Die Geschichte vom Beduinen im Treppenhaus ist im bewußten Kontext des “Alinesken Märchenbuches” und fast zeitgleich mit dem “Zeitenwächter” und dem “Wassermann” entstanden, bildet es mit diesen die eigentlich “alinesken” Stücke. Zugleich sind auch diese drei Stücke diejenigen, die zwar als sehr zauberisch und verzaubernd empfunden werden, jedoch offenbar “eine harte Nuß” darstellen, geht es um ihre Auslegung. Ich fürchte, die Geschichte ist gänzlich banal, wobei aber zu bedenken ist, daß im Wachsen die Ursprünge und Wurzeln zunehmend an Bedeutung verlieren und nur noch Nuancen des gesamten Gehaltes ausmachen. Der “Beduine” ist im Beginn nichts viel anderes als eine Metapher auf den Minnesänger und die Beschreibung einer ewigen, unerfüllten, aber in ihrem Streben wunderbaren Liebesgeschichte.
Was im Kontext des “Beduinen” zu einer eigenen, losgelösten Mythe wurde mit einer eigenen Geschichte drumherum, war anfangs eine kleine, ein paar Seiten lange Geschichte, die dazumal keinen anderen Sinn hatte, als eine Liebeserklärung in Minnesänger-Manier zu sein. “Der Hain” entstand im Herbst 1995, als ich völlig schmachtend verknallt war und das ganze gewaltig schmelzend und verzweifelnd empfand. Und dann war da dieser Hackklotz von Typ, der im Gegensatz zu mir einfach zuzugreifen verstand, anstatt im sehnsüchtigem Verzweifeln im eigenen Saft zu köcheln. Der wundervolle, erfrischende Hain in der schrööööcklichen Wüste ist natürlich Minnesänger-Metapher auf das Mädchen, der traurige Gesell, der sich seiner selbst schämt und so ganz besonders vorsichtig kaum wagt, den Hain zu betreten aus Angst, ihn zu entweihen, ist natürlich der Verliebte. Sein Durst sein Verlangen, die wohltuende Kühle des Hains die Nähe der Geliebten. Und der böse, böse Reiter auf dem gequälten schwarzen Gaul natürlich der Rivale. Das Reh ist die scheue und schöne Seele der Geliebten, und die Rehkopf-Trophähen an des Reiters Gürtel seine letzten “Opfer”. Mit diesen Interpretationsschlüsseln enthüllt sie sofort die ganze Banalität der Geschichte: Armer, nach Nähe dürstender Einsamer mit großem Herz irrt durch die Wüste (Einsamkeit) und steht plötzlich vor einer herrlichen Oase (Angebetete). Er empfindet es als Wunder, daß er nicht fassen kann, und er empfindet sich angesichts ihrer Perfektheit als dreckiges Vieh. Der Hain ist ihm heilig, nur ganz, ganz langsam traut er sich näher, um ja nichts kaputt zu machen, und er ist fast betäubt vor Wonne. Das Reh (die Seele der Geliebten) nähert sich ihm scheu und langsam (sie taut also auf
), aber grad in dem Moment kommt der Beduine herbeigeprescht. Sein Gaul ist am Ende seiner Kräfte, aber dem fiesen Kerl ist das egal. Er treibt das Pferd in den Hain und kümmert sich nicht darum, daß er ihn verletzt. Der Typ hat Reh-Schrumpfköpfe am Gürtel als Trophäen (Schürzenjäger), und er löscht nicht nur seinen Durst an der Quelle und läßt sein Pferd drin saufen, er wäscht sich auch noch den ganzen Dreck ab. Es kommt aber noch besser: Alles am Hain drängt zu ihm hin, die Vögel umgurren, die Schmetterlinge umtanzen ihn, und schließlich kommt sogar das Reh zutraulich auf ihn zu. Und er – harharhar – dreht den Vögeln die Köpfe herum und schlägt den des Rehs ab, um sich ein Mahl draus zu kochen, und die Schmetterlinge schlägt er aus der Luft. Und der liebe, großherzliche, scheue Liebende? Steht nahebei, ist gelähmt vor Entsetzen und tut gar nichts, er kämpft noch nicht einmal, und der Beduine lacht ihn aus, schmeißt sich in den Sattel und ist verschwunden, einen ziemlich zerrupften Hain hinterlassend. Zu meiner Rechtfertigung muß ich sagen, daß ich damals einer dieser pubertierenden Schwärmlinge war.
