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[Dieser Artikel ist der 3. von 5 Teilen in der Reihe Hintergrund Spaltenzungen]

Hintergrund Spaltenzungen - Inhaltsverzeichnis

Spaltenzungen
Spaltenzungen – 1. Scherben
Spaltenzungen – 2. Rheinfahrt
Spaltenzungen –3. Iasconius
Spaltenzungen – 4. Heimkehr

12-Mrz-2006 14:04, KONICA MINOLTA DiMAGE Z20, 3.3, 15.1mm, 0.004 sec, ISO 50

Die Imrama beginnt, als Karon und der Protagonist mit dem Curraigh in den Fluß stechen. Die Beschreibung der Flußfahrt ist zugleich das Hinübergleiten an den Rand von Anderwelt, und ich mag diese Beschreibung sehr. Ich versuchte bereits früher, dieses Hinübergleiten angemessen in Worte zu fassen, aber es geriet immer viel zu dramatisch. Es ist dies eine sehr leise Angelegenheit, im Grunde kaum im Äußeren festzumachen. Die Fahrt auf dem Rhein kommt dem recht nahe – die Grenzen changieren, zuweilen kommt ein Stück massives Dieseits in Form der hochaufragenden Stahlwand eines Containerschiffes herein, dann herrscht diese unbeschreibliche Stille, wie sie in dichtestem Nebel herrscht, und in der Gedanke und Geist in einen anderen Zustand gelangen. Die Welten durchdringen sich, Diesseits und Anderwelt sind nicht getrennt, vielmehr entsprechen und überschneiden sie sich, nur daß die Dinge in Anderwelt andere Bedeutung tragen und anders aussehen. Das Seil, daß sich über den Rhein spannt und den Curraigh an der Weiterfahrt hindert, hat für die Containerschiffe keine Bedeutung, sie fahren einfach hindurch. Aber nichtsdestotrotz der Protagonist das Containerschiff sieht, ist das Seil für ihn unüberwindbar, ebenso wie das Mienenfeld, daß sich quer über die Insel Nonnenwerth zieht für den Spaziergänger im Diesseits ohne Bedeutung ist. Was hier Kirche und Kloster und Café ist, wird in Anderwelt zu Bunker und Camelot. Der Rhein kann zum Fluß Lethe werden oder zum See, in dem die Herrin vom See das Schwert, das den Knoten zerschlägt, wieder zu sich nimmt.

Die Insel des Krieges

Nonnenwerth. Dahinter der Drachenfels. Photo: Norman Liebold, 2007

Nonnenwerth. Dahinter der Drachenfels. Photo: Norman Liebold, 200705-Aug-2007 07:29, KONICA MINOLTA DiMAGE Z20, 3.3, 15.8mm, 0.002 sec, ISO 50

Nonnenwerth ist von einem seltsamen Krieg verheert. Quer durch die Insel zieht sich ein zwanzig Meter breites Mienenfeld, das an den Enden durch ein Flußsperre in Form einen dicken Seils weitergeführt wird – es gibt für die Reisenden kein Weiterkommen, es sei durch die Hohe Burg, die in der Mitte der Insel liegt, und wo der Hohe Rat um eine runde Tafel sitzt und über das Schicksal des Landes berät. Sie brauchen einen Passierschein, um durch die Burg auf die andere Seite zu kommen. Der Krieg auf der Insel ist absurd. Am Beginn steht der König, der sich in eine schöne Fremde verliebt, nicht den Mut hat, seine Liebe zu gestehen, sich hemmungslos betrinkt und sein trunkenes Schwanken für das Schwanken seiner Insel hält. Er steigert sich in diese Idee hinein und glaubt, seine Insel sei in Wahrheit der Riesenfisch Iasconius. Er fürchtet, der Fisch würde erwachen und wegschwimmen, und sie alle wären verdammt, irgendwo auf dem Ozean elend zu verhungern. Seine Lösung: Er bindet die Insel fest. Die Folgen sind weitreichend, denn er blockiert damit die Schiffahrt, den Handel und die Zölle, und das Land verarmt. Es gibt Aufstände, des Königs Wahnidee vom Fisch Iasconius wird angezweifelt, und es wird ein Rat einberufen aus den Weisesten von Kirche, Wissenschaft und Adel, um die Frage zu klären, ob die Insel nun der Fisch ist oder nicht. Die Weisen finden jedoch keine Lösung, Meinung steht gegen Meinung, und zum Ende scheint allen nur noch ein Weg offen: Ein Gottesgericht in Form eines Ritterzweikampfes soll die Frage entscheiden. Das Problem: Zwar beginnen die Ritter zu kämpfen, aber sie kämpfen und kämpfen und kämpfen, ohne zu einem Ende zu kommen. Die Unruhen halten an, weitere Fragen werden entstehen, werden diskutiert, letztlich wird jede kleine Entscheidung von den “Weisen” diskutiert – mit demselben Ergebnis: Für und Wider finden keinen Halt, drehen sich im Kreis, und es wird Gottesgericht um Gottesgericht einberufen, und jedes Mal hören die Kämpfenden einfach nicht auf. Das geht über die Jahrhunderte so weiter, de Weisen diskutieren und schicken Mann um Mann nach draußen, bis alle Einwohner des Landes in Zweikämpfe verstrickt sind. Zuerst in Ritterrüstungen, später dann – je nach Zeit – mit den entsprechenden Waffen, zuletzt in roboterunterstützten Exoskeletten. Das Land blutet völlig aus, verarmt und wird von den ewigen Kämpfen verheert. Das Mienenfeld soll die Menschen davon abhalten, die Seile loszumachen. Die letzten Kämpfenden sind ein Liebespaar, Küchenjunge und Küchenmagd, die einzigen, die abgesehen vom Rat selber noch nicht kämpfen. Und sie kämpfen wieder in Ritterrüstungen, denn es ist kein Geld mehr da, und so werden zwei Zierrüstungen vom Kamin abgestaubt. Der König irrt sich natürlich ganz gewaltig: Die Insel ist alles andere als Iasconius. Der nämlich ist im Klebermeer und magnetisch, weil er Anderichs Spiegel verschluckt hat. Aber dahin kommen wir im Dritten Buch, das auch “Iasconius” heißt.

Parzifal

Mitten in diesen Kämpfen, in einem alten Bunker verschanzt und sich durch Mienenfelder und Kämpfende hindurchschlängelnd lebt Parzifal. Er ist Flickwerk der Zeiten: Auf dem Kopf noch seinen alten, roten Helm (jetzt verrostet und mit Blumendraht geflickt), trägt er eine Uniformjacke der Preußen, eine verschlammte Bundeswehrhose und als Waffen hat er eine uralte, geflickte Hellebarde und eine Maschinenpistole. Er ist der Beobachter, seine ihm vom Rat übertragene Aufgabe ist es, die Kämpfe zu beobachten, sie zu dokumentieren und dem Rat Bescheid zu geben, wenn ein Kampf entschieden ist. Aber die Kämpfe entscheiden sich nicht, sie gehen endlos weiter, und Parzifal macht effektiv denselben Fehler wie bei Anfortas: Er fragt nicht nach.
Er beobachtet seit acht Jahrhunderten die Kämpfe und dokumentiert sie akribisch, er lebt in einem kalten, zugigen Bunker und muß ständig um sein Leben fürchten, er ist abgemagert und hat die verschiedensten Traumata, aber er stellt den ganzen absurden Wahnsinn nicht in Frage – der absurde Wahnsinn, der am Anfang einfach nur eine fixe Idee des Königs war, weil er nicht wagte, eine Frau anzusprechen. Erst die Besucher reißen ihn aus seiner Routine, bringen ihn dazu, mit ihnen zum Hohen Rat zu gehen und der Wahrheit ins Angesicht zu schauen: Anstatt des Hohen Rates sitzen verrückte Zombis an der Tafelrunde und krächzen Schwachsinn. Auf die Frage, ob die Reisenden passieren dürfen, wollen sie zuerst die Frage entscheiden, ob sie über die Frage entscheiden können, und natürlich stehen “Argumente” gegen “Argumente”, und die halbverwesten Skelette beginnen, gierig auf den Tisch zu klopfen und “Gottesurteil” zu fordern. Sie befehlen Parzifal, gegen einen der Reisenden zu kämpfen, nachdem sich herausstellte, daß einfach niemand anderes mehr da ist, der kämpfen könnte, und wenn Parzifal gewinnt – also der Reisende tot ist – wollen sie über die Frage beraten. (Wobei das darauf hinausliefe, daß sie die Entscheidung vom Kampf Parzifals gegen den zweiten Reisenden abhängig machen – siegt Parzifal, können die Reisenden passieren, nur daß sie dann tot wären). Parzifal rastet aus, als er begreift, was vor sich geht, er befreit die Fenster vom Staub und den Spinnennetzen der Jahrhunderte, und als das Licht hereinbricht, verbrennen die Zombis darinnen – Parzifal wird neuer König und beendet die Zweikämpfe, an deren Fragen sich sowieso niemand mehr erinnern kann. Das kommt davon, wenn man den Mund nicht aufkriegt, sei es aus Angst, sei es aus Höflichkeit, sei es aus Obrigkeitshörigkeit! *g* Man lebt 8 Jahrhunderte in einem zugigen Bunker mit einem Ritterhelm auf dem Kopf.

Die letzten Zweikämpfer

Katharina Theine: Illustrationen für Liebold, Norman: Spaltenzungen. Königswinter 2009. ISBN 9783937330242

Katharina Theine: Illustrationen für Liebold, Norman: Spaltenzungen. Königswinter 2009. ISBN 9783937330242

Der erste Zweikampf, den er beendet, zeigt die ganze Abstrusität der Situation. Die Kämpfenden sind ein Liebespaar, eigentlich Mundschenk und Küchenmagd, die, als keine anderen mehr da sind und auch keine Waffen, in zwei Zierrüstungen gesteckt und losgeschickt werden. Sie sagen sich, daß sie nur so tun wollen, als kämpften sie, aber der Kampf entwickelt eine idiotische Eigendynamik. Die Rüstungen schützen überhaupt nicht, und selbst mit den vorsichtigen Schlägen – dem zuschauenden Rat wegen – verletzen sie sich und fügen sich Schmerzen zu. Der Kampf wird ernst, sie stehen einem gepanzerten Unbekannten gegenüber, der ihnen weh tut, sie verteidigen sich, tun so, als ob die Schläge ihnen nichts ausmachen, und die Angst, sich offenbarend schutzlos zu sein und möglicherweise getötet zu werden, verhindert, daß sie aufhören. Erst Parzifal kann den Kampf beenden, und schmachvoll und ungläubig begreifen die geschundenen Liebenden den ganzen Irrsinn. Die Parallele zu den Kämpfen Nâhtegals im dritten Buch der “Sieben Kelche” ist ironisch aufgebrochen und jeglichen Pathosses beraubt: Ich finde es einfach nur süß, wenn die beiden sich schamvoll hinter den Busch verkriechen, um wie mit Eisenpfannen klappernd ihre Rüstung abzