Der “Zeitenwächter” ist die vielleicht komplexeste und verschlüsseltste Geschichte in “Krähe und Nachtigall”. Sie ist erschreckend dicht und setzt selbst mir (der ich sie doch geschrieben habe, tststs!) Grenzen, was die Rückverfolgung ihrer Motive angeht. Die Bilder und Metaphern bewegen mich noch heute, und natürlich sind mir die Kontexte noch präsent, aber heute betrachte ich solche erschreckenden Bilder wie den Fall in die Zwischenwelt und die verzweifelte, unauflösbare Einsamkeit des Erzählers mit leisem Grauen.
Das zentrale Motiv dreht sich im wahrsten Sinne des Wortes um verpaßte Zeiten. Es ist eine Geschichte der ewigen Wiederkehr des Immerselben, aber jedesmal ist es eine Spur heftiger, eine Spur grausamer, eine Spur fordernder. Wie sich in der Geschichten des Alten diese unausweichliche Spirale weiterdreht, so dreht sich sich im äußeren Rahmen nocheinmal, wenn es um die Wiederkehr der Ablösung zum Zeitenwächter geht. Was sich für den Alten wiederholt, wird sich auch in höherer Ebene zwischen den Generationen der Zeitenwächter ewig wiederholen, und immer schwebt die Bedrohung aus einer grausamen Welt der Leere und gierenden Fremde über allem.
Die Geschichte ist ursprünglich 1998 als eigenständige Erzählung geschrieben worden und trug den Titel “Die Mühle in den Auen”. Noch ehe sie ins Reine gearbeitet wurde, zeigte sie starke Verwandtschaften zu “Von den schlafenden Drachen” auf, die zum “Drachenpriester” wurde, und die beiden Geschichten können als die “Keimzelle” für das “Alineske Märchenbuch” betrachtet werden: Die beiden Geschichten zusammenzubringen und den innerlich vorhandenen Bezug auch äußerlich dadurch darzustellen, daß sie in einen größeren Geschichten-Kontext gesetzt wurden, ließ mich nach weiteren Verwandtschaften unter den vorhandenen Erzählungen suchen, finden und schließlich die erste Märchensammlung zusammenstellen und durch Rahmenhandlung verbinden. Einer der Überschneidungspunkte, der letztlich auch zum Titel “Das Alineske Märchenbuch” führte, war, daß “Die Mühle in den Auen” für Alina entstanden war, etwas, daß sie mit “Der Hain” – aus dem “der Beduine” wurde – gemeinsam hat und auch mit dem “Wassermann” und im Grunde allen Storys der ursprünglichen “alinesken” Version des Buches. Inwiefern die für mich starke Verbindung mit dem “Drachenpriester” bestand, kann ich heute nicht mehr wirklich nachvollziehen. Zwar ist dieselbe Verbindung überdeutlich im “Narrenwahn” und in den “Zirkeltänzen” erkennbar, wo der Drache direkt mit dem alinesken Symbolreigen verbunden ist, aber worin sie nun wirklich bestand, ist schwer zu sagen.
Der “Zeitenwächter” spiegelt im Kleinen die Struktur des gesamten Romans wieder. Wie Nâhtegal im großen Geschichten-Kontext, so steht der Zeitenwächter in seiner Erzählung im Banne seiner zwangsläufigen “Berufung” und nimmt eine ähnliche Stellung ein wie Krähe, der “Meister” Nâhtegals. So kommt es, daß Nâhtegal am Ende der Erzählung des Zeitenwächters glaubt, er wäre dessen Nachfolger. Der Zeitenwächter sieht und erkennt das Zeichen auf Nâhtegals Stirn, Nâhtegal fühlt sich ihm tief verbunden, und sein Schicksal dünkt ihm dem seinen verwandt. Im “Alinesken Märchenbuch” ist es auch in der Tat so, daß der Protagonist am Ende zum Nachfolger des Zeitenwächters wird, aber in “Krähe und Nachtigall” stellt sich das als Irrtum heraus: Der Zeitenwächter wird durch den Wassermann abgelöst, und Nâhtegal erfüllt für ihn dieselbe Funktion, die er für die Nebeläugichte, für Beduine, Wassermann, Drachenpriester und schließlich für seinen Meister Krähe erfüllt, und die sein Schicksal als “Mären-Jäger” und “Geschichten-Lauscher” darstellt. Nämlich Zuhörer und Bewahrer und Tradierer zu sein. Nichtsdestotrotz ist der Zeitenwächter Spiegel und Brennlinse für Nâhtegals eigenes Schicksal: Er verdeutlicht dies immer wieder, indem er selbst auf die Parallelitäten hinweist. Wie Nâhtegal widerfährt ihm in jugendlichen Jahren eine mystische Begegnung, wird er von Krähen verfolgt bzw. geleitet, wartet eine Berufung auf ihn, die er zugleich flieht wie er auch unauflöslich an sie gebunden ist, wie er ist er ein “Schwarzäugichter” mit einem Zeichen auf der Stirn.
