Entstanden September-November 2001.
Uraufgeführt am 12.12.2001 im CVJM Siegurg mit
Vera Walterscheid (Janae), Robert Christott (Herrscher vom Hohen Turm) und Norman Liebold (Janus).
Enthalten in Dramen.
Artikel der Uraufführung
Artikel von 2002
Bilder von der Uraufführung
Das Stück dreht sich weniger um politische Stürme, sein eigentliches Thema sind die ganz normalen Menschen, die in diesen Stürmen stehen.
Wer, abgesehen von einigen entweder ideologisch verblendeten oder aber egoistischen und skrupellosen Arschlöchern kann ernsthaft Krieg wollen? Der gemeine Mensch will sein Leben leben, er will seine Kinder aufziehen, sich selber finden, sich verlieben und das Leben genießen. Er geht lieber ins Kino, als im Schlamm zu kriechen und sich eine Kugel einzufangen für etwas, das im Grunde absolut gar nichts mit ihm zu tun hat. Er hat genausowenig Interesse daran, jemanden eine Kugel in den Leib zu jagen, den er niemals zuvor gesehen hat, und der lediglich von diversen Propaganda-Maschinieren zu einer Art Ork gemacht wurde.
“Politicon” ist die Geschichte der Liebe zwischen Janus und Janae. Sie ist die oberste Ratgeberin des Herrschers vom Hohen Turm, Janus ist ein kleiner Schäfer, der mit seinem Leben zufrieden war, und der von einem obskuren Orakel zum Boten der Freien Städte Elderlands bestimmt wurde. Er hat rein gar nichts mit diesem ganzen Kram am Hut, er erfüllt – zudem widerwillig – nur seine Pflicht und will im Grunde nichts anderes, als zu seinen Schafen zurück sein kleines Leben zu führen.
In der Tat hatte das Orakel wohl seine Gründe, ausgerechnet ihn auszuwählen, denn er sieht sehr klar und versteht, was vor sich geht. Aber er will sich aus allem heraushalten und seine Ruhe haben.
Während die Liebe Janaes zu Janus sie vom befehlshörigen Offizier zum Untergrundkämpfer machen wird, bringt Janus’ Liebe zu Janae ihn dazu, sich aufzuraffen und dem Herrscher vom Hohen Turm die Stirn zu bieten – um einen Krieg zu verhindern, der unter Umständen die Menschen vom Angesicht der Erde tilgte.
Auch der Herrscher vom Hohen Turm ist nur ein Mensch. Er fühlt sich zum einen durch die Verantwortung seinem Land und besonders seinem Vater gegenüber in der Pflicht, um nicht als Schwächling dazustehen, unter dessen Herrschaft das Land vom Hohen Turm seine Weltmachtstellung verlor, und zum anderen ist er heftig und unglücklich in Janae verliebt und will sie durch sein Herrschertum beeindrucken.
Als sie sich für Janus entscheidet, ist es nicht zuletzt seine enttäuschte Liebe, die die Geschichte eskalieren läßt.
Es existiert ein Militär- und Wirtschaftsbündnis zwischen den “Freien Städten Elderlands” und dem “Hohen Turm”. Es rührt her aus einer Zeit, als die Beteiligten sich gegen die “Schwarzen Reiter” zusammentaten und sie besiegten.
Nach dem Sieg über die “Schwarzen Reiter” hält das neue Feindbild des “Großen Bären” das Bündnis aufrecht, aber der “Große Bär” ist aus Altersschwäche gestorben, und das Bündnis unter der zwingenden Vorherrschaft des “Hohen Turmes” ist seiner Grundlage beraubt.
Die “Freien Städte Elderlands” schicken den Boten Janus, um ihre Bitte um Entlassung aus dem zwingenden Pakt zu erbitten.
Der “Hohe Turm” hat seine Vormachtsstellung und seine wirtschaftliche Macht aber in weiten Teilen gerade durch die Abhängigkeit erlangt, in der die “Freien Städte Elderlands” zu ihm stehen, und er will diese Machtstellung nicht verlieren.
Es braucht nicht weiter ausgeführt werden, daß dies eine Paraphrase auf die Zeit nach dem Auflösen des Ostblocks ist:
Der Krieg gegen “Die schwarzen Reiter” kann als Metapher für den 2.Weltkrieg genommen werden, das Militärbündnis zwischen den “Freien Städten Elderlands” (Elderland = älteres Land = Europa) und dem “Hohen Turm” (Twin-Towers = USA) ist unschwer als NATO zu erkennen, und der “Große Bär” ist altes Sinnbild für Russland.
Es gibt aber noch eine weitere Macht, “Prinz Morius”. Er hat “einen anderen Gott”, und es gab immer wieder mal Streitigkeiten, insbesondere um ein kleines Land namens “Samarkant”.
Er wird – da kaum etwas anderes sich dafür eignet – als neues Feindbild ausgewählt, provoziert und schließlich durch das fingierte Attentat auf den Thronsaal (ausgeführt von Janae in den Kleidern der Garde Morius’) als Kriegsgrund mißbraucht.
Angesichts des neuen Feindbildes wird das Militärbündnis wieder neu geschmiedet, und scheinbar hat der Herrscher sein Ziel erreicht: Die Heere Morius’ und des Militärbündnisses stehen sich gegenüber und sind kurz davor, mit der Schlacht zu beginnen.
Beide Herrscher – Morius wie der Herrscher vom Hohen Turm – verfügen über “verbotene Bücher” und Magier, die daraus die “verbotenen Sprüche” wirken können. Das Stück ist im märchenhaften angesiedelt, und wenn der “schwarze Spruch des Feuers”, über den der Hohe Turm verfügt, ganze Landstriche zernichtet und auf unabsehbare Zeit in unbewohnbare Wüsten verwandelt, ist die Atombombe ebensogut zu erkennen, wie wenn die Sprüche des Prinzen Morius Seuchen und Krankheiten schicken.
