Die “Spaltenzungen” sind seit den “DichterDämonen” das erste wieder phantastisch zu nennende Buch. Mit “Absurdistan” (2003/04) “Eckstein” (Frühjahr 2004) und schließlich dem Krimi “Ruhestand” (Ende 2004) hatte ich mich eine ganze Zeitlang vom phantastischen abgewendet, auch der 2003 begonnene und Mai 2004 auf Eis gelegte Roman “Zeitenquell” bewegt sich – trotz schmunzelnder Bedienung von Fantasy-Elementen – im realistischen Bereich. Als ich mich Anfang 2005 an die “Spaltenzungen” setzte und wieder ganz bewußt in jene Sphären eintauchte, die ich “Neuzeitmärchen” nenne und die früher das Monopol meines Erzählers “Nâhtegal” waren, hatten sich nur Stil und Erzählweisen stark verändert, sondern auch die Art der Bilder und ihre Behandlung.
Wie “Krähe und Nachtigall” und andere Neuzeitmärchen Nâhtegals ist die Grundstruktur der Geschichte die eines episodischen Märchenromans: Eine Reihe von im Grunde in sich geschlossener Einzelgeschichten sind zu einer größeren Einheit verschmolzen. Die Verschmelzung ist jedoch wesentlich stärker, die einzelnen Bilder sind in die Handlung eingebettet. Das Vorbild sind die altirischen Immramas wie die “Imram Brain maic Febail, ocus a Echtra andso sís”, die sich in Form eines Seefahrer-Abenteuers mit einer Reise nach Anderwelt (Tir Tairnrire) beschäftigen.
Um die Immrama spannt sich die Erzählung über den Tod des Vaters. Das erste Textstück beschreibt in knapper, naturalistischer Sprache, wie der Vater plötzlich an Weihnacht erkrankt, ins Krankenhaus kommt und binnen weniger Tage stirbt. Der Protagonist begleitet den Leichnam ins Krematorium, und als er mit der Aschekapsel zurückkehrt, fordert sein Körper nach unzähligen schlaflosen Nächten sein Recht, und er kippt um, um eingeschlafen einen unheimlichen Traum zu haben. Das Ende des Romans schließt daran an: Aus Anderwelt zurückgekehrt, ohne daß seine Angehörigen von seiner Odyssee etwas ahnen, übergibt er gemeinsam mit dem Rest der Familie die Asche dem Fluß. Der Stil ist jetzt verträumter, abgeklärter, verwandelt durch die reinigende Reise in die symbolische Welt hinter den Nebeln. Einigen meiner Leser stieß dieser Textteil auf. Den einen in dem Sinne, daß sie diesen besonders favorisieren und das nachfolgende Hinübergleiten in phantastische Bereiche als unpassend empfanden, den anderen genau umgekehrt – sie empfanden den phantastischen Teil als durch die Einleitung konterkariert. Die meisten jedoch genossen das, was auch meiner Absicht nach das eigentlich interessante an den Spaltenzungen ist, nämlich genau diese Zusammenführung. Es ist der Tod des Vaters, der den Protagonisten den letzten Schubs gibt, um ihn durch die dÜnngewordene Wand nach Anderwelt taumeln zu lassen. Die “Spaltenzungen” sind ein besonderes Buch, denn diese literarische Reise ist – natürlich symbolisch – eine wirkliche Reise, und nicht zuletzt auch Hommange und Abschied von meinem Vater.
Eine der wie ich finde unheimlichsten Passagen ist die Traumsequenz am Beginn. Er antizipiert – textimmanent betrachtet – die gesamten Spaltenzungen vor und greift nocheinmal tief in die älteren Motiviken (Spiegelbruch) hinein, um eine Verbindung zu schaffen. Der Traum beginnt leise und ohne zuerst erkennbaren Übergang: als der Protagonist mit der Asche des Vaters vom Krematorium zurückkommt, läßt die Mutter hilflos einen Spiegel fallen und er sammelt die Scherben auf. Als er zwei Scherben in der Hand hält, spiegeln sie sich unendlich gegenseitig, und in der letzten Spiegelung sieht er Anderich, wie er Scherben zertrümmert. Er sieht sich – wie am Ende der Spaltenzungen deutlich wird – dabei selbst, als er drei Tage im Bauche des Riesenfisches Iasconius sitzt, jetzt ist es aber für ihn ein Alp, vor dem er sich fürchtet. In der Realität fordern die vielen schlaflosen Nächte ihren Tribut, er kippt zwischen die Scherben, schläft und träumt, die ganze Welt wird Spiegel, und alles spiegelt ihn – bis auf einen Spiegel, und daraus starrt ihn Anderich an und fragt: “Kann man einen Spiegel im Spiegel zerbrechen?” und dann, bedrohlich – wie es dem Protagonisten scheint – “Ich bin Anderich.” Hinter Anderich sieht er ein bedrohlich-unheimliches Szenario: Eine dunkle, nassrote Höhle, die bebt und pulsiert. Was er erst am Ende im Bauch Iasconius erkennen wird, ist, daß er sich selbst im Spiegel sieht – und in diesem Spiegel mit Hunde-Kopf. Als er es viel später versteht, fragt er fassunglos “Ich bin Anderich?”, aber im Traum erscheint es ihm eine Drohung.
