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[Dieser Artikel ist der 5. von 5 Teilen in der Reihe Hintergrund Spaltenzungen]

Hintergrund Spaltenzungen - Inhaltsverzeichnis

Spaltenzungen
Spaltenzungen – 1. Scherben
Spaltenzungen – 2. Rheinfahrt
Spaltenzungen –3. Iasconius
Spaltenzungen – 4. Heimkehr

Norman Liebold: Illustrationen für Liebold, Norman: Spaltenzungen. Königswinter 2009. ISBN 9783937330242

Norman Liebold: Illustrationen für Liebold, Norman: Spaltenzungen. Königswinter 2009. ISBN 978393733024224-Apr-2007 16:38

Als der Protagonist wieder zu sich kommt, sind sie aus dem Klebermeer entronnen. Sie sitzen an einem See im Wald, und in der Mitte des Sees dreht sich Iasconius wie wild im Kreis. Er hat endlich – durch die Bauchkrämpfe – seinen Schwanz erreicht und verschluckt sich selbst, um mit einem Knall zu verschwinden. Cornelius glaubt in diesem Moment das Paradies aufblitzen zu sehen und hat nichts anderes zu tun, als es dem Fische nachzutun: er beginnt mit dem großen Zeh und stopft sich sich selber in den Mund.

Diese Selbst-Verspeisung geht auf mehrere Ebenen zurück. Zum einen – ganz textimmanent – ist sie ironische Brechung der ganzen Spaltenzungen, denn was der Protagonist auf seiner Reise durch Anderwelt veranstaltet, ist im großen und ganzen eine Selbstverdauung: Der Tod Vaters bringt seine Welt ins Wanken, und Karl, das lebendige, wirbelnde, echte nutzt die Chance, durch eine Ritze in verknöcherte Leben des Protagonisten hereinzuschlüpfen und es gründlich aufzuräumen. Er wird mit seinen Dämonen konfrontiert, mit seinen Ängsten, seinem verdrängten Selbst. Psychologisch gelesen sind die Spaltenzungen eine Therapie. Eine Selbst-Heilung von genau jenen Prinzipien, wie sie der Haushalter symbolisiert und die Zombie-Artus-Ritter, und auch Cornelius. Zugleich aber steht dieses Bild auch für die Absurdität des Ganzen – Cornelius verdaut sich selber, und er erreicht mit seinem ganzen Herumanalysieren nicht viel mehr als eine Menge Schmerz und daß er – wortwörtlich – aussieht wie frisch ausgeschissen. Es ist das negative Spiegelbild dessen, was der Protagonist der Spaltenzungen macht.

Entstehung des Bildes

Der Selbstverdauer ist mir auf höchst unangenehme Weise im März 2005 in Schulpforta begegnet. Er saß da in einer Ecke und kaute sich am Fuß. Es war eine überaus erschreckende Erkenntnis, daß, als ich mich eine Weile mit ihm unterhalten hatte und er mir erklärte, was er da tat, ich feststellen mußte, daß ich es selber war – ich hatte mich da irgendwann 2000 herum vergessen und grübelte so vor mich hin. Ich werde das nicht weiter erklären, das macht der Treidler für mich, der mir unterhalb meiner neuen Wohnung in Saaleck über den Weg lief und einiges Licht ins Dunkel brachte

Der Treidler

Eine Weile stakt der Protagonist alleine weiter, aber bald kommt er nicht weiter, es ist, als zöge sich eine unsichtbare Wand vor ihm quer durchs Land, und es ist kein Durchkommen. An der Stelle, wo die undurchdringliche Barriere ist, findet der Protagonist eine verlassene Hütte, die offenbar einem Treidler gehört. Treidler ziehen Schiffe und Boote gegen Stromrichtung Flüsse hinauf, bis zum Aufkommen der Dampfschiffahrt liefen an vielen Flüssen – so Elbe und Rhein – sogenannte Treidelpfade entlang. Der Treidler ist jedoch nicht aufzufinden, und der Protagonist macht sich auf die Suche. Daß er in Zwischwelt ist, erfährt er auf unheimliche Weise: Alles Menscherbaute ist seltsam schattenhaft, das Dorf, in das er gelangt, ausgestorben, die Klinken der Häuser so kalt, daß sie ihn verbrennen: Er ist zwar in einer menschlichen Siedlung, aber trotzdem unsagbar einsam.

Das Wirtshaus

Ein wenig mehr in Richtung Zwischenwelt gerückt ist das Wirtshaus im Dorf. Der Protagonist kann hinein gehen, er sieht die Menschen dort, aber sie können ihn nicht wahrnehmen. Die unappetitliche “beschissene” Szene ist nicht erfunden. Ich durfte sie im März 2005 miterleben. Ein Mann, gerade von seiner Frau verlassen, hatte sich ein Zimmer gemietet, sich mit Alkoholika eingedenkt und sich völlig zugekippt – mit dem durchschlagenden Erfolg, gänzlich besinnungslos alles einschließlich sich selbst von oden bis unten zu bescheißen. Der Treidler hat ein ganz ähnlich gelagertes Problem. Er war über Jahre hinweg mit einer Frau zusammen, die ihn zum Reorganisieren und auf sie hin Ausrichten seines ganzen Lebens bringt. Er verzichtet auf das, was ihn eigentlich ausmacht, seine Arbeit als Treidler zwischen den Welten, und als er aufgrund dessen nur noch ein Schatten seiner Selbst ist, verliert sie das Interesse an ihm, um ihn wenig später zu verlassen. Sein Leben ist leer, und er weiß nicht, ob er zu seinem alten Leben zurückzukehren vermag. Und er betäubt sich bis über die Besinnungslosigkeit hinaus. Dem Protagonisten gelingt es, ihn zu remotivieren. Er gibt ihm eine Aufgabe, einen Sinn, indem er auf seine Hilfe angewiesen ist.

Die Klamm

Des Treidlers Treidelpfad liegt in einer Schlucht, wo auch sein kleines Häuschen steht. Er braucht ein ganz bestimmtes, gewissermaßen magisches Seil, um Boote nach dem Diesseits treideln zu können, und er trägt Sorge, ob es überhaupt noch da ist oder wenn, nicht schon längst verrottet, denn es sind mehr als vier Jahre vergangen, seit er das letze Boot herüberzog. Aber das Seil ist noch da. Und nicht nur das, es liegt an genau der Stelle, wo er es liegen gelassen hat und ist – trotzdem förmlich in die Grasnarbe eingewachsen – gänzlich unversehrt. Und es ist ein rotes Seil – oder sollte man sagen: der rote Faden? Der Treidler ist -textimmantent – ein Symbol für Art, Zweck und Inhalt der “Spaltenzungen”. Wie der Protagonist nach dem Hinübergelangen ins Diesseits wieder an sein Leben anknüpft, so ist es auch dem Treidler vergönnt, seinen roten Faden nach vier Jahren wieder aufzunehmen – zwar hat er die Jahre verloren, aber sonst nichts außer etwas von der Leichtigkeit seines Herzens.

Rückkunft im Diesseits und die Nebeläugichte

Durch den Nebel gekommen findet sich der Protagonist in der Saale wieder, ganz in der Nähe des Saalebogens. Ein Angler am Ufer sieht ihn, und er grüßt. Aber ehe er an die Stelle kommt, wo seine Familie auf ihn wartet, kommt er einer Insel vorbei, wo ein weiterer Kreisschluß stattfindet. Am Ufer nämlich wartet die Nebeläugichte, und als er anlegt, steigt sie zu ihm ins Boot, als wäre nichts anderes denkbar. Am Ufer aber taucht – völlig betrunken – ein Mann auf und schuat ihnen betröppelt hinterdrein. Das ist niemand anderes als Artus von Nonnenwerth. In seiner Geschichte heißt es: “Er kam über die Böschung, da sah er unten, wie ein Boot am Ufer hielt. So ein Boot wie Eures [sc. der Curraigh] hier, mit einem, der stand am Heck und hatte eine lange Stake–Stange. Die Maid stieg zu dem Mann ins Boot, und es stieß ab und verschwand im Morgennebel.” Der Protagonist bringt die Prinzessin weg, woraufhin der König auf seinen Riesenfisch-Wahn kommt, der Nonnenwerth zur Insel des Krieges werden läßt. Für den Protagonisten ist sie jedoch seine Lebensgefährtin – als sie ihn anschaut, erinnert er sich an Diesseitiges, das parallel zu seiner Odyssee geschehen sein muß. Über allem hängt eine ganz eigene, leise magische Selbstverständlichkeit.

Das Ende

Nachdem alle Kreise sich geschlossen, alle losen (roten) Fäden wieder aufgenommen sind, schließt sich auch der letzte Kreis: Der Protagonist kommt im Diesseits an, an einer Anlegestelle in der Saale im Burgenland. Hier warten die Mutter und der Bruder auf ihn, die Asche des Vaters wird in den Fluß gestreut, so wie er es sich gewünscht hatte. Der Protagonist ist zurück, aber er trägt in sich den Zugang nach Anderwelt. Er sieht, daß der Curraigh in dieser Wirklichkeit eines dieser Ruderboote ist, wie man sie an Ausleihstationen bekommt. Aber im Wasser spiegelt sich für ihn die geteerte Lederhaut und der Eichensteven des Curraigh. Und als er die Augen schließt und sich hineinbeugt, ertastet er das uralte Weinfaß aus der Klebermeer-Kogge. Sie trinken den Wein aus Plastikbechern, und Karl, der Wirbelwind dreht sich nahebei. Der Protagonist streichelt ihn, und zur Irritation des Bruders ringelt sich der Staubteufel um die streichelnde Hand. Ich hatte lange überlegt, den letzten Teil im selben Stil abzufassen wie den Anfang, aber der Protagonist ist nicht mehr nur diesseitig, er hat Anderwelt in sich aufgenommen, er kann jederzeit zum Treidler hinüberstaken, um mit ihm und Charon ein Glas Wein zu trinken, und so ist der Stil des letzten Abschnittes ein Mischung aus der lyrischen Bildhaftigkeit Anderwelts und dem trockenen Naturalismus der ersten Passage.

Resümé

“Du warst eine Weile ver-rückt”, faßte Karin (Als Wirtin des “Saaletals” übrigens mit der Wirtin verwandt, die den beschissenen Treidler findet) meinen Zustand zusammen, in dem ich mich nach Scheitern einer über vierjährigen Beziehung, dem kurz darauf folgenden Tod meines Vaters befand, und in dem ich mein komplettes Leben umwarf und neu aufbaute, angefangen von gewaltmarschartigen Studiumsabschluß, dem Zurückziehen nach Sachsen und eben auch dem exzessiven Durchkauen meiner eigenen Vergangenheit, um mir über Muster klarzuwerden und warum es so gekommen war. Man könnte durchaus sagen, daß ich wie der Treidler alte Fäden wieder aufnahm, wie der Haushalter den Dachstuhl einfach losließ und erkannte, daß das gar nicht so schlimm war – bis dahin, daß ich Frieden mit Karl schloß. So gesehen haben die “Spaltenzungen” durchaus autobiographischen Charakter, aber nur bedingt für jene, die solchen Dingen gerne nachspüren.


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[Norman Liebold, 14.05.2005
Hintergründe, Spaltenzungen
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Spaltenzungen – 4. Heimkehr

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