Amazon.de Widgets
NORMAN-LIEBOLD.COM | LIEBOLDBUCH.DE | LESEPERFORMER.DE | LIEBOLDKUNST.DE | LIEBOLDPHOTO.DE | LIEBOLDDESIGN.DE | SIEBENKUNST.DE | SIEBENGEBIRGSKRIMI.DE | WORTANKLANG.DE

WWW.LIEBOLDBUCH.DE
[Dieser Artikel ist der 3. von 4 Teilen in der Reihe Hintergrund Die Sieben Kelche]

Hintergrund Die Sieben Kelche - Inhaltsverzeichnis

Die Sieben Kelche – 0. Allgemein
Die Sieben Kelche – 1. Das Buch der Irrungen
Die Sieben Kelche – 2. Das Buch der Wandlungen
Die Sieben Kelche – 3. Das Buch der Heilung

24-Apr-2007 14:39

24-Apr-2007 14:31

24-Apr-2007 13:59

Das “Buch des Wandels” könnte auch das Buch der Tore genannt werden. Nâhtegal wird durch den Trank des Muts in eine Parallelwelt geschleudert, die aus einem Alptraum zu stammen scheint.
Es ist beständig Nacht, das Land versinkt in einem zähen, ekelerregenden Morast und überall wächst ein schwarzes Dorngerank, das alles überwuchert und erstickt.
In diesem Zwischenreich befindet sich der “Dom”, jetzt nur noch Ruine, aber seine vier Tore sind ausschlaggebend für Nâhtegals Entwicklung im zweiten Buch. Ein jedes Tor reißt ihm eine seiner Masken vom Gesicht, sein Selbstbild wird zerstört, bis er am Ende wirklich nackt ist, gereinigt von Selbsttäuschungen würdig, auf die dritte Ebene zu steigen.

Kapitel 8.: Nebelland

Tarot-Entsprechung: VIII DIE KRAFT

Nâhtegal findet sich in “Nebelland” wieder, am Ufer eines Sees, der so riesig ist, daß er kosten muß und Süßwasser schmecken, ehe er begreift, daß es kein Meer ist. Riesige Muscheln und Ammonshörner aus Silber liegen am Strand, und durch die Wasser ziehen die Schlangendrachen.
Er braucht eine Weile, um zu verstehen, daß er auf der anderen Seite des Nebels ist. Wenn er jetzt die Melodie spielt, sieht er die “reale” Welt in den dunstigen Schleiern.
Es dauert nicht lang, und er muß begreifen, daß mit dem Land etwas nicht stimmt. Aus dem Meer kommt ein gigantisches Ungeheuer, lauter Tentakel mit einem Auge darinnen und einem Maul für ein Haus groß genug. Er flieht in den Wald, hört enttäuschtes Jammern und sieht zurückspähend, daß das Ungeheuer am Strand hockt und offensichtlich einsam und traurig ist, aber die Furcht ist größer als das Mitleid, daß Nâhtegal zu seinem Erstaunen fühlt. Er schlägt sich weiter in den Wald.

Der Wald ist krank, die Bäume abgestorben. Der Boden ist schleimiger, schwarzer Morast, und überall kriechen die Ranken mit messerscharfen Dornen. Nâhtegal kann ihnen beim Wachsen zusehen, so schnell wuchern sie. Mühsam kämpft er sich vorwärts, bis er ein Licht sieht und auf eine Lichtung gelangt.

Die Kapelle

Die Lichtung und die Kapelle, die darauf steht, sind vor den Dornenranken geschützt. Zwar versucht das Gewächs, über die Lichtung zu kriechen, aber es verdorrt, sobald es über die imaginäre Grenze gelangt ist.
Die Kapelle ist das Herzstück des Nebellandes. Als Nâhtegal sie betritt, fallen ihm die Schnitzereien und Steinmetzarbeiten auf, die sie verzieren, und er ahnt, daß das schwarze Rankengewächs einstmals etwas Schönes war, Wein vielleicht, sich aber verwandelt hat durch irgendetwas.
Trotzdem draußen ewige Nacht ist und in der Kapelle kein Licht brennt, ist es hell. Licht dringt durch die Fenster, als ob draußen hellichter Tag wäre, und das Licht wandelt sich mit den Stunden, so als ob draußen ganz normal der Tag zur Neige ginge. Die ewige Nacht hat keinen Einfluß auf die Kapelle.
Im Inneren entdeckt Nâhtegal sieben große Fenster, in deren Scheitel ein Kelch abgebildet ist mit einer Zahl. Im ersten Fenster und im zweiten sind die Kelche zu erkennen, und er erkennt sie wieder: es sind die beiden, die er bereits getrunken hat. Darunter zeigen sich Bilder. Unter dem ersten Kelch der Steg, auf dem er ihn trank, umringt von Schlangen. Das Bild unter dem zweiten Fenster zeigt ein Gleichnis seines Übergangs zur Nebelwelt.
Als er die anderen Bilder beschauen will, stellt er fest, daß sie nur aus dem Augenwinkel Bilder zu zeigen scheinen, beim direkten hinschauen aber ein kubistisches Wirrwarr an Farbenmosaiken.
Das Gewölbe der Kapelle zeigt das angefangene Fresko eines riesigen Schlangendrachens, aber erst zwei der Bereiche sind fertig. Der Altar ist ohne jede Verzierung.

Die Kapelle sind die “Sieben Kelche” und zugleich Nâhtegals Wanderschaft. Er kann nur das erkennen, was er bereits erlebt hat – die zwei Kelche, die er bereits trank, das, was er von den Schlangendrachen schon begreifen kann.
Die Kapelle wird im dritten Buch wieder auftauchen, um Stück für Stück vollständiger zu werden.
Nâhtegal erinnert sich an seine Vision, die ihn hatte über dieses magische Land fliegen lassen, um ihm zuletzt sein Wachtraumgesicht zu zeigen. Das Land ist verändert, aber er hofft, Landmarken wiederzuerkennen und macht sich auf den Weg, die Insel im See zu finden.

Kapitel 9.: Domruinen

Tarot-Entsprechung: IX DER EREMIT

Nach endlosem Irren stößt Nâhtegal auf einen alten Torbogen, der als Ruine und ohne Mauer im Wald steht – und, er weiß selber nicht, warum, es hat etwas symbolisches für ihn, tritt er durch ihn hindurch.
Er findet sich im Innern einer Domruine, auf einer Wiese, die von der Sonne beschienen wird, und drüber spannt sich blau der Himmel. Wenn er durch das Tor schaut, blickt er n den finsteren Sumpf voller Dornen, in dem ewige Nacht herrscht.
Der Weise wartet bereits auf ihn, und Nâhtegal, ihn fragend, wie er sein Wachtraumgesicht finden kann, erhält die Antwort:

[…] “Du bist fast schon da. Siehst Du dort
das andre Tor?” Ich folgte seinem Blick,
und auf der andern Seite der Sonnenwiese
öffnete sich spiegelgleich ein zweiter Bogen,
dahinter die Nacht dunkel wogte.
“Durchschreitest Du dieses Tor, bist Du
im Herzen dieses Landes. Und das Herz des Landes
ist niemand anderes als die Du suchst.
“Schon wollte ich durch Sonn und Gräser laufen,
doch der Fremde, er hielt an der Schulter mich zurück.
“Der Weg ist weiter, als Du glaubst!” sagte er,
“Du wirst Federn lassen müssen dort hinüber!”
Ich schaute zum Tor, es war nicht weiter
als vielleicht drei Dutzend Schritte.
“Du mußt ihr nackt gegenüber treten,
denn auch sie ist nackt. Deine Masken,
sie nützen Dir nichts, sie spricht nur mit Dir,
und alles, was Du nicht bist,
mußt Du auf dem Wege lassen.
Es wird Dir entrissen werden, und ich sage Dir,
das wird nicht leicht für Dich!
Vier Tore liegen zwischen Dir und dem,
was Du zu finden hoffst, vier Tore,
und ein jedes reißt Dir eine Maske vom Gesicht,
ein jedes wird schmerzvoller als das vorige!
Und noch kannst Du zurück, wend’ Dich um
und geh durch das Tor, durch das Du gekommen bist!”
Ich fuhr ihn an:
“Und dann? Ist’s nicht so, daß dies der einz’ge Weg,
Die andern Kelche mir zu erwerben?”

