Während im ersten Buch des “Minnesänger-Komplex”es die drei dialogischen Versepen Mond und Wolf, Rose und Wanderer und Perle und Perlenfischer enthalten sind, das zweite Buch das große Theaterstück Die Prophezeiung umfaßt, sind im dritten Teil “Prosaisches” eine Reihe kürzerer Texte versammelt, die an dieser Stelle zusammen beschrieben werden sollen.
Eine Ausnahme bilden die zwei Wolfsmonologe “Der Wolf im Garten” und “Der Wolf im Zirkuswagen”, die gesondert behandelt werden.
Alle hier aufgeführten Geschichten sind natürlich Liebes-Gleichnisse im Kontext des Phänomens “Minnesänger-Komplex”.
Der Wanderer, einer der stehenden Topoi im “Nâhtegal-Zyklus”, kommt an die See. Es ist ein wunderschöner Moment, denn der Mond geht gerade auf und spiegelt sich rot in den Wellen. Der Wanderer verliebt sich in das Meer und ruft ihm das Geständnis seiner Liebe entgegen.
Das Meer aber wurde seit Jahrhunderten vom Menschen enttäuscht, ausgebeutet, leergefischt und besudelt. Es will an die Liebe des Wanderers glauben, aber es fürchtet, wieder betrogen zu werden.
Also beginnt es den Wanderer zu prüfen. Alle Menschen lieben das Meer, wenn der Himmel klar und der Wind warm ist – also läßt das graue Wolken und Sturm kommen. Der Wanderer bleibt. Es läßt Winter werden, daß es dem Wanderer die Zehen abfriert, aber er bleibt.
Immer wieder ertönt die warnende Stimme des Windes, dem Freund des Wanderers. Aber der Wanderer liebt tatsächlich und läßt die Prüfungen über sich ergehen.
Schließlich zieht sich das Meer ganz zurück, eine unglaubliche Ebbe, die die tiefsten Tiefen entblöst. und der Wanderer folgt der fliehenden Uferlinie bis hinab in die Schlünde, wo noch nie Tag gewesen ist. Und als er am tiefsten angelangt ist, stürzt sich das Meer über ihn. Freund Wind dreht sich als Wirbel hinab und holt ihn herauf, um ihm, kaum gerettet, die Geschichte von Jonathan zu erzählen. Jonathan war Fischer in einer Familie, die seit Jahrhunderten Fischer gewesen waren. Er liebte das Meer wie kein anderer, und als die Menschen begannen, dem Meer weh zu tun, forderte es von diesem noch Liebenden einen Beweis seiner Liebe: es zertrümmerte sein Boot, sein Haus, schenkte ihm keinen Fang mehr, und schließlich holt es sich seine Frau und sein Kind. Er flucht, außer sich vor Trauer, dem Meer, das böse lacht: “Ich wußte es, Du liebst mich nicht!” und ihn verschlingt.
Der Wanderer begreift: Er muß tausend Jonathane zu tausend Menschenleben sein, um dem Meer sein Mißtrauen und seinen Haß zu nehmen. Und er geht.
Das Stück ist vom Wind erzählt und in sehr märchenhafter Form.
ist eine verwandte Geschichte. Ein Spaziergänger begegnet im Park einem kleinen, ungemein niedlichen Kätzchen. Beide fühlen sich zueinander hingezogen, aber das Kätzchen hat Angst vor den Menschen, denn es hat ansehen müssen, wie seine Geschwister getötet wurden.
Es will sich streicheln lassen, aber jedes Mal, wenn sie sich ein wenig mehr hingibt, überkommt die Angst es, und es flieht. Der Spaziergänger ist zuerst verwirrt, lockt, schmeichelt, streichelt. Später wird er ungeduldiger, ja sogar ungehalten über das Tier, das sich so seltsam benimmt. Er möchte es mit nach hause nehmen, denn es wird nacht, und Hunde streunen im Park. Als ihm der Geduldsfaden reißt, nimmt er das Kätzchen einfach hoch, es wird völlig panisch und kratzt um sich, und aus Schmerz und Wut schmettert er es auf den Boden.
