Von allen Büchern hat “Krähe und Nachtigall” die bewegteste und mit Abstand längste Geschichte hinter sich, bis es 2003 seine Endform fand. Einige der Geschichten, die der Tote Barde im letzten Kapitel Nâhtegal erzählt, sind die ältesten meiner Texte, die derzeit veröffentlicht sind. “In des Gottes Ei” entstand so 1995, als ich noch die Schule besuchte und zum ersten Mal daran dachte, meine Texte auch zu veröffentlichen. Zwischen 1998 und 2002 hieß “Krähe und Nachtigall” noch “Das Alineske Märchenbuch” und enthielt in der Hauptsache die auch jetzt vorhandenen Texte. 2002 und 2003 strukturierte ich das Buch jedoch neu, feilte die Rahmenhandlung aus, fügte noch weitere Episoden hinzu und änderte die Reihenfolge der Geschehnisse. “Krähe und Nachtigall” ist das Herzstück des “Nâhtegal-Zyklusses”, es ragt in die Zeit davor hinein und wurde fast zeitgleich mit dem letzten Nâhtegalstück “Dichterdämonen” (2003) zuende geführt.
Nach den “Narratiunculae Obscurae”, einer kleinen Sammlung absurder Kurzgeschichten, die ich Ende 1995 herausbrachte, wollte ich etwas “Schönes” machen – ein Märchenbuch mit einer Sammlung meiner damaligen märchenhaften Geschichten. Der Direktor meiner damaligen Schule (Alleestraße Siegburg) hatte mir gesagt, die Schule wolle mich dabei unterstützen, und voller Enthusiasmus sammelte und editierte ich die Texte. Meine damalige Freundin Sonja Mlynarski, die phantastisch zeichnen konnte, begann, lllustrationen anzufertigen, und ich schrieb weitere Geschichten, um das Buch zu füllen. Das Projekt platzte letztlich zu meiner herben Enttäuschung, da meine Vorstellungen des Buches wohl ein wenig zu kostspielig waren. Die Beziehung platzte ebenfalls, aber das Projekt, einmal angefangen, konnte wie alles angefangene nicht aufgeben, und es spukte mir immer wieder im Kopf herum. Die Geschichten brachte ich hier und da heraus, aber in meiner Mappe lagen sie immer zusammen und gehörten auch zusammen – und letztlich wurde – über die Jahre wuchernd und wuchernd – das aus ihnen, was heute der “Nâhtegal-Zyklus” ist, ein ganzer kleiner in sich geschlossener Kosmos von Bildern, Gedanken und Geschichten. Und eine ganze Reihe der ursprünglichen Geschichten wurden zu den Geschichten des Toten Barden, der nicht sterben kann, weil er sie noch nicht erzählt hat, und ihr Gewicht ihn am Boden hält. Erst nachdem er sie Nâhtegal erzählt, kann er geläutert zum Mond aufsteigen.
Ende 1997 zog ich nach Aachen, einen Traum im Kopf, den ich erst vor wenigen Monaten wirklich habe umsetzen können. (Es geht dabei um eine Art “idale Schreib- und Zeichenklause”
) Ich nahm die Geschichten, die bis dahin im Kontext des “Märchenbuches” entstanden waren, sortierte und überarbeitete sie und band sie in eine Rahmenhandlung ein. Betrachte ich das heute, ergit sich ein verschlungenes Muster, das die Geschichten überspannt, sie weiterspinnt und zu einem Ganzen fügt. Die Erkenntnis, daß diese Geschichten aufeinander aufbauen, obwohl sie für sich betrachtet alleine stehen und verstanden werden können, war wohl die Geburt des “Nâhtegal-Zyklusses”. Ein nicht geringer Teil der Märchen war für Alina Hirschmeier entstanden, die Märchen sehr mag und sich immer sehr darüber freute, und so bekam das Kompendium den Namen “Alineskes Märchenbuch”. Das “Alineske Märchenbuch” hatte eine andere Struktur und eine andere Rahmenerzählung als der letztlich daraus hervorgegangene Märchenroman “Krähe und Nachtigall”.
