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[Dieser Artikel ist der 6. von 8 Teilen in der Reihe Hintergrund Krähe und Nachtigall]

Hintergrund Krähe und Nachtigall - Inhaltsverzeichnis

Krähe und Nachtigall – 1. Einleitung
Krähe und Nachtigall – 4. Der Wassermann
Krähe und Nachtigall – 2. Die Insel im See
Krähe und Nachtigall – 3. Der Beduine
Krähe und Nachtigall – 5. Der Zeitenwächter
Krähe und Nachtigall – 6. Der Drachenpriester
Krähe und Nachtigall – 7. Der Tote Barde
Krähe und Nachtigall – 8. Die Geschichten des Toten Barden

15-Apr-2007 12:44

18-Jun-2007 17:47

18-Jun-2007 17:46

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05-Mrz-2005 12:34, KONICA MINOLTA DiMAGE Z20, 3.2, 9.2mm, 0.005 sec, ISO 50

05-Mrz-2005 12:12, KONICA MINOLTA DiMAGE Z20, 3.3, 11.9mm, 0.004 sec, ISO 50

05-Mrz-2005 11:38, KONICA MINOLTA DiMAGE Z20, 3.2, 6.0mm, 0.1 sec, ISO 320

Siegburg. Alter Friedhof. Photo: Norman Liebold, 2009

Siegburg. Alter Friedhof. Photo: Norman Liebold, 200903-Mai-2008 09:40, PENTAX PENTAX K-m , 4.5, 105.0mm, 0.006 sec, ISO 400

Der Drachenpriester ist die märchenhaft erzählte Version des Nâhtegal-Topos der schlafenden Drachen. Der Topos ist – wie ich finde – einer der interessantesten und schönsten Bilder im Nâhtegal-Zyklus, und ähnlich häufig vertreten wie der Wolfs-Topos oder die grünäugige unnahbar Schöne. Wie auch bei den anderen Bildern in “Krähe und Nachtigall” wird hier versucht, das Bild vollständig abzuhandeln und die ganze Geschichte zu erklären, während an anderen Stellen der Mythos als bekannt vorausgesetzt und benutzt wird.

Der Mythos von den schlafenden Drachen

Drachen sind magische Wesen, die zwar in unserer Welt ihre Ausformung haben, jedoch weitaus größer sind als unsere drei oder vier Dimensiönchen. Sie unterliegen einer anderen Zeit, und ihr Tag dauert mehrere Menschengenerationen an (1000 Jahre, um genau zu sein). Wie alle Wesen schlafen auch sie, nur daß ihre Schlafperiode nicht 8 Stunden, sondern 800 Jahre andauert. Und wenn sie schlafen, träumen sie – nur daß ihre Träume unsere Realität nachhaltig beeinflussen: Was sie träumen, nimmt bei uns Gestalt an.

Drachenschlaf

Als magische Wesen, die sich in sehr viel mehr Dimensionen ausdehnen, als wir überhaupt wahrnehmen können, sind sie faktisch unangreifbar. Wenn ihre Nacht und damit die Zeit kommt, sich zur Ruhe zu betten, legen sie sich (aus unserer beschränkten Sicht her betrachtet) einfach irgendwohin, schließen die Augen und schlafen ein. Und sie beginnen zu träumen. Als sie im 12.Jahrhundert beginnen zu träumen, träumen sie vor allem eines: den neuen Menschen.

Der neue Mensch

Im Gegensatz zu den “wahren” Menschen – jene also, die an sich existieren und nicht nur geträumt sind – haben sie zwar Gestalt und eigenen Geist, aber kein Schicksal. Sie wissen daher nicht, was sie eigentlich wollen, sind sich der innersten Struktur der Welt und ihrer Strömungen nicht bewußt und leiden an einer immensen Langeweile. Neben der draus resultierenden Bevölkerungsexplosion im späten Mittelalter führt diese Langeweile zu den verschiedensten Folgen, die summa summarum all jenes “erklären”, was der Mensch an Scheiße fabriziert, insbesondere, wenn es um die Vergewaltigung der Natur geht.

Die Zeit des Dombaus

Vor allem eine Angst beherrscht den “neuen Menschen”. Wannimmer er Angesicht zu Angesicht mit etwas “Wahrem” steht, wird ihm seine eigene Leere bewußt, und er spürt tief drinnen, daß er lediglich geträumt ist und im selben Moment aufhört zu existieren, wenn sein Träumer erwacht. Es ist ihm also angelegentlich, das zu verhindern, und er verfolgt eine Strategie, die zu den plötzlich massenhaft auftretenden Dom-Bauen führt: Die im Land schlafend liegenden Drachen werden bis zum Halse eingegraben, so daß allein der Kopf noch heraus schaut. Würde auch der Kopf eingegraben werden, so bekäme das Wesen keine Luft mehr und würde erwachen – und der Erdhaufe, in das man es eingegraben hätte, wäre in etwa so wirkungsvoll wie Dreck im Pelz des Tigers. Für den Kopf muß also eine elegantere Lösung gefunden werden, insbesondere, weil der Hauptzweck des ganzen Unternehmens der ist, die Augen des Drachen zuzumauern, damit er nicht merkt, wann seine Sonne wieder aufgeht. Der Kopf des Drachen wird also ringsum mit Mauerwerk umgeben, der Lippenspalt jedoch offengelassen, damit er atmen kann.

Der Drachen-Rachen

Der ummauerte Drachenkopf ist nichts anderes als eine große Kirche, die – je nach Gestalt des Drachen – die eine oder andere Form annimmt. Der Racheninnenraum ist das Innere der Kirche, die Säulen umgeben seine Zähne. Die Apsis ist der Lippenspalt, die Seitenschiffe bei einigen Kirchen der Raum zwischen Kiefer und Backen. Türme wären Hörner, und die eigentliche Gestalt des Kopfes ist durch allerlei Stützwerk entstellt. Die Decke gotischer Kirchen mit ihren Rippen zeichnen den Rachen des riesenhaften Wesens nach, während sein Leib unter der Erde befindlich ist.

Drachen-Dämmerung und Drachen-Priester

Zu unserer Zeit dämmert der Tag der Drachen, ihre Sonne geht langsam auf, aber sie können es nicht wahrnehmen, denn ihre Augen sind verborgen hinter Metern dichten Mauerwerks. Das ist die einzige Art, sie am Erwachen zu hindern, denn der Bau an sich hindert sie nicht mehr als einen Strandurlauber, der sich zum Spaße in den Sand eines Strandes eingraben läßt. Die Drachen zu erwecken ist die Aufgabe des Drachenpriesters. Mittels eines geheimen Rituales kann er den Drachen aus dem Schlafe reißen.

Der letzte und der erste Drache

Allein ein einziger Drache ist die ganze Zeit wach geblieben. Er ist es, vor dem der Drachenpriester all die Jahrhunderte weggerannt ist, der ihn am Ende der Binnengeschichte finden und ihn – sehr unsanft – zu seinem Priester machen wird. Der erste Drache, den er erwecken wird, ist der Drache, der im Innern des Michaelsberges schläft – bzw., da er ja erweckt worden ist – geschlafen hat. Und Nâhegal begegnet dem Drachenpriester just in dem Moment, bevor er in die Kirche des Benedektinerklosters auf dem Michaelsberg geht, um den Drachen aufzuwecken.

Die Entstehung des Drachenbildes

Die zwei ältesten Geschichten, in denen das Bild des eingemauerten Drachen als Dom benutzt wird, sind “Der Dom” und “Licht im Dom”, beide zwischen 1996 und 1997 entstanden. Das Motiv des Wesens, das die Welt träumend diese erschafft, taucht am deutlichsten in “In des Gottes Ei” von 1995 auf, die in den Geschichten des Toten Barden enthalten ist. Das Motiv eines mächtigen magischen Wesens, das gefangengehalten wird, indem ihm die wahre Gestalt der Welt durch Tricks verborgen gehalten wird, ist schon in “Irgendwo im Nirgendwo” sehr klar formuliert, aus der letzthin der Beduine entstanden ist. Die “Inspiration” dürfte definitiv im Anblick des Inneren eines Domes liegen, denn für mich wirkt das Innere eines gotischen Gotteshauses mit seinem Gewölbe stets wie ein gigantischer Rachen – die Vorstellung, daß es sich bei den Säulen um ummauerte Zähne handelt, drängt sich förmlich auf, und die Ruhe und Geborgenheit, die zuweilen – zumal in einem sonst leeren Gotteshaus – in das eigene Herz einzuziehen pflegt, läßt ein solch mystisches Bild von selbst entstehen.

