Das erste Buch der Sieben Kelche finde ich heute etwas zäh. Trotzdem enthält es einige sehr hübsche Sequenzen. Dem Leser, der diese Seite hier aufgesucht hat, wird es um die “Hintergründe” gehen, um das, was man (argh!) in der Germanistik “Intention” zu nennen pflegt und um Anekdötchen, was wohl im Leben des Autors dafür Pate stand. Ich will mich bemühen, soweit möglich, eine Sätze dazu zu verlieren (und hoffen, daß sie nicht wiedergefunden werden).
Das “Buch der Irrungen” beschreibt Nâhtegals Ausbruch aus dem Traum der Realität. Es spielt noch gänzlich im Diesseits, in das Anderwelt bzw. die Rätsel des Seins hineindringen, ohne daß er Antwort darauf finden kann.
Er sucht den zweiten Kelch, hat aber keinen Ansatzpunkt, wo er ihn finden kann und versucht verschiedene Wege.
“Das Buch der Irrungen” kann im Nâhtegal-Kontext mit der Phase des “Minnesänger-Komplexes” gleichgesetzt werden.
Tarot-Entsprechung: I DER MAGIER
Nâhtegal sitzt in der Nacht auf einem Steg am See, er hat sich von einer Gesellschaft (einer Party vielleicht) zurückgezogen, denn er ist verwirrt von sich und seinem Leben. Zum einen fühlt er, daß ihm die Antworten nicht mehr ausreichen, daß unter den Dingen mehr ist, als er sehen kann, zum anderen aber verwirren ihm seine Gefühle dem anderen Geschlecht gegenüber. Er ist immer in vier Frauen zugleich “verliebt”, die denkbar unterschiedlich sind und in ihm je eine Saite zum Schwingen bringen – aber keine von Ihnen will er “wirklich”.
Er sieht in senen Träumen und in seinem Gefühl immer die Eine, und die Vier haben immer einen Teil mit ihr gemein, aber eben nur den Einen.
Er will wissen, wer die Eine ist, er will Antworten auf seine Fragen, warum er hinter den Dingen mehr sieht als die anderen.
Der Weise aus Anderwelt
Das Begehren der Antworten ruft den Weisen aus Anderwelt auf den Plan, der ihm bis zum Ende immer wieder begegnen wird, um ihn zu leiten. Er kommt über die Wasser hin geschritten und spielt dabei auf seiner Flöte die Melodie, die die Nebel zwischen Diesseits und Jenseits zu heben imstande ist. Die Melodien finden Widerhall in Nâhtegal, er kennt sie, ohne sie greifen zu können.
Der Weise bietet ihm auf sein Fragen hin einen Kelch zum Trunk an und erklärt, daß er ausgetrunken Antworten verspricht. Nâhtegal sieht in den Kelch und ahnt Antworten und fragt nicht weiter, was der Weise meint, als er spricht:
Du fühlst einen Hunger in Dir drin
und weißt doch nicht, was ihn stillen könnt.
Für die Antwort gäbst Du viel,
doch frage ich: Gäbst Du auch genug?
Rings um die beiden tauchen jetzt zum ersten Mal die Seedrachen auf. Sie schwimmen im See der “realen Welt”, denn die Nebel sind dünn durch die Melodie, und was hier See ist, ist zugleich der See zwischen den Welten.
Nâhtegal trinkt, trotz seiner Furcht, er entscheidet sich, die Antworten finden zu wollen, und Schmerz durchbrennt ihn: er hat Gift getrunken, und das Gift wird ihn von Innen her ausbrennen, wenn er nicht in gesetzter Frist die sechs anderen Kelche findet und leert.
Wichtig hierbei ist: es geht nicht um den Tod Nâhtegals: Findet er die Kelche nicht, so wird er nur “stumpf” und kann nicht mehr nach Anderwelt schauen, er wird zu einem “gewöhnlichen” Menschen.