besteht in der Erzählung des Zeitwächters, wie er zu demselben geworden ist. Im selben Alter wie Nâhtegal zum Zeitpunkt seines Eintreffens in der Mühle, begegnet er ahnend der Grünäuigen und folgt ihr, um die Mühle zu finden. Er klopft an, läßt sich aber von dem Vorgänger abwimmeln und betritt die Mühle nicht. Ein Jahr später erscheint die Mühle ihm wieder, und diesmal läßt er sich nicht am Eintreten hindern. Im Zimmer des Mädchens erlebt er mit, wie der schwarze Sturm sie entführt. Der alte Zeitenwächter ist sichtbar ungehalten, als ob er etwas wichtiges zu Tun versäumt hätte und schmeißt ihn vor die Tür. Ein Jahr vergeht, indem der Zeitenwächter versucht, eine andere Frau für sich zu gewinnen. Aber jedesmal kurz bevor er sich hingegeben kann, geschieht etwas Unheimliches, das die Betreffende in heller Panik davonlaufen läßt – und es scheint, als ob der alte Zeitenwächter dafür verantwortlich ist: Mal erscheint er als riesenhafter Gespensterhund, mal als unheimliche Katze, die dem Mädchen das Gesicht zerkratzt, mal als Wind, der heult und aus den Laken Gestalten formt. Wiederum ein Jahr später erscheint die Mühle wiederum, er findet sich in der selben Situation, steht diesmal aber nicht unbeteiligt daneben, sondern hält die Grünäugige in seinen Armen. Aber im entscheidenden Moment läßt er sie los, und der schwarze Sturm raubt sie ihm. Er begibt sich auf die Suche nach ihr, irrt Jahre umher und erlebt verschiedene Abenteuer, bis ihm ein ebenfalls Schwarzäugichter in einer Schenke einen Hinweis gibt: Er soll auf einen magischen Zug aufspringen, der ihn hinbringen wird. Aber auch hier versagt der Zeitenwächter durch seine Zaghaftigkeit, um weiterzuirren. Erst, als er bereits gealtert ist, tut sich ihm eine letzte Chance auf, ein wirft alle Zaghaftigkeit von sich und dringt in ein Land des Grauens ein. Er überwindet alle Ängste, um die Grünäugige nach hause zu bringen, ist aber nun alt und die Scham über sein Versagen verhindert, daß er sich ihr anders nähert als in väterlichem Umsorgen. Das ist der Zustand, in dem Nâhtegal ihn antrifft.
Das Schicksal des Zeitenwächters wird in der Binnenhandlung nicht aufglöst: Er ist alt, resigniert und hat zu seiner Geliebten ein aus Scham und Verzagtheit distanziertes Verhältnis und begnügt sich darin, sie väterlich zu umsorgen. Er kann ihre Nähe nicht annehmen aus Gewissensbissen und Schuldgefühlen und dem Empfinden, “unwürdig” zu sein. Aufgelöst wird sein Dilemma erst durch den Wassermann, der sein Sohn ist. Es ist die Grünäugige, die mit einem magischen Trank nicht nur den um sein Leben ringenden Wassermann rettet, sondern ihn mit seinem Vater verschmelzen und Eins werden läßt. Der Wassermann findet so in ihr als Geliebten seinen Heimatsee, der Zeitenwächter verliert die Last seiner Vergangenheit durch die Jugend seines Sohnes.
