Die Prophezeiung ist ein unheimlich pathosgeladenes Märchen in dramatischer Form – und auch noch in Versen geschrieben. Ich muß gestehen, daß ich bei den letzten Vorstellungen des Stücken sich mir innerlich die Fußnägel hochrollten und ich mich fragte, was zum Teufel das Publikum denken mochte bei soviel schwülstigem Pathos, soviel Schicksal und heroischer Einsamkeit und Weltrettungsattitüde und verzweifelt aufopfernder Liebesgeschichte. Da überkam mich dann schon sehr wohl die Frage, ob ich nicht den Kommentator hätte drinnen lassen sollen, der bei der ersten Niederschrift im Text auf und ab stolzierte und die übertriebenen Bilder entlarvte, parodierte und das Stück ironisch brach.
Auf der anderen Seite genoß
ich den Pathos zugleich, und es machte mir unglaublichen Spaß, den letzten der Wölfe zu spielen, einsam, verzweifelt liebend und um sein Schicksal ringend.
Der Text entstand im Spätherbst 2000 und in der niedlichen Höhle, die oben zu sehen ist. Sie ist oberhalb des Klosters Schulpforta im Burgenland gelegen, heißt treffender Weise “Einsiedlerhöhle” und ich “wohnte” da während der Niederschrift, bis es so arschkalt wurde, das sich am Morgen Eiskristalle an der Wand gebildet hatten.
Wenn man eine Story schreiben will wie “Die Prophezeihung”, wo eine Art Werwolf gegen die personifizierte Stadt kämpft und das Szenario apokalyptisch und phantastisch ist, gibt es faktisch keinen besseren Ort als solch eine Höhle. *g* Im Übrigen bin ich seitdem überzeugt, daß es im Burgenland – insbesondere da oben – eine Verschiebung des Zeitkontinuums gibt. An der “Prophezeiung” arbeitete ich vorzugsweise abends und des Nachts, mit etlichen Kerzen und einem wärmenden Feuer, während ich den Tag über unterwegs war. Unter normalen Umständen hätte ich wie ein Besessener Tag und Nacht die doppelte Zeit an dem fünfaktigen Stück arbeiten müssen, aber ich habe eine sehr entspannte und schöne Zeit in Erinnerung, in die Flammen des Feuertiers schauend und in den Bildern des Stückes schwelgend.
Das Stück ist in gewisser Weise die Ejakulation einer ganzen Reihe von Nâhtegal-Thematiken, und ich machte jene Tür in mir, dahinter sie schlummerten, ganz weit auf, holte sie hervor und kondensierte sie in die Verse, um sie dann – endlich – zu einer Art Happy End zu führen. Zumindest ein Happy End für Elfen und Wölfe und Höhlenbewohner, denn das Stück endet mit der Vernichtung der Zivilisation
.
Es war die Nâhtegal-Abschluß-Zeit, wenig später sollte der “Perlenfischer” als Abschluß des “Minnesänger-Komplexes” geschrieben werden, die “Sternenkinder” waren kurz vorher fertig geworden (ich trug sie während dieser Zeit in Schulpforta vor) und kurz darauf schrieb ich die “Sieben Kelche” nieder.
Die “Prophezeiung” ist eng verwandt mit “Perle und Perlenfischer”, sie sind beide zeitlich sehr eng beieinander entstanden, und ihre Wurzeln liegen im selben Stoff. Im Kontext meines damaligen Schreibens befand ich mich in der Phase, wo ich die unaufgelösten Bilder des “Nâhtegal-Zyklusses” auflöste und zu einem Ende zu bringen versuchte, das spiegelt sich sowohl in der Metaphorik der Texte wieder, wie auch im Setting des mystischen und nicht zuletzt auch in der Stilistik: die Prophezeiung ist im ureigentlichen “Nâhtegal-Stil” abgefaßt, also in metrisch akzentuierter Sprache, in Versen mit mittelhochdeutscher Rythmik ohne Endreim, die anstatt mit Reimen mit den Silbenmelodien und dem Stabreim spielt.
Das zentrale Motiv ist das Liebespaar Wolf-Elfe, das mit dem Liebespaar Perlenfischer-Perle aus dem gleichnamigen Stück vergleichbar ist. Der Wolf ist ein “Einsamer”, der mit dem mystisch-magischen Grund der Welt verbunden ist, de Falschheit der modernen Welt sieht und an der daraus resultierenden Einsamkeit zugleich verzweifelt wie auch auf eine neue Weltordnung hofft, in der das Magische, Echte wieder zu seinem Recht kommt. Es existiert – wie auch im Perlenfischer – eine uralte Prophezeihung, in der es um einen durch den Menschen gebrochenen Pakt geht und um die Wiederkehr der alten/neuen Weltordnung.
Der Schlüssel für diese Apokalypse ist die Frau, im “Perlenfischer” die Perle, in der “Prophezeiung” die schlafende Elfe. Beiden ist gemein, daß sie nicht um ihr “wahres Sein” wissen: Die Tochter Poseidons glaubt sich eine Schmuckperle, die schlafende Elfe hält sich für ein ganz normales Mädchen.
