Nonnenwerth ist erlöst, die Nebel heben sich, aber die Seile hängen noch über dem Rhein, der Knoten ist noch nicht gelöst. Gemeinsam mit Parzifal fahren Karon und der Protagonist hinaus, und der neue König fordert den Protagonisten auf, den Knoten mit dem Schwert zu zerhauen. Trotz der Angst, daß die Spannung so stark ist, daß die hochpeitschenden Seilenden ihn treffen und zerfetzen, schlägt er letztlich zu – sich an Alexander und den gordischen Knoten erinnernd – und mit dem Zerschlagen des Knotens verlassen sie Anderwelt. Die Insel des Krieges ist wieder die kleine Insel Nonnenwerth, und ihre Fahrt kann fortgesetzt werden. Der Knoten an dieser Stelle ist einfach ein Gedankenknoten. Ein Insel-ist-Riesenfisch-und-schwimmt-gleich-weg-Gedankenknoten. Karons Haushalterpflicht, Cornelius’ Magnetbergwahn…
“Wolang wir fuhren, ich könnte es nicht sagen. Den Rhein hinauf, segelsetzend die Nordsee entlang bis in die Elbe und sie wieder hinab bis in die Saale, oder durch Nimmerland und Wolkenkuckucksheim, den Regenbogen rauf und wieder runter, nach dem siebten Tag war es mir gleich. Denn ganz gleich, wie die Stadt hieß, an der wir vorrüberkamen, gleich, welchen Namen der Fluß trug, auf dem wir fuhren, es waren die Begegnungen, an die ich mich erinnere. Ich lernte wieder Staunen, aber mich zu wundern habe ich verlernt.” Wird die seltsame Reise zusammengefaßt, die Karon und sein Begeleiter im Curraigh fahren, bis aus Frühjahr Herbst wird. Karon erklärt, daß sie sich dem Ziel nähern, aber bevor dieses erreicht wird, kommt der zweite große Anderwelt-Komplex der Spaltenzungen. So amüsant und kurzweilig die Abenteuer sind, die Karon und sein Begleiter im Klebermeer und mit dem Fisch Iasconius zu bestehen haben, ich möchte ich kurz ausgreifen, denn ich werde oft gefragt, was das denn soll, und was denn dieses komische Meer aus gelbem Kleister ist, und woher ich den Fisch Iasconius hätte und den Magnetberg, das käme nämlich bekannt vor. Weder das Klebermeer, noch Iasconius, noch der Magnetberg sind auf meinem Mist gewachsen. Vielmehr handelt es sich um Mythen, die uralt sich bis in die Neuzeit fortsetzen. Sie sind es, unter anderem, warum ich Mediävistik studierte, denn diese Bilder werden immer wieder verwandelt, neu interpretiert und von ihren sich im Nebel verlierenden Anfängen bis heute tradiert.
Die meisten kennen Iasconius heute nur noch aus modernen Rezeptionen, wenn, zum Beispiel, im russischen Zeichentrickfilm “Das bucklige Pferdchen” der Walfisch auftaucht, der ein Dorf auf seinem Rücken trägt. Oder wenn in einer neuen Odysseus- oder Sindbad-Verfilmung der Abenteurer ein Feuer auf einer Insel macht, und die Insel sich als gigantischer Meeresbewohner entpuppt. Beziehungsweise aus Kindergeschichten wie Michael Endes “Jim Knopf” oder der Disney-Verfilmung von “Pinnocio”, oder eben auch in der biblischen Geschichte oder dem Gospel-Song um Jonas und dem Wal. Die Entlehnungen und Befruchtungen, die die uralte Mythe von dem gigantischen Fisch bedienen, sind unzählige, und sie alle variieren das Thema. Grundmuster ist dabei die unglaubliche Größe des Meerestieres, dessen aus dem Wasser ragender Rücken für eine Insel gehalten wird. In vielen – zumal den ursrünglichsten – Variationen ist es zumeist so, daß dieser Fisch aus irgendeinem Grunde entweder schläft oder einfach nicht untertauchen kann oder will (sei es, weil ihm jemand was ins Maul getan hat, und er nicht abtauchen kann, weil er sonst voll Wasser liefe, sei es, daß er irgendeine fixe Idee hat, wie eben, seinen Schwanz schnappen zu wollen). So wachsen mittlerweile Bäume und Wiesen auf ihm oder ganze