Das Schicksal des Zeitenwächters ist Antizipation und Spiegel für Nâhtegals Schicksal. Wie bei diesem geht es auch hier um das Antreten einer vorbestimmten Nachfolge, hier wie dort ist das Verzagen in der entsprechenden Entscheidungssituation wiederkehrender Topos, und in fast spiegelgleichen Entsprechungen gleichen sich Nâhtegal und Zeitenwächter: Beide tragen ein Zeichen auf der Stirn, das ihr Schicksal ausweist, beide beginnen ihre Odyssee im selben Alter, beide fliehen und verzagen in ähnlicher Weise in den Momenten der Entscheidung. Zudem zeigt der Zeitenwächter durch seine Kenntnisse bezüglich des Schicksal Nâhtegals, daß er mit dessen Weg vertraut ist. In seiner Geschichte nimmt er Verbindung auf zu den anderen “Versagern”, die Nâhtegal ihr Schicksal klagen, um ihn endlich Begreifen zu machen: Er liegt unter dem Rosenstrauch des Beduinen auf dem Friedhof, der zugleich Schauplatz für den Toten Barden werden wird. Es ist der von Drachen verfolgte Drachenpriester, der ihm den entscheidenden Hinweis mit dem Zug in der Wolfsschlucht geben wird, er erklärt Nâhtegal die Bewandtnis der Schwarzäugichten und er ist der Vater des Wassermanns. Bezeichnend ist aber vor allem, daß Nâhtegal von des Zeitenwächters Erzählung zutiefst angerührt und verunsichert ist, Dinge wiedererkennt und besonders, was die Gefühlssituationen angeht, immer wieder ein “wie ihr” und “ihr kennt das gewiß” hört. Und wenn der Zeitenwächter die große Gefahr der Märenjäger anhand des Schicksals der Nebeläugichten erklärt, zeigt er sich als eine Figur, die – noch vor Nâhtegal selbst – das ganze Geschehen von “Krähe und Nachtigall” kennt. Hinzu kommt noch, daß die Krähen für den Zeitenwächter Symbol sind: Sein altes Selbst verwandelt sich am Ende in einen Krähenvogel, er wird – wie Nâhtegal – von ihnen geleitet und kennt ihre Bedeutung.
Die dreimalige Wiederholung mit Variation ist märchenhafte Struktur. Kern des ganzen ist derselbe Kern, der auch für die anderen Protagonisten in “Krähe und Nachtigall” bestimmend ist: Der Zeitenwächter wird immer wieder von die selbe Aufgabe gestellt – in seinem Falle, das Mädchen dadurch vor der Entführung zu bewahren, indem er sie in den Arm nimmt und, egal was kommt, sie auch zu ihr stehend festhält. Sein “Fehler” ist, zu verzagen, im rechten Moment nicht zu handeln und zweifelnd den Moment zu verpatzen. Er teilt dieses Dilemma mit dem Beduinen, der sein ganzes Leben nach dem Hain suchend ihn letztlich aus Ehrfurcht gelähmt nicht schützen kann; mit dem Wassermann, der sich nicht traut, in einem See unterzutauchen und auch mit dem Drachenpriester während seiner ewigen Flucht vor dem Drachen, anstatt sich ihm zu stellen. Und natürlich mit Nâhtegal, der seinem Schicksal zu entfliehen versucht, bis ihm Krähe all diese “Versager” schickt, um ihn begreifen zu lassen. Es ist letzthin Unkenntnis, Zweifel und nicht zuletzt Verzagtheit aus zu vielem Nachdenken, was den Moment ungenutzt verstreichen läßt.
Die Symbolismen lassen sich natürlich verschieden auflösen. Sie sind sehr abstrakt gehalten und mit dem Schaffen der Geschichte nahmen sie sehr viele Bedeutungsnuancen in sich auf. Für das ursprüngliche Entstehen der Geschichte ist es hingegen von Interesse, zur Wurzel zurückzugehen und sich zu fragen, wo denn die Mutter des Bildes sitzt. Bei der mystisch aufgeladenen Mädchengestalt fällt auf, daß sie nicht nur in “Krähe und Nachtigall” immer wieder auftaucht, sondern auch in vielen anderen Geschichten des “Nâhtegal-Zyklusses”. Sie hat ganz spezifische Eigenschaften und Charakteristika, deren hervorstechendsten wohl ihre feenhafte Schönheit, ihre helle Erscheinung, die Dauerhaftigkeit der ihr entgegengebrachten Gefühle und die Verwirrung bezüglich ihres wahren Sein sind. Und natürlich, aber das will ich nicht weiter kommentieren, daß ihre Augen von der Farbe des Smaragdes sind. Unschwer wird man hier auch den Teich im Birkenhain wiedererkennen, der den Wassermann immer wieder zu sich zieht, ihn verwirrt und bis zum Ende nicht seine tatsächliche Beschaffenheit offenbart. Im “Narrenwahn” wird sie die “Prinzessin” genannt, in den Zirkeltänzen ironisch die “Elfe”, in den “Sieben Kelchen” und besonders auch in der nicht wieder aufgelegten “Elfentraumspieluhr” ist sie die Frau mit der schicksalshaften Spieluhr, beim Beduinen hat wird das Augen-Grün zur Grüne des Heiligen Haines, und auch in anderen Geschichten Nâhtegals hat dieser spezielle Archetypus aus ganz speziellen Gründen grundsätzlich grüne Augen. Mir gereicht diese Beobachtung heute zu einem fetten Schmunzeln, und ich hoffe, daß es auch dem Leser so geht. Notiz: Die Nebeläugichte hat übrigens graue Augen und hat eine andere Entsprechung in der Realität
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Der Zeitenwächter will die Grünäugichte vergessen und läßt sich auf Affairen ein. Jedesmal jedoch, wenn er sich wirklich einlassen will, geschieht etwas unheimliches, das so erschreckend ist, daß seine Geliebte Reißaus nimmt. Der weiße Gespenster-Hund. Das ist eine Sequenz, die an verschiedenen Stellen des “Nâhtegal-Zyklusses” auftaucht. Unterm Mond sind Protagonist und Geliebte kurz davor, sich zu vereinigen, als ein montröses canidomorphes Vieh aus dem Nichts springt, sich mit schwarzen Spiegelaugen vor dem Liebespaar aufbaut und das Mädchen so zu Tode erschreckt, daß es – nackt, wie es ist – Reißaus nimmt, ihren Geliebten dabei vergessend und nur an sich denkend. Die Szene geht auf ein reales Erlebnis zurück, das dazumal sehr heftig empfunden wurde. Das Vieh war allerdings – hoffe ich – ein ganz normaler, wenngleich beängstigend großer weißer Hund. Nichtsdestotrotz ist es eine äußerst unheimliche und erschreckende Situation, wenn im entscheidenden Augenblick einer Verführung, mitten im Wald unter Vollmond ein Köter mit einem Meter Schulterhöhe aus dem Gebüsch gebrochen kommt, mit gesenktem Schädel und gefletschtem Gebiß einen halben Meter vor einem steht und tiefgrollendes Knurren von sich gibt, während von seinen Augen nichts mehr als das silbrige Spiegeln des Mondes zu sehen ist, und man völlig ausgeliefert ist, nackt, wie man das gliederverheddert im Laub liegt. Wenn man zudem aus irgendwelchen Gründen eine komische Affinität zu dergleichen hündischen Erlebnissen hat in dem Sinne, daß sie über einen gewissen Zeitraum an solch einschneidenden Momenten schier aus dem Nichts auftauchen, dann ist eine literarische Mythisierung früher oder später unumgänglich. Die Erlebnisse mögen für den Nâhtegal-Zyklus den Nährboden für die vielfältigen Variationen des Wolfs-Bildes gewesen sein. Im Kontext des Zeitenwächters nimmt es die Funktion des Hinderns an: Der Protagonist hat sich mit dem Eintreten in die Mühle der Grünäugigen verpflichtet, und der alte Mühlenwächter wacht über ihn und verhindert, daß er sich der Verpflichtung mittels der Bindung an eine weltliche Frau entzieht: Im entscheidenden Moment der geschlechtlichen Vereinigung platzt er herein und vereitelt sie.
Den vielleicht größten Teil der Geschichte nimmt die Odyssee nach der Grünäugigen ein. Nachdem sie das zweite Mal geraubt wurde und der Zeitenwächter verstand, daß es sein Zagen war, daß sie verdammte, macht er sich auf, sie zu suchen und zu retten. Sein Brot verdient er sich – eine weitere Parallelität zu Nâhtegal – mit dem Erzählen von Geschichten. Aber er ist zielgerichteter: Er erzählt die Geschichte von der Mühle und von der Grünäugichten in der Hoffnung, daß ihm jemand weiterhelfen kann. Aber lange Zeit findet er keinerlei Hinweis und irrt ziellos umher. Wenn man möchte, kann man hier die ebenfalls dreigeteilte Antizipation der Suche Nâhtegals nach seiner Animia sehen, die er in den Sieben Kelchen antreten wird.
