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[Dieser Artikel ist der 3. von 7 Teilen in der Reihe Hintergrund Minnesänger-Komplex]

Hintergrund Minnesänger-Komplex - Inhaltsverzeichnis

Der Minnesänger-Komplex – 1. Über das Buch
Der Minnesänger-Komplex – 3. Mond und Wolf
Der Minnesänger-Komplex – 2. Rose und Wanderer
Der Minnesänger-Komplex – 4. Perle und Perlenfischer
Der Minnesänger-Komplex – 5. Die Prophezeiung
Der Minnesänger-Komplex – 6. Die Wolfsmonologe
Der Minnesänger-Komplex – 7. Kleine Texte

10-Jul-2000 15:43

Der Text entstand 1997 in Siegburg und zählt noch heute zu meinen Lieblings-Stücken. Wie die anderen Texte im “Minnesänger-Komplex” handelt es sich um eine durch übertriebenen Pathos ironisierte Liebesgeschichte, und gemeinsam mit “Mond und Wolf” und “Perle und Perlenfischer” ist sie stilistisch in stabreimenden Versen abgefaßt.
1998 verwendete ich den Text als Traumszene im Theaterstück “Bardentod”, und er gehört dem Nâhtegal-Zyklus an.

Das Rosen-Problem

Jede der Geschichten aus dem “Minnesänger-Komplex” behandelt eines der “Minnesänger-Probleme”, die aus einem übermäßig übertriebenen Pathos entstehen. Bei “Rose und Wanderer” dreht es sich darum, daß die Idealisierung angenommen wird.

Die Geschichte ist simpel. Eine Strohblume auf einem Haufen Heu wird von einem verschwärmten Wanderer gesehen. Er stilisiert sie des Gefühles willen zu einer Rose, “Ich bin so leichtgläubig nicht, das muß ich sagen: Wohl liegt hier im Stroh eine Strohblume, klein und trocken, oder auch eines Klatschmohns Blüte, doch ach!, es ist so schön, das Gefühl, dieser süß-wehmütige Schmerz, eine Rose da zu sehen, im Strohe liegend, verdorrend und vielleicht kann man sie ja retten?”

Die Strohblume verliebt sich natürlich in der Wanderer. Am Anfang gleicht sie ein wenig dem Mond aus “Mond und Wolf” und versucht ihm zu erklären, daß sie “nur” eine Strohblume ist, keine wunderbare Rose und fragt, ob sie als solche denn nicht liebenswert sei.
Der Wanderer schwärmt fort, bis er sie in Händen hält und sie betrachtend die Schönheit der Strohblume entdeckt, die anders ist als die der Rose, aber nichtsdestotrotz wunderbar. Er verliebt sich in sie und spricht sie jetzt als sie selbst an.
Aber leider, leider gefällt sich die Strohblume mittlerweile als Rose viel besser, sie fühlt sich beleidigt, als sie als Strohblume angesprochen wird und die Seiten haben sich gewechselt.
Dazwischen spricht noch der Chorus des Strohs, abgemähte Halme, die sich selbst überzeugen wollen, wie gut sie es doch haben – sehr lautstark, obwohl sie sehr genau wissen, daß sie bald von Kühen und Pferden gefressen werden. Sie sind ziemlich schizophren und kommentieren das Ganze.

Das Rosenproblem könnte man so beschreiben, daß der verschwärmte, in romantische Sprache und pathetische Werbung verliebte Minnesänger der Geliebten einredet, sie sei dieses Ideal — mit der unangenehmen Folge, daß sie es auch noch glaubt und sich etwas drauf einbildet. Und unglücklicherweise genau dann, wenn der Minnesänger beginnt, sie tatsächlich um ihrer selbst Willen zu lieben, nicht nur als geeignete Projektionsfläche für Gefühle, die er empfinden will.

Auszug

Wandersmann Oh, wie das letzte Licht auf Deiner samtenen Haut sich bricht, Dein Duft im Abenddämmer, wie die Blätter Deiner Knospe so zart sich öffnen, ihren Odem zu verströmen, oh laß mich Dich nehmen, laß Dich entführen in das Land der Rosen!
Das Stroh Wo Du faulen wirst, denn Wasser ist die Fäulnis für Unsresgleichen!
WandersmannOh Rose! Welch schreckliches Denken: Die fette Wiederkäuer-Lippe, die Dich packt, schon welkend, Dich zerreißt! Die gelbstinkenden Zähne, die Dich zermalmen, Deine Blüte zu Brei zerdrücken! Wie Du hinabgewürgt halbverdaut wieder ins Maul erbrochen wiedergekäut…
Strohblume Verzweifelt.Wenn die Wiederkäuerlippe mich greift, dann wird nicht Ros’ zermalmt, sondern des Strohes Blume! Und wenn Du mich, Wandersmann, aufnähmst, um Rosenduft zu atmen, dann würfst Du mich zurück ins Stroh, denn nicht Rosenduft vergieße ich in die Nacht, sondern Strohblumen-Hauch, und nicht weich und zart ist meine Blüte wie Mädchenhaut, sondern hart und spröde! Das Stroh Und darum!
Zweiter Halm Ja, warum faßt er Dich nicht an?
Erster Halm Ja, warum riecht er nicht an Dir?
Zweiter Halm Ja, warum liebkosen seine Lippe nicht Deine Blüte?
Das StrohDarum! Er weiß es wohl: Nicht weich bist Du, wie Mädchenhaut, sondern spröd und hart, denn nicht Rose bist Du, sondern Strohblümlein!
WandersmannWillst Du nicht mit mir kommen, Rose? Ich will Dich pflegen, in meinen Händen wirst Du niemals welken! In meinen Garten will ich Dich pflanzen!
StrohblumeWarum nimmst Du mich nicht auf, Wandersmann, hältst mich in Deiner Hand, riechst an meiner Blüte? Ich habe solche Furcht vorm Wiederkäuermagen! Warum liebst Du Rosen, und Strohblumen nicht? Warum hörst Du keines meiner Worte? Gefalle ich Strohblume Dir sowenig, daß Du nur seufzt, wenn ich Rose Dir scheine?
Das Stroh Er findet’s schön, um Rosen zu weinen, wer weint schon gern um Strohblumen? Das ist nicht edel!


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[Norman Liebold, 13.02.2006
Der Minnesänger-Komplex, Hintergründe
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Der Minnesänger-Komplex – 2. Rose und Wanderer

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