Er sieht auf das herab, was er getan, kann damit nicht leben und geht selbst ins Wasser.
Der Text ist sehr dicht geschrieben und rethorisch bis zum Äußersten geschliffen. Das Bild selbst stammt noch von 1996, eine der Geschichten, die immer wieder hoch kamen und jedesmal stärker stilisiert wurden. Der Text gefällt übrigens besonders Machos
. Text lesen!
beschreibt mal einen mehr oder minder positiven Aspekt des “Minnesänger-Komplexes”. Es ist die Geschichte einer einseitigen Liebe des Fisches zur Schwalbe. Die Schwalbe ahnt noch nicht einmal etwas von den schwärmerischen Gefühlen des Kaltblüters, aber für den Fisch ist es so stark und so unausweichlich, daß er sich verändert. Zuerst wird er zu einem Reptil und verläßt das Wasser, um ihr näher zu sein und dieselbe Speise zu sich zu nehmen. Dann verwandelt er sich in einen Affen, der auf Bäume klettert und ihr wieder ein Stück näher ist, und schließlich glaubt er nicht mehr daran, daß er sie erlangen kann – er will sie nur noch verstehen. Und so wird er zu einem Mensch, überlistet sie, daß sie Fliegen aus seiner Hand frißt und begreift zugleich, daß er sie nun nicht mehr lieben kann, sie sind zu verschieden geworden. Text lesen!
Der Minnesänger hat die Schnauze voll. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen, der Rest steht drinnen: Text lesen!
Ein süßer Text. Und so ehrlich. Es gibt ja gemeinhin solche Menschen, die nicht nur Blasen an die Ohren ihrer Zuhörer reden, sondern sie geradezu überrollen, nicht nur verbal. Das ist eine überaus unangenehme Sache, wenn das Gegenüber – besonders in einer Liebesbeziehung – sich nicht recht dagegen wehren kann. Dann wuchert man einfach drüber. Nicht nur im Sinne des platt- und überredens, sondern auch in allen anderen Bereichen. Und als solcherart Wuchergewächs kann man nicht anders: Gibt man ihm Raum, dann füllt es ihn wuchernd an.
Dabei sind Wuchergewächse im Grunde liebe und nette Dinger, schön bunt und zuweilen etwas drängelig, aber sie meinen es nicht böse. Und sie wissen es selbst: “das liegt in meiner Natur, ich bin ein Wuchergewächs, ein Kletterrankenungetüm mit tausend Fingern und dränge mich in jede Ritze – man muß mich kultivieren!”
Hier gibt solch Kletterrankenungetüm eine liebgemeinte Anleitung, wie man es zurechtstutzt und am Wuchern hindert, damit es hübsch und nett schmuckreich mit Blüten überzieht und nicht überall hineinkriecht und alles erstickt.
*griiiins*
Das ist ein zeitgeschichtliches Dokument jugendlicher Beschwertheit. Selbstmitleid, Pathos, schwülstiges sich in “die Welt ist die Scheiße, und besonders die Frauen”-Wälzen. Ich denke, über die “Hintergründe” muß ich nicht viel sagen… ich war jung, ich war schrecklich dramatisch, ich habe einen Laufpaß bekommen. Ich glaube, und jetzt wirds peinlich, daß ich den Text der entsprechenden Person sogar zugestellt habe.
Jahre später bekam ich etwas vergleichbares vom Ex meiner Partnerin zu lesen, in Briefform, aber er benutzte ganz ähnliche Metaphern und Attitüden, und ich fand das ganz gräßlich und gemein. Ich hatte sowas gottseidank sehr schnell sein gelassen, auch wenn ich in der Minnesänger-Phase zu solchen schuldgefühlerzeugenden Anklagen geneigt haben muß. Asche über mein Haupt.
