Amazon.de Widgets
NORMAN-LIEBOLD.COM | LIEBOLDBUCH.DE | LESEPERFORMER.DE | LIEBOLDKUNST.DE | LIEBOLDPHOTO.DE | LIEBOLDDESIGN.DE | SIEBENKUNST.DE | SIEBENGEBIRGSKRIMI.DE | WORTANKLANG.DE

WWW.LIEBOLDBUCH.DE
[Dieser Artikel ist der 4. von 8 Teilen in der Reihe Hintergrund Dramen]

Hintergrund Dramen - Inhaltsverzeichnis

Dramen – 1. Einführung
Dramen – 2. Bardentod
Dramen – 3. Narrenwahn
Dramen – 4. Pluto und Hyronimus
Dramen – 5. Politicon
Dramen – 6. Spiegelbruch
Dramen – 7. Totentanz
Dramen – 8. Zirkeltänze

Entstanden 1998/99
Uraufgeführt am 19.05.2000 im CVJM Siegburg mit
Vera Walterscheid (Puella), Robert Christott (Hyronimus) und Norman Liebold (Pluto)
Aufführungen ab 2002 mit Martin Herweg als Hyronimus.
Enthalten in Dramen.


01-Dez-2004 21:58

01-Dez-2004 21:58

01-Dez-2004 21:58

01-Dez-2004 21:58

01-Dez-2004 21:58

01-Dez-2004 21:58

18-Aug-2004 12:52

Wave Gotik Treffen 2003, Cinestar Leipzig

Wave Gotik Treffen 2003, Cinestar LeipzigFUJI PHOTO FILM CO., LTD. SP-2000

Wave Gotik Treffen 2003, Cinestar Leipzig

Wave Gotik Treffen 2003, Cinestar LeipzigFUJI PHOTO FILM CO., LTD. SP-2000

Wave Gotik Treffen 2003, Cinestar Leipzig

Wave Gotik Treffen 2003, Cinestar LeipzigFUJI PHOTO FILM CO., LTD. SP-2000

Wave Gotik Treffen 2003, Cinestar Leipzig

Wave Gotik Treffen 2003, Cinestar LeipzigFUJI PHOTO FILM CO., LTD. SP-2000

Wave Gotik Treffen 2003, Cinestar Leipzig

Wave Gotik Treffen 2003, Cinestar LeipzigFUJI PHOTO FILM CO., LTD. SP-2000

Wave Gotik Treffen 2003, Cinestar Leipzig

Wave Gotik Treffen 2003, Cinestar LeipzigFUJI PHOTO FILM CO., LTD. SP-2000

Wave Gotik Treffen 2003, Cinestar Leipzig

Wave Gotik Treffen 2003, Cinestar LeipzigFUJI PHOTO FILM CO., LTD. SP-2000

"Pluto und Hyronimus" in der Stockertstr. Leipzig. WGT 2000. Photos: Ulrike Deppe.

“Pluto und Hyronimus” in der Stockertstr. Leipzig. WGT 2000. Photos: Ulrike Deppe.

"Pluto und Hyronimus" in der Stockertstr. Leipzig. WGT 2000. Photos: Ulrike Deppe.

“Pluto und Hyronimus” in der Stockertstr. Leipzig. WGT 2000. Photos: Ulrike Deppe.

"Pluto und Hyronimus" in der Stockertstr. Leipzig. WGT 2000. Photos: Ulrike Deppe.

“Pluto und Hyronimus” in der Stockertstr. Leipzig. WGT 2000. Photos: Ulrike Deppe.

Pluto (N.Liebold) quält Hyroniums (R.Christott), während Puelle (V.Walterscheid) irritiert zuschaut. | "Pluto und Hyronimus" in der Stockertstr. Leipzig. WGT 2000. Photos: Ulrike Deppe.

Pluto (N.Liebold) quält Hyroniums (R.Christott), während Puelle (V.Walterscheid) irritiert zuschaut. | “Pluto und Hyronimus” in der Stockertstr. Leipzig. WGT 2000. Photos: Ulrike Deppe.