Als ich später den Film “Matrix” sah, konnte ich ein anderes Gleichnis für den Kelch des Gifts finden. Es ist ein archetypisches Moment, das in vielen Geschichten und Epen auftaucht, ein Initiationsritus, und wenn Morpheus Neo die zwei Kapseln anbietet, ist das durchaus vergleichbar: Es gibt kein Zurück, und man weiß nicht, was einen erwartet hinter dem Schleier. Und es ist schmerzvoll.
Die Szene selbst, der Steg in der Nacht, im Hintergrund im Haus andere Menschen, die aber plötzlich ganz fern sind, geht auf einen “magischen Moment” zurück, den ich 1996 erlebte. Einer dieser Augenblicke, wo alles den Atem anhält und man etwas “begreift”, ein Wendepunkt, ein Scheideweg. Ohne wasserwandelnde Andersweltler und Schlangen im See, natürlich, aber die Stimmung und das Ergebnis sind gleich. Der Moment 1996 war die Geburtsstunde des literarischen Nâhtegal-Zyklusses.
Tarot-Entsprechung: II DIE HOHEPRIESTERIN
Nâhtegal hat das Gift in sich, das ihn von innen her verbrennt. Aber der Anderweltler ist einfach in den See gesprungen, hat sich in eine der Drachenschlangen verwandelt und ist verschwunden, ohne ihm zu erklären, wo und wie er die Kelche finden kann.
Von der Notwendigkeit des Giftes in sich getrieben sucht er verzweifelt nach einem Anhaltspunkt. Da hört er – an einem See – jemanden Flöte spielen, und zwar genau jene Melodie, die auch der Alte spielte und die fähig ist, die Nebel zu heben.
Am Ufer des Sees begegnet er einem Mädchen, das die Flöte spielt. Sie kennt einen Teil des Melodie – vielleicht sogar die Ganze – bricht aber vor den letzten Tönen ab.
In diesem Moment beginnt Nebel auf dem See zu ziehen, und im Nebel sieht man verschwommen die Drachenschlangen schwimmen.
Aber das Mädchen fürchtet sich. Sie erzählt, daß man ihr ebenfalls den Kelch des Giftes angeboten hatte – nur war es bei ihr eine alte Frau, und der Kelch sah anders, aber sie hat ihn nicht getrunken, sondern abgelehnt. Jetzt sitzt sie am Ufer des Sees, schaut in die Nebel und sieht die Antworten greifbar nah und doch nicht erreichbar, ist aber damit zufrieden.
Sie lehrt Nâhtegal das Flötenspiel, aber als er drängt, ihm auch die letzten Töne zu lehren, lehnt sie voll Furcht ab: Sie traut sich nicht, sie zu spielen, denn dann kommen die Schlangen und die Alte und bedrängten sie, den Kelch zu trinken.
Im Grunde weiß das Mädchen mehr als Nâhtegal, sie kennt die Melodie bereits, aber ihre Furcht läßt sie stagnieren und sie offenbart ihm das Geheimnis nicht. Sie trennen sich, denn Nâhtegal kann ihrem Begehren nicht Folge leisten, am Ufer zu bleiben und mit ihr gemeinsam gewissermaßen nur schauend am Rande des Rätsels zu leben: Er hat das Gift in den Adern, er muß die anderen Kelche finden.
Die Flötenspielerin ist die erste von Nâhtegals Frauen, die ihn auf seinem Weg ein Stück weiter bringen, ihn etwas begreifen und reifer werden lassen. Der Weg des Wasser, den er beschritten hat, steht unter dem Zeichen der Hohepriesterin, und es werden immer Frauen sein, die für ihn ein Tor zu einer neuen Bewußtseinsstufe öffnen. Die Melodie, die er gelernt hat, läßt ihn nicht mehr los, er spürt, daß sie der Schlüssel ist, um weiterzukommen, und er spielt und spielt in der Hoffnung, die fehlenden Töne zu finden. Er reist umher, immer auf der Suche nach einem weiteren Ton, spielt allerorten die Melodie vor und verzaubert die Menschen mit ihr. Und zu seinem Geburtstag schenkt ihm eine seiner “vier Frauen” eine Spieluhr, wo die Melodie drauf gebannt ist. Seine Hoffnung, schon erloschen, leuchtet wieder auf: Es gibt die Melodie, irgendwo ist sie, sonst hätte sie den Weg auf die Spieluhr nicht gefunden, und er bricht auf zu seiner “Odyssee”.