Der Zeitenwächter begegnet schließlich dem Drachenpriester, der ihm den entscheidenden Hinweis geben wird. Wenig später – nämlich im nächsten Kapitel von “Krähe und Nachtigall” – wird Nâhtegal selbst diesem begegnen. Der Drachenpriester ist wie der Zeitenwächter ein Schwarzäugichter, und wie der Zeitenwächter um das weiß, was Nâhtegal sucht, weiß er um die Suche des Zeitenwächters. Er schickt ihn in die “Wolfsschlucht”, wo alle sieben Jahre ein Zug entlangkommt, der nach Ander- bzw. Zwischenwelt fährt. Danach bricht er überstürzt auf, und über die Schenke geht ein Sturmwind wie von riesigen Flügeln. Der Leser wird sich in der nächsten Geschichte daran erinnern, denn dieser Sturmwind ist nichts anderes als der Flügelschlag des Drachen, der den Drachenpriester verfolgt.
In der Wolfsschlucht befinden sich rostige und zugewucherte Gleise. Ein halbes Dutzend weitere warten dort, denn die Sage geht, daß alle sieben Jahre in der Nacht zum ersten Mai (Walpurgisnacht) hier ein Zug nach Anderwelt vorbeikäme und so langsam führe, daß man aufspringen kann. Der Zug kommt, und der Zeitenwächter versagt zaghaft ein weiteres Mal: Am Ende der Schlucht nähern sich die Geleise so sehr der Felswand, daß er fürchtet, zerrieben zu werden, und er springt – gleich einigen anderen – wieder ab. Der Zug streift die Felswand aber nicht, aber als er das begreift, ist der Zug schon zu schnell, daß er ihn noch erreichen kann.
Es folgt eine jahrelange Wanderung, in der der Zeitenwächter auf den Geleisen geht. Er ist einsam, und nur von Zeit zu Zeit begleitet ihn jemand, um ihn aber immer dann wieder zu verlassen, wenn er ganz er selbst wird und sich öffnet. Dann nämlich werden seine Augen schwarz, und darüber sind seine Begleiter so entsetzt, daß sie ihn fliehen. Er wird zynisch und resigniert und beginnt, die Welt und die Menschen zu hassen.
An der Bahnlinie findet er irgendwann eine Villa, die lang verlassen nur drei Streicher – zwei Männer, eine Frau – beherbergt. Sie sitzen in der Eingangshalle um ein Feuer und erzählen sich, wie gute Freunde sie sich doch sind, obwohl sie einander überhaupt nicht kennen noch kennen wollen. Als der Zeitenwächter hinzukommt, wird er willig aufgenommen, aber das Maskenspiel ekelt ihn nach kurzer Zeit an, und er zieht sich ins Treppenhaus zurück. Damit zeigt er um ein weiteres Mal die Verwandtschaft sowohl mit Nâhtegal wie mit dem Beduinen. Die Frau folgt ihm und versucht ihn zu verführen. Als er begreift, daß er für sie austauschbar ist, steigt die Galle in ihm hoch und er nutzt die Kräfte, die ihm sein magisches Erbe verleihen, um an ihr seine Frustration und seinen Weltekel auszulassen: Er läßt sie wie eine Marionette tanzen und sich selbst befriedigen, ohne daß sie sich wehren kann und demütigt sie, bis sich sich selber verachten muß.
Der magische Akt läßt ihn nach Zwischenwelt hinübergleiten. Als Schwarzäugichter ist er Mischling zwischen Mensch und Zwischenweltler. Die Menschen fürchten ihn wegen der Weite in seinen Augen, wenn sie schwarz werden und sie ihn nicht mehr verstehen können, aber er schaut jetzt seinen “Verwandten” in die Augen. Diese Zwischenweltler sind jedoch noch weit fremder für ihn als er für die Menschen, er empfindet nur namenloses Grauen angesichts der unbegreiflichen Andersartigkeit, und als sie auf ihn zukommt, verstopft er sich die Ohren, kneift die Augen zusammen und springt ins Nichts, um dem Unbegreifbaren zu entgehen.