Kapitel 10.: Das erste Tor

Tarot-Entsprechung: X DAS GLÜCK/SCHICKSAL

Nâhtegal findet sich in einem Hauseingang in Köln wieder. Seine Kleider sind von den Dornen Nebellands zerrissen, er selbst über und über mit Schlamm verkrustet. Er hat nichts, die Menschen starren ihn an wie einen Verrückten, und in einem Schaufenster widergespiegelt stellt er fest: zu recht.
Es ist seine Flöte, die ihn rettet. Verloren und einsam will er sich mit dem Klang der magischen Melodie trösten, und die Menschen sind verzaubert. Sie werfen ihm genug Geld zu, während er spielt, daß er sich davon neue Kleider kaufen und ein billiges Zimmer nehmen kann.
Aber er weiß nicht, was das soll, warum er hier ist.

Im ersten Tor wird Nâhtegals Glauben an seine Einmaligkeit als Mensch zerstört. Er erlebt die Stadt mit ihren Unzähligen Bewohnern, von denen er ein einzelner ist.

[…] All diese Schicksale, eng an eng
wie in jenem Hause dort,
wo ein Fenster neben und über dem andern klebte,
hundert Fenster, tausend Fenster.
Wie viele Menschen
wohnten dort? Übereinandergestapelt wie Schuhkartons
die Räume, in jedem war ein Mensch,
standen Dinge, die ihm was bedeuteten, tausendfach,
überall ein Licht, ein Tisch, Stühle, Schränke, Bücher,
Gedanken, Gefühle, Schicksale. Es erschlug mich,
mehr kann ich nicht sagen, es war zu viel.
Ein Schicksal konnte ich mir vorstellen, auch zehn,
zehn Leben von Geburt bis Tod, voll Lieben,
Hoffen, Hassen, Zweifeln, Ängsten, doch tausend?
Millionen? Milliarden? Eng an eng, und ich,
ich eines davon, ein Milliardstel? Ich stürzte, stürzte
in mich zurück, die Melodie verklang mit schrägem Ton
und hallte ängstlich wider in der Häuserschlucht.
Etwas wie Verzweiflung war in mir, ich konnt
nichts mehr denken, nichts mehr fühlen, war
nichts mehr als ein Sandkorn in der Wüste.

Er versucht verzweifelt, seiner Vereinsamung, seiner Verlorenheit Herr zu werden, aber es verfolgt ihn, in Zeitungs-Schlagzeilen liest er von Katastrophen und Kriegen, er erlebt einen Autounfall mit, wo Leben einfach ausgelöscht werden, und schließlich fühlt er sich als ein unwichtiges Nichts, als einer von Milliarden, der jederzeit und ohne Spuren zu hinterlassen wieder verschwinden wird.
Er irrt durch die Stadt, will nur Ruhe und verkriecht sich schließlich auf einem Friedhof.

