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[Dieser Artikel ist der 4. von 7 Teilen in der Reihe Hintergrund Minnesänger-Komplex]

Hintergrund Minnesänger-Komplex - Inhaltsverzeichnis

Der Minnesänger-Komplex – 1. Über das Buch
Der Minnesänger-Komplex – 3. Mond und Wolf
Der Minnesänger-Komplex – 2. Rose und Wanderer
Der Minnesänger-Komplex – 4. Perle und Perlenfischer
Der Minnesänger-Komplex – 5. Die Prophezeiung
Der Minnesänger-Komplex – 6. Die Wolfsmonologe
Der Minnesänger-Komplex – 7. Kleine Texte

12-Jul-2000 11:16

Das Versepos ist Anfang 2001 entstanden, und nichtsweniger als aus dem Grund, den “Minnesänger-Komplex” aufzulösen.
“Rose und Wanderer”, “Mond und Wolf” und “Fisch und Schwalbe” sind, ebenso wie andere minnesängerisch infizierte Texte (so der “Wassermann” aus “Krähe und Nachtigall” und andere) unaufgelöst und enden tragisch, bzw. tragikomisch aber jedesmal ohne die erfüllte Liebe.
Der Perlenfischer ist anders. Er zieht noch einmal das ganze Szenario auf, das der “Minnesänger-Komplex” mit sich bringt, mit all seinem Pathos, all seiner mythischen Aufladung, aber er hat in der Tat ein “Happy End“.
Das mag eine neue Form der Idealisierung sein, wie sie sich auch in der “Prophezeiung” widerspiegelt: denn hier geht es um das “Elfen-Problem”, das ganz anders gelagert ist als Mond-, Rosen-, und Fisch-Probleme.

Entstehung

Wie “Die Sieben Kelche”, “Spiegelbruch”, “Die Prophezeiung” und – ganz zuletzt – die “Dichterdämonen” ist es ein Stück, das die Bilderwelt Nâhtegals aufgreift und aufzulösen versucht, hier ganz speziell den Minnesänger-Komplex.
Die Problematik hat sich grundsätzlich gewandelt, ganz ohne Zweifel weil der Minnesänger und Jäger sich zu diesem Zeitpunkt in einen Partner zu festen Händen und einen Verteidiger des wahren Blödsinns geworden war.
Kein Wunder also, daß der Text sich mehr mit Beziehungskisten-Problemen auseinandersetzt und weniger mit der verzweifelten Werbung… ;) .

Das Perlen- bzw. Elfen-Problem

Der Text ist aus dem selben Ideen- und Bildersumpf emporgeblubbert wie die “Prophezeiung”, nur das die “Prophezeiung” einfach ein bißchen schneller war. Etliche Konstellationen sind daher durchaus miteinander verwandt, und das Elfen-Problem der Prophezeiung ist ähnlich gelagert wie das Perlen-Problem: In beiden Fällen führen Angebete und Anbeter eine Beziehung, und der Anbeter sieht mehr in seiner Liebsten, als sie zu sein scheint und lädt es mythisch auf, beide Male mit Weltrettungs- und Prophezeiungsbildern. Beide Male geht es um einen verratnen Pakt zwischen Mensch und Natur, beide Male ist die Frau der Schlüssel (bzw. das Tor, anatomisch gesehen) und ist sich dessen nicht bewußt, hält sich für “gewöhnlich”.
Und der ungemein hehre Minnesänger-Held, der mehr und tiefer sieht als die anderen und etwas besonderes ist, ein Auserwählter gewissermaßen, muß sie “erwecken” – um die Welt zu retten.