Geschichten-Struktur im “Alinesken Märchbuch” Die Abfolge der Geschichten im “Alinesken Märchenbuch” ist noch sehr lose. Die Mehrzahl der Märchen, die 1996 für das Märchenbuch-Projekt vorgesehen waren, kommen als die Geschichten des Toten Barden in das Buch, und dieses Kompendium folgt dem selben Muster wie auch die anderen großen Abschnitte: Der Protagonist begegnet (hier noch recht unmotiviert) fünf überaus kuriosen Gestalten, während er einen letzten, abschiednehmenden Spaziergang durch die Stadt seiner Jugend macht, um seine Domicile noch einmal zu besuchen. Jeder der Gestalten erzählt ihm seine Lebensgeschichte, damit er sie weitertragen soll (das Nâhtegal-Konzept des Geschichtensammlers), und am Ende findet der Protagonist sein Schicksal als Nachfolger des Zeitwächters. Warum ihm (und ausgerechnet ihm) das alles widerfährt, wird nicht erklärt, es ist lediglich die besondere Situation des Abschiednehmens, die ihn dazu zu prädestinieren scheint. Im “Alinesken Märchbuch” stolpert der Protagonist in folgender Reihenfolge durch Siegburg:
Auf die einzelnen Geschichten wird noch einmal gesondert eingegangen werden, hier nur allgemein: 1998 begann ich, ältere Geschichten, die vom Inhalt gut waren aber stilistisch und vom Fluß der Story her nicht ausgereift. Dabei ging es vor allem darum, die bisher entstandenen Märchen in eine Ordnung zu bringen, Gedanken- und Bildstränge zusammenzuführen und ein einheitliches Ganzes zu schaffen. Eine Reihe von kleinen Geschichten, die aufeinander Bezug nahmen und zusammenhingen, band ich in eine größere Geschichte ein, die den Themenkomplex verschmolz und die Geschichte zu Ende brachte. So wurde die Idee der schlafenden Drachen aus den verschiedenen Bearbeitungen und Geschichten genommen, um daraus den Drachenpriester zu schaffen. Oder die Geschichten, die sich um den Heiligen Hain rankten, zum Beduinen verschmolzen. Das geschah auch mit anderen Themen- und Geschichtenkomplexen, die dann jedoch eigene Wege innerhalb von Nâhtegals Welt gingen. In dieser Zeit entstanden die zentralen Bilder und Mythen des Nâhtegal-Zyklusses, die schließlich zu einem großen Ganzen zusammenwuchsen: Die Mythe von den schlafenden Drachen erscheint so ebenfalls in “Narrenwahn”, den “Zirkeltänzen” wird hie und da erwähnt, um schließlich in der “Prophezeiung” ihren Abschluß zu finden. Der Mythos vom Ewigen Barden, der im “Alinesken Märchenbuch” erstmals angelegt war, wird über “Bardentod”, “Totentanz” weiterentwickelt zum grundlegenden Konzept Nâhtegals, daß sich durch den ganzen Zyklus zieht, um schließlich in den “Dichterdämonen” auszuklingen. Schwer nachzuvollziehen sind die Entstehung des “Wassermanns” und des “Zeitenwächters”, da hier sehr weit verzweigte Mythen zusammengezogen wurden, um in abstrakterer Form in eine neue Geschichte zu fließen. “Das Alineske Märchenbuch” ist eine Schaltstelle, an der 1998 Nâhtegal geboren wird.
Was – trotzdem die Reihenfolge verändert wird – in beiden Versionen, sowohl im “Alinesken Märchenbuch” wie auch in “Krähe und Nachtigall” grundlegend ist, ist die Struktur im Kontext der besuchten realen Orte. Der Protagonist macht einen Spaziergang durch Siegburg, um sich von der Stadt zu verabschieden, in der er seine Jugend verbrachte, sein erstes Mädchen küßte und die er Hals über Kopf verlassen hat. Das ist durchaus autobiographisch, denn ich lebte zwischen 1989 und 1997 hier, und die Handlungsschauplätze sind in der Tat meine Domizile gewesen. Auf die einzelnen Orte wird bei den seperat abgehandelten Geschichten genauer eingegangen.