Kapitel 11.: Das zweite Tor

Tarot-Entsprechung: XI DIE GERECHTIGKEIT

Das ist eines meiner Lieblingskapitel, und ich möchte dazu gar nicht allzuviele Worte verlieren. Ich stelle es hier einfach vollständig online zum Lesen.
Nâhtegal findet auf dem Friedhof keine Ruhe, kaum ist er da, kriecht ein redseliges Skelett aus einem Grab, hustet Staub und fühlt sich sehr philosophisch aufgelegt.
Auf Nâhtegals Fragen hin – wann hat man schon die Möglichkeit, jemanden zu Fragen, der den Tod gesehen hat – doziert es aber nur graue Theorie und faselt vor sich hin.
Nâhtegal begeht den Fehler, ihm das zu sagen, woraufhin das Skelett nicht nur beleidigt ist (es ist nämlich nicht sehr kritikfähig), sondern sehr ungehalten wird. Es rächt sich, indem es unseren Spîlman psychologisch auseinandernimmt und ihm sämtliche Selbstbilder hemmungslos zertrümmert.
Nachdem Nâhtegal den Glauben an seine Einzigartigkeit im ersten Tor verlor, verliert er jetzt sein Bild von sich selbst.

Kapitel 12.: Das dritte Tor

Tarot-Entsprechung: XII DER GEHÄNGTE

Der Gehängte im Tarot steht auf dem Kopf, und er sieht plötzlich seine Welt aus einem gänzlich anderen Blickwinkel. Es ist schmerzvoll, aber zugleich begreift er seine Welt vollständiger.
Nâhtegal, am Morgen vom Friedhof kommend, völlig zerstört, schreitet durch das große mittelalterliche Tor in Köln, das in diesem Moment für ihn zugleich das Tor zu Nebelland wird: Er findet sich wieder im Inneren der Domruinen, und er hat die Wiese überwunden, steht vor dem Tor, daß ihn zu seinem Wachtraumgesicht bringen soll.

Aber in dem Moment, wo er hindurchgehen will, tritt ihm von der anderen Seite her der Dunkle Prinz entgegen. Das Tor ist Spiegel, aber Nâhtegals Spiegelbild ist gleichsam aus einem Alptraum entsprungen:

Er schien mir wie ein Spiegelbild sich zu verhalten:
Von der selben Seite war er aus dem Morast getreten,
stand nun ganz wie ich im Bogen, hatte gar
dieselbe Haltung inne, starrte mich an, wie wohl ich
ihn nicht viel anders anstarren mußte.
Doch es war gewißlich kein Spiegelbild!
Der Mann dort war nicht ich! Er war ein Monster fast:
Verwachsen und mit glüh’nem Blick schien er mir
wie der Leihaftige daselbst. Seine Haut
war mit Schwüren bedeckt, sein Gesicht war blaß,
das Haar ihm ausgegangen. Und doch: Seine Züge
waren gleichsam die Meinen, nur verzerrt und grotesk,
und plötzlich kam mir ein Begreifen:
Die Landschaft hinter diesem Tor war spiegelgleich
mit jener hinter dem anderen! Jede Ranke, jeder Baum,
die Hügel unter dem bleichen Mond, alles war
Spiegelbild! Ein Tor spiegelte sich in dem Andern!
Ich hob die Hand, und die häßliche Gestalt tat’s auch.
Ich verzog das Gesicht grimmasierend, und sie,
sie tat’s mir gleich, ihre Züge entgleisten,
es war grauenhaft, fast als wollte ihr das Fleisch
vom Schädel springen, doch es waren ohne Zweifel
meine eigenen Grimassen, wenn auch grotesk verzerrt.
Das war mein Spiegelbild! Ich schrie.
Auf dem Boden vor mir lag ein Stein, ein Bruchstück
vom Gewölbe wohl, und mit aller Kraft hieb ich
mit diesem auf den Spiegel ein, und mein Spiegelbild,
es hatte einen schlamm’gen Stein aufgeklaubt
und tat grad wie ich, von der andern Seite aus.
Als der Riß sich zeigte, bebte alles rings umher.
Innehaltend starrte ich den Andern an. Er starrt’
zurück – meine eigne bitterböse Karikatur – und
plötzlich bekam ich Angst. Was hatte ich getan?
Was wußt ich schon von dieser mag’schen Welt?
Der Riß weitete sich, verästelnd kroch er
über die ganze Fläche im Bogen hin, und Dunkelheit
sickerte wie dunkles Blut aus ihm hervor. Sie floß
auf das Gras der Wiese, und sofort
verwandelte es sich zu Schlamm, und eine Dornenranke
kroch daraus hervor und wucherte so schnell
wie eine Schlange kriecht. Das dunkle Blut
floß wie der Schatten einer Wolke über Land,
und noch bevor der Spiegel mit einem Dröhnen barst,
war die Wiese und das Land schon Morast und Dorn.
Das Azur des Himmels zerplatzte grad wie der Spiegel
in tausend Scherben, die wirbelnd hinunter fielen
und unheimlich schimmernd im Morast versanken.
Doch mein Spiegelbild, das blieb stehen, schaut’
genau wie ich verwirrt um sich her und auf den Stein
in seiner krallenbewehrten Klaue. […]

Erschrocken, entsetzt und auch aus Angst zerschmettert er den Spiegel, und zugleich zerbricht die “heile Welt” innerhalb der Domruinen: Morast, Dunkelheit und Dornenranken überfluten sie, und das Spiegelbild ist nicht etwa fort, sondern tritt durch den leeren Rahmen auf Nâhtegal zu.

Kapitel 13.: Der dunkle Prinz

Tarot-Entsprechung: XIII DER TOD

Der Dunkle Prinz ist Nâhtegals dunkle Seite, seine Ängste, das, was er an sich haßt und fürchtet. Er verbannte es tief in sein Inneres, ebenso, wie er seine Ängste vor der Welt hierhin einschloss. Sie inkarnierten sich hier, waren voller Wut und Haß, daß er sie aus dem Leben vertrieb und verwandelten sich in Ungeheuer. Und diese Ungeheuer erkannten ihren Peiniger im Dunklen Prinzen wieder und griffen ihn an. Der Dunkle Prinz lebt ein Leben im Krieg gegen Monster, er trägt die Spuren unzähliger Kämpfe, ist verbittert und zynisch und voller Haß gegen Nâhtegal. Und er ist stark geworden und beherrscht hier, in seinem ureigensten Reich, Kräfte der Magie.

Nâhtegal fragt ihn, was dieses Land sei, und er bekommt eine Antwort, die ihm – nachdem er die Illusion seiner Einmaligkeit in der Stadt und die seiner Selbstbilder durch das Skelett verloren hat – auch den Glauben an seine innere Integrität raubt.
Dieses Land ist nichts anderes als sein Inneres, und er selbst hat es zerstört durch seine Dummheit. Der Trunk aus dem Kelch des Gifts öffnete die dunklen Höhlen, in die er seine Ängste verbannt hatte und all das, was er nicht sehen wollte, und wie das Gift in seinen Venen kriecht, so kriecht Dorngewächs und Schlamm durch das Land.

Mit dem Zerschmettern des Spiegels befreit er den Dunklen Prinzen, und auch die Insel aus Tag im Innern des zerborstenen Domes wird von der Dunkelheit, den Ranken und dem Schlamm überflutet. Und der Dunkle Prinz fordert Nâhtegal zum Kampf, will ihn vernichten. Er ist ungleich stärker, brutaler und mächtiger, aber Nâhtegal und er sind eins:
Als sein Schlag Nâhtegal trifft und ihn quer über die Wiese schleudert, trifft er zugleich ihn selbst und noch härter. Nâhtegal sieht ihn am Boden liegen, nimmt ein schweres Trümmerstück und steht über ihm, um ihm den Schädel zu zerschmettern.
Aber als der Dunkle Prinz ihn anlacht und “Nur zu!” brüllt, begreift er, wer vor ihm liegt. Und er bittet um Verzeihung. Es vollzieht sich ein Wandel im Dunklen Prinzen, als hätte er nur darauf gewartet. Er reicht Nâhtegal die Hand, und als dieser einschlägt, verwandelt er sich in den dritten Kelch, und getrunken verschmilzt er wieder mit seinem anderen Ich.
Nâhtegal gewinnt viel zurück, seine Kraft, wie die Eingangskarte dieser Tarot-Ebene verspricht. Er hat den Löwen in sich befreit und sich mit ihm arrangiert.

Das Bild des Kampfes mit sich selbst, mit seinem anderen Ich, ist nicht nur in Nâhegal-Bilderwelt ein stehender Topos, es gehört zu den archetypischsten Bildern unserer Kultur. Bereits in den Gralsepen des Mittelalters taucht es auf.
Im Nâhtegal-Zyklus erscheint es sehr ähnlich im Spiegelbruch, als Animus aus dem zerbrochenen Spiegel tritt, um den Auctor in die Mangel zu nehmen. Auch in dem Märchen “Die Sage vom Ewig Kämpfenden Ritter”“(1996) aus “Krähe und Nachtigall” ist das Bild bereits angelegt. Es symbolisiert die Auseinandersetzung mit sich selbst, mit seinen dunklen Seiten, die aber nichtsdestotrotz Teil von uns sind.

Kapitel 14.: Das vierte Tor

Tarot-Entsprechung: XIV DIE MÄSSIGKEIT

Diese Sequenz geht auf einen alten Text von mir zurück mit dem Titel “Der wahre Weg”. Dieser Text entstand 1996, und ähnlich wie bei dem Kampf von Dunklem Prinz und Nâhtegal, der bereits in “Die Sage vom Ewig Kämpfenden Ritter”, ebenfalls 1996 enstanden, angelegt ist, zieht sich hier das Bild von den ersten Anfängen des Nâhtegal-Zyklus hindurch.

Nâhtegal hat in den drei Toren alles verloren, was man als “Selbstbild” bezeichnen könnte. Er ist nackt und hat keine Masken mehr. Und jetzt wird das letzte in Zweifel gezogen: Der Glaube daran, daß man die Welt wahrnehmen kann und nicht irr irgendwelche Wahngestalten sieht.
Ihm zeigt sich das Flammentor, das ihm als der einzige Weg erscheint, und er glaubt, endlich den Ausweg gefunden zu haben. Er sieht rechts und links des Weges Gestalten, die sich in die Dornenhecken stürzen und sich dabei die Augen ausstecken und das Fleisch von den Knochen zerren, ein Mann versucht, in ein Blatt hineinzukriechen, ein anderer in einen Stein oder in eine schlammige Pfütze. Und alle schreien sie, daß sie vor sich das Tor und den wahren Weg sehen.
Nâhtegal begreift, daß auch er, der er sich “Der wahre Weg!” schreien hört und das Flammentor sieht, vielleicht gerade gegen eine Wand läuft und sich den Schädel einschlägt, und er muß eine Entscheidung treffen: Er sieht nur diesen einen Weg, er weiß, daß er möglicherweise eine Täuschung ist, aber er hat nur diesen einen.
Er hört auf, die anderen aus den Hecken und Pfützen zerren zu wollen, um ihnen den “wahren Weg” zu zeigen – denn vielleicht sind sie ja in Wahrheit auf dem richtigen, oder zumindest nicht auf einem falscheren als er. Und er geht seinen Weg. Er steht zu sich, er ist mit seinem Inneren wieder in Einklang – und geht durch das Flammentor in die dritte Ebene und das dritte Buch.


Navigation<< Die Sieben Kelche – 1. Das Buch der IrrungenDie Sieben Kelche – 3. Das Buch der Heilung >>

[Norman Liebold, 14.02.2006
Die 7 Kelche, Hintergründe
Kommentare: Keine Kommentare » ]



Sagen Sie etwas dazu!




Die Sieben Kelche – 2. Das Buch der Wandlungen

DER SCHRIFTSTELLER NORMAN LIEBOLD

BUCHLADEN | eBOOKS BÜCHER | SCHMÖKERECKE | AUTORENGEFASEL | LESUNGSTERMINE