Anderwelt beginnt, in die Realität durchzudringen. Zuerst durch den Wirbelwind Karl, der völlig überraschend aus iner Abstellkammer hervorbricht, um den Protagonisten zu verfolgen, seine Lebensgrundlagen rigeros zu zertrümmern und ihn auf diese Weise von seinen Bindungen im Hier und Jetzt zu lösen, damit er die Reise antreten kann. Der Protagonist hängt in der Zwischenwelt, und die Wände nach Anderwelt werden immer dünner. Auch der Haushalter steckt in dieser Zwischenzone, bis er befreit wird und sich als Karon/Anderich entpuppt. In der Zwischenzone zwischen Diesseits und Anderwelt gelten die normalen Gesetze von Zeit und Realität nur bedingt. Im Kontext der Imramas entspricht dies dem Bereich, wo Diesseits und Anderwelt sich überlagern und überschneiden.
Zentrales Stück der Spaltenzungen ist die Flußfahrt. In der Realität führt sie den Rhein entlang, in die Nordsee, die Elbe herunter, in die Saale bis ins Burgenland. Aber die Flußfahrt findet in der Zwischenzone statt und wechselt immer wieder nach Anderwelt hinüber. Die zwei großen Komplexe in Anderwelt sind die Geschichte auf der Insel des Krieges (in der Realität Nonnenwerth bei Bad Honnef)und die Odyssee auf dem Klebermeer, wo Karon und der Protagonist schließlich den Magnetberg respective den Fisch Iasconius finden. und von ihm verschlungen werden. Hier erkennt der Protagonist die Identität von sich und Karon/Anderich, er findet seinen Lebensmut wieder und beginnt endlich, wieder die Initiative für sein Leben zu ergreifen.
Iasconius erbricht sie in die Zwischenwelt zurück, aber der Protagonist muß feststellen, daß er allein ebensowenig in das Diesseits zurückkehren kann wie er ohne Iasconius aus dem Klebermeer entkommen wäre. Es geht ihm wie dem Haushalter: Niemand kann ihn sehen, er irrt durch eine Welt der Schatten, und nur der Treidler kann ihn durch die unsichtbare aber unüberwindliche Barriere wieder ins Leben bringen. Als er ihn schließlich findet und wieder “reaktiviert”, zeigen sich die Überschneidungen Anderwelt/Diesseits deutlich. Der Curraigh ist ein Plastik-Ruderboot, die Familie bemerkt nur, daß er “ganz schön lange” gebraucht habe, und niemand wundert sich über die Prinzessin, die ihn begleitet. Aber er ist ein Stück weiter geworden: Er sieht Curraigh/Ruderboot zugleich, er kann das Weinfaß aus der Klebermeer-Kogge aus ihm ins Diesseits holen und Karl, der Wirbelwind, ist nach wie vor da, wenn auch zur Irritation der Diesseitigen.
Die Spaltenzungen vollführen in mehr als einem Bereich einen weiten Spagat. Angefangen von dem Wandern und Changieren zwischen den Welten, die sich in realen Orten überschneiden, dem Spiel mit Symbolismen, die sich auf damals für mich sehr aktuelle Problematiken beziehen bis hin zum Einbeziehen und Spielen mit ältesten Überlieferungssträngen. Und – trotz der überaus ernsten Geschichte – die humorvollen Ausflüge. Ich persönlich finde, daß ich mit diesem Buch die Freiheit wiedererlangt habe, sämtliche Ebenen meines Schreibens wieder – und vor allem auch spielerisch – zu vereinen.
Am 03.01.2005 starb mein Vater, und ich war derjenige, der nicht nur Mutter aufzufangen, sondern mich auch um sämtliche Formuläten zu kümmern hatte. Zum Trauern bin ich dabei nicht gekommen, da ich zudem einen Gewaltritt begann, um mein Studium zu beenden, und auch meine eigenen Angelegenheiten umzusortieren hatte. Es waren dies jedoch nicht die einzigen Dinge, die – in der Eigenschaft der Dinge, sich zuzeiten mit der Macht einer massiven Lawine zu vereinen, um alles Altbekannte und gefestigt erscheinende mit einem aus dem Nichts kommenden Krachen einfach wegzureißen – in dieser Zeit geschahen. Diese Erfahrungen haben sich tief in die Spaltenzungen niedergeschlagen, vielleicht auch ist die Form, die ich für die Geschichte wählte, daraus hervorgegangen, denn die Zeit rauschte an mir vorüber wie ein seltsamer Traum. Es war keine schlechte Zeit, aber eine zutiefst aufwühlende, die so ziemlich alles auf Herz und Nieren prüfte und mein Leben gänzlich umstrukturierte. Die Beschreibung des Todes und der Verbrennung am Beginn des Romans sind sehr naturalistisch gehalten. Und sie ist in jedem Falle auch eine Hommage und ein Abschied von diesem liebenswerten und wunderbaren Mann. Interessanterweise – und für mich selbst zum nicht geringen Erstaunen – fand ich mich im Herbst nach der Niederschrift in meiner neuen Wohnung im Burgenland, die so ziemlich meinem Ideal von schönem Wohnen entspricht. Die Stelle, die ich für die “Heimkehr” des Protagonisten in den Spaltenzungen aussuchte, liegt kaum fünf Fußminuten davon entfernt, und fünf Minuten in der anderen Richtung befindet sich auf einer Klippe eine Karstwiese, die, als ich sie zum ersten Male sah, für mich sofort lachen ließ. Wenn Karl irgendeine Heimat hat, dann auf dieser Wiese, wo immer starker Wind ist und die größten Staubteufel tanzen, die ich je gesehen habe.
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[Norman Liebold,
14.05.2005 |
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