Janus und Janae stehen ungläubig daneben, sie sehen, was droht, denn wenn die verbotene Magie gewirkt und eingesetzt wird, wird von der Erde nicht viel mehr übrigbleiben als eine verseuchte Wüste:
Janae: Mir träumte, es gibt Krieg!
Die Magier des Königs sprachen die Dunklen Sprüche, Häuser verwandelten sich in Staub, Flammenatem wehte übers Land, und was übrigblieb war nichts als Asche und heißer Sand.
Mir träumte, Prinz Morius sammelte seine Krieger, und voran schritten seine Zauberer. Sie sprachen Sprüche, die verboten sind. Skelette auf Pferden, schon längst gestorben, ritten vor ihnen her. Und wen sie berührten mit Knochenhänden, der begann zu röcheln und die Pest brach ihm aus dem Leib. Die Pest kriecht übers Land, so träumte mir, und verschlingt alles Leben!
Janus will einfach fliehen, in irgendein abgelegenes Tal, das “sicher” ist, aber Janae appeliert an sein Gewissen. Sie gesteht ihm seine Liebe, daß sie mit ihm Kinder haben will und gemeinsam mit ihm und seinen Schafen ziehen will. Aber “da sollen Weiden sein!”
Völlig hilflos stehen die Liebenden den sich überschlagenden Ereignissen gegenüber. Der Krieg hat begonnen, zuerst nur um Samarkant, das jetzt nichts ist als ein Haufen Asche. Die Heere stehen sich gegenüber, und Morius, nicht minder Herrscher als der vom Hohen Turm, will den Krieg genauso.
Für die gläubige Janae gibt es nur noch eine letzte Hoffung angesichts der Ohnmacht, die sie als einzelne den politischen Wirren gegenüber fühlen: Gott selbst muß eingreifen und dem Wahnsinn ein Ende bereiten.
Janus glaubt nicht an Gott, genausowenig, wie er an Ideologien glaubt. Aber Janae zuliebe geht er in den Tempel, wo er auf den Herrscher trifft, der seine Zweifel seinem Gott gesteht.
Der Herrscher, der für sich das Recht beansprucht, Gottes Hand auf Erden zu sein, will ihn zuerst hinauswerfen, wird jedoch vom Boten niedergeschlagen. Das Wunder geschieht, als Janus zu Gott spricht: Er hört ihn, und er erwacht, denn er hat geschlafen.
Gott betrachtet, was geschehen ist und ist reichlich ungehalten. Und er richtet es gerade.
Das Stück endet mit einem utopischen Bild. Die Welt ist heil, Gott ist erwacht und wacht über die Menschen, Janus und Janae sind ein glückliches Paar, schauen auf ihre Kinder und ihre Herden.
Und der Herrscher vom Hohen Turm hockt da, ist irre und hängt in seiner eigenen Realität, wo er seine Schlacht gegen Morius immer wieder schlägt und gewinnt und so auf seine Art glücklich ist – Gott liebt alle Menschen, und er schenkte dem Herrscher eine “Realitätsblase”.
Aber er nervt doch auf Dauer und das Liebespaar stellt ihn abseits in den Wald, wo er niemanden mit seinem Gefasel stört.
Vor und nach dem Stück erhebt Spîlman Nâhtegal seine Stimme und gibt dem Stück seine Ansiedlung im Märchenhaften:
Er gelangt auf seinen Reisen nach Anderwelt, wo zwei Sonnen und zwei Monde drüber hangen. Hier ist Gott wach und wacht über die Menschen, es gibt keinen Krieg, und die Hirten an den Feuern erzählen sich die Mär, wie Janus, der Schafhirte, Gott erweckte und die Welt vor dem Untergang rettete.
Nâhtegal erklärt, diese Mär mitgeracht und in das Theaterstück “Politicon” gegossen zu haben.
Im Epilog erhebt er mahnend die Stimme:
Nâhtegal: Dies war die Mär, die man mir erzählte in dem Land hinter dem gespalt’nen Baum, wo zwei Sonnen drüber stehn, die eine rot, die andre blau. Dies war die Mär, die mich so tief gerührt, daß ich, Nahtegal, sie Euch mitbrachte aus dem Land, wo zwei Monde drüber hängen.
Ich machte ein Schauspiel daraus, für Euch, und ich hoffe, daß Ihr unterhalten wart.
Aus dem Baume tretend, wieder eine Sonne, einen Mond über mir, da schaute ich mich um und sah: Gott muß wieder eingeschlafen sein!
Schlaft gut, Ihr Lauscher, habt eine gute Nacht! Vielleicht ist ein Schäfer unter Euch, der kein Held sein will. Ein Schäfer, dessen Stimme Gott aus dem Schlafe wecken kann. Ich hoffe es für Euch, Ihr Lieben! Nicht wie Nahtegal spielt ihr die Melodein, die die Weltenwände zu Toren machen. Nicht wie Nahtegal könnt Ihr durch die Bäume schlüpfen zu Ländern hin, wo Gott mit offnem Auge wacht! Ihr habt nur Euer Hier und Euer Jetzt… vergeßt das nicht!
“Politicon” ist nach wie vor mein Lieblingsstück von jenen Texten, die vor 2002 entstanden sind. Es ist ein Schwellenstück, denn es hat den Absprung aus der Selbstbespiegelung geschafft – vielleicht hat ja der “Spiegelbruch” in der Tat etwas gebracht – er war kurz davor entstanden.
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[Norman Liebold,
14.02.2006 |
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