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[Dieser Artikel ist der 3. von 8 Teilen in der Reihe Hintergrund Dramen]

Hintergrund Dramen - Inhaltsverzeichnis

Dramen – 1. Einführung
Dramen – 2. Bardentod
Dramen – 3. Narrenwahn
Dramen – 4. Pluto und Hyronimus
Dramen – 5. Politicon
Dramen – 6. Spiegelbruch
Dramen – 7. Totentanz
Dramen – 8. Zirkeltänze

Entstanden Herbst 1997.
Uraufgeführt am 18.05.2001 im CVJM Siegburg
mit Vera Walterscheid (Prinzessin), Robert Christott (Satyr), Jenny (Hure Babylon), Marc Siller (Wanderer) und Norman Liebold (Narr).
Enthalten in Dramen


14-Nov-1999 14:03

“Narrenwahn” ist ein seltsames Stück. Zum einen ist es eine Parodie der Nâhtegal-Bilder, zum anderen liegt ein derartig harter Zynismus darin, daß ich selbst erstaunt bin.
Das Stück nimmt eine der zentralen Motive aus den “Zirkeltänzen”, den Traum vom Drachen, um mit ihm zu spielen und eine geradezu moderne, zum Teil sehr heftige Szene zu entwickeln, die absurd und schonungslos auf dem Narren herumhackt, der sich Rosen- und Drachenbilder ausdenkt und ganz in seiner Welt hängt, ohne die Realität sehen zu können.
Es spielt mit Realitätsverschiebungen: Zuerst mi
der zwischen den sadistischen Spielern und dem Narren, dann mit der Diskrepanz zwischen Bühne und Realität.

Die Story

Irgendwann nach einer Aufführung auf einer leeren Bühne trifft der Wanderer ein, der sich durch die Erwähnung, daß er im Kreise wandert, als der Wanderer aus den Zirkeltänzen zu erkennen gibt. Er will eigentlich nur einen Schlafplatz für die Nacht, rutscht aber in ein seltsames, spätnächtlichen Possenspiel herein.
Eine Reihe von Leuten – ziemlich eigenartige Figuren – stören ihn in seiner Ruhe, indem sie anfangen, eine Art Bühnenbild aufzubauen. Sie laden den Wanderer ein, mitzuspielen, und er – da er so ja nicht schlafen kann – spielt mit, ohne zu wissen, was vor sich geht.
Die komischen Leute, die “ihren Spaß haben wollen”, lassen den Narren bringen, ein offensichtlich Verrückten, der glaubt, ein Drache zu sein und das Bühnenbild (eine Discotheque) als Realität akzeptiert.
Die Spieler lesen, während der Narr die Bühne betritt, aus einem Buch vor, in dem eine äußerst dramatische und pathetische phantastische Geschichte steht:
Ein Drache in Menschengestalt, mächtig, magisch und weise, kommt in die Menschenwelt, um einen Drachen zu erwecken. Der Drache ist die niedliche “Prinzessin”, die in der letzten Nacht die Rolle der “Hure Babylon” hatte, ist also austauschbar (auch wenn sie – natürlich – grüne Augen hat).
Nach einer offensichtlichen Machtphantasie, in der der Narr scheinbar mit der Kraft seines Blickes nicht aushaltbare Schmerzen in seinem Rivalen erzeugt, entführt er die Prinzessin in den Drachendom unter dem Nebelmeer – oder glaubt das vielmehr. Die Spieler arrangieren das Bühnenlicht und die Geräusche entsprechend, um ihm diese Illusion zu ermöglichen und ergötzen sich an seiner Realitätsverirrung. Sie machen sich auch den Spaß, den Hall im Drachendom zu imitieren, indem sie auf das Gesprochene alberne Reime flüstern.

Der Wanderer kann das alles nicht fassen, er ist abgestoßen und entrüstet über die Weise, wie die Spieler mit den Gefühlen des Narren umspringen, um sich selbst Vergügen daraus zu ziehen.
Aber als er die Stimme erhebt, interpretiert der Narr das gänzlich anders: In seinem Drachendom kann es keine Menschen geben, nur die “Zwischenweltler” – sein persönlicher Alptraum – kommen zuweilen hinein. Er gerät in helle Panik und dreht fast durch.
Für Satyr, den Initiator dieses sadistischen Spieles, ist es ein zusätzlicher Genuß und Spaßfaktor, und das Stück kippt und wird reichlich unheimlich.
Der Wanderer läßt sich aber nicht zu Schweigen bringen – seinw wiederholtes Stören zwingt die Spieler, für den Narren eine weitere Realitätskonstruktion zu schaffen, indem sie als “Träume des Drachen” auftreten, um ihm die Stimmen im Dom zu erklären.
Der Wanderer versucht, das Spiel zu beenden, Babylon schubst ihn ins Dunkel zurück und will ihn einfach nur zum Schweigen bringen, aber als er weiterhin ruft und schreit, geht es mit ihr durch, sie wird hysterisch und im Affekt nimmt sie einen schweren Gegenstand und schlägt auf ihn ein – und tötet ihn.

Der Narr bemerkt von alledem nichts, er will nur seinen Drachen erwecken – oder eigentlich nur seiner Verliebtheit in die Prinzessin Raum geben -, aber in dem Moment, wo seine Liebe Erfüllung erhalten würde, macht Satyr einfach das Licht wieder an und reißt ihn aus seinem Traum, schleudert ihn in die unangenehme Wirklichkeit, wo die ganzen Voyeure einschließlich der geliebten Frau ihn einfach nur auslachen, kurz Beifall klatschen und abgehen.

Die Schlußszene ist gegen das Publikum gerichtet, das letztlich nicht anders als Satyr und seine Kompane sich am Leiden des Verrückten ergötzt haben. Der Narr entdeckt den erschlagenen Wanderer und schreit dem Publikum seinen Haß entgegen: “Hat es Euch gefallen? Hat es Euch ergötzt?”
Die Spieler kommen herein und schleifen ihn schreiend hinaus, der Lichtmeister kommt, schließt traurig dem Wanderer die Augen und löscht das Licht.

Die Entstehung der Stücks

25-Apr-2007 12:27

Die Parallelen zu den “Zirkeltänzen” sind offensichtlich. Der Wanderer taucht als Figur auf, ebenso wie die zynische Art des Satyrs stark an den Schatten gemahnt. Auch die “Elfe” ist wieder mit dabei und natürlich der Drachen-Traum.
“Narrenwahn” ist fast ein sehr bitterböser Kommentar, eine zynische Parodie der Zirkeltänze und macht sich auf fiese Weise über den Zirkeltänzer und seine Mythen lustig.
Herausgekommen ist dabei allerdings ein Stück, das, als wir es 2001 uraufführten, eine erstaunliche Bühnenwirkung hatte und sehr viel Spaß beim Spielen machte. Es steht für sich und braucht die Zirkeltänze nicht.

Narrenwahn und Nâhtegal

Auch hier ist es ähnlich wie bei den “Zirkeltänzen”. Das Stück benutzt eine Vielzahl von Nâhtegal-Metaphern, ohne ein “echtes Nâhtegal-Stück” zu sein. Es hat nicht die märchenhaft-erzählende Struktur wie, zum Beispiel, die dramatischen Texte in Der Minnesänger-Komplex oder im Märenborn, es wäre eher modern und absurd zu bezeichnen, besonders, da es die eigene Fiktion mehrfach selbst zerbricht – einmal durch das “Spiel”, dann durch die Enttarnung der Bühnensituation selbst.
Das Motiv des Drachendomes ist hier die Wahnvorstellung eines Verrückten, während es im Nâhtegal-Zyklus, zum Beispiel im “Drachenpriester“, sich selbst als schöne Geschichte ernstnimmt.
Trotzdem finde ich es persönlich interessant, wenn ich auf dieses 9 Jahre alte Stück zurückschaue und sehe, wie das Drachenbild entstanden ist, dann ein Eigenleben entwickelte, um schließlich zu einer so verträumten Märchengeschichte wie dem Drachenpriester zu werden.

Resümé

14-Nov-1999 13:52

Ebenso wie “Zirkeltänze” (1997), “Bardentod” (1998) und das nicht veröffentlichte Stück “P – absurdes Spiel in 19 Bildern” (1996) ist Narrenwahn das ziemlich unreifes Stück eines Jugendlichen (ich ging noch zur Schule, damals!). Trotzdem besitzt es aber einige Qualitäten, die uns bewogen haben, es letzthin mit in die “Dramen” aufzunehmen.


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[Norman Liebold, 14.02.2006
Dramen, Hintergründe
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Dramen – 3. Narrenwahn

DER SCHRIFTSTELLER NORMAN LIEBOLD

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