Tarot-Entsprechung: III DIE KAISERIN
Nâhtegal irrt ein Jahr lang durch die Welt und jagt der Melodie hinterher, die er auf der Spieluhr gebannt bei sich trägt. Eine Reihe von Frauen verzaubern ihn, weil sie die Melodie zu kennen scheinen, sie singen, auf Instrumenten spielen oder als Bild malen, aber jedes Mal stellt sich heraus, das letztlich er selbst es war, der die Melodie spielend sie inspiriert hatte.
Er hört von einem mysteriösen Spîlman, der flötespielend durch kreuz und quer umherreist, und der – so wird Nâhtegal erzählt – die Melodie spielt, die er sucht. Er reist ihm hinterher, aber er scheint immer grad einen Schritt hinter ihm zu sein. Schließlich kann er nicht mehr, ist zu Tode erschöpft, ist alle Wege schon gegangen und an diesem Tiefpunkt entschließt er sich zu tun, was er gleich hätte tun können: Diejenige zu fragen, die ihm die Spieluhr geschenkt hatte, woher sie die Melodie hatte.
Tarot-Entsprechung: IV DER KAISER
Diese Kapitel ist ein Resümee des Minnesänger-Komplexes, und es ist in der Tat einer ganz bestimmten Frau gewidmet, die wie keine andere vom Minnesänger gequält wurde. In der “Realität”, leider Gottes.
Die “Spieluhr” existiert im Übrigen wirklich, und es ist auch kein Wunder, daß sie in verschiedenen Texten immer wieder auftaucht. Ich bekam sie von ebenjener wundervollen Frau 1999 geschenkt, und es war etwas ganz besonderes, denn mir wurde meine Minnesänger-Verbrechen damit verziehen, und es konnte eine schöne und wertvolle Freundschaft daraus entstehen.
Die zentrale Geschichte um die Spieluhr ist einfach: Das Mädchen, von Nâhtegals Melodie verzaubert, schreibt sie in Noten mit, läßt sie als Spieluhr bauen und schenkt sie ihm. Er hört die Melodie darauf und glaubt, daß dies ein Beweis dafür ist, daß irgendwo ein “Meister” lebt, der die Melodie kennt und sie ihm lehren kann. Er beginnt ihn zu suchen, reist kreuz und quer, und hört von einem Flötenspieler, der umherreist und eben die Melodie spielt, die die Menschen verzaubert.
Daß dieser Flötenspieler er selbst ist, und er niemand anderes hinterherreist als sich selbst, begreift er erst am Ende seiner Odyssee, als er fragt, woher die Melodie auf der Spieluhr kommt.
Er gleicht darin Parzifal, der all die Leiden erleiden muß, weil er zu feige, bzw. zu höflich ist, die Frage nach der Herkunft der Wunder Anfortas zu stellen – während das Stellen der Frage die Heilung in sich birgt. Wie Parzifal muß Nahtegal erst eine Irrfahrt hinter sich bringen und am Ende sein, ehe er den Mut findet, zur Fragen.
“Die Spieluhr” enthält, wie ich finde, eine der treffendsten Zusammenfassungen des “Minnesänger-Komplexes”:
Ich wußte plötzlich, wovor ich immer Angst gehabt:
Daß sie, die ausschaute
wie das Wachtraumbild ausgeschaut,
nicht seine Augen hätte und weniger noch
seine Seele, seinen Geist.
