Der Wassermann ist eine Geschichte, die ich auch heute noch wunderschön finde und gerne frei erzähle. Vorlesen nicht so sehr, der Stil findet heute nicht mehr meine vollständige Zustimmung, und beim Vorlesen habe ich zuweilen das Gefühl, daß sie sich ein wenig zieht. Aber sie hat überaus witzige Wendungen und ironisiert sich selbst. Und natürlich – wenngleich sie für viele Dinge stehen kann – stellt sie in ihrem Ursprung eine ganz banale Liebesgeschichte dar.
Das Problem des Wassermanns besteht – wie bei der Nebeläugichten und vielleicht auch beim Beduinen – in der ungebrachten Mythisierung normaler Lebensumstände. Der Wassermann ist als normaler Mensch im Volke der Blauäugichten geboren worden, und eigentlich zeichnet ihn nicht viel mehr aus als eine gewisse Wasserfühligkeit, die in seinem Volk durchaus verbreitet ist. Er kann Wasser spüren und mit einer Wünschelrute ausfindig machen. Zugleich gibt es aber in seinem Volk die Mythe, daß ab und an ein Wassermann geboren wird. Er gleicht – abgesehen von eben einer Wasserfühligkeit und eine Sehnsucht nach Wasser – als Kind den anderen Kindern, aber wenn er pubertiert, verwandelt er sich in eine Art “Wassermannlarve”. Sobald er Wasser einatmet, ist die Verwandlung komplett. Es ist grundsätzlich eine phantastische Sache, denn er erlangt dadurch nicht nur relative Unsterblichkeit, sondern darüber hinaus auch immense magische Kräfte. Die Verwandlung ist allerdings irreveribel, sobald Wassermann, kann er keine Luft mehr atmen, er hat nur noch Kiemen. Die Sache ist nun die, daß zu oft Wassermänner sich, von der Wassersehnsucht getrieben, in den erstbesten Dorftümpel oder Mühlteich gestürzt haben, um nie wieder herauszukommen. Oder ganz jämmerlich auf der Landstraße erstickt sind, als sie bei Wolkenbrüchen zu entkommen suchten. Abgesehen von dem nicht zu unterschätzenden Nachteil, in einem schlammigen Dorftümpel bis in alle Ewigkeit festzusitzen und vor Langeweile zu vergehen, besteht hier auch eine ernsthafte Gefahr: Nämlich daß die Pfütze in einem heißen Sommer einfach austrocknet, was einen überaus qualvollen Tod zur Folge hätte. Natürlich – ganz freudianisch – steht der See (oder der Dorftümpel) für die Geliebte, der Wassermann mit seinem Schicksal für einen Mann, der, wenn, sich ewig bindet und nicht mehr aus der Sache rauskommt, dafür aber, trifft er die richtige (und stürzt sich nicht eben in den ersten besten Mühlteich), quasie der perfekte Partner und ewig glücklich ist. Das Problem an dieser speziellen Gattung Wassermänner ist, daß sie nicht wissen und nicht wissen können, ob sie nun wirklich Wassermänner sind oder nicht. Das zeigt sich erst dann definitiv (und irreversibel), wenn sie sich in ein Wasser hineingestürzt und tief Luft bzw. Wasser geholt haben. Unglücklicherweise ist es im Volk der Blauäugichten auch nicht anders als anderswo, und jede Mamma und jeder Pappa will, daß ihr Söhnchen was ganz besonderes ist. Und ein Wassermann ist das Besondere überhaupt.
Unser Erzähler erfüllt alle Voraussetzungen, um möglicherweise ein Wassermann zu sein. Er besitzt eine gehörige und außerordentliche Wasserfühligkeit und als er pubertiert, auch eine ganz immense Hydrophilie – er kann sich kaum der Anziehung des Fischteichs entziehen, der am Dorfanger liegt. Er hat das auch oft genug gesagt bekommen, wurde oft genug auf die Gefahren hingewiesen, so daß er sich seine Gedanken hat machen können. Leicht verständlich will er – sofern er denn ein Wassermann ist – auch den perfekten See für sich als Wohnort gewinnen. Er will nicht in einem Dorftümpel verrotten, sondern einen riesigen See bewohnen, wo er nach Belieben umherreisen und immer neues entdecken kann, das Wasser muß klar sein und weder zu kalt noch zu warm, Wald sollte drumherum sein und so weiter und so fort. Als der Fischteich des Dorfes ihn derart heftig anzieht, daß er kaum noch widerstehen kann, entschließt er sich, seinen ganz speziellen See zu suchen. Die Geschichte erzählt von seiner Suche, von den verschiedenen Teichen und Abenteuern, denen er begegnet, und vor allem von seinem ewigen Dilemma: Denn er kann nicht wissen, ob ein See der richtige ist, und weil es irgendwo vielleicht den See gibt, wagt er es nicht, in einen der See einzutauchen, um für immer dort zu sitzen und nie zu wissen, ob es nicht den See vielleicht irgendwo gibt. Ein Fluß oder das Meer wäre natürlich die Lösung, aber leider müssen Wassermänner in einem stehenden Binnengewässer leben – die Flüsse gehören den Flußgeistern, und das Meer den Nixen.