Dörfer und Städte. Ich selbst lehnte mich an die “Navigatio sancti Brendani” an, beziehungsweise an ihre mittelalterliche deutsche Adaption “von sente brandan” – die, wie die Forschung stark annimmt – eine verchristlichte Weitertradierung der Imram Braín mac Faebail ist, nicht nur wegen der auffälligen Namensähnlichkeit Brandan/Braín, sondern auch, weil sich etliche Abenteuer des keltischen Abenteurers und des irischen Heiligen decken. Insbesondere in der lateinischen und sehr umfangreichen Fassung der Brandan-Legende wird der Riesenfisch mit Wald und Wiesen auf seinem Rücken ausführlich beschrieben. Und auch, warum zum Teufel er nicht einfach abtaucht: Semper suam caudam ut simul jungat capiti et non potest pro longitudine quam habet nomine Jasconius. [Immer jagt er seinem Schwanze nach, ihn zu fangen, aber wegen seiner Länge vermag er es nicht. Er hat den Namen Iascon.] Warum er allerdings unbedingt seinen Schwanz bekommen will, wird nicht erklärt. Das machen nach 10 Jahrhunderten dann endlich die Spaltenzungen *g*.
Der Magnetberg ist eine ähnlich alte und ähnlich weit verbreitete Mythe, die sich bei den Menschen solange als “Realität” hielt, bis in der Renaissance langsam die wissenschaftlichen Erklärungen an Macht gewannen, warum der magnetische Nordpol die Kompaßnadel anzieht. Man glaubte, daß irgendwo ein riesiger Fels Magnetgestein im Meer liegt, und wenn Schiffe ihm zu nahe kommen, ist seine Anziehungskraft so immens, daß er entweder alle Eisenteile aus dem Schiff reißt (und es in einen Bretterhaufen verwandelt) oder es schlicht an sich zieht und nie wieder losläßt bzw. an sich zerschellen läßt. Das Klebermeer wird als ein Gebiet innerhalb des Meeres beschrieben, wo das Wasser so zäh ist wie Kleber und es kein Fortkommen mehr gibt. Man nimmt heute an, daß es sich dabei um tatsächliche Erfahrungen der Schiffer handelt und diese Mythe auf die Saragossa-See zurückführen läßt. Hier werden durch den Golfstrom Unmassen von schwimmenden Algen zusammengetrieben, so daß der Ozean eine dicke und träge Brühe wird, wo sehr wohl Schiffe der damaligen Zeit kaum ein Durchkommen hatten. In “von sente brandan” (entstanden frühes 13.Jhd.) potenziert diese beiden Mythen, indem es den Magnetberg in das Zentrum des Klebermeers versetzt:
Ein sturm groz sich gegen in truc,
dannen er den kiel sluc
rehte gegen dem lebermer,
do daz lutzel gotes her
was vil nach versigelt in not, [295]
da sie weren bliben tot.
do sach sente Brandan
manchen kiel inne stan
die vor mangen jaren
darin versigelt waren. [300]
in anrief ein stimme lut,
daz der wise gotes trut
norden up daz mer wente,
da in got hin gesente. [305]
wan ein stein liget darinne,
der betrubet manches menschen sinne:
swaz isens da bi queme,
daz er daz al zu im neme,
ez muste ouch immer da bliben.
Diese Version habe ich für die Spaltenzungen adaptiert, bin allerdings so dreist gewesen, ihr noch eines aufzusetzen, denn wie sich herausstellen wird, sind Magnetberg und Iasconius identisch, oder wie es der Protagonist am Ende – genervt von Cornelius – lakonisch zusammenfaßt: “Ist ja gut. Beruhig Dich wieder und schreib ein Buch drüber: Der Magnetberg ist Iascon und magnetisch wegen dem Spiegel innen drin. Und er wollte seinen Schwanz, um sich selber zu verschlucken.” Es geht noch ein Schrittchen weiter, denn der Magnetberg wird anfangs von Cornelius für das Paradies gehalten, oder, genauer, die Terra Reprocommisionis der Navigatio. Dieses gelobte Land ist eine Art Vorhof zum Himmelreich, der von den irischen Mönchen aus den keltischen Sagen Anderwelts und den neuen christlichen Vorstellungen zusammengemixt wurde.