Aber “literarisch” finde ich den Text irgendwie niedlich. Und wenn ich ihn heute vortrage, so macht es mir unheimlichen Spaß, den völlig in Selbstmitleid aufgelösten Verlassenen zu miemen, so daß der Text sich in seiner Deutung umkehrt und wirklich witzig wird. Text lesen!
Als Paratext eignet sich auch (das muß jetzt sein *g*) ein “Gedicht”, daß ich 1996 fabrizierte. Ich denke, so ganz ernst habe ich auch das verborgene Land 1998 nicht genommen: Im schönen Blumenland.
Auch das ist eigentlich etwas, das weniger in eine Veröffentlichung gehört, sondern mehr ins Kuriositätenkabinett auf diese Seite. Vielleicht wird dieser eigenartige Text auch diesen Weg gehen bei der nächsten Auflage des “Minnesänger-Komplex”es.
Zum einen ist er wirklich, wirklich alt, das heißt, stilistisch ist er wirklich unter aller Sau.
Aber das ist das weniger Schlimme. Die im Nachtgewande daherschwebende Jungfrau, die von einem Pilz [jaja, richtig: einem PILZ!] im Wald verführt wird, um mit einem Phallus Impudicus – zu deutsch Stinkmorchel – Verkehr zu haben liegt nicht nur jenseits des Guten Geschmacks, sondern ist vor allem zum Brüllen komisch.
Der Text ist schlecht, albern und nicht zu empfehlen, aber irgendwie mußte er einfach in den Minnesänger-Komplex… er hat das aber lediglich seiner Kuriosität zu verdanken und einem gewissen, sagen wir Erinnerungswert.
Und hier, um jeglichen auch nur ansatzweisen Allüren meiner Leser vorzubeugen, mich in irgendwie gearteten Weise idealisieren zu wollen, eine kleine Kostprobe:
“Zwei Knie fallen in das welke Laub, heiser keucht die Schlafende. Ihre Lippen klaffen, und wieder haben sich verirrend eingefunden die Hände in den Schoß, pressen des Gewandes weißes Linnen auf das ach so zarte Fleisch, dort im Verborgenen. Den Kopf in den Nacken geworfen, kniet sie im Laub, die Finger schieben kosend über nackte Haut das Nachtgewand der Schlafenden, fahren durch das zarte Fleisch, feucht und heiß nunmehr, streichen über zarter Brüste lockend Weiß. Flatternd fällt das Linnen. Schenkel klaffen, nähern sich, was der Erden Schoß entsproß. Seufzend weicht die Hand vom Fleisch, um Einlaß zu gewähren. Schon berührt lasterhaft das Ding das Weib, und mit einem Keuchen des Leibes über ihm – fährt es hinein.
Man sieht im Walde keuchend die Schlafende am Boden knien. Zum Bersten ihr Leib sich biegt, der Schoß mal hinab auf den Boden stößt, mal emporstrebend den Schaft entblöst, der aus dem Boden kriechend in sie gefahren war. Und als sie, mit ersticktem Schrei, das Angesicht verzerrt von wollüstgem Schmerz, sich fallen läßt auf des Waldes feuchten Boden, ergießt sich in sie, was sie zu verbrennen scheint. “
Ist es nicht erstaunlich, was sich zuweilen in jugendlichem Wahne aus den Därmen herauf aufs Papier erbricht?
Den “Denker” mag ich. Immer noch. Es ist die Geschichte des Minnesängers, der auch, nachdem er die Liebste errungen hat, nicht vom Idealisieren lassen kann. Er gibt sich alle Mühe, in seiner Angebeteten eine undurchschaubare Sphinx zu sehen (weil das dramatischer ist, vielleicht), um dann an ihren Rätseln zu verzweifeln. Sie hieß Anja, hatte graue Augen und ich bekomme auch nach fast zehn Jahren zuweilen das Bedürfnis, meinen Kopf gegen einen Laternenpfahl zu hämmern, denke ich daran zurück… Text lesen!
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[Norman Liebold,
13.02.2006 |
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