Der Perlen-Problem ist im Grunde dem Rosen- und Mond-Problem verwandt. Hier wie dort trägt der Minnesänger eine idealisierte Vision an die Geliebte heran, die sie fürchtet, nicht erfüllen zu können, auch wenn sie ihr natürlich schmeichelt.
Im “Perlenfischer” wird die Geliebte durch eine Perle symbolisiert, eine ganz besondere, die einzige Perle. Sie war vor Äonen das Zeichen eines Paktes zwischen dem Menschengeschlecht und dem Meer, der aber von den Menschen verraten wurde. Die Perle wurde verhökert, das Meer mißbraucht.
Der Perlenfischer begegnet einer Nixe, die auf einem Stein von dieser Sage berichtet und ihn auffordert, die Perle zu finden und zurückzubringen, damit der Pakt neu geschlossen werden kann.
Er begibt sich auf die Suche und findet schließlich eine Perle, die um den Hals eines eitlen Gecks hängt, der sie lediglich als Zierat benutzt. Da sie zu zum Perlenfischer spricht, glaubt er seine Suche vollendet, er becierct sie, stielt sie und bringt sie zurück ans Meer.
An dieser Stelle beginnt das Stück, denn die Stunde der Wahrheit ist gekommen: auf dem magischen Stein im Meer wird sich zeigen, ob sie die “einige Perle” ist, oder eben ein gewöhnlich Stück Dreck mit Perlmutter drüber (*g*).
Der Perlenfischer hängt in Zweifeln, und als der Mond (da isser wieder) sich in den Wellen bricht, beginnt die Perle zu sprechen. Das Stück nimmt, wie “Rose und Wanderer” und “Mond und Wolf” dialogischen Charakter an.
Die Perle ist von Zweifeln erfüllt, denn sie fürchtet, daß sich herausstellen wird, daß sie nicht jene einzige magische Perle ist und ihr Geliebter sie dann achtlos zur Seite legt – weil er nicht sie liebt, sondern nur das, wovon er glaubt, daß sie es sein könnte.
Natürlich platzt zu diesem Zeitpunkt der Ex der Perle in die Szenerie, und während der Perlenfischer auf der Klippe grübelt, versucht er sie mit Versprechungen und Erinnerungen an die Vergangenheit zu umgarnen. Das will fast gelingen, denn die Perle sieht, daß ihr Ex sie um ihres einfachen Perlen-Seins Willen haben will, nicht um irgendeines “höheren” Ideals wegen, von dem sie nicht sagen kann, ob es war ist oder nur ein Hirngespinst des Perlenfischers. Zudem ist sie auch nicht ganz unzugänglich von den Reizen des reichen Gecks, der so viel anders ist als der verträumte und bettelarme Perlenfischer.
Aber die Geschichte hat, wie gesagt, ein Happy End, nach einem heftigen Streit fordert der Perlenfischer nur eines, nämlich auf den magischen Stein zu gehen und abzuwarten, nur eine Nacht lang.
Und das wunderbare geschieht, eine Woge schäumt auf, die Perle verwandelt sich in eine Nixe, dieselbe, die den Perlenfischer zu Anfang losgeschickt hatte, und verwandelt den Perlenfischer in einen Nixerich. Damit ist er glücklich, denn er ist ja in Wirklichkeit der Wassermann aus “Krähe und Nachtigall” ;) .
Aber auch der eitle Geck kommt gut davon, denn er kriegt eine Ersatz-Perle, die sich flugs in ein hübsches Erdenmädchen verwandelt, womit der Pakt neu geschlossen ist.

Stilistik

Der “Perlenfischer” ist in Versen abgefaßt. Wie die anderen Stücke dieser Art handelt es sich nicht um Endreim und festgelegte Metrik, sondern um die freiere Art der älteren Dichtung, metrischen Rythmus in der Sprache zu erzeugen, und auf Endreime ist verzichtet – anstatt dessen wird mit den Harmonien und dem Stabreim gespielt. Gedruckt ist der Text ebenfalls wie die anderen Texte dieser Art in geschlossenem Text, der Rythmus erleichtert und beflügelt den Vortrag, denn der Text ist vor allem für diesen ausgelegt.
Zu der Zeit, als es entstand, war die Hoch-Zeit des Amator-Veritas-Ensembles mit Robert Christott, und der Text ist auch mit Augenmerk darauf aufgebaut.
Ein halbes Jahr davor hatten wir “Mond und Wolf” aufgenommen, und auch der Gedanke, aus dem “Perlenfischer” ein teilweise liedhaft vertontes Hörspiel zu machen, spielte eine nicht geringe Rolle. Daraus wurde jedoch nichts, und heute wäre mir der Text definitiv zu schwülstig, um ihn noch auf diese Weise umzusetzen.

Das mit dem Auflösen den Minnesänger-Komplexes hat auch nicht geklappt, im Übrigen. Perlen sind nun mal Perlen und keine unsterblich prophezeiten Wasser-Nymphen. Sie entstehen, wenn Dreck in die Muschel kommt, und die dicke Schale einen Überzug aus glattem, schön schillernden Perlmutt drumherumlegt, damit es nicht so kratzt.


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[Norman Liebold, 13.02.2006
Der Minnesänger-Komplex, Hintergründe
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Der Minnesänger-Komplex – 4. Perle und Perlenfischer

DER SCHRIFTSTELLER NORMAN LIEBOLD

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