebeläugichten die Verzeihung aussprechen, sie steht am Anfang seiner Reise, und sie trägt ihm dies auf. Eine ganze Nacht lang lauscht Nâhtegal den Geschichten des Toten Barden, und wie dieser mit jeder Geschichte ein wenig leichter wird, so wird Nâhtegal ein wenig mehr der Ewige Barde. Als Krähe – so lautet der Name des Toten Barden – alle seine Geschichten erzählt hat, ist er so leicht, daß er auf dem Mondlicht ins Jenseits der Ewigen Barden reisen kann: Hinter den Mond. Und zugleich ist dies auch die Geburt Nâhtegals, bei der er seinen Namen erhält: Denn gleichsam wie ein Totemtier ist es der Schlag der Nachtigall, der sich ihm verkündet den Namen nennt, unter dem er reisen und Geschichten sammeln wird.
Der Tote Barde ist voll von Anspielungen, die sich auf den gesamten Nâhtegal-Zyklus beziehen. Er ist eine der zentralen Figuren und Allegorien, und vor allem weiß er um die Bewandtnisse, die Nâhtegal erst nach und nach auf seinem langen Weg bis zu den Dichterdämonen erfahren wird, wenn er Krähes Schicksal selbst teilt und seinerseits auf die Reise hinter den Mond geht, um sich zu seinen Vorgängern zu gesellen. Der Tote Barde ist ein Sinnbild für eine schmerzhafte Neugeburt, wenn eine Phase des Schaffens endet und man als Schreibender zwar weiß, daß dies vorbei und nicht wiederholbar, das Neue aber noch nicht greifbar ist. Es ist ein eigenartiges Pflichtverhältnis, daß man zu seinen älteren Arbeiten empfindet, man käut sich – nicht zuletzt auf Lesungen und anderen Veranstaltungen – immer wieder, obgleich man ihnen schon fremd geworden ist. Die Leser und Hörer erwarten zudem – man sollte nicht glauben, wie drängend das empfunden werden kann -, daß sie mehr davon bekommen, schließlich mögen sie einen darum. Es ist ein langsamer, zuweilen sehr qualvoller Prozeß, denn während man sich in den alten Bildern sicher fühlt, weiß, wie man ein Thema, ein Bild anzupacken hat, muß im Neuen alles erst errungen und erobert und erkämpft werden. Es ist wie der Minnesänger-Tod: Der Quell in einem ist versiegt, aber man muß erzählen, und da einem die Geschichten zugleich Nahrung sind, käut man sie wieder, und jedesmal stillen sie weniger den Hunger, bis man verhungert ist, aber immer noch nicht tot – ein literarischer Zombie, sozusagen. Der Abschluß des Nâhtegalzyklusses war im Grund 2001 mit Die Sieben Kelche vollzogen, die Ablösung dauerte jedoch bis 2003, und erst 2004 entstand mit Eckstein das erste eigentlich neue Stück, das sich unabhängig von der Nâhtegal-Welt bewegen konnte. Und bis dahin hatte Nâhtegal etliches an Spiegeln und Toren zu zerbrechen, und mehr als einen “Totentanz” zu tanzen – seinen abschließenden tanzte er 2003 mit den Dichterdämonen.
Um sie an Nâhtegal weiterzugeben, erzählt Krähe ihm seine Geschichten. Es sind insgesamt neun:
- Der Nymphenquell (1997)
- In des Gottes Ei (1995)
- Zwei Lämmer im Wolfspelz (1996)
- Die Zwei Schwestern (1995-1999)
- Der Argonautische Goldvließraub (1999)
- Die Sage vom Ewig Kämpfenden Ritter (1996)
- Ein Ast vom Baum des Lebens (1997)
- Die Ballade von Nadir (1998)
- Von Elfen und Häusern (1995)
Bei der Umarbeitung vom “Alinesken Märchenbuch” zu “Krähe und Nachtigall” wurden etliche Geschichten des Toten Barden herausgenommen. Die Geschichten “Nacht” und “Der Denker” kamen in den Minnesänger-Komplex, während der “Egel”, zum Beispiel, gar nicht mehr aufgelegt wurde. Zwei der Geschichten, die noch im Alinesken Märchenbuch vom Toten Barden gehört hatten, waren inzwischen eigene Wege gegangen: Der “Nymphenquell” hatte sich zur Insel im See gemausert, die letzthin zum 1.Kapitel von “Krähe und Nachtigall” werden sollte – die Geschichte ist jetzt sozusagen doppelt vorhanden: Einmal in der ursprünglichen Fassung als “Der Nymphenquell”, also das Lied, das Krähe der Nebenäugichten vorsingt, und einmal als die fertige und ausgereifte Geschichte. “Von Rittern und Hexen” (1995) erlebte eine ähnliche Aufbereitung, aus der kleinen Geschichte wurde das Märchen “Die zwei Schwestern” (1999), das 2003 in dieser neuen Form wieder in die Geschichten des Toten Barden aufgenommen wurde. Zuletzt wurden einige weitere Geschichen, die nach dem “Alinesken Märchenbuch” entstanden waren, aber ganz im selben Zusammenhang standen, ebenfalls dem Toten Barden in den verfaulten Mund gelegt: “Ein Ast vom Baum des Lebens”, “Der Argonautische Goldvließraub” und “Die Ballade von Nadir”. Das Ganze habe ich für den Interessierten anhand einer Art “Stammbaum” für den interessierten Leser hier eingestellt. Stammbaum anschauen! Für mich ist es heute sowohl amüsant wie auch faszinierend zu sehen, wie sich ein Buchkonzept über immerhin sieben Jahre hinweg entwickelt. Die einzelnen Geschichten des Toten Barden handle ich gesondert und in kurzer Form gesondert ab. Zu den Geschichten des Toten Barden.
Nâhtegal begegnet dem Toten Barden natürlich – wie sollte das auch anders sein – auf dem Alten Friedhof in der Siegburger Nordstadt. Auch dies war eine Zeitlang für mich ein Ort, an dem ich mich wohl fühlte und gerade auch zum Schreiben hinkam. Damals war der Friedhof eher selten besucht und wunderbar verwildert, hatte etwas von einem “geheimen Garten”. Leider – zumindest für solche Käuze wie mich – wurde er irgendwann um 1998 herum wieder “hübsch” gemacht, was soviel bedeutete, als daß die schönsten Bäume und Büsche und verwilderten Ecken rigeros niedergemacht wurden, anstatt dieser kamen dann nicht nur irgendwelche Leute, die ihren Spaß dran hatten, Grabmäler umzukippen und zu beschmieren und aller Arten Müll vom benutzten Kondom bis zur Bierdose dort zu plazieren, sondern vor allem Hunde und ihre Besitzer, die den Ort letztlich in ein beschissenes Hundeklo verwandelten.
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[Norman Liebold,
14.02.2006 |
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