Die “Insel im See” stellte bis 2003 eine eigenständige Geschichte dar. Aus dem Lied “Der Nymphenquell” (1997) entstanden, das im “Alinesken Märchenbuch” eine der Geschichten des Toten Barden darstellt, wurde sie zu ihrem Ursprung zurückgeholt und zur einleitenden Story für “Krähe und Nachtigall” gemacht. Die zentrale Geschichte wurde hierbei kaum angetastet, während der ursprüngliche Rahmen jedoch aufgelöst und mit dem Rahmen von “Krähe und Nachtigall” verschmolzen wurde.
1997 entstand das in Versen abgefaßte Lied “Der Nymphenquell”. Es erzählt die Geschichte eines Landes, das langsam im Morast versinkt. Die meisten der Bewohner sind abgewandert, nur auf der Burg, die als Insel aus dem Moor ragt, sind noch einige wenige. Das Moor ist voll von Ungetümen, es regnet ständig, und ein nasskalter Nebel hängt stets über allem. Es wird die Geschichte eines Ahnen erzählt, als das Land noch blühende Landschaft gewesen war. Dieser war zu seinem Lieblingsplatz hinausgeritten, einer wunderschönen Quelle im Wald, in der die Nymphen baden. Und als er zuschaut, kommt ihm ein Horror: Er fürchtet, daß der Quell versiegen könnte und läßt ihn mit einem Felsen verstopfen, so daß statt der sprudelnden Quelle nur ein Rinnsal hervor kann. Was er aber nicht bedenkt, ist, daß der Quell unsagbar stark und unerschöpflich ist: Er bahnt sich einen neuen Weg, dringt durchs Erdreich, verwandelt es in Morast und läßt das Land langsam versinken. Aber niemand weiß mehr, wo der Quell liegt, endet das Lied, es müßte jemand ausfahren und ihn finden und befreien. Der Text ist unschwer als eine Beschreibung eines psychischen Zustandes erkennbar. Das Wasser steht für Lebens- und Schaffensfreude, die ehemals helle und fruchtbare Vergangenheit ein glückliches Gestern, das einem stumpfen, traurigen Depressionszustand gewichen ist. Die Lösung liegt irgendwo begraben, die Freude ist ein unerschöpflicher Quell, die verstopft wurde aus intellektuellen Beweggründen. Das Symbol ist weit interpretierbar und kann auf fast jeden Lebenszustand angewandt werden. Und es ist falsch: Denn nicht irgendein Ahne pflegt die Quellen zu verstopfen, sondern nur man selbst – und, was weit wichtiger ist, meistens ist es viel undramatischer und unromantischer, als man denken sollte.
Der “Nymphenquell” ist nicht aufgelöst, und etwas, daß nicht aufgelöst ist, gärt in mir solange weiter, bis ich es “knacken” kann. Bildlich gesprochen stöberte ich ein paar Jahre nach dem verfluchten Felsen, der im Nymphenquell steckte, und währenddessen wurde auch die Geschichte reicher. 1999 war ich mit einer guten Freundin auf Reisen, die ein wahres Geschick darin hatte, ihren Nymphenquell (bitte nicht zweideutig verstehen) selbst zu verstopfen, bis ihr ganzes Wesen in düsterer Brüterei versank, aus der sie keinen Ausweg mehr wußte. Das vielleicht bemerkenswerteste daran war, daß sie sich der “Verstopfung” durchaus bewußt war, sie jedoch idealisierte und dramatisch auflud, während es sich meistens um ein relativ unwesentliches kleines Knötchen im Zwischenmenschlichen handelte. An einem Abend erzählte ich ihr den Nymphenquell aus diesem Grund, und er hatte jetzt seine Protagonistin erhalten: Die Nebeläugichte, die in dem versinkenden Lande lebt und nicht versteht, warum es versinkt. Im Hof der Burg steht ein Brunnen, der trocken ist. In seinem Rohr steckt ein kleiner Kiesel, und das winzige Steinchen ist das ganze Übel. Kein Riesenfelsen in mystischem Nymphenbad, sondern ein Kieselsteinchen im Schloßbrunnen, an dem sie jeden Tag sitzt und Mandoline spielt. Als Kind zog sie ihn sogar einmal heraus, bekam aber Angst, als es überall zu gurgeln beginnt, und steckte ihn wieder herein – die Lösung des Problems ist also banal und bedarf zur Aufhebung einer kleinen Anstrengung und ein wenig Muts. Der Ehrlichkeit halber sei vielleicht noch erwähnt – wo die Nymphen schon angesprochen wurden – daß der spezielle Grund für die Adaption meiner Geschichte in diesem speziellen Fall auch eine spezielle Anwendung hatte. Denn da steckte ein Kiesel zwischen der Person und mir, der uns im Morast versinken ließ, und eigentlich hätte ein “Ich liebe Dich” völlig ausgereicht, oder vielleicht auch ein “Küß mich endlich!”. (Den Frosch im Schloßbrunnen habe ich nicht mit hineingenommen.) Die Geschichte gefiel auf jeden Fall sehr, und ich wurde drum gebeten, sie aufzuschreiben.
Während ich an der Niederschrift arbeitete, kamen mehr und mehr Details hinzu. Das wichtigste ist – besonders für später “Krähe und Nachtigall” – der Barde. In Bezug zur oben angedeuteten Nebeläugichten muß man wissen, daß die Fernbeziehung zum Einen einem regen Briefkontakt unterlag, zum Anderen, daß ich schrecklich dramatische und über-romantische Briefe schrieb und zum Dritten, daß sie allzu ernst genommen wurden, und dem Ganzen ein unglaublich heftiges Gewicht verliehen, dem kein Normalsterblicher gewachsen war, schon gar kein siebzehnjähriges Mädel. Aber obgleich ich mir dessen immer wieder bewußt wurde, gabs doch keinen Weg dran vorbei – ich konnte nicht anders, und Bitten, all das nicht so ernst zu nehmen, waren wahrscheinlich noch verwirrender als dramatische Liebesbezeugungen und aufgeblasene Nicht-Probleme allein für sich. Also kam der Spîlmann ins Spiel, der sich auf die triste Burg verirrt. Die Nebeläugichte hatte zwar einen hehren Ritter erhofft, auf weißem Pferd, der sie in ein Land voll Sonne bringen würde – und nicht einen schlammbespritzten Gaukler – aber es ist der einzige Fremde, der seit einem Jahrzehnt den Weg durch den Schlamm gefunden hat, und schließlich verliebt sich sich in seine Musik und dann in ihn: Gelegenheit macht Liebe. Natürlich – schließlich ist es ein Märchen – verliebt er sich auch in sie, und er dichtet ihr ein Lied: Eben den “Nymphenquell”. Er singt ihn ihr vor, während sie verborgen hinter einer Säule steht, und sie ist ganz verzaubert und verwirrt. Der Barde verschwindet aber wieder (der Grund ist nicht näher genannt, nehmen wir an, er hatte einen wichtigen Auftritt in einem anderen Sumpf), und die Nebeläugichte, nach wochenlanger latenter Verknallthiet endlich bereit, sich ihm zu schenken, muß feststellen, daß er einfach weg ist. Das einzige, was er zurückgelassen hat, ist das Lied, auf Pergament geschrieben. Sie verzweifelt an ihrer unerfüllten Liebe, rennt aus dem Schloß, bekommt schreckliches Fieber, und von dem Fieber bleibt wohl etwas zurück, denn als sie wieder gesundet ist, glaubt sie an die Wahrheit des Liedes und läßt sich nicht beirren, den Nymphenquell suchen zu gehen. Sie wird vierzig Jahre die Sümpfe durchstreifen, an ihrer Brust das völlig zerfledderte Pergament, das für sie die Offenbarung ist.
Eigentlich ist die endlose Suche nach dem verflixten Nymphenquell im Schlamm eine Ersatzhandlung. Die Nebeläugichte sehnt sich nach wie vor nach dem Barden, und sie träumt oft davon, daß er einfach auftauchen wird, um sie mit sich zu nehmen. Aber er taucht nicht auf, und sie kriecht vierzig Jahre lang durch den Morast, um nach einer Metapher zu suchen. Der Sumpf wächst beständig, Wasserflächen bilden sich, und das Land versinkt tiefer und tiefer. Nach vierzig Jahren stellt die Nebeläugichte fest, daß sie in der Tat jeden verdammten Quadratmillimeter des Sumpfes durchwühlt hat, und der Nymphenquell nicht da ist. Und sie legt sich unter einen Baum, um zu sterben. Das ist der Moment, wo die Schlange ins Spiel kommt. Die Schlange ist nicht nur ziemlich schlau, sondern auch verdammt listig. Es ist eine spezielle Gattung mit Weltmachtsbestrebungen, eine Wasserschlangenabart, die die Erde als einzige Wasserfläche und alle Menschen ersäuft wissen will. Sie kennt das Geheimnis um den Nymphenquell, und sie bietet der Nebeläugichten einen Deal an. Sie beantwortet ihr die drängendste ihrer Fragen, nämlich wo der Nymphenquell ist, und dafür darf sie sie töten und ihre Eier in sie legen, damit ihre Brut was zu beißen hat. Die Nebeläugichte hat nichts zu verlieren: Barde weg, Land im Arsch, sie selber verhutzelt und alt. Sie geht darauf ein.