Irgendwie ist dies von meinen alten Sachen (wozu ich alles bis zum “Totentanz” zähle) das mir liebste dramatische Stück. Nicht zuletzt deshalb dürfte es wohl auch das sein, das vom Amator-Veritas-Ensemble als sein Debüt im Mai 2000 uraufgeführt und im Mai 2004 auch als das Abschlußstück gegeben wurde, als das Ensemble sich auflöste.
Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann das Stück entstand, aber dafür noch, wo, bei wem und unter welchen Einflüssen.
Ich wohnte damals in Aachen und besuchte enen Freund am Fuße des Siebengebirges, wo er in einem Malteserhof Zivildienst leistete. Seine Dienstwohnung befand sich in einem herrlichen, mittelalterlichen Turm mit großen, runden Fenstern, von denen man nicht nur auf den Park hinabschaute, sondern überdies mit der Schreibkladde auf dem Schoß wunderbar bequem sitzen konnte. Die Tage genoß ich sehr, und in dieser Zeit ist sowohl dieses Stück wie auch der Argonautische Goldvließraub entstanden, der in Krähe und Nachtigall aufgenommen wurde.

Beziehungsstrukturen

Wenn man sich das Gehabe des Schattens in den “Zirkeltänzen” (1997), des Satyrs in “Narrenwahn” (1997), des Toten Barden in Bardentod (1997/98) oder gar des Störenfrieds in “P.” (1996) anschaut, kommt man nicht umhin, hier starke Parallelitäten zu erkennen. Es ist eine wiederkehrende Strucktur, die sich in verschiedenen Bildern und Konstellationen ausprägt.
Es ist ein Begleiter des Protagonisten, der besser über ihn Bescheid weiß als er selbst – und das insbesondere bei den unangenehmen Dingen, die er nicht sehen will.

Es ist der Advocatus Diaboli, der – soweit es mich betrifft – eine geradezu teuflische Präsenz in meiner Lebenswelt besitzt, und zwar in gleich dreifältiger Form.

Des Teufels erstes goldenes Haar: Bruderzwist

Mein Bruder – heißgeliebt, verehrt und bewundert – ist gut zehn Jahre älter als ich, und über lange Jahre hinweg war seine Form, mich vor den Fehlern zu bewahren, die er selbst beging, war letztlich ganz die des Pluto.
Er kannte und kennt mich all zu gut, und wenngleich wir in einigen Bereichen denkbar unterschiedlich sein mögen, so sind wir uns doch in den meisten sehr ähnlich.
Natürlich haben solcherart Strukturen, wenn sie eine Zeit lang in ähnlichen Bahnen verlaufen (Intellektueller versus Lebenkünstler, zum Beispiel) die Tendenz, zu eskalieren. Und ich denke, daß die mich tief ergreifenden, verletzenden und verstörenden “Moralpredigten” – bzw. Antimoralpredigten – in den Jahren, wo man krampfhaft um sowas wie Identität ringt, durchaus in das Stück Einfluß gefunden haben.

Des Teufels zweites goldenes Haar: Mea Culpa

Nicht uninteressant und für das Stück entscheidend ist eine Gemeinsamkeit mit meinem Bruder. Zuweilen zu eigenem Erschrecken finde ich mich oft genug genau in seiner Rolle mir gegenüber wieder (heute noch wie damals).
Da ist dieselbe erschreckende Direktheit, dieselbe “Schau doch, wie geil die Welt ist!”-Attitüde, dasselbe “Nimm doch nicht immer alles so ernst!”. Und zuweilen sogar ganz ähnliche Phrasen, grad wenn es um das schöne Geschlecht geht. Und die Überzeugungskraft, durchaus, die hie und da schon so begeisterte, daß der Aufzubauende völlig aufgeputscht über Dächer springen wollte, trotzdems dazwischen ziemlich tief runter ging.
Vielleicht ist das die Wesenheit des Advocatus Diaboli. Einem Don Chuan gegenüber wird er zum Eremiten, einem Eremiten gegenüber zum Don Chuan.
In jenen Tagen in jenem Turm in jenem Malteserhof war mein Gegenüber Thomas, ein liebenswerter, gescheiter, aber leider etwas zum Vergrübeln neigender Mensch, und ich war ein ganz schrecklicher Pluto…
Sehr wahrscheinlich dürfte diese über mehrere Tage intensiv erlebte Konstellation den Text maßgeblich geprägt haben.