Eigentlich hat diese Fabel überhaupt rein gar nichts mit dem “Hain” zu tun. Sie ist mehr eine abstrakte Metapher, vermischt mit einer deftigen Priese Selbstmitleid. Es geht um ein freudenspendendes Prinzip, das jedoch eingesperrt ist ist ein Labyrinth ganz eigener Art: Boden und Decke sind einfarbig Grau, die Wände lauter Zerrspiegel. Ohne Erinnerung nichts anderes kennend haust der eingesperrte Gott darinnen und bastelt sich aus dem Wahrgenommenen eine eigene Welt zusammen: Die Zerrbilder seiner Selbst sind ihm Gesellschaft, das Echo seiner Stimme interpretiert er als das, was sie zu ihm sagen. Er ist ein Denker und Hermeneutiker, und er versucht mit aller Macht, Sinn in die Echos zu bringen und zu verstehen, was diese Wesen zu ihm sagen. Anfangs gab er nur unartikulierte Laute von sich, hörte sie durch die – sinnreich abgestimmte Akustik – aber immer wieder, behaftete sie mit Sinn, wiederholte sie, bastelte daraus eine Art Sprache, die in Phrasen zu ihm zurückgeworfen werden. Natürlich ergibt das alles keinen Sinn, aber er denkt und denkt und denkt, um einen zu finden. Deswegen kommt er gar nicht auf die Idee, seine ungeheure magische Kraft zu entdecken, die ihm ermöglichen würde, mit nur einem Gedanken wieder frei zu sein. Was genau der auslösende Moment für diese Geschichte war, kann ich nicht mehr genau sagen. Da sie aber ganz in der Nähe von “In des Gottes Ei” entstanden ist, vermute ich, daß es dabei um das in sich selbst verkriechen und Erinnerungs-Wälzen geht, das – da Erinnerungen sich je nach Blickwinkel zu verändern pflegen und zudem subjektiv sind – ein endloses Karusell werden kann, das keine Auflösung kennt.
Wie bei anderen der alten Geschichten auch, empfand ich sie 1998 als nicht zuende gedacht, als unaufgelöst. also suchte ich für die Geschichten, an denen mein Herz lag, eine Auflösung. Wenn der Gott aus “Irgendwo im Nirgendwo” sich nicht selbst befreien kann, muß er logischerweise von außen Hilfe bekommen. Es genügt ja, ihm zu sagen, wie die Dinge sich verhalten, damit er sich seiner selbst bewußt wird und sein Gefängnis sprengt. Wenn die Mythe in Art einer Geheimlehre bekannt ist, so dürfte es auch jemanden geben (es gibt immer irgend jemanden), der versucht, den Kuppelbau zu finden, in dem der Gott gefangen sitzt. Die Frage, wer ihn da eingesperrt hat, ist eine andere, natürlich muß der Gott ein guter sein, dementsprechend seine Häscher böse (wir sind ja im Märchen), und ein solch perfides Gefängnis braucht auch seine Berechtigung. Die ist aber folgerichtig, daß ein Gott unsterblich ist, also nicht getötet werden kann. Man könnte ihn aber seines Gedächtnisses berauben und für immer einsperren – sofern er nicht kapiert, daß er überhaupt eingesperrt ist. Der Bau befindet sich in der Wüste, also bekommen wir einen als Suchenden, der etwas beduinenhaftes an sich hat. Da die Wüste aber irgendwo im Nirgendwo liegt, ist eine Suche im Realen an sich sinnlos, es sei, sie ist lediglich eine Prüfung, um rein zu werden. Das kann nicht so einfach sein, sonst wäre der Kuppelbau längst gefunden. Folglich bekommen wir eine endlose Kette von Suchenden, die ihr Vermächtnis seit Unzeiten an den Nächsten weitergeben, wenn sie zu alt geworden sind. Das ist die Grundkonstellation für die Geschichte vom Beduinen. Er ist der derzeitig Suchende, und er hat ein Dilemma, eine Schuld, die ihn quält. Nach endlosen Generationen von Suchenden, nach einem Leben in der Wüste voll Entbehrungen, war er fast soweit. Die “andere Welt”, das Nirgendwo hat sich ihm geöffnet, er war rein genug geworden. Aber er wurde geprüft und für zu leicht befunden. Diese Funktion erfüllt an dieser Stelle der “Hain”. Er wird reinterpretiert als Zwischenwelt: Wie hat der Gott, als er verleppt wurde, eine Träne verloren, und hier muß sich der Suchende als würdig erweisen: Nämlich in dem Sinne, daß er nicht nur den Willen hat, sondern auch den Mumm. Und da steht ihm seine eigene Mythe im weg: Er ist so verzaubert und scheu gegenüber der Träne des Gottes, daß er, als sie vom bösen Rappen-Reiter entweiht wird, nur gelähmt daneben steht. Er rennt vor Scham fort und wird in der realen Welt von einer Karawane aufgelesen. Jede Nacht träumt er den Alptraum, wie der Rappen-Reiter ihn auslacht und beschimpft, er hat seine Schuld erkannt und sucht den Rest seines Lebens nach dem Hain, um noch eine Chance zu bekommen. Aber natürlich hat er verschissen.