Der Wassermann wandert durch die Welt und lernt verschiedene Gewässer kennen, die ihn zum Hineintauchen und Beleiben locken. Letztlich erfährt er nie, ob sein See darunter war, und auch nicht, ob er überhaupt ein Wassermann ist. Er irrt letztlich in der Beliebigkeit und ewig vom Vielleicht gequält durch die Welt. Amüsant an der Geschichte ist, daß Jens, der als nächster und längster Freund nicht nur meine literarischen Ergüsse kennt, sondern auch meine Irrfahrten bezüglich des schönen Geschlechtes zu dieser Zeit, heute noch grinsend die verschiedenen Gewässer namentlich benennen kann. Letztendlich mögen hier wohl die Wurzeln für die Anfang 1998 entstandene Geschichte liegen, aber der Interpretationsspielraum ist doch ein wenig weiter und bezieht sich, denke ich, auf durchaus teilbare Erfahrungen – beiderlei Geschlechts, und, wenn man mag, auch auf abstrakte Theoreme, da es sich um das Grundproblem handelt, sich auf eine Sache ganz einlassen zu müssen, um zu wissen, was sie ist – und damit auch man selbst. Es mögen einige Menschen sich nie betrunken haben aus Angst, einen Hang zum Alkoholiker zu haben, oder nie einen Joint geraucht aus Furcht, sofort ein Junkie zu sein, nie eine Zigarette angerührt, aus Furcht, Kettenraucher zu werden. Oder – ein Phänomen unserer überquellenden Zeit – sich nie einer Sache ganz zu widmen, da man die anderen verpassen könnte, um so ewig im halbundhalb-Zustand herumzudümpeln, kein Instrument richtig zu spielen aber einem Dutzend ein paar Noten zu entlocken, kein Wissensgebiet in seine Urgründe erforscht zu haben – das Phänoment ist, denke ich, stets dasselbe: Frucht, sich zu binden, da dies die anderen Dinge ausschließen würde, und Quantität gegen Qualität zu tauschen. An dieser Stelle aber nur die eigentlich wichtigen Tümpel, Teiche und Seen:
Der Dauerbrenner und ewig rätselhaft. Der Wassermann kommt immer und immer wieder zu ihm zurück, denn er wird schlicht nicht schlau aus ihm. Mal scheint er unergründlich tief, mal knöcheltief, mal liegt er wie Smaragd da, mal wie ein schlammiger Tümpel, mal wie ein rätselhafter Zugang zum Meer. Der Wassermann wirft Steinchen hinein, aber ein jedes gibt einen anderen Klang, mal für hundert Meter tief, mal für pfützenflach. Und er traut sich nicht. Was, wenn er in den unergründlichen Smaragd mit Kopfsprung eintaucht, gierig Wasser in die Lungen saugt und dann mit dem Gesicht im Schlamm im Knöcheltiefen hängt, Arsch in die Luft und bestenfalls auf Knien rutschend, um sich überhaupt zu bewegen? Nichtsdestotrotz zieht ihn der Hainteich unwiderstehlich an, denn er erlaubt ihm, zu träumen: Denn vielleicht ist er unergründlich tief und das, was er immer suchte.
Ist ein ganz hinterhältiges Geschöpf. Eine Art Spinne mit einem Badezuber als Leib läuft es durch die Gegend und fängt Wassermänner: Mit schmeichelnden Worten verspricht er, daß man allein in ihm als Wassermann die einmalige Chance hat, unterzutauchen und zu fühlen, wie es unter Wasser sei, und er sei dazu perfekt geschaffen. Er säuft nur aus den besten Quellen, spezielle im Laufe der Evolution entwickelte Drüsen produzieren erlesene Parfumes, und seine schmeichelnden, wohlgesetzten Worte bringen den Wassermann dazu, in das Bad einzusteigen. Allerdings ist das natürlich eine Art Venusfalle
. Ledrige Schwingen klappen über dem Wassermann zusammen, der in das Bad gepreßt wird – und das ist natrürlich kein Duftwasser, sondern Magensäure, denn das Vieh beginnt schon, ihn zu verdauen. Nur bloßer Zufall rettet ihn, das Messer einer vorigen Badezuber-Mahlzeit liegt auf dem Grund der Wanne, und der Wassermann bringt das Insekt dazu, ihn wieder auszuspeihen, indem er es mit der Waffe attackiert.
Nicht sehr groß, aber auf den ersten Blick sehr interessant und eigentümlich. Er liegt zwischen dunklem Tann und ist wie ein schwarzer Spiegel. Der Wassermann wagt es hier – unter Vorbehalt, denn er hält das Gesicht übers Wasser -, und er ist ganz froh darum, denn der See ist nicht tief und voller spitzer Schründe und Klippen, und er holt sich so manche Beule und Schramme, bis er sich losreißt und weiterzieht.