Die Schlange hält ihr Versprechen, und sie bekommt auch, was sie will. Sie leitet die Nebeläugichte zurück zum Schloß – mittlerweile eine kleine Insel in einem riesigen See -, und während sie hinüberschwimmen, beißt sie die Nebeläugichte. Deren verbleibende Lebenszeit reicht gerade noch aus, um zu begreifen: Sie erkennt das Schloß ihrer Kindheit wieder, erkennt, daß es dieser verdammte winzige Kiesel im Schloßbrunnen war, nicht ein mystisch aufgeladenes Quellgeister-Stelldichein, erkennt, daß sie unzählige Male kurz davor war, das Land zu retten, und im letzten Augenblick ihres Lebens glitscht sie am Kiesel ab, denn ihre Finger gehorchen ihr nicht mehr. Die Version der Geschichte von 1999 endet an dieser Stelle, natürlich nicht ohne Ermahnung, es nicht so weit kommen zu lassen.
Das Ganze hat natürlich nicht funktioniert, und die Geschichte hatte immer noch keine Auflösung gefunden. Sie war inzwischen immer mal wieder gespenstisch aufgetaucht, so als ganzer Metaphernreigen in “Die Sieben Kelche”(2001) oder auch auch die Lied Nâhtegals in den “Dichterdämonen” (2003), um an der Spinne vorbeizukommen, aber die ureigentliche Story hatte ihren Abschluß noch nicht gefunden. Erst 2003 wurde sie zum ersten Kapitel von “Krähe und Nachtigall”, um den Bogen vom Anfang zum Ende zu schlagen. Nâhtegal gelangt auf die Insel im Edersee, wo er dem Geist der Nebeläugichten begegnet. Der Geist erzählt ihm die ganze Geschichte, und am Ende lernt Nâhtegal den Barden kennen, der der Nebeläugichten den Kopf mit sich und seinem Lied verdreht hat, um ihn endlich zu erlösen.
Wenn ein bestimmter Gedanke in mir reif geworden ist, scheint sich etwas in meiner Wahrnehmung zu verändern. Ich erlebe das Begreifen nicht direkt als abstrakte Erkenntnis, sondern sehe irgendetwas in der stofflichen Welt, das in diesem Moment zum Symbol wird. Es ist dies eine eigenartige Erfahrung, aus der eine Vielzahl meiner märchenhaften Metaphern und Geschichten-Rohlinge stammen. In diesem speziellen Fall ist das, was mir zum Symbol wurde, wie meistens etwas ganz Banales: Auf einer Reise gelangte ich an einen Ort, mit dem viele Kindheitserinnerungen verbunden sind. Es handelt sich um den “Gesundbrunnen” in der Nähe von Bad Düben. Es ist eine sehr eisenhaltige Quelle, die verträumt mitten im Wald liegt, und die ich in der Erinnerung als einen wunderschönen Ort hatte. Bei meinem Besuch hatte sich jedoch der ganze Wald in einen einzigen Schlammpfuhl verwandelt, die Bäume waren zum großen Teil abgestorben und es stank erbärmlich. Der Brunnen selbst, bei dem aus zwei ummauerten Rohren das eisenhaltige Wasser hervorsprudelte, war bis auf ein trauriges Tröpfeln versiegt, der Brunnen selbst voll von verwesendem und nach Jauche stinkenden Blättern und Abfall. Die Quelle selbst, im Erdreich gelegen, hatte sich andere Wege gesucht, als die Rohre verstopften: Das Wasser trat überall aus und verwandelte die ganze Umgebung in ein Moor. Angesichts dieses Phänomens, daß ich neugierig untersuchte, baute sich eine hermeneutisch deutende Parallelität zum psychischen Phänomen Verdrängung auf, und das Ergebnis war nach einer Weile des Gärens der “Nymphenquell”, der sich dann beständig weiter ausbaute.
Gemeinsam mit Freunden machten wir 2002 auf der Rücktour von der Märenborn-Tournee einen Zwischenstop am Edersee. 2003 kamen wir nocheinmal für eine Woche hierher. Beim ersten Besuch war der Edersee randvoll, und die zwei Inselchen, von der die eine liebevoll “Liebesinsel” genannt wird, die andere die Reste eine Burg trägt, luden zum Hinschwimmen und Verweilen ein. Der mächtige Eichenbaum auf der einen und die geheimnisvollen Ruinen auf der anderen sind inspirativ genug gewesen, daß ich dachte: Was eins passender Ort, um die “Insel im See” real anzusiedeln! insbesondere, weil hier wirklich ein Land versunken war, das Edertal nämlich samt Dörfern. Als wir 2003 hierher kamen, war der Edersee faktisch leer. Man hatte ihn abgelassen, es war ein sehr heißer Sommer, und vor uns lag eine gigantische Schlammwüste voller eigenartigster Bilder und den Resten einstiger menschlicher Besiedlung. Zu dieser Zeit arbeitete ich gerade an der Aufarbeitung des “Alinesken Märchenbuches” zu “Krähe und Nachtigall”, und das versunkene Land trocken zu sehen war genauso amüsant wie daß Alina mit dabei war.
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[Norman Liebold,
14.02.2006 |
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