2000 legte ich den Wolf zu den Akten. Er war einer der hartnäckigsten Topoi Nâhtegals, angefangen mit dem “Wolfsschaf”, dessen erste Version von 1995 ist, zerrte er sich bis zur “Prophezeiung” immer wieder meine Feder an sich.
Das hier sind die letzten beiden Äußerungen des nâhtegalischen Wolfes. Im Der Wolf im Garten noch ganz der Alte, fletscht er im “Der Wolf im Zirkuswagen” das zahnlose Maul und tritt dem Nâhtegal-Wolf kräftig in den Allerwertesten.
Dazu hat er auch allen Grund, denn das arme Vieh wurde vom “Wolfsschaf”(1995-1998) über “Zwei Lämmer”(1996), “Mond und Wolf” (1999), “Die List der Wölfe” (2000) “Die Prophezeiung” (2000), “Heimgang – Brief aus Anderswelt” (1999) und durch diverse andere Texte geschleift.
Im “Kuriositätenkabinett” gibt es darüber hinaus noch drei weitere Texte, die ihn zum Gegenstand haben und, wie es das Kabinett verspricht, in die Kathegorie “Alberne, uralte, schrecklich schlechte Geschichten und andere Verbrechen” gehören…
Der Text entstand Mitte 2000. Daß er im “Minnesänger-Komplex” enthalten ist, hat seine guten Gründe, denn natürlich ist es eine Liebesgeschichte. Dem aufmerksamen Leser mögen Parallelen zur “Prophezeihung” nicht entgehen, und die zeitliche Nähe der beiden Texte (sie liegen nur einige Wochen auseinander) betont das noch.
Die Sequenzen in der “Prophezeihung”, wo der Werwolf der Elfe in die Stadt folgt, und dort als fremdes, ungewolltes Wesen lebt, das sich nach dem Wald sehnt, während sich die Elfe von der Stadt verführt nach dem Lauten sehnt, diese Sequenzen erinnern sehr stark an den “Wolf im Garten”, und sie haben auch dieselbe Wurzel.
Der Wolf hat sch verwandelt seit “Mond und Wolf”, er ist nicht mehr das einsame Wesen, das minnesängerisch um Erhörung heult bzw. winselt. Jetzt ist er “in love”, und das neue Problem ist anders geartet. Er hat sich eine Menschin geangelt, eine Städterin, die ihr Menschenleben leben will und zwar fasziniert ist vom Wolfsleben, aber weder ihre Welt nicht aufgeben will. Ebensowenig wie es der Wolf vermag.
Das neue Wolfsproblem ist ein klassisches Beziehungsproblem. Wenn zwei Welten aufeinanderprallen, muß eine nachgeben, die stärkere vielleicht, vielleicht die geduldigere, vielleicht die verliebtere, vielleicht auch einfach die flexiblere.
Die Menschin hat Verpflichtungen: Familie, Arbeit, Haus, der Wolf ist frei und kann überall hin, wo er will. Und so geht er mit der Menschin und quartiert sich im Garten ein.
Aber das funktioniert – natürlich – nur zeitweise. Die Welten reiben sich, der Wolf braucht seinen Wald, sein Heulen, den Wind um die Ohren. Er wartet, er hofft, daß die Menschin auch mit ihm durch seine Wälder streift, so wie er in ihrem Garten hockt, aber wie oft in solchen Dingen kommt Gewohnheit und Bequemlichkeit ins Spiel, und die alte Geschichte vom kleinen Finger und dem ganzen Arm.
Ursprünglich hatte die Allegorie eine andere Form, nicht als reiner Wolfs-Monolog, sondern als Gleichnis, das seine Deutung direkt mitbringt. Ich stelle sie an dieser Stelle zur Lektüre online, denn an diesem Beispiel sieht man schön, wie solche Bilder entstehen.
Was an dieser Stelle ebenfalls gesagt werden muß, ist, daß der Text natürlich – wie alle Texte des Minnesänger-Komplexes – übersteigert, stilisiert und pathetisch ist. Wahrscheinlich wäre nicht minder ein Text denkbar, den die Menschin spricht, und der sich über die Unmöglichkeit ausläßt, mit der sich der Wolf in ihrem Garten benimmt. Oder auch eine kritische Stimme á la Kommentator, die sich grinsend darüber ausläßt, wie sich das lyrische Ich in die Rolle des großen, grauen Wolfes hineinstilisiert. Aber es ist ein Allegorie, und ich finde nach wie vor, daß sie ein schönes Gleichnis ist für die Schwierigkeiten, die sich in der Liebe zwischen sehr unterschiedlichen Menschen auftun können – auch wenn es leider keinen Lösungsvorschlag bietet.
Vielleicht wäre einer, daß die Menschin sich ab und an Urlaub nimmt und mit Wölfchen ein paar Wochen durch die Wälder läuft. Oder, rabiater, daß sich der Wolf die Eier abkaut und sich so selbst kastriert. Reines Aushalten auf einer Seite, wie es der Wolf in der Geschichte macht, funktioniert nur zeitweilig. Viereinhalb Jahre, zum Beispiel.
Die Abrechnung mit dem Nâhtegal-Wolf. Ganz ehrlich, ganz schonungslos, ganz böse, ganz selbstkritisch.
Und wahrscheinlich auch noch ziemlich ehrlich.
Das Stück gehört – was die Einordnung in den “Nâhtegal-Zyklus” angeht – zur Endphase. Die Bilder werden auseinandergenommen und auf Herz und Nieren geprüft. Ein Rundumschlag dieser Art stellt der “Spiegelbruch” (2001) dar, wo das Wölfchen noch einmal einen kurzen Auftritt hat, als sich die ganzen Topoi des Nâhtegal entschließen, reinen Tisch zu machen und den Autor zu stellen.
Wahrscheinlich braucht man als Autor, wenn man sich zu sehr in eine Bilderwelt verstrickt hat, solche recht egozentrischen Kopfwäschen. Die Figuren sind so lebendig geworden, entwickeln ein solch starkes Eigenleben, daß sie sich überall hineindrängen. Besonders, wenn man sich von ihnen losgesagt hat, benehmen sie sich geradezu unmöglich. Sie wollen ihren Abgang haben, und sie sind nur einigermaßen beschwichtigt, wenn man ihnen einen schönen und vor allem nâhtegalisch pathetischen Abgang verschafft.
Man muß sich von ihnen ans Licht zerren lassen, muß ihnen die Möglichkeit geben, ihre Wut über das Verlassenwerden an einem auszulassen, und man muß mit ihnen auf die Bühne gehen und sich vor Publikum von ihnen auspeitschen lassen. Sie wollen ihre Szene haben, und “Der Wolf im Zirkuswagen” ist des Wolfes Abschiedsgesang.
So ist das nunmal. Herausgekommen dabei ist allerdings auch ein Stück über Selbstbetrug und selbststilisierende Überhöhung. Und als solches finde ich es nach wie vor ein schönes Stück — und es macht wirklich Spaß, den Zirkuswolf zu spielen!
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[Norman Liebold,
13.02.2006 |
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