Das wäre ein See gewesen, und das weiß der Wassermann auch, als es zu spät ist. Er ist nicht nur tief, wenn auch nicht allzu groß, sondern er beherbergt vor allem einen kuscheligen Wasserdrachen, der sehr symphatisch ist. Nur ist der Wasserdrachen gar nicht davon begeistert, daß der Wassermann schummeln will: Probehalber den Kopf unter Wasser tauchen, aber nicht einatmen ist hinterhältig: Der Wasserdrachen läßt sich nur auf den Wassermann ein, wenn er auch ehrlich spielt. Und er ist obendrein so fair, ihm das ins Gesicht zu sagen. Aber unser kleiner Wassermann ist eine feige Sau und traut sich nicht, und der Drachen schickt ihn zum Teufel und droht ihm den Kopf abzubeißen, wenn er sich nochmal vorbeitraut.
ist eigentlich nur ein Gerücht, keiner hat ihn je definitiv gesehen, und wenn, dann für einen Teich gehalten. Es ist im Grunde nur ein eitler Nebel, der so tut, als wäre er ein See, indem er sich ganz platt macht und seine Oberfläche spiegeln läßt. Außerdem hat er – blöde ist er nicht – gelernt, die Geräusche nachzumachen, die ein Stein erzeugt, fällt er in einen See. Und er mag es, Menschen und insbesondere Wassermänner zu foppen, indem er mal dieses, mal jenes Geräusch macht, oder es auch mal ganz bleiben läßt – zur nicht geringen Überraschung des Steinewerfers. Der Wassermann kommt bei seinen Grübeleien über den Teich im Birkenhain auf den Gedanken, daß es sich vielleicht um den ominösen Wandernebel handeln könnte. Daß ich heute diese Typologie reinweg lächerlich finde, versteht sich von selbst. Aber nichtsdestotrotz finde ich sie ausgesprochen amüsant.
Ursprünglich war die Geschichte eigenständig, sie hatte eine kleine Rahmengeschichte, die mit einem Spaziergang an den Siegburger Fischteichen begann und damit endete, daß der Zuhörer des Wassermanns meint, von diesem zum Narren gehalten zu werden. Er packt den Erzähler und wirft ihn in den Fischteich hinein. Der Wassermann schafft es mit Überredungskunst, der Protagonisten dazu zu bewegen, auch ins Wasser zu kommen, und es ist eisekalt – er hat ihm nochmals einen Bären aufgebunden. Als die beiden sich bei einem Freund mit heißem Grog aufwärmen, beginnt der Wassermann erbärmlich zu husten. Es wird immer schlimmer, und er bricht hastig auf – ob er nun Wassermann ist oder nicht, bleibt hierbei offen. Die Geschichte findet schnell Eingang in das “Alineske Märchenbuch”, was nicht zuletzt an ihrer Ansiedlung an den Siegburger Fischteichen liegt, aber auch am Teich im Birkenhain mit seinem smaragdgrüner Seelen-Spiegel. Sie bleibt jedoch unaufgelöst und endet wie die ursprüngliche Version. In “Krähe und Nachtigall” bleibt die Binnenhandlung weitgehend unverändert. Der Fremde, der vorbeikommt und im Birkenhain-Teich badet, während der Wassermann fassungslos zuschaut und kapiert, daß es ein möglicher Wohnsee für ihn gewesen wäre, ist wiederum der Drachenpriester, aber abgesehen von diesem Detail ändert sich hier nichts. Jedoch verändert sich die Rahmenhandlung vollständig Zwar verbleibt der Beginn bei der Begegnung an den Fischteichen, und am Ende wirft Nâhtegal den Knaben auch ins Wasser, aber der Wassermann begegnet ihm wieder und klärt auf, daß er in der Tat ein echter Wassermann gewesen war. Während ein Wolkenbruch niederprasselt, wird der Wassermann – nun schon verwandelt – in die Mühle des Zeitenwächters gestürzt kommen, um dessen Nachfolge anzutreten. Hier findet er zwar keinen See in dem Sinne, aber das Meer der Zeit und darüber hinaus das Zeitenwächter-Adäquat des Birkenhain-Sees in Form eines schönes Mädchens.
Die Siegburger Fischteiche sind für mich mit Erinnerungen getränkt. Sie tauchen verschiedentlich als Handlungsorte auf, so in der “Nacht” (enthalten in “Der Minnesänger-Komplex”, oder in “Schlangensee” (enthalten in “Bardenträume”). Obwohl ich 1996 schon 6 Jahre in Siegburg wohnte, kannte ich sie nicht, und als “der dunkle See” sie mir entdeckte, war ich wie verzaubert. Seitdem war ich mit vielen lieben Mensch dort, auch mit ein paar Teichen, und noch heute, verschlägt es mich nach Siegburg, mache ich einen kleinen Spaziergang dort. Vielleicht in der Hoffnung, dem Wassermann zu treffen und ihn gehörig in den Allerwertesten zu treten.
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[Norman Liebold,
14.02.2006 |
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