Kurioserweise landet er im Diesseits, und nirgends anders als auf jenem Friedhof, auf dem der Beduine seine Berufung erhält und sein Vorgänger zum Rosenstrauch wird und zugleich Nâhtegal am Schluß Krähe treffen und seinerseits seine Berufung erhalten wird. Dieser Friedhof ist nicht nur ein stehender Topos im Nâhtegal-Zyklus, der in den “Zirkeltänzen” immer wieder zum Schauplatz wird und auch an anderen Stellen wieder auftaucht, er entspricht auch zugleich dem Alte Friedhof zu Siegburg. Leider wurde dessen früher herrlich verwilderten Zustand “kultiviert”, so daß sowohl der schöne Rosenbusch wie auch das Gefühl des “Geheimen Gartens” nicht mehr vorhanden ist.
Nach weiteren Jahren rastlosen Suchens begegnet der Zeitenwächter schließlich einem Totgesagten. Man hielt ihn für Verschollen und inzwischen tot, als er plötzlich nach hundert Jahren wieder auftaucht und nicht gealtert ist. Das rekuriert auf die weitverbreiteten Sagen von Anderwelt, die in den keltischen und germanischen Kulturkreisen weit verbreitet sind: Ein Sterblicher gerät in die unsterblichen Lande, verbringt dort eine Nacht und stellt zurückgekehrt fest, daß hundert Jahre vergangen sind. Der Zeitenwächter fragt ihn, wo er gewesen ist und eilt sofort dort hin, um auf diese Weise endlich ins Zwischenreich zu gelangen. Er hat nun keine Furcht mehr – oder vielmehr überwindet er sie, und als er furchtlos (oder als einer, der nichts mehr zu verlieren hat) auf die Zwischenweltler zugeht, kann er durch sie hindurch, als wären sie Rauch. Er findet die Grünäugige, die in einer Art komatösen Schlaf dort zwischen Dornen liegt (und damit eine Beziehung aufbaut zur ebenfalls grünäugigen Anima in “Die Sieben Kelche”, die in Dornen eingewachsen ist durch Verschulden oder vielmehr Zagen des Protagonisten). Und er bringt sie nach hause. Inszwischen weiß er um die geheimen Wege und findet die Mühle sicher. Der Alte dort verläßt sie in Gestalt einer Krähe, sobald er eintritt, und der Zeitenwächter ist der neue Wärter der Mühle. Mit der Grünäugichten lebt er in einer seltsamen Beziehung. Er schämt sich und fühlt sich schuldig und ist darum unfähig, sich ihr zu nahen, nur langsam beginnen sie wenigstens, miteinander zu reden und er erzählt ihr – eine Art Vaterfigur – Geschichten zur Nacht. Er selbst ist mittlerweile ein Greis.
Im Kontext der Geschichte wird nicht aufgelöst, was die seltsame Mühle eigentlich ist. Sie steht nicht im Hier und Jetzt, sie erscheint nur einigen wenigen, und selbst diesen nur zu bestimmten Momenten. Der Zeitenwächter selbst erklärt, daß man nicht eigentlich sagen könne, was sie eigentlich mahle: Zwischen den Mühlsteinen ist nichts als feinster Staub, der wie Diamanten glitzert, aber der ist, so der Alte, nichts als Mühlstein-Staub, denn diese drehen sich gegeneinander und reiben sich langsam aneinander auf. Die Aufgabe des Zeitenwächters ist ihm selbst nur soweit bekannt, als daß er für das Funktionieren der Mühle Sorge zu tragen hat. Als eine Welle quietscht, ölt er sie – warum und zu welchem Zweck, weiß er nicht zu sagen, auch nicht, was geschieht, wenn die Mühlsteine aufgebraucht sind. Die Mühle spiegelt zum einen die Kreise von “Krähe und Nachtigall” und dem “Nâhtegal-Zyklus” wieder, zum anderen auch die Kreise des “Zeitenwächters” selbst. Wie sich die Steine ewig im Kreise drehen und sich bei jeder Umrundung wieder an der selben Stelle berühren – und um ein winziges verändert, so dreht sich das Geschehen ähnlich im großen Kontext: Die Protagonisten drehen sich im Kreise und werden immer wieder mit derselben Aufgabe konfrontiert, an der sie immer wieder, und jedesmal ein wenig “besser” scheitern, weil