Daß sie, die von ferne ich
wie das weiße Damaskus am blauen Meer
sehnsüchtig schmachtend angeschaut
mit schwerem Herz,
von nahe auch nur eine Stadt sein würde:
Daß das Weiß, von Ferne rein und strahlend,
nah nur Farbe ist, grau und bröckelnd,
dazwischen schmutz’ge Gassen voller Bettler,
Krüppel, angefüllt von Menschen wie allerort -
nicht wie von ferne träumbar
voller wunderbarer, schöner Wesen.
Daß das Meer, von Ferne so blau und helle,
von nahe voller Unrat und stinkend ist,
und man so lieber auf dem Berge stehen bleibt,
schaut und träumend sich vorstellt,
daß dies das heil’ge Jerusalem:
Voller wunderbarer Wesen ohne Falsch,
rein und von nah so weiß wie aus der Fern’.
Lieber im Traume hängenbleibend von Jerusalem,
als zu erfahr’n, daß kein Jerusalem auf Erden ist:
So bleibt uns wenigstens die Hoffnung,
daß Jerusalem dort unten liegt und wir
durch seine Gassen schreiten könnten.
Ich war in nichts anderes verliebt
als in mein eigenes Gefühl,
wollt lieber in rosenroten Träumen
schönes Empfinden schlürfen als zu erfahr’n, zu leben,
was die Wirklichkeit sein kann.
Tarot-Entsprechung: V DER HOHEPRIESTER
Nâhtegal will – was das andere Geschlecht angeht – nicht mehr feige sein, und er beginnt, wild in der Gegend herumzuspringen, um jedem Mädchen, das ihm auch nur ansatzweise gefällt, Liebeserklärungen zu machen.
Der “Minnesänger-Komplex” ist aber nicht überwunden, sondern nur verwandelt, denn Nâhtegal stellt sich nicht seiner Angst, sich durch das Gestehen seiner verletzlichen Gefühle verletzlich zu machen. Er bedient Phrasen und macht hohle Liebesgeständnisse, wo er bestenfalls so etwas wie leichte Verknalltheit spürt, und er muß immer wieder dieselbe Erfahrung machen:
[…] und drum rannt ich nun umher
und fiel vor jeder Frau zu Knien,
die mein Herz ein wenig schneller klopfen ließ.
Ich posaunt Liebesgeständnisse gleich
bündelweis gebunden aus mir heraus
und mit solch einer Vehemenz,
daß die Unbekannten mich anstarrten,
rot wurden und stotternd zumeist
gar nicht mehr wußten, was zu tun.
Ich genoß es, Ihr könnt mir glauben,
es war ein Gefühl von Macht,
wie sie vor mir erröteten, die Ader am Hals
ganz furchtbar bebte und sie vor mir floh’n!
Ich setzte ihnen nach, ich bedrängte sie,
es war eine Freude, so vorwärts zu stürmen,
vor mir nur Flucht, und hier und da
ein Zugeständnis mir zu rauben.
War ich zuvor scheu und kraftlos dagestanden,
so sprang ich lachend jetzt
den Weiberröcken nach und riß sie,
bekam ich sie zu fassen,
einfach vom begehrten Fleisch.
Doch immer mußt eines ich erfahr’n:
Hatt ich den Rock zerrissen, schaut ich dann
auf das nackte Geschöpf vor mir,
das mit gerötet Wangen, zitternd Herzchen
dort vor mir lag, scheu lächelnd,
die Augen niederschlagend, den Mund
mir zum Kusse bietend, da zerplatzt’
meine ganze Lust wie eine Seifenblase.
Dann mußte ich mir eingesteh’n,
daß allein das Jagen und Springen,
das furchtlos Vorwärtsstürmen
über den eignen Schatten weg die Freud’ gewesen,
nun stand schamvoll ich und zagend
wie ehedem vor dem Geschöpf,
das erwartend sich mir ergeben,
und mußt seh’n:
Ich fühlte nichts.