In beiden Stücken versucht der sehende – hier Perlenfischer, da Wolf -, die Geliebte zu ihrem “wahren Sein” zu “erwecken”, um die Prophezeiung zu erfüllen.
Es gab am Anfang der Zeiten einen Pakt zwischen den Menschen und der Natur, hier vertreten durch die Fabelwesen, die durch die Sagen der Menschen geistern: Drachen, Werwölfe, Waldschrate, Elfen und natürlich den lebendigen Wald.
Der Pakt wurde jedoch vom gierigen Menschen gebrochen: er wollte alles für sich und begann eine “Siedlungspolitik”, bekriegte sein Brüder. Diese älteren, weise und nachsichtig, entschlossen sich, dem Menschen 1000 Jahre Zeit zu geben, sich zu besinnen und zogen sich hinter die Weltennebel zurück.
Im Diesseits verblieben nur der Wald, der festgewurzelt nicht folgen konnte, und zwei “Wächter” – der Wolf und die Elfe. Beide mußten sich verbergen vor den Menschen, der Wolf in ständiger Flucht, die Elfe, indem sie sich als Menschenfrau tarnt und sogar vor sich selbst ihre wahre Existenz verbirgt, um nicht entdeckt zu werden.
Wenn der letzte der alten Wälder vom Menschen gerodet wird, der letzte der lebendigen Bäume der Axt zum Opfer fällt, ist die Frist für den Menschen abgelaufen. Die Wächter geben ein Signal, das bis nach Anderwelt schallt, die Drachen brennen Tore in die Nebel, und die Alten kehren zurück, um die Weltordnung wieder herzustellen.
zum Zeitpunkt des Stücks stirbt der letzte Wald, der Wächter Wolf kennt aber das Signal nicht, das kennt nur die Elfe. Die Elfe aber hat solange sich selbst vergessen, daß sie sich nicht ihrer Selbst und an das Signal erinnern kann: Sie hält sich mittlerweile wirklich für einen sterblichen Menschen.
Das Stück enthält zwei Choräle: Den Chor des Waldes, getragen, mystisch und weise und den Chor der Stadt, schnell, hektisch und drängend. Sie symbolisieren die zwei gegensätzlichen Kräfte im Stück, und – da es sich um ein Märchen handelt – natürlich “gut” und “böse”.
Der Wald ist der letzte “alte Wald”, vielleicht, um ein literarisches Pendant zu erwähnen, vergleichbar mit Fangorn aus “The Lord of the Rings” – die Bäume sind uralt und haben Bewußtsein, sämtliche anderen “Wälder” sind lediglich vom Menschen gepflanzte “Holzäcker”. Der Wald soll gerodet werden, um einem Flugplatz und einem Einkaufszentrum Platz zu machen.
Die Stadt wird als Moloch geschildert und vereint in sich all jene Erscheinungen der Moderne, die mit “oberflächlich”, “gierig” und “schnellebig” assoziert werden. Ihre Sprache erinnert an moderne Lyrik, der Rythmus ist schnell und gebrochen, sie spricht in Elypsen.
Diese zwei Kräfte kämpfen um die Elfe: Der Wald mit dem Wolf darum, daß sie “erwacht”, die Stadt will sie in ihren grellbunten, betäubenden Wirbel ziehen, damit sie sich gänzlich vergißt und die Prophezeiung sich nicht erfüllt. Sie benutzt dabei psychologische Methoden, indem sie mit “Vernunft” arbeitet und der Angst des Mädchens, etwas zu verpassen.
Der Wolf der “Prophezeiung” ist die “Reinform” des Wolfes in der Nâhtegal-Bilderwelt. Es handelt sich nicht um ein “Wolf” im eigentlichen Sinne, sondern um ein magisches Wesen, vielleicht das, was in den Sagen zum “Werwolf” wurde.
Er ist unsterblich und kann die Gestalt eines Menschen annehmen. Sein Blick reicht zum Grund der Welt, und natürlich – *g* – ist er der letzte seiner Art in dieser Welt und entsprechend schröööcklich einsam. Die Elfen sind die natürlichen Partner der alten Wölfe, aber abgesehen von der einen Elfe, die laut der Prophezeiung sch irgendwo als Menschenfrau verborgen hält, sind die anderen gemeinsam mit den anderen Wölfen nach Anderwelt gegangen.
Er selbst weiß nur soviel, daß er, als seine Brüder in die Welt hinter die Nebel gingen, er noch ein Welpe war und sich verirrt hatte. Das war vor 1000 Jahren. Er wurde zeit seines Lebens von den Menschen gejagt, und verbarg sich.
Als der letzte der alten Wälder abgeholzt werden soll und sein Klagelied singt, hört er es und macht sich auf den Weg. Das Stück beginnt mit dem Sterbegesang des Waldes und dem Eintreffen des Wolfes.