sie sich verändert haben. So wie die Beduinen sich tradieren von einem auf den Anderen, der Wassermann seine Kreise dreht und an ihren Ausgangspunkten immer zum Birkenhain-Teich zurückkehrt, der Drachenpriester in Kreisen vor seinem Verfolger flieht und selbst ein vorbestimmtes Teil des ewigen Rythmuses der Drachentage ist, so wechseln auch die “ewigen Barden” sich von Meister zu Schüler über alle Tage hin. Zum anderen ist sie zugleich Symbol für die Zeit und ihr Verstreichen. Sie ist sich selber gleich und dreht sich in Kreisen (wohl habe ich dazumal zuviel Nietzsche gelesen
), und ihre Zyklen spiegeln einen gewissen “Zeitgeist” wieder, wie er in der Astrologie durch die Zeitalter der Sternbilder symbolisiert wird. Laut der astrologischen Theorie wurde das Zeitalter des Stiers (zusammengebracht mit der matriarchaischen Struktur der prähistorischen Epoche) abgelöst durch das Zeitalter des Widders (zusammengebracht mit der “heroischen” Zeit der Griechen und der Antike). Danach kam das Zeitalter der Fische, das durch das Erscheinen Christus’ (dessen Symbol daher der Fisch ist) eingeleitet wurde. Und aktuell befinden wir uns dieser Weltbetrachtung gemäß am Wendepunkt zum Zeitalter des Wassermanns. Jedem dieser Zeitalter wird der Bedeutung des Sternbildes gemäß die grundlegende Charakteristik zugelegt: Dem Stier-Zeitalter das Matriarchat, Fruchtbarkeit und das Materielle. Dem Widderzeitalter das Kriegerische, Forschende, Anstoßgebende, Entdeckende, Männliche (Forscherdrang und Eroberungen der Antike). Dem Fisch die Liebe, das Aufopfern und Dienen (Christentum). Dem Wassermann das schnell Wechselnde, das Intellektuelle und Unabhängige, aber auch das zwischenmenschlich Kalte – was die Astrologen mit dem beginnenden Informationszeitalter gleichsetzen. Daher ist es mit amüsantem Augenzwinkern zu nehmen, daß der druch seine überintellektualisierte Handlungsunfähigkeit am Zwischenmenschlichen gescheiterte Wassermann der neue Wächter der Mühle wird.
Letztlich ist aber alles wieder ganz banal. Rafft man vom Symbolischen beraubt die Story zusammen, bekommt man eine traurige Liebesgeschichte. Mann trifft Mädel und verliebt sich. Er nähert sich ihr – völlig unerfahren – an, wird willkommen geheißen, aber nicht auf eine Art, die er auch als “Willkommen” interpretieren kann. Er darf das Zimmer des Mädchens betreten, was eigentlich Einladung genug sein sollten, aber weil er sich nicht sicher ist, traut er sich nicht, zuzugreifen. Die Verehrte wird von schwarzen Händen begrabscht und entfremdet. Nicht geringe Zeit darauf erhält er eine weitere Chance, nutzt sie besser, indem er sie in die Arme nimmt und zärtlich ist, aber am entscheidenden Moment macht er (aus Angst) einen Rückzieher: Mit selbem Erfolg: die schwarzen Hände kommen, und sie ist fort. Er wendet sich andere Frauen zu, aber seine ungebrochene Verliebtheit mischt sich immer wieder ein und verjagt seine neuen Partnerinnen auf kurz oder lang, weil die Geliebte in wichtigen Momenten wie ein Gespenst auftaucht. Es kommen weitere Chancen und Zwischenspiele, aber er versagt immer wieder aus Zaghaftigkeit und verliert erneut jede Nähe, und als er schließlich reif genug geworden ist, ist er leider zu alt und zu verkorkst, um sie überhaupt noch anfassen zu können. Was bleibt ist eine verkorkste Freundschaft voller unausgesprochener Barrieren, unter der beide irgendwo leiden. Die Neigung zu dramatisieren war mir damals wohl in höchstem Maße zueigen
. Es war die Hoch-Zeit des Minnesänger-Komplexes.
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[Norman Liebold,
14.02.2006 |
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