Des Teufels drittes goldenes Haar: Ach, zwei Seelen in meiner Brust!

Die schlimmste Form des Advocatus Diaboli ist jedoch jene, der man unmöglich ausweichen kann. Die steckt mitten im eigenen Kopf, und egal, wie man es auch anstellt, die nimmt immer die Gegenposition ein und ist in jeder Position irgendwie treffender als man selbst.
Im Stück sind Pluto und Hyronimus zwar zuerst augenscheinlich ein sehr ungleiches Brüderpaar, aber am Ende wird sich herausstellen, daß die “Trennung” bei der letzten Pluto-Konjunktion mehr war als die Entscheidung, daß zwei Menschen zwei Wege gehen.
Sie sind eine Person, die sich in zwei spaltet, um getrennte Wege zu gehen: Der eine Teil als Verführer und Lebenskünstler, der andere als zurückgezogen weltflüchtiger Intellektueller.

Hyronimus und Pluto?

Hyronimus im Gehäus dürfte ein Begriff sein, (Dürer stellte ihn so in dem links sichtbaren Holzschnitt “Hieronimus im Gehäus” dar).
Warum der andere Typ “Pluto” heißt, ist allerdings um ein Geringfügiges komplexer. Er hat rein gar nichts mit dem völlig depperten Disney-Hund zu tun (obwohl die Assoziation in Bezug auf diverse Nâhtegal-Wölfe wiederum ein interessanter Ansatz wäre ;) ). Und auch wenn man nach Parallelen zum griechischen Unterweltsgott Pluto sucht, mag man als Neugermanist etliche Spitzfindigkeiten (re)produzieren, aber effektiv ist das ganze weitaus banaler, nämlich ein esotherisches Phänomen.
Schuld an dem Ganzen ist Diethelm, der eine gewisse Manie mit der Astrologie besitzt und mich damit ansteckte. Mit Pluto ist tatsächlich nicht viel mehr angespielt als der Planet in seiner astrologischen Dimension – was auch Hyronimussens Sternguckerei und die Parallelität Pluto-Pluto erklärt.
Der Pluto hat die je nach Sichtweise zuweilen unangenehme Eigenschaft, sich in albernen Zirkeln und Spiralen zu bewegen, ohne dabei wesentlich vom Fleck zu kommen, und leider ist er jener Planet, der als “Erneuerer” fungiert, wohlgemerkt aber nach einem Desaster, der das vorhergehende erst mal gründlich in Grund und Asche brennt.
Wenn man diesen kleinen (er ist kaum größer als der Erd-Mond) Planeten oder eher Planetoiden an einer bestimmten Stelle hängen hat, produziert er über relativ lange Zeiträume etwas, das ein astrologisches Adäquat zum Zirkeltanz darstellt – manchmal erscheint es fast als Erleichterung, irgendeine nicht so einfach zu ändernde kosmologische Rechtfertigung zu finden für den Bockmist, den man selbst und immer wieder verbricht, als ob es eine Art Sucht ist.
Aber das ganze ist wirklich nicht mehr als eine Spitzfindigkeit, Pluto braucht keine Namens-Erklärung, und ihm wäre es auch egal, wenn man ihn mit dem Disney-Köter mit der blöden Nase in Verbindung brächte – er spricht für sich.

Pole

In Pluto und Hyronimus ist das Verwirrende Verhalten der Frauen natürlich das zentrale Thema. Zuweilen fürchte ich, daß es zu dieser Zeit überhaupt das Standartthema war…
Die beiden Protagonisten verkörpern die zwei Extreme: Ist Pluto der Casanova, so hat sich Hyronimus verkrochen, um sich nicht mehr damit auseinandersetzen zu müssen. Natürlich sind beide Wege idotisch, und im Grunde haben beide Brüder durch ihre Einseitigkeit einen deftigen Riß in der Schüssel, auch wenn Pluto aufgrund seiner Extravertiertheit und Agressivität vorerst die Oberhand zu behalten scheint – letztlich entscheidet sich Puella für Hyronimus, und er ist es, der begreift.
Nach etlichem Gerangel mit Phrasen und Klischees und eingefahrenen Rollen verirrt sich – im Übrigen ausgerechnet Pluto nachlaufend, wie üblich – Puella auf die Szene.
Sie löst die Rivalitäten zwischen den Brüdern erst richtig aus, sie versuchen sich gegenseitig auszustechen, um sie zu beeindrucken, und es ist die verletzlich-sensible Seele Hyronimus’, die schließlich Puellas Herz erringt.
Übrigens, ehe Fragen kommen: “Puella” ist einfach lateinisch für “Mädchen” und hat keine andere Bedeutung, dieses kuriose Stück hatte nicht umsonst den Untertitel “Monolog für zwei Personen und Statistin”…

Aber unter uns: Ich mag Pluto viel lieber, wenn Hyronimus nach oben drängt, ist das meist mit so einem klebrigen Selbstekel verbunden, der auf Dauer nervt.

Textentlehnungen

Neben diversen auf den Punkt gebrachten einschneidenden Erlebnissen fanden auch zwei ältere Textschnipsel Eingang in den Text, indem sie Hyronimus als literarische Ergüsse in den Mund gelegt wurden.
Das ist zum einen der alberne Text “Wollt ihr was von den Frauen hören?”, zum anderen das Gedicht “Ein Ast vom Baum des Lebens”. Das ganze ist schon durch das Zuordnen zu Hyronimus stark ironisiert, aber die Antwort Plutos hat mir stets auf der Bühne ungemein Spaß gemacht.
Als Puella auf Hyronimus’ Weltschmerz mit einem anteilnehmenden “So einsam bist Du?” reagiert und Pluro seine Felle wegschwimmen sieht, grölt er – gemein und ekelig peinlich – die folgenden Knüppelverse heraus:

Wollt es sein,
Stieg allein
Auf den hohen Hügel.
Dort,
Auf mein Wort
Straffte stolz die Zügel -
Der Hyronimus!
Und dieses war der Schluß,
Daß er’s Teleskop
An Auge hob -
Denn von Sternen
Wollt er lernen,
Die droben stehn am Himmel -
Und in der Nacht,
Wenn er wacht,
Spielt er oft,
Und oft auch unverhofft
An seinem armen Pimmel,
Ganz allein,
Oh nein.
Und oh Schreck, ein Fleck!
Ja, der Hyronimus,
Wenn er muß,
Poliert
Überaus studiert
Sich seinen Schwanz -
Und er kanns
So fabelhaft gelehrt
Daß dieser zuckend
Eiweiß spuckend
Ihm schnell Erleichterung beschert!
Ja, mein Bruder,
Dieses Luder,
Putzte sich das Rohr,
Wenns gefror
Eine jede Nacht -
Hab acht,
Liebes Kind
Denn geschwind
Und prommt
Es kommt
Wenn es kommen muß -
Oh Hyronimus!

Nach der getragenen Sprechweise des Stücks hat diese Sequenz (meist auch noch von schrägen Gitarren-Geschrabbel begleitet) eine wunderbar schockierende Wirkung auf das Publikum gehabt, bis es sich endlich zu lachen traute.

Plyronimus

Das Stück hat ein Happy End, auch wenn es ziemlich absurd ist, zumal in der Inszenierung: Als Hyronimus seine Gefühle zu Puella erwidert sieht, traut er sich aus seinem Gehäus heraus und reicht seinem Bruder die Hand.
Die beiden werden wieder zu einem, ganzen Menschen und das Stück endet mit einer Umarmung der drei Akteure.

Als ich ein Jahr später “Fight Club” im Kino sah, war ich neidisch: Den anderen zu töten, indem man sich selbst in den Kopf schießt, ist auch nicht schlecht…


Navigation<< Dramen – 3. NarrenwahnDramen – 5. Politicon >>

[Norman Liebold, 14.02.2006
Dramen, Hintergründe
Kommentare: Keine Kommentare » ]



Sagen Sie etwas dazu!




Dramen – 4. Pluto und Hyronimus

DER SCHRIFTSTELLER NORMAN LIEBOLD

BUCHLADEN | eBOOKS BÜCHER | SCHMÖKERECKE | AUTORENGEFASEL | LESUNGSTERMINE