Eines der schönsten Bilder im “Beduinen” ist der Rosenstrauch. Die Suchenden, die ihr ganzes Leben durch irgendwelche Wüsten irren, um den Hain zu finden und den Gott der Liebe, brauchen soetwas wie eine “Belohnung” für ihre Mühen. Wenn sie sterben, sterben sie nicht wirklich, aus ihrer Brust bricht ein Rosenstrauch hervor, in den sie sich verwandeln. Er trägt weiße Blüten und bleibt – wie manche Rosensorten – unsterblich. Der Suchende wird zu etwas schönem. Das Bild ist zweischneidig. Zum einen ist es nicht die angenehmste Vorstellung, wenn ein dorniger Rosenbuch einem Alien gleich aus der Brust bricht, zum anderen könnte man sich auch nettere Sachen als Belohnung vorstellen, als bloß duftend in der Gegend herumzustehen und ab und an einem hübschen Näschen ein Seufzen zu entlocken. Zum anderen ist es eine Form egozentrischen Selbstgenusses, ein Schlürfen eigener Gefühle, was zum Lebenssinn wird und an sich unfruchtbar ist. Das Bild habe ich im Übrigen Daniel Schult zu verdanken, der mir das im Vollrausch irgendwann 1997 um die Ohren bretterte, um genau letztgenanntem ein Bild zu verleihen – dabei wiederum eines meiner Bilder, nämlich “Rose und Wanderer” auf mich zurückschleudernd.
In “Krähe und Nachtigall” ist auch der schrööckliche Reiter im Hain nicht mehr unmotiviert. Vielmehr ist er niemand anders als der Drachenpriester auf der Flucht vor seinem Drachen. Er hat ein hartes Leben hinter sich, reitet flüchtend durch die Wüste und sieht in dem Hain nichts anderes als eben eine Oase. Was dem einen ein kurze Rast auf der Flucht wird, wird dem anderen sein Schicksal.
Nâhtegal begegnet dem Beduinen in der realen Welt. In einem Treppenhaus, in das er sich geflüchtet hat, um allein zu sein und nachzudenken. So abstrus es sein mag, in einem Treppenhaus eines Cafés einer Gestalt wie dem suchenden Beduinen zu begegnen, so real ist der Schauplatz. Es handelt sich um das CVJM Siegburg, in dessen Treppenhaus ich durchaus nicht wenig Zeit verbrachte und sehr viele, sehr schöne Gespräche führte. Es war eine Art Sitte unter uns Heranwachsenden geworden, “private” und vor allem “intime” Gespräche hier zu führen, wo niemand zuhörte und man allein sein konnte. Insbesondere auch für romantische Dinge, erste Küsse und sich ausheulen war dieser Ort ein Gemeinplatz, und in gewisser Weise übernimmt er diese Funktion auch für den Beduinen. Mithin ist es schon fast soetwas wie eine Hommage, denn im Sommer 2005 erhielt das CVJM Siegburg ein neues Haus, und das alte steht jetzt einsam da, verrottet und macht wahrscheinlich bald einem Parkplatz Platz.
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[Norman Liebold,
14.02.2006 |
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