In den Spaltenzungen werden zwar diese alten Überlieferungen mit großer Spielfreude herangezogen, aber eben in völlig neue Kontexte gesetzt und mit einem Grinsen für die Geschichte genutzt. Es ist der Spiegel Anderichs, den Iasconius irgendwann verschluckte, um dadurch magnetisch zu werden, und er will seinen Schwanz zu packen bekommen, damit er sich selbst verschlucken kann. Denn in dem Moment, wo er sich selbst vollständig verschluckt hat, macht es “Plopp” und der Riesenfisch schlüpft wie das Kamel durchs Nadelöhr tatsächlich ins Paradies. Allerdings das Paradies der Riesenfische, wie Cornelius bei seinem Selbstversuch, sich zu verschlucken, frustriert wird feststellen müssen.
Ich durfte die “Navigatio” und die anderen Überlieferungen dieser Mythen unter meinem Professor, Herr Prof. Kern, ausgiebig studieren, und so, wie er auch – ohne es zu wollen – für einige andere literarische Befruchtungen verantwortlich zeichnet, weil er mich an Materien heranführte und mich gewissermaßen auf die Reise schickte, ist er nicht ganz unschuldig an der Figur des Cornelius und seiner Abenteuer im Klebermeer und mit Iasconius. Der ursprüngliche Text spielte nicht vor Dresden sondern noch im Rhein vor Bonn, und es ist ein Zufall, daß Cornelius nicht nur Gelehrter ist, sondern Spezialist auf dem Gebiet der Altgermanistik und der Mythenforschung. Natürlich ist diese liebevolle Hommage mit starkem Augenzwinkern zu nehmen…
Cornelius sitzt auf einem Stein mitten im Fluß, und das seit geraumer Zeit, denn seine Kleidung ist ihm längst von den Knochen gefallen – jetzt erfüllt sein Haupt- und Barthaar diese Aufgabe, und dafür sind sie auch lang genug. Pate für dieses Bild stand ebenfalls die Navigation bzw. der mittelhochdeutsche Text: Der komische Kauz auf seinem Stein war im MA ein beliebtes Bild, das in verschiedenster Weise genutzt wurde. Zum einen in positiven Sinne für den “perfekten Einsiedel” wie den Gregorius von Hartmann oder auch den “Fastheiligen” der Brandan-Sage. Sie sitzen – jeder materiellen Bindung bar – auf einen Stück Eiland, als Kleidung entweder nur ihr Haar oder durch Gottes Gnaden mit wärmenden Pelzbewuchs gesegnet. Gott selber ernährt sie und löscht ihren Durst. Auf der anderen Seite steht eines der krassesten Illustrationen für Gottes Strafe, wenn Judas auch auf so einem Felschen sitzt, daß aber auf der einen Seite glühend, auf der anderen gefroren ist, wobei der Christusverräter doppelte Qual zu ertragen hat. Zum einen so große Hitze, daß er am lebendigen Leibe verbrennt, zum anderen so große Kälte, daß ihm die Haut aufspringt. Daneben wird er zudem von der See ständig nahe am Ersticken überspült, die Winde zerfleischen ihn und andere Folterungen werden je nach Version hinzugefügt. Allerdings, und das ist das feinsinnig gemeine daran: Das ist für Judas Iscariot der “Sonntagsurlaub” von der Hölle, hier kann er sich wegen Gottes barmherziger Gnade nämlich von den unaussprechlichen Qualen erholen, die er in der Hölle zu ertragen hat. Es ist ihm in der “von sente brandan eine unglaubliche Wohltat, als Brandan bewirkt, daß er einen Tag länger auf seinem Stein bleiben darf. Cornelius ist weder entrückter Einsiedel noch sich erholender Judas. Er ist begeisterter Wissenschaftler, der auf eine bisher unbekannte Handschrift der Navigatio stößt, in der die Lage des Magnetbergs genau angegeben ist mit Längen- und Breitengraden. Und gerade der Magnetberg ist seine spezielle Leidenschaft. Die Lage ist absurd – laut der Handschrift liegt der Magnetberg mitten in der Elbe -, aber trotzdem läßt die Entdeckung Cornelius keine Ruhe: Was, wenn es stimmt? Er kann nicht mehr schlafen, fürchtet hier, sich vor Kollegen zum Esel zu machen, da, die größte Entdeckung aus unangebrachter Zögerlichkeit zu verpassen. Denn laut seinen Forschungen sind Magnetberg und Paradies ein und dasselbe. Schließlich hält er es nicht mehr aus, chartert sich ein Boot und fährt aus, den Magnetberg zu suchen. Er gelangt durch den Nebel (Signal für Übergang nach Anderwelt) ins Klebermeer, jauchzt, denn der Magnetberg liegt ja darin. Und schließlich sieht er ihn. Und in diesem Moment fällt ihm auch ein, was der Magnetberg mit Schiffen zu machen pflegt. Zwar gibts keine Nägel in seinem Schiff, aber es ist aus Metall, und es wird förmlich zerlegt – Cornelius kann sich mit letzter Kraft auf den Felsen in Zwischenwelt retten und hängt fest, bis Karon vorbeigestakt kommt. Er klagt immer wieder, daß gerade ihm, der er doch ganz genau Bescheid wußte, das geschehen mußte.
Er erzählt zum Amüsement der Reisenden seine Geschichte, und steigt schließlich in den Curraigh – um festzustellen, daß dieser nicht einen Nagel enthält, sondern ganz aus Leder, Holz und Teer gemacht ist. Und seine nächste Bitte lautet natürlich: Bringt mich zum Magnetberg, bittebittebitte! Sie tun es, natürlich nicht an das Geschwätz glaubend, und sind wenig später im Klebermeer. Der Magnetberg kommt in Sicht, zum Leidwesen Karons verabschiedet sich sein einziger Teekessel, und Cornelius hat wieder ein Problem: Das einzige, was er besitzt, und wovon er sich nicht trennen kann, sein Sextant – Erbstück eines Geschlechts von Magnetbergsuchern – ist natürlich von Eisen. Er geht über Bord, weil er nicht loslassen will und wird zum Klebermeer-Ski-Fahrer: Der Sextant zieht ihn immer schneller zum Magnetberg, und Cornlius freut sich entsprechend. Der Leser wird ihm später wieder begegnen, denn der Magnetberg ist nicht das Paradies, sondern Iasconius, und Cornelius lebt ziemlich resigniert wie Jonas im seinem Bauch.
Es ist nicht das klare Ziel, daß wirklich fesselt und in den Bann zieht. Es ist stets ein Geheimnis, das sich nicht recht fassen lassen will. Der Magnetberg ist ein Mythos, und Cornelius lebt im Grunde so lange in Frieden, wie er annimmt, daß es ihn nur als literarisches Motiv gibt. Als jedoch die Möglichkeit in Betracht kommt, daß es ihn tatsächlich geben könnte, genügt das, um ihn mehr oder minder in einen Wahn hineinsteigern und dabei seine eigene Sicherheit völlig vergessen zu lassen. Um Gewißheit zu erlangen, begeht er die größten Dummheiten. Es ist dies ein profundes Mittel, um solche Magnetbergsucher zu nahezu allem zu bringen. In der Liebe, meinetwegen, wo gerade das in der Luft Schweben zwischen Möglichkeiten das Hirn in wilde Umdrehungen stürzt, es immer mehr fixiert, bis es nichts anderes mehr denken kann und heftigste Gefühle entwickelt – mehr aus sich selbst heraus, weniger durch den Gegenstand des Begehrens. Soweit, daß man schließlich einen Ring am Finger hat und im Nachhinein feststellen muß, daß man einfach nur wissen wollte, was zum Teufel da eigentlich vorging. Oder in der Wissenschaft, wo sich Forscher gerade um Ungereimtheiten – seien sie noch so banal – drehen, bis aus einem unwichtigen Detail ein ganzer Mythenkomplex geworden ist. Oder auch in den Medien, wenn gerade bewußt ungereimte Filmemacher, Musiker, Künstler zum Kult werden, eben weil sie nicht verstanden werden und man dahinter kommen will – denn etwas muß doch da sein, oder?
Das Klebermeer ist tückisch: der Kleber heftet sich an alles Harte an, bildet eine Insel um den Gegenstand, die sich immer weiter ausdehnt, bis Auflösung und Härten des Kleisters im Gleichgewicht und das Schiff gefangen ist. Die Reisenden sehen Wracks unterschiedlichster Zeiten – von der antiken Galeere bis zum Atom-U-Boot, während sie durch die entstehende Kleber-Insel um den Curraigh immer langsamer durch das Kleistermeer irren. Und es ist nicht unbewohnt. Hier und da lugen struppichte Gestalten aus den Wracks hervor, und als sie schließlich auf einer der Inseln, die eine mittelalterliche Kogge umgibt, landen, stellt sich heraus, daß sie zu einer Art Dorf umgebaut ist.
haben alle eines gemeinsam: Sie waren feige, und sie alle wurden von Karon mehr oder minder verführt. Der Drachenmann, zum Beispiel, fragte den Weisen in der Höhle – der niemand anderes war als Charon/Anubis/Anderich -, wie er herausfinden könne, ob er nun ein Drache sei oder nicht. Aber der einzige Weg ist, sich mit Benzin übergossen anzuzünden: Und er wagt den Test nicht, denn was, wenn er kein Drache ist? Aber als er aus der Höhle des Weisen heraustritt befindet er sich im Klebermeer und kommt nicht mehr daraus fort – ein Sinnbild der Stagnation. Mittlerweile ist dort eine ganze Gemeinschaft, sie haben sich mehr oder weniger arrangiert, haben sich einen Ofen und Betten gebaut, es sich gemütlich gemacht und in gewisser Weise etwas Schönes hervorgebracht, eine eigene kleine Welt – aber es ist nichtsdestotrotz ein armseliger Haufen: “Sie hatten alle nette Gesichter. Sie hatten alle einen Händedruck wie wassergefüllte OP–Handschuhe, sie alle sprachen, daß man dabei einschlafen konnte. Und sie alle hatte immer ihr kluges Geschwätz und ihren tiefenpsychologischen Rechtfertigungskram.” Sie handeln nicht, sie schwätzen nur. Und der Protagonist entschließt sich gegen sie.
An Bord der Kogge befinden sich Weinfässer von ganz erlesener Qualität. Es ist der Wein, der ihn so betrunken macht, daß er die Scheu verliert und das Laute, Starke in sich herausläßt. Er stellt Karon, und er – ein Parzifal auf eigene Art – stellt beim zweiten Ausflug nach Anderwelt endlich die Frage, die ihn so lange schon quält: “Sag mir endlich, wer Du bist! Niemand hat verdammt noch mal einen Curraigh im Weidenbaum, niemand hängt ohne Fressen fünf Jahre im Gebälk mit Tonnenlast auf seinen Schultern, niemand fährt durch Nebel, landet im Nirgendwo und wundert sich nicht darüber! Du hast ein Hundegrinsen, und manchmal hast Du auch einen Hundekopf! […] Habe ich Recht?” Und Karon senkt das Haupt, und als er es wieder hebt, hat er seinen Hundekopf. Aber es spielt keine Rolle mehr, er ist mit ihm 7 Monate lang gereist, er ist sein Freund, was macht es, wenn er einen Hundekopf hat? “Mach wieder Dein Mensch–Gesicht, Freund […] Es ist gleich, aber ich hab mich dran gewöhnt.” Es ist alles einfacher, es ist alles besser, wenn man den Mund aufmacht und offen spricht. Die meisten Probleme sind simple Mißverständnisse, weil aus Feigheit das Problem nicht angesprochen wird. Darüber gehen Lieben kaputt, Freundschaften zerbrechen und Kriege brechen aus.
Der Protagonist will nicht mit den Feiglingen in der Kogge leben, er will lieber wieder aufs Klebermeer hinaus, und er hat eine Idee: Der Magnetberg muß ganz in der Nähe sein, er lädt Eisenanker und Eisenkette in den Steven des Curraigh und sticht wieder in See, bzw. in den Kleber. Die Rechnung geht auf, mehr oder minder: Ehe der Kleister sie gänzlich festsetzen kann, packt sie der Zug des Magnetbergs und läßt sie immer schneller fahren. Der Magnetberg scheint eine kleine Insel zu sein, ein Locus Amoenus: Ein Baum spendet schatten über einer Wiese, nahebei ist eine klare Quelle (die allerdings regelmäßig zum Geysir wird), und selbst Karons geliebter Topf ist schon vor Ort: Zwar klebt er magnetisch am Boden fest, aber wenn man ein Feuer rings herum legt, kann man doch das Wasser für den Tee zum Kochen bringen. Sie holen Wasser vom Geysir, sie machen Feuer, und plötzlich – dies ganz in der Tradition der alten Legenden – gibt es ein Erdbeben, beziehungsweise dem Fisch Iasconius, auf dem sie sitzen, paßt das ganz und gar nicht. Sie springen ins Wasser, retten sich in den Curraigh, während der Riesenfisch mit Rauchwolke am Horizont verschwindet – aber nicht für lang, denn bald kommt er zurück, um sie zu verschlingen. Niedliches Detail: An diesem Punkt beginnen sich die Kreise zu schließen. Als die Blätter des Baumes auf Iasconius’ Rücken abgeschüttelt werden, fallen sie nicht zu Boden, sie kreisen um den Stamm herum – der Eichenbaum ist der verzauberte Jongleur aus der Geschichte des Haushalters. Und im Bauch des Fisches endet der große Kreis.
Der Bauch Iasconius’ ist eine gigantische Höhle, angefüllt mit einem See. Und in seiner Mitte ist ein Eiland, auf dem ein Spiegel steht. Wir begegnen hier Cornelius wieder, der betröppelt vor dem Spiegel auf dem Eiland sitzt und Theorien spinnt über Magnetberg, Iasconius und den Spiegel. Der Protagonist aber ist magisch angezogen vom Spiegel, er zerschlägt ihn aus Angst, hineinzuschauen, aber drunter ist nur ein weiterer Spiegel. Drei Tag sitzt er und versucht die Spiegelscherben zu zerstören, aber es werden nur immer mehr, wenn auch kleiner. Das Bild, wie er dasitzt und Spiegelscherben auf Spiegelscherben schlägt, ist dasselbe, was er ganz am Anfang in seinem Traum sieht, ganz hinten, kaum erkennbar, in den Spiegelscherben, und der eigentliche Zirkel löst sich, als er sich endlich getraut, in den Spiegel hineinzusehen. Er sieht sich selbst, wie er im Spiegel-Traum auf der Straße steht und in den Spiegel schaut, und der Mann da auf der straße trägt einen Hundekopf. Er selbst ist es, der nachdenklich mit Blick auf die Spiegelscherben zu seinen Füßen fragt: “Kann man einen Spiegel im Spiegel zerbrechen?”, er selbst ist es, der ungläubig sich selber fragt: “Ich bin Anderich?” Als er versteht, springt er in den Spiegel, und im selben Moment – wie Cornelius kommentiert “Akrakadabra” – verschwindet Karon/Anderich. Und der Spiegel eginnt zu brennen und eklen, öligen, schwarzen Qualm zu produzieren, der sich in der Bauchhöhle des Riesenfisches sammelt, die Höhle beginnt zu erbeben, und der Protagonist begreift die bittere Wahrheit: “In den Curraigh! […] Dem Fisch wird übel!” Kenner des Nâhtegal-Zyklusses werden an dieser Stelle sagen: “Ah! Da isser wieder!” Denn der Spiegel und der Spiegelbruch kommt in einigen Nâhtegal-Geschichten vor. Die Bezüge sind vorhanden, auch wenn das Bild um einiges weiterentwickelt ist und in einem anderen Kontext steht. Dieselben werden auch breit grinsen, wenn sie die Geschichte vom Drachenmann in der Kogge hören und an “Narrenwahn”, “Zirkeltänze” und an “Krähe und Nachtigall” denken, so wie sie kichern, wenn der Wolf aus seiner Spalte gezogen wird. Aber Nâhtegal war lange ich, und ich es macht mir zuweilen infernalische Freude, mit den Bildern zu jonglieren.
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[Norman Liebold,
14.05.2005 |
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