Der Drache als Motiv

Im Nâhtegal-Zyklus ist das Symbol Drache positiv besetzt. Nicht vollständig, da er in seiner Macht und seiner Fremdheit zugleich auch bedrohlich ist, aber er versinnbildlicht die innere Struktur des Seins, er weiß, was die Welt ist und ihr Fließen, ist Teil davon und nimmt gottähnliche Strukturen an. Daß die Drachen schlafen, ist Grund, daß die Welt aus den Fugen gerät, und um ihr Erwachen wird zwischen den “wahren” und “geträumten” Wesen gekämpft. In der Geschichte “Licht im Dom” kommt noch eine weitere Ebene hinzu, die schließlich – mehrfach ironisch gebrochen – in “Narrenwahn”(1997) zum Thema wird. Der Drache steht zugleich für das Umsetzen der persönlichen Potentiale, ist Sinnbild für das, was wir bei ihrer Verwirklichung sein könnten – und was uns daran hindert, ist die Furcht davor, sich einem übersteigerten Wahn hinzugeben und das Verbleiben in gewohnten, wenn nicht guten, so doch zumindest bekannten und sicheren Zuständen.

Die Binnengeschichte: Das Leben des Drachenpriesters

Der Drachenpriester ist – ebenso wie Wassermann, Beduine und Zeitenwächter – eine Figur, die vor ihrem Schicksal davonläuft aus Furcht, sich ihm zu stellen und die Wahrheit über sich herauszufinden. Der Beduine als erste Figur des Kreises hat seine Chance verpaßt und trauert ihr nach ohne Hoffnung auf eine neuerliche. Der Wassermann hat sich zumindest seinen Humor bewahrt, steht beständig vor einer neuen Chance, wagt es aber trotzdem – über sich selber lachend nicht – bis er von außen hineingestoßen wird. Der Zeitenwächter hat um seine Chance gekämpft, sie auch bekommen und hat seine Aufgabe mehr oder minder gelöst, ist jedoch durch Scham und Schuldgefühl blockiert, seinen “Lohn” auch zu genießen. Der Drachenpriester ist einen weiteren Schritt weiter: Nach acht Jahrhunderten ewiger Flucht stellt er sich und nimmt sein Schicksal an. Zu dem Zeitpunkt, da er Nâhtegal trifft, erfüllt er es und steht dazu.

Der Beginn

Zur großen Dombau-Zeit wird der junge Drachenpriester von unbestimmten Träumen zu den Domen hingezogen. Er spürt sein Schicksal, weiß jedoch nicht, was es damit auf sich hat: Er glaubt, er sei zum Steinmetz berufen und er macht sich auf, dort in die Lehre zu gehen. Als er jedoch ankommt, erkennt er die sorgsam den Gemeinen verschwiegene Wahrheit: Nämlich daß die Drachen der Kern der Dome sind, und sie zu dem Zweck gebaut werden, sie einzumauern. Als er sich der Domhütte nähert, spürt der dortige Drache seine Nähe, und er erwacht, erhebt sich aus dem Hügel, in den man ihn eingegraben hat und beginnt, den Drachenpriester zu verfolgen.

Die Flucht

Über vier Jahrhunderte lang flieht der Drachenpriester vor diesem Drachen. Der Drache kann ihn spüren, und er ist ihm stets hart auf den Fersen. Aus ihm unbegreiflichen Gründen altert der Drachenpriester nicht, und er empfindet seine Flucht als ewigen Alptraum. Er kann den Drachen nicht vernichten: in einer Episode “verliegt” er sich bei einer Frau und nimmt den Kampf auf, und der Drache, der einfach geduldig auf dem Dach des Hauses sitzt, wird von ihm mittels eines Eisenträgers in Fetzen geschlagen. Bis auf die Knochen zerschlägt er das magische Wesen, aber ohne jeden Erfolg – der Drache stirbt nicht, er braucht nur etwas, um sich wieder zu regenerieren. Mehrfach versucht der Drachenpriester, aufzugeben. Er denkt sich, daß der Drache ihn endlich fressen solle, damit er zumindest seine Ruhe habe, aber sobald er das Flügelrauschen hört, treibt ihn die namenlose Angst hoch und weiter.

Schnittstellen

Der Drachenpriester wird zum Schicksal für die anderen Figuren vor ihm: Er ist der schwarze Reiter, der dem Beduinen im Heiligen Hain begegnet und für ihn zur Prüfung wird, an der er versagt. Aber während er für den Beduinen das Gestalt gewordene Schicksal wird, ist es für den Drachenpriester auf seiner Flucht nur eine Station. Den Zeitenwächter begegnet er in der Schenke und gibt ihm den Rat, auf den Zug in der Wolfsschlucht aufzuspringen. Und für den Wassermann ist er jener Mann, der in seinem Birkenhain-Teich badet und ihn völlig verstört.

Die Herrin vom Birkenteich

Was für den Wassermann nie geklärt werden wird, enthüllt sich für den Drachenpriester: Der Teich im Birkenhain ist in der Tat etwas ganz besonderes (und wäre wohl auch für den Wassermann eine gute Wohnstatt gewesen). Hier wohnt eine wunderschöne (und natürlich grünäugige) Fee, die den Drachenpriester durch die Nebel und auf eine heilige Lichtung führen wird, wo sich sein Schicksal erfüllt. Auf der Lichtung stellt sich der Drachenpriester (ohne eine andere Wahl zu haben) endlich seinem Verfolger und erfährt, was es mit dem ganzen auf sich hat. In einer Vision sieht er sein Schicksal und das Schicksal der Welt, der Drache erklärt ihm, was es mit den Domen auf sich hat und mit den Tagen und Nächten der Drachen, und schließlich macht er ihn zu seinem Priester. Das ist eine unangenehme Szene, denn der Drache weiht ihn, indem er ihn anatmet, und der Drachenodem brennt ihm das Gesicht weg. Er hat sein Schicksal gefunden, aber er ist verdammt häßlich geworden.

Es passiert etwas!

Bis zu diesem Punkt spielte sich “Krähe und Nachtigall” vorrangig in den Erzählungen der Figuren ab, während die eigentliche Handlung zumeist im Erzählung und Lauschen bestand. Alles – bis auf die Ereignisse, die den Wassermann zum Zeitenwächter machten – war mehr oder minder indirekt. Jetzt wird Nâhtegal mitten in das unglaublichste Geschehen gezogen und erlebt an eigenem Leib, daß es mehr sind als eventuell erfundene Geschichten erzählsüchtiger Freaks.

Drachentraum, egozentrisch

Der Drachenpriester betritt mit Nâhtegal die Kirche und bereitet sich darauf vor, den Drachen zu erwecken. Im Innern der Kirche begegnet ihnen eine überaus seltsame Gestalt. Ein alter Mann, der von der klammen Kälte der Gemäuer, in denen er seit ein paar Jahrhunderten haust, krank ist: Nicht nur verkrümmt von Gicht, sondern von einem schrecklichen Husten gequält, der ihn immer wieder in Krämpfen Blut speien läßt. Es ist der Traum des Drachen von sich selbst, und es ist die Adaption der Geschichte “Licht im Dom”. Der Traum des Drachen von sich selbst erklärt Nâhtegal, was es mit den Drachenträumen auf sich hat, aber er kann bis zum Ende nicht glauben, daß der Drachenpriester ihn zu erlösen vermag. Er selbst ist faul geworden und in seinen Gewohnheiten gefangen, lethargisch leidet er, ist aber zu bequem, etwas an seinem Zustand zu ändern und redet sich ein, daß er es so schlecht ja nicht hätte. Und das, trotzdem er sich der Muster, in denen er gefangen ist, sehr wohl kennt.

Die Erweckung des Drachen

Der Drachenpriester beginnt – unter den Spötteleien des Drachentraumes – sein Ritual, und verblüfft beginnt der Alte sich aufzublähen und sich in die Ritzen des Gemäuers zu verflüchtigen. Ein Beben durchläuft den Dom, und der Drache beginnt zu erwachen. In einer halsbrecherischen Flucht stürmen Nâhtegal und Drachenpriester über eine enge Wendeltreppe auf das Dach des Doms, wo sich zwischen den Schindeln der Nacken des riesenhaften Wesens befreit hat. Der Drachenpriester rammt seinen Stab zwischen die Schuppen, damit sie sich daran festkrallen können. Der Michaelsberg zerbirst, die Trümmer fallen auf Siegburg, als der Drache sich erhebt, und von der Abtei bleiben nur Trümmer.

Spitzfindige Drachenlogik

Natürlich steht Siegburg noch, der Michaelsberg ragt nach wie vor im Stadtzentrum auf, und auch die Abtei ist recht unbeschädigt. Aber wenn Drachen schlafend Welten träumen können, können sie wachend ebensogut auf die Realität Einfluß nehmen:

[…] Das Ungetüm schwang seine Schwingen und erhob sich mit einem ungeheuren Schrei in die Lüfte, als wolle er die Welt begrüßen. Es war ein Schrei wie ein Sturm, und er machte mir das Herze jubeln von der Kraft, die darinnen war. Als ich zurückblickte, sah ich die Abtei stehen, wie sie immer gestanden hatte. Kein Krater klaffte inmitten der Stadt, der Markt war nicht von Erdmassen und entwurzelten Bäumen verschüttet. Nur hier und da waren von Häusern Schindeln heruntergefallen, ein Fenster zerborsten. Sirenen heulten durch die Straßen. “Die Drachen wollen sich noch nicht zeigen”, sagte der Drachenpriester, den Kopf rückwärts gewendet. “Viele müssen noch erwachen. Der Tag der Drachen hat gerade zu dämmern begonnen. Die Geträumten werden sagen, daß es ein Erdbeben war!” […]

Es ist das Erdbeben, das 1998 Siegburg mit einer Stärke von Fünfundeinpaarzerquetschte heimsuchte aber keine größen Schäden als fliegende Dachziegeln, ein paar Risse in Gebäuden, schwankende Kronleuchter und eine Menge kaputtes Geschirr verursachte.

Das Ende

Wennglech für die “geträumten Menschen” also nichts weiter passiert ist, für Nâhtegal hat sich die Welt gewandelt. Die Drachen sind im Begriff zu erwachen, das Geträumte wird zugunsten des “Wahren” verschwinden, und er ist nach dem Erlebten bereit, sein Schicksal anzunehmen. Der Drachenpriester läßt den Drachen an der Annokirche landen, verabschiedet sich freundlich und Nâhtegal geht hinüber zum nahegelegenen Alten Friedhof der Siegburger Nordstadt, wo er den Toten Barden, Krähe, treffen und den Kreis von “Krähe und Nachtigall” schließen wird.

Ausstrahlungen des Drachenbildes

Das Bild von den schlafenden Drachen zieht sich quer durch den kompletten Nâhtegal-Zyklus und wird immer wieder bedient. Auch im aktuellsten Text, den Spaltenzungen, wird das Bild nocheinmal angerissen, wenn einer der Gestrandeten im clebermêr erzählt, wie Karon ihm enthüllt, daß er in Wirklichkeit eine Drache wäre. Ganz nach dem Muster der “Helden” in “Krähe und Nachtigall” steht der Betreffende vor einem Dilemme: Denn um zum Drachen zu werden, muß er sich mit Benzin übergießen und selbst verbrennen, was, wenn er kein Drache ist, sehr schmerzlich sein dürfte – und er traut sich nicht, um ewig in Stagnation (Klebermeer) zu vegitieren. Innerhalb des Nâhtegal-Zyklusses tritt das Bild vor allem in den Traumsequenzen der “Zirkeltänze” (enthalten in Dramen) und ganz explizit in “Narrenwahn” (enthalten in Dramen) auf. Als untergeordnetes Bild – neben vielfältigen Zitaten und Variationen – taucht es besonders noch in der Prophezeiung auf.

Der Handlungsort: Die Abtei auf dem Michaelsberg

Wir sind am vorletzten meiner Siegburger Domizile: Inmitten des Stadtzentrums erhebt sich der bewaldete Michaelsberg, auf dessen Gipfel eine alte Benedektiner-Abtei liegt. Es ist ein überaus schöner Ort, der besonders nachts, wenn er nicht so überlaufen ist, ein perfekter Platz zum Spazierengehen ist, um so mehr, als daß ich eine Zeit lang in seiner unmittelbaren Umgebung wohnte. 1996 erlebte ich hier gemeinsam mit meiner damaligen Freundin die unvollständige Sonnenfinsternis, wobei zu bemerken ist, daß dies zugleich das Ende unserer Beziehung sehr markant datiert und den Ort zugleich auch erheblich mit Erinnerungen auflädt und ihn für eine Mystifizierung prädestiniert. Dieses Erinnerungs-Detail mag durchaus auch nicht unwesentlich für die erste Fassung der Geschichte eine Rolle gespielt haben, in der der Drache Siegburg nicht wieder ganz-zaubert, sondern es vielmehr gänzlich verwüstet und zerstört. Wenige Wochen darauf verließ ich die Stadt, wo mich alles an das Mädel erinnerte und zog nach Aachen, etwas, daß – wie ich leider feststellen mußte – nicht minder mit ihr zusammenhing, zeitigte sich doch das verschwärmt-goldene Licht, indem ich diese Stadt sah, als eine Honeymoon-Fiktion der dort gemeinsam verbrachten Zeit (es war ihre Geburtsstadt). Bilder vom Michaelsberg in Siegburg anschauen!

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[Norman Liebold, 14.02.2006
Hintergründe, Krähe und Nachtigall
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Krähe und Nachtigall – 6. Der Drachenpriester

DER SCHRIFTSTELLER NORMAN LIEBOLD

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