In mir war alles wund und traurig,
überwand ich mein zagendes Gefühl
und küßte, weil es erwartet wurde,
und mutig kam ich mir nimmer vor.
Doch ich ließ trotzdem es nicht sein,
das Gift tobte in meinen Adern,
und irgendwas in mir wollte glauben,
dies sei der Weg, es zu bekämpfen.
Denn jagend, springend, über jenes hinwegsetzend,
das hemmend sonst mir entgegenstand,
fühlte ich mich frei und stark.
Und jenem Moment, wo ich erfolgreich warb
und meines Lohnes angesichtig spürte,
wie die Seifenblase platzte,
ging ich balde aus dem Weg, indem ich
so übertrieben warb, daß kein Mensch
darauf noch eingeh’n konnt’.[…]
So sprang und hüpft ich überlaut
durch die Welt und Weiberröcken nach
und versuchte zu vergessen, daß in mir drin
noch immer das dunkle Gift sich
durch meine Adern fraß.
Den Blick, den’s mir geöffnet, verschloß
mit Willen ich und wenn’s nicht ging,
und er mir zeigte, was ich nicht sehen wollte -
rannt ich einfach fort
Wie viele Menschen durch den “realen” Narrentanz vor den Kopf gestoßen oder verwirrt wurden, kann ich heute nicht mehr sagen. Ich erinnere mich aber gut an zwei Dinge. Zum einen, daß es in der Tat fast eine Art Sport war, sich der eigenen Verlegenheit gegenüber des anderen Geschlechtes zu stellen und – wenngleich in unheimlich übertriebener Form – über den eigenen Schatten zu springen, was sich dann zumeist in Kniefall und Liebesgeständnis äußerte. Daß ich zu dieser Zeit ständig ein paar Rosen mit mir herumschleppte, spricht für sich. Und daß, als ich eine Beziehung in der Stadt einging, wo ich als Jugendlicher den Narrentanz tanzte, die Mutter der Betreffenden zu wissen glaubte, daß ich ein ganz schlimmer “Hallodri” und “Schwerenöter” sei, zeigt, daß diese Phase nicht vergessen wurde, denn inzwischen waren etliche Jahre ins Land gegangen…
.
Der Narrentanz endet, als Nâhtegal tatsächlich einem Mädchen begegnet, daß mehr in ihm anrührt als nur ein bißchen Herzklopfen: Und er ist genauso schüchtern und gehemmt wie zuvor.
Tarot-Entsprechung: VI DIE LIEBENDEN
Nâhtegal begegnet einem Mädchen und fällt ihr narrentanzend zu Füßen, um ihr Liebe zu gestehen und eine Rose zu schenken. Aber er empfindet mehr, als sie ihn lächelnd anschaut, und er bekommt die Angst zu spüren, die er überwunden zu haben glaubte.
Er flieht ins Treppenhaus, um sich mit dem Flötenspiel abzulenken. Erstaunt bemerkt er – der er lang nicht mehr die Flöte spielte – daß er einige Töne mehr spielen kann, und die Töne lassen den Weisen erscheinen, der im zu Beginn den Kelch des Giftes gereicht hatte.
Er wird zusammengestaucht, sein Narrentanz wird ihm vor Augen geführt, ihm gezeigt, daß er keinen Mut aufbrachte, denn er hatte nichts zu verlieren, hatte keine Gefühle investiert und mit hohlen Phrasen mit den Gefühlen anderer gespielt.
Nâhtegal bricht in Zorn aus und wirft dem Weisen vor, daß er ihn vergiftet hat, ohne ihm einen Wink zu geben, wie er die anderen Kelche finden kann.
”Du hieltst unter Versprechungen ihn mir hin,
verlocktest mich, sprachst,
Antwort sei da drin für mich.
Und ich Tor, ich trank ihn im dümmlichen Vertrau’n!
Und was hab’ ich nun davon? Ha!
Gift frißt in meinen Adern,
und wenn ich nicht in gesetzter Frist
irgendwelche Kelche bis zur Neige sauf’,
werd ich ein tumber Schatten, ausgebrannt,
ohn Ziel, einfach vor mich hin lebend,
um irgendwann dann zu kreppiern, ohn auch nur
die Chance zum begreifen gehabt zu haben!
Und die Kelche, von denen Du mir sprachst,
daß alle ich sie leeren müßt?
Seit Jahren renn ich durch die Landen,
suche, suche und finde nichts,
bin im Kreis gerannt, denn Du,
Du sagtest mir noch nicht einmal,
wo ich die verdammten Becher finden kann!”
Der Weise grinst und erklärt Nâhtegal, daß der Kelch des Gifts nicht war als die Entscheidung, sich den Fragen zu stellen. Jedem wird diese Wahl aufgegeben an der Grenze von Kind zum Erwachsenen, die meisten bemerken es nicht, andere – wie die Flötenspielerin, weisen der Trank zurück, und einige trinken ihn.
Und für einen Moment enthüllt er, wer er wirklich ist, und Nâhtegal glaubt in einen Spiegel zu schauen, der ihn selber zeigt: Älter, weiser und ohne das ruhelose Suchen, denn die Antworten stehen in den Augen seines älteren Selbst, Ruhe und Frieden.
Tarot-Entsprechung: VII DER WAGEN
Nâhtegal geht zurück zu dem Mädchen und durchleidet all jene kleinen und großen Selbstüberwindungen, die mit dem Eingestehen von Gefühlen für den Anderen einhergehen. Er durchlebt das große Zittern vor der ersten Berührung, dem ersten Wort, dem ersten Kuß, und er wird belohnt, denn er wird nicht abgewiesen.
Aber sein Glück dauert nicht lang, denn er ist noch lange nicht von seinem Wahn geheilt: er such die Eine in seiner Geliebten, nicht die Person, und enttäuscht muß die Liebe scheitern.
Er rennt weg, wieder einmal, irgendwohin, in die Ferne, um den Trennungsschmerz zu überwinden, sitzt an einem See und hält ein Glas roten Weines in seiner Hand.
Die symbolische Welt drängt sich in die reale, das Weinglas flimmert, changiert, verwandelt sich in einen Kelch von Bronze, und ihm See ringsum schwimmen die Drachenschlangen, die ihn über die Bewandtnis des Kelches aufklären:
Nâhtegal hat sich seinen Ängsten gestellt, mehr hat er zwar nicht geschafft, aber genügend, um den Schritt in sein Inneres zu wagen.
[…] “Dies ist der Kelch des Muts,
trinke ihn bis zur Neige aus oder laß ihn steh’n,
treffe Deine Wahl!
Doch trinkst Du ihn, so wisse,
daß fernerhin Du der Feigheit abgeschworen
und eine Straße gewählet hast,
die Mut von Dir fordern wird!”
Ich sah den Kelch mir an und sprach:
“Hab ich denn eine Wahl? Das Gift schäumt in mir,
ich muß ihn trinken, um nicht nach der Frist
zum tumben Schatten auszubrennen.
Hab einmal ich den Weg gewählt, will ich ihn
denn auch zuende geh’n!”
Und mit diesen Worten setzt ich den Kelch
mir an die Lippen und stürzte in einem Zuge ihn hinunter.
Er schmeckte bitter wie ein starker Schnapps
und wärmte mich tief drinnen, und das Gift
schien weniger hoch zu schäumen.
Doch kaum, daß ich mich drüber freuen konnt,
begann wie bei starkem Schnaps sich alles
um mich herum zu dreh’n, mir war,
als stürzte ich immerfort
in einen tiefen, schwarzen Strudel.
Ich konnt mich wehren, wie ich wollt:
Ich stürzte doch immer und immer tiefer
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[Norman Liebold,
14.02.2006 |
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