Wäre der Nâhtegal-Zyklus ein Wein, so sind die Sieben Kelche der Schnaps, der daraus destilliert wurde. Wie oft gebrannt, ist schwer zu sagen. Um im Gleichnis zu bleiben wurde jeder Jahrgang einzeln destilliert, um daraus einen Branntwein zusammenzustellen, der daraufhin ein weiteres Mal gebrannt wurde.
Vielleicht – das kann nur der Leser einschätzen – wurde er ein paar Mal zu oft gebrannt und der Alkoholgehalt ist so hoch geworden, daß er nur in kleinen Schlucken genießbar ist.
In jedem Fall sind “Die Sieben Kelche” eine Geschmacksfrage.Sie sind ein dichter Bildereigen, ursprünglich komplett in Versen abgefaßt, dann aber – weil es arg zu abschreckend wirkte – wieder dem Scheine nach in einen geschlossenen Text gesetzt. Dem Leser wird nur auffallen, daß die Sprache sehr rythmisch ist und die geschilderten Bilder sehr dicht und lyrisch.
Die “Sieben Kelche” sind – streng genommen – so etwas wie ein “modernes Gralsepos”, und sie bedienen nicht nur die komplette Bilderwelt des “Nâhtegal-Zyklusses”, sondern verweisen auf eine Vielzahl von Mythologien und insbesondere auf die Gralsepen des Mittelalters.Trotzdem aber ist es eine moderne Geschichte. Eine allegorische Reise in uns Selbst hinein, und es geht letzthin um das Erlangen menschlicher Reife, insbesondere solcher in der Liebe.Der einzelnen Bilder und Symbole sind derart viele, und zudem sehr verschränkt, daß ich auf die einzelnen im jeweiligen Kontext der Geschichte eingehen will.
Die übergreifenden werden jedoch zuerst abgehandelt.
Das Epos ist auf allen Ebenen in höchstem Maße strukturiert. So wie die einzelnen Abschnitte, Bilder und Handlungen symbolische Bedeutungen auf verschiedenen Ebenen tragen, so spiegelt sich dies auch in der äußeren Struktur des Textes wieder.
“Die Sieben Kelche” enthalten 21 Kapitel, die sich in 3 Bücher zu je 7 Kapiteln gliedern. Voran- und nachgestellt ist Pro- und Epilog als Rahmen, der die Zahl auf 22 anhebt.
Die Zahl 7 wiederholt sich in der Anzahl der Kelche, die Nâhtegal trinken muß.
Die Zahl 4 bezeichnet ebenso die Anzahl der Tore, die Nâhtegal zu durchschreiten hat, wie auch die Anzahl der Statuen und ihrer Entsprechungen, der viergeteilten idealen Frau.
Das Tarot enthält 21 – mit dem Narren 22 Karten in der großen Arkana, wobei der Narr den Zahlwert 0 und 22 besitzt, also Anfang und Ende zugleich darstellt.
Jedes Kapitel der “Sieben Kelche” enthält Bezüge zur jeweiligen Karte der großen Arkana. Daß die 21 zugleich in unserem Kulturkreis die Marke zur “Volljährigkeit” ist, spielt für dieses Buch durchaus in dem Sinne eine Rolle, als daß es um das Erwachsenwerden im Sinne des reifen Menschen geht.
Die Großen Arkana des Tarot-Systems beschreiben in symbolischer Form den Weg des Menschen zur Weisheit. Sie werden in drei Ebenen unterteilt, die jeweils sieben Karten enthalten und für eine andere Ebene des Seins stehen:
Der Narr, der am Anfang und am Ende steht, ist der Mensch, der mit sich selbst und mir der Welt und dem Schicksal im Reinen ist: Am Anfang, weil er nichts weiß, am Ende, weil er Weisheit erlangt hat.
Die Karten an den Scheidewegen zwischen den Ebenen sind “Torkarten”, die sowohl die Erlangung einer gewissen Weisheitsstufe in der jeweiligen Seinsebene symbolisieren, wie sie auch zum einen die Möglichkeit der zufriedenen Stagnation enthalten wie auch zum anderen das Potential, auf die nächsthöhere Ebene zu steigen.