Die Elfe, die nach tausend Jahren Vergessen nicht mehr weiß, wer sie wirklich ist, wird ebenso vom Sterbegesang des Letzten Waldes angezogen. Als Elf und Wolf sich sehen, verlieben sie sich ineinander, denn sie sind in der Welt der Fabelwesen die weibliche und die männliche Seite eines Wesens.
Die Elfe begreift nicht, wie ihr geschieht, sie fühlt und denkt als Mensch und ist nachvollziehbar von sich überrascht, als sie sich im Nachthemd mitten im tiefsten Wald wiederfindet und sich in einen Wolf verliebt.
Der Wolf ist nicht minder überrascht, denn auf Menschen-Mädchen steht er nun wirklich nicht. Es sei, sie ist eine Elfe. Aber er ist bis zum Ende von Zweifeln zerfressen, während er als Mensch bei ihr in der Stadt lebt: Ist sie es, oder ist sie es nicht?
Und die Zeit drängt, der Wald stirbt. Die Elfe versucht, den Wolf als einfachen Menschen-Mann zu sehen und zu behandeln, sie wehrt sich, an Prophezeiungen und Werwölfe und Elfen zu glauben, und auch der Wolf beginnt zu vergessen.
Das ist der Moment, wo der Schrat auf den Plan tritt. Wie die Elfe – da menschenähnlich aussehend – war er im Diesseits geblieben und hatte als Mensch getarnt gelebt. Er vergaß, wer er wirklich ist, während er tausend Jahre sich selbst verachten muß als mißgestaltiger Außenseiter. Der Sterbegesang des Waldes läßt ihn sich erinnern, und er findet sich allein als Fabelwesen in der Menschenwelt. Er ist ein Waldschrat, und dem Gesang des Waldes folgend findet er sich in einem zerrissenen Kahlschlag wieder: “Ich hört die Wälder klagen, doch als ich kam, hatten sie schon ausgeklagt. Nun sitz ich hier und weine, denn kaum daß ich erfuhr, daß ich ein Waldmensch bin, muß ich seh’n, daß es keinen Wald mehr gibt!
Der Schrat ist die vielleicht tragischste Figur. Er hat keine Aufgabe wie Wolf und Wald, an die er glauben kann, er ist völlig allein und der einzige se
ner Art. Der Wolf hat zumindest die Hoffung auf die Elfe. Er ist verzweifelt, für ihn ist das einzige vielleicht, gemeinsam mit dem Wolf, der ihm zumindest ähnlich ist, weit weg zu gehen, in die Wildnis, um wenigstens noch ein paar Jahrzehnte oder Jahrhunderte mit ihm zu verbringen.
Aber – ganz tragischer Held – wächst er nach vielem Klagen und wolf-betören über sich hinaus. Als die Stadt Wolf und Elfe hetzen, wirft er sich gegen den Feind, um ihnen Zeit zu verschaffen.
Im Gegensatz zu den anderen Minnesänger-Stücken und ähnlich wie im “Perlenfischer” wird das Stück jedoch aufgelöst. Im letzten Moment erwacht die Elfe und verrät dem Wolf das Signal.
Er kennt es schon, hat schon festgestellt, daß, heult er, alle Hunde der Welt ebenfalls beginnen zu heulen. Denn die Hunde sind zwar Verräter gewesen, aber in ihrem Blut pocht noch ein Rest Wolf, und der Wolf kann ihn wecken.
Es wird geheult, und die Tore nach Anderwelt werden von den Drachen freigebrannt.
Das Stück endet mit einer Szene in der postapokalyptschen Welt. Elfe und Wolf, jetzt glückliches Liebespaar, sitzen im lebendigen Wald, hinter ihnen, eingewachsen, die Betonruinen einer Autobahnbrücke. Sie sprechen über was geschehen ist, der Wolf hat eine Ballade gedichtet, die alles beschreibt, und er sendet sie durch die Zeit zurück, wo sie von einem Lauscher (Nâhtegal natürlich) gehört und aufgeschrieben wird: Das Stück “Die Prophezeiung”.
Das Stück ist also unheimlich pathetisch und dramatisch, bedient unzählige Klischees und kommt geradezu bombastisch daher. Als ich es schrieb, in jener Höhle über Schulpforta, trat immer wieder ein Literaturkritiker im Stück auf, der mit distinguiert-sarkastischem Ton auf den schwülstigen Pathos hinwies, ihn analysierte und sich über ihn lustig machte. Insbesondere über den weisen, stolzen Wolfs-Helden.
Später nahm ich den Kommenator wieder heraus. Das Stück war pathetisch und schwülstig, gut, aber irgendwie gefiel es mir. Und auf der Bühne fand es immer wieder seine Fans. der Kommentator war witzig, aber er machte die schönen Aspekte kaputt.
|
[Norman Liebold,
13.02.2006 |
Sagen Sie etwas dazu!
|
|