Das “Alineske Märchenbuch” war stets eines meiner Lieblingsbücher, auch wenn es unausgereift war und seine Schwächen hatte, verzauberte es immer wieder seine Leser. 2002, nach der Veröffentlichung des “Märenborn”, nahm ich mir das Buch wieder vor, um “fertig” zum machen. Seit 1998 hatte sich viel verändert, insbesondere war der “Nâhtegal-Zyklus” angewachsen, hatte Farbe und Form bekommen, der Protagonist einen Namen und eine Lebensgeschichte, und viele der angelegten Mythen hatten sich weiter- und zuende entwickelt. “Das Alineske Märchenbuch” war die Wurzel gewesen, aber vieles, was nun klar strukturiert war, war hier noch schwammig angelegt. Das Buch wurde vollständig umgearbeitet, wobei die zentralen Geschichten jedoch weitgehend unverändert gelassen wurden.
Klar war, daß die ureigensten Bestandteile des Buches nicht nur erhalten, sondern möglichst wenig verändert werden sollte. Es stellte sich heraus, daß dies auch gar nicht notwendig war, denn die Geschichten bildeten von Anfang an eine enge Gemeinschaft. Die Rahmenhandlung indes – als lockere Verbindung angelegt – erfüllte ihren Zweck nicht nur schlecht, sondern hatte sich mit dem Wachsen des Nâhtegal-Zyklusses stark verändert. Was zum Zusammenführen der Geschichten zum “Alinesken Märchenbuch” geführt hatte, war jetzt klar und deutlich, es mußt nur mittels einer besseren Rahmenhandlung auch sichtbar gemacht werden. Und so wurde “Krähe und Nachtigall” zu dem, was es immer gewesen war: Zur Wurzel des “Nâhtegal-Zyklusses”. Die Geschichte schildert, wie Nâhtegal zu Nâhtegal wurde, Krähe, sein Vorgänger, ist es selbst, der Nâhtegal zu sich ruft, und er bewerkstelligt es mittels der Geschichten, die er ihm schickt. Die Geschichte setzt also ein, als Nâhtegal noch kein Spîlman ist und auch gar nicht sein will. Sein Zögern ist es, das Krähe – zwar gestorben, aber nicht tot – nicht ruhen läßt, denn sein Nachfolger hat die Nachfolge noch nicht angetreten. Während Nâhtegal den Fabelwesen begegnet, wird ihm immer wieder das eine Schicksal vor Augen gehalten, vor dem er die Augen verschließen will. Ein jeder der Erzähler ist irgendwann vor seinem Schicksal davon gelaufen, um schließlich in einer endlosen Suche zu stagnieren – eine Suche nach der verpaßten Gelegenheit, die – wiedergefunden – die Chance auf “Wiedergutmachung” enthält.
Die neue Rahmenhandlung zeigte die richtige Reihenfolge der Geschichten von selbst. Sie hängen untereinander folgerichtig zusammen, bilden nicht nur einen Argumentationsstrang, nicht nur eine Klimax, sondern zeigten bei der Überarbeitung auch, daß sie sich an vielen Stellen treffen und überschneiden. Die Protagonisten der Binnenhandlung begegnen und beeinflussen sich, Der sterbende alte Beduine spiegelt sich im Toten Barden, der Drachenpriester rennt auf der Flucht vor seinem Drachen durch alle Geschichten und wird für den Wassermann ebenso schicksalsbestimmend wie für den Zeitwächter. Und der Wassermann verschwindet nicht einfach wieder so schnell, wie er gekommen ist, er ist es nun, der die Nachfolge des Zeitenwächters antritt und so – eine Spielerei – tatsächlich das Zeitalter des Wassermanns einläutet. Die alte Reihenfolge Beduine – Toter Barde – Wassermann – Drachenpriester – Zeitenwächter wird zu Beduine – Wassermann – Zeitenwächter – Drachenpriester – Toter Barde, und jeder der Erzähler kommt ein Stück weiter.
Aber auch Krähe, der Tote Barde, hat ein Schicksal nicht erfüllt und leidet darunter und hofft auf Vergebung. Das ist der Rahmen, der das gesamte Buch umspannt und zu einem Kreis macht. Am Beginn trifft Nâhtegal den Geist der Nebeläugichten, die durch den Irrglauben in eine Spîlmannsweise verzweifelt. Sie warnt Nâhtegal vor dieser Gefahr und als Nâhtegal am Ende schließlich Krähe trifft, stellt sich dieser als der Barde heraus, der vor undenklicher Zeit der Nebeläugichten den Floh ins Ohr gesetzt hatte, um sich zugleich an ihr Schicksal zu binden. Dieser Floh ist das Lied vom “Nymphenquell”, das sich irgendwann selbstständig machte, um 1999 zu einer eigenen Erzählung zu werden: “Die Insel im See”, während das Lied im “Alinesken Märchenbuch” verblieb als eine der Geschichten des Toten Barden. Als “Die Insel im See” zur ersten Geschichte von “Krähe und Nachtigall” wird, schließt sich der Kreis, und es ist plötzlich ganz zwangsläufig, daß der Tote Barde diese Mythe gedichtet hat, ist er doch mit dem Spîlmann aus der “Insel im See” identisch.
Der Nâhtegal-Zyklus spinnt die Mythe eines Spîlmanns, der die Aufgabe hat, zwischen den Welten der Phantasie und der Realität zu vermitteln. Seine “Auftraggeberin” ist die Mondgöttin, und sein Schicksal, am eigenen Leib die Spaltungen und Strömungen zu durchleben, die die aktuelle Zeit durchzittern. Die Welt des Nâhtegal nimmt die symbolhaften Archetypen als real existierende “Fabelwesen” an, die in unserer Welt leben, aber nur von wenigen als solche wahrgenommen werden. Der “ewige Barde” kann sie als solche sehen und wird von ihnen angezogen, denn es ist seine Aufgabe, sie anzuhören, und ihre Geschichten weiterzutragen. Am Wechsel von Zeiten übergibt der “ewige Barde” seine Aufgabe seinem Nachfolger. Und dieser muß zu sich selbst finden, ganz er selbst werden und seine Geschichten spinnen, die auf diese Weise zugleich zum Symbol der Zeit werden, und zugleich die Welt mitgestalten. “Krähe und Nachtigall” beschreibt diesen Generationen-Wechsel, der alte Barde Krähe übergibt sein Vermächtnis Nâhtegal, um selbst “hinter den Mond” entrückt zu werden, eine Art Paradies für die Barden.
“Krähe und Nachtigall” spielt mit Erzählerpositionen und mit Rahmen-Konstellationen, denn der Roman dreht sich neben vielen anderen Thematiken natürlich auch um das Schreiben und Geschichtenspinnen selbst. Jede einzelne Geschichte wird von einem anderen Erzähler dargeboten, und etliche enthalten in sich wiederum kleinere Binnenhandlungen. All diese Erzählungen werden Nâhtegal erzählt, der sie weiter tradiert und erzählt, wie sie ihm erzählt wurden. Zugleich ist das ganze Geschehen aber auch die realisierte Erzählung Krähes, der Nâhtegal durch den Roman führt, um ihm Begreifen zu ermöglichen – aber Krähe wird selbst wieder zum Erzähler, der Nâhtegal seine eigenen Geschichten erzählt. Und um dieses Schachtelwerk herum zieht sich noch ein weiterer Rahmen, denn Nâhtegal erzählt die ganze Geschichte seinem Freund, dem “Büchermacher”, der sie wiederum – und endlich – dem Leser in seiner eigenen Weise erzählt. Es ist dies ein Bildnis unserer Kultur und die Art, wie Geschichten tradiert werden. Wollte man es ausformulieren, so könnte man am Beispiel der Mythe vom eingesperrten Gott der Liebe sagen: Der Büchermacher erzählt, wie Nâhtegal ihm erzählte, was der Beduine vom alten Wüstenwanderer erzählt bekam, wobei der alte Wüstenwanderer sie durch die unendliche Kette seiner Vorgänger weitergereicht bekam. Es ist ein “Stille Post”-Verfahren. Keiner weiß, worauf oder auf welchen Ort sich die eigentliche Mythe bezieht, der Suchende ist noch auf der Suche, hat noch nicht gefunden, ja steht in einer langen Kette von ewig Suchenden, die am Lebensende ihre unerfüllte Suche und ihre Mythe an den nachfolgenden weiterreichen. Sowenig wie der Wassermann wirklich weiß, ob die Sage der Wassermänner, in seinem Volk über Jahrtausende weitergereicht, auf ihn zutrifft oder nicht, sowenig weiß der Beduine, ob es den Gott der Liebe wirklich gibt. Oder eben ein Symbol ist für etwas anderes. “Krähe und Nachtigall” zeichnet auf diese Weise das Entstehen seiner eigenen Storys nach. Es ist ein Rätselbuch, aber die Bedeutungen schimmern durch ihre Symbole hindurch und verzaubern.
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[Norman Liebold,
14.02.2006 |
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