Am Ende des 1.Zyklusses steht die VII, der Wagen. Er symbolisiert zum Einen das “Erwachsensein” in der irdischen Welt und das Erreichen eines Lebensstatusses und ein ausgeglichenes Verhältnis mit den Instanzen der Welt der täglichen Erfahrung (materielle Absicherung, gefestigtes soziales Umfeld, Achtung, Frieden mit den Instanzen wie Staat und Moral) wie auch das Potential des Wagens, aufgrund der Erreichung dieses Statusses sich um seine Seele, sein Inneres zu kümmern.
Der zweite Zylus beginnt (bei Rider) mit der VIII, der Kraft. Das Tier im Innern, das Verdrängte, Ungebändigte aber auch kraftvoll Schöne wird befreit, um Frieden mit ihm zu schließen. Es beginnt die Reise durch die innere Welt, an deren Ende die XIV steht, das Maß. Das Maß ist die innere Ausgeglichenheit mit sich selbst, das, was gerne als “Selbstfindung” beschrieben wird, das Ruhen in sich selbst.
Der dritte Zyklus beginnt mit dem Teufel, der XV. Der Suchende stellt sich – nun mit sich selbst und der materiellen Welt im Reinen – den höheren Mächten, die die Welt bewegen, den göttlichen Kräften. Am Ende des Zyklusses steht die XXI, die Welt in ihrer Gesamtheit, die Vollendung, die Weisheit. Der Suchende ist ähnlich ausgeglichen und “sorglos” wie der Narr, als der er am Anfang aufgebrochen ist, aber aus einem tieferen Wissen heraus.
“Die Sieben Kelche” folgen dieser Struktur.
Die drei Bücher zu sieben Kapiteln entsprechen diesen drei Ebenen der großen Arkana. Spielt das erste Buch in der realen, alltäglichen Welt, so stürzt Nâhtegal am Ende des 7.Kapitels in eine verzauberte, dunkle Welt, die, wie er später herausfinden wird, nichts anderes ist als sein eigenes Seeleninneres. Am Ende des zweiten Buches durchschreitet er das Flammentor, um sich in einer dritten Welt wiederzufinden, dem Kern seiner Selbst, wo die Anima in den Dornen gefangen ist.
Diese dritte Welt entspricht der dritten Ebene der großen Arkana, und Nâhtegal muß sich mit seinen Göttern auseinandersetzen.
Die Zahl 4 ist ebenso stark besetzt, und sie bezieht sich auf die vier Elemente. Die vier Frauen-Idole, in die Nâhtegal Anima zerrissen hat, sind gefangen in Statuen, die jeweils eines der Elemente verkörpern.
Die kleinen Arkana des Tarot sind ebenfalls zu vier Serien den Elementen zugeordnet, die Scheiben/Pentakel der Erde, die Schwerter der Luft, die Stäbe dem Feuer und schließlich die Kelche dem Wasser.
Nâhtegal beschreitet den Weg des Wassers, der Kelche, wobei das Wasser dem Gefühl, dem Unterbewußten und der Liebe zugeordnet ist.
Der “Weise Alte” erklärt Nâhtegal, daß es ebenso die Wege des Feuers, der Erde und der Luft (Willen, Materielles und Intellekt) gegeben hätte, er aber für den Weg des Wasser bestimmt sei.
Über die Jahre hinweg entwickelte die Bilderwelt des Nâhtegal-Zyklus ganz eigene Mythen, und in diesem Destillat sind sie sämtlich vertreten. Nichtsdestotrotz tauchen die Kelche zugleich auch in den Schatz der menschlichen Mythen, ebenso wie die einzelnen Bilder des Nâhtegalzyklus diese nicht ignorieren.
Am auffallendsten neben den ihrerseits symbolisch und mythologisch aufgeladenen Elementen des Tarot dürfte der Gral sein. Weniger der Gral des letzten Abendmals, sondern an der keltischen Sagenwelt orientiert der Kessel der Wiedergeburt.
Sieben Kelche muß Nâhtegal bis zur Neige trinken, ehe er ein reifer Mann bzw. Liebender wird. Der erste Kelch wird ihm von einem Weisen gereicht, der über das Wasser geschritten kommt und ihm Antworten auf die quälenden Fragen verspricht, trinkt er aus ihm. Aber der erste Kelch ist von Gift, und es wird ihm erklärt:
“Dies ist der erste Kelch […]
Man nennt ihn den Kelch des Gifts!
Und wirst Du die andern Kelche nicht
bis zur Neige trinken bis zum Letzten,
so wird der Trunk von innen her
Dich bei lebend’gem Leib verbrennen,
bis nur noch ein leerer Schatten Du,
ohn Gefühl, Sinn, Ziel und Freud!
Beeile Dich, Dein Jünglingsein
sei Dir als Frist gesetzt, mit dem letzten Kelch
wirst Du zum Manne oder aber
zum stumpfen Nichts!”
Nâhtegal macht sich auf die Suche nach den übrigen sechs Kelchen, die er trinken muß, um nicht auszubrennen. Der erste Kelch ist eine Initiation zum Suchenden, er symbolisiert die Entscheidung, den Weg zu gehen, und als Nâhtegal ihn getrunken hat, gibt es kein zurück mehr. Er muß gehen, er kann nicht länger in der Phase des nur Fragenstellens verbleiben wie das Mädchen aus dem zweiten Kapitel, daß den ersten Kelch zurückwies, als er ihr gereicht wurde und zwar nicht droht auszubrennen, aber eben stagniert.
Die sechs Kelche sind Stufen der Bewußtwerdung, der Reife zur Entscheidung.
Der zweite Kelch ist der Kelch des Mutes – Nahtegal muß sich seinem Selbst stellen, und als er ihn trinkt, stürzt er in die Welt seines Inneren – und er braucht das gesamte erste Buch, um ihn zu finden.
Der dritte Kelch wird ihm zuteil, als er sich mit seinem dunklen Selbst auseinandersetzt und sich mit ihm versöhnt, er symbolisiert die Kraft und den Trieb, und er kann ihn erst erreichen, nachdem er die vier Tore der Masken durchschritten hat, es ist der silberne mit Sch
erterband
Der vierte, fünfte und sechste Kelch wird ihm im Kloster gereicht, wohin es ihn immer wieder nach dem Kampf der Statuen verschlägt. Die Statuen von Feuer, Erde und Luft befinden sich auf der Insel, in der Anima (das Wasser) in Dornen eingewachsen zu sterben droht. Eine jede erwacht und fordert ihn zum Kampf. Sie sind, was er aus den Frauen machte, ohne ihnen gerecht zu werden, und ein jeder dieser Kämpfe endet in einer Art Liebesbeziehung, eine jede ein Stück reifer, da sie die vorhergehenden in sich birgt. Aber immer fehlt ihm der Name noch. Der vierte Kelch ist die Wollust und gehört zur Statue des Feuers, der fünfte der der Treue, zur Statue der Erde gehörig und der sechste ist der Kelch der Wahl und der Entscheidung, er gehört zur Statue der Luft.
Der siebte Kelch ist zwiefach. In Anderwelt muß er ihn sich aus der Rüstung schmieden, die Stück für Stück mit jedem Kelch zu ihm kommt, und er muß ihn mit seinem eignen Blut füllen. Aber die Erlösung kommt nicht, und erst, als er aufgibt und sich dem Schicksal unterwirft, indem er sich einen Gifttrank mischt, wird ihm der letzte der Kelche zuteil.
Der Kreis schließt sich, denn wie zu Anfang steht ein Kelch des Gifts.
In den “Sieben Kelchen” existieren verschiedene Welten parallel zueinander. Sie überschneiden sich, es gibt Zugänge, und die Dinge erscheinen in jeder der Welten auf andere Weise.
Diese Konstellation taucht in sehr vielen meiner Texte und Geschichten auf, soweit sie nicht den Anspruch erheben, naturalistisch zu sein wie “Eckstein” oder “Ruhestand”.
Das hat wenig mit “Fantasy” zu tun, es entspricht meinem eigenen Weltbild. Nâhtegal formuliert es zu Beginn des Zweiten Buches so:
Immer glaubte man, daß diese unsre Welt
nur eine Welt von vielen ist, daß
drüber, drunter, darinnen und dahinter
andere Welten sind, und wir sie erreichen können.
Wie viele Namen gibt es nicht dafür?
Die Traumpfade der Aborigines,
das Avalon der Kelten, Hölle, Paradies,
Tir Nan Og, Dschehenna, Hades und
noch Tausend andre mehr. Allein heute,
in unsrer so modernen Welt,
will man nicht länger daran glauben
oder zumindest nicht offen davon sprechen.
Unsere Bücher, Fantasy genannt, sind zwar
übervoll davon, ganz ebenso die Filme,
doch ist’s nur die Nahrung für etwas in uns drin,
dem wir nicht mehr zu fressen geben woll’n.
Ich sage Euch, die Alten wußten mehr!
Es ist drüber, drunter, darinnen und auch dahinter,
es ist überall, durchdringt’s und ist doch ganz eigen.
Vielleicht ist unsre Welt nur hohles Widerspiegeln
von was wirklich ist und das wir nicht sehen woll’n,
aber sagen kann ich es nicht.
Ein sich durch alle Szenen des Romans ziehender Topos ist das Flötenspiel. Es gibt eine Melodie, die fähig ist, den Schleier zwischen den Welten zu zerreißen und den Weg dorthin zu öffnen. Nâhtegal, nach den Kelchen suchend, lernt Ton um Ton, und ein jeder Ton mehr führt tiefer in die Zwiebelschalen des Seins hinab. Im Sinne einer “Sphärenmusik” verkörpert sie die Tiefe des Empfindens, und eine meiner Lieblingsszenen in den “Sieben Kelchen” ist, wie Nâhtegal dem Mythos eines Flötenspielers hinterherrennt, der diese Melodie zu kennen scheint – um am Ende der “Odyssee” herauszufinden, daß er sich selbst verfolgt hat.
Es ist keine Melodie, die man lernen kann, sondern nur erfahren. Erst wenn Nâhtegal eine bestimmte Erfahrung durchlebt hat, ist er fähig, den entsprechenden Ton zu spielen, und dann kommt er von selbst und ist nicht anders zu denken.
Die symbolische Welt ist bevölkert von drachenartigen Wesen, die im See leben. Es sind gigantische Schlangen mit rädergroßen Augen, die etwas von Nâhtegal zu fordern scheinen. Am Beginn ist er von lähmender Furcht erfüllt, um sich Schritt für Schritt an sie anzunähern, sie zuerst achten, später lieben lernt.
Am Anfang des dritten Buches sind sie es, die ihm ermöglichen, zur Insel im See zu gelangen, zu dritten Stufe seiner Welt. Die Schlangen sind das Wissen um die Welt, und Nâhtegals Ritt auf ihnen gehört zu den schönsten und wie ich finde erhebensten Szenen des Romans, als er seine Angst endlich überwindet und begreift.
In der Eingangsszene kommt ein Mann us den Nebeln über das Wasser geschritten. Er weiß um die Antworten, er kennt die Melodie, und er “verführt” Nâhtegal, den Kelch des Gifts zu trinken. An den Scheidepunkten des Romans taucht er immer wieder auf, erklärt, leitet, lenkt.
Er weiß um Nâhtgals Inneres, um seine Zweifel, Sehnsüchte und Fragen, und zuweilen ist es Nâhtegal, als schaute er in einen Spiegel auf sein älteres Selbst. Der Weise ist Nâhtegal, nachdem er den Weg gegangen ist, er ist jetzt einer der Seedrachen und weder an Welten, noch an Zeit gebunden, er kommt zurück, um sein jüngeres Selbst durch die Reise der Sieben Kelche zu leiten, was den Roman zu einem großen, in sich geschlossenen Kreis macht.
Einige der spezielleren Details und Bilder beschreibe ich im Kontext der einzelnen Bücher. Wer sich die “Sieben Kelche” zu Gemüte geführt hat, wird dies zu schätzen wissen. Aber um von vornherein jegliches Mißverständnis auszuschließen, möchte ich an dieser Stelle Nâhtegals Worte im Prolog noch einmal wiedergeben:
[…] Der Spielmann
mag zwar bestimmen, in welcher Folg
die Tön seiner Melodie erklingen,
doch das Instrument erst macht den Ton! -
Eine Mär ist gleichsam der Hammerschwung
auf die Glocken eines Glockenspiels -
ohne Glockenspiel jedoch
wirbeln sie ohne Sinn nur durch die Luft. -
So braucht die Mär und der Märenspinner
Euch, die Ihr seinen Geschichten lauscht -
so wie der Hammer des Glockenspiels bedarf,
damit die Melodie erklingt. -
Doch ein jedes Glockenspiel macht einen andern Ton,
und so auch die Geschicht in Euch bei jedem
eine eigne Mär – lauscht drauf, findet Eure Kelche!
Dies hier ist keine andre Reise als die Eure!
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[Norman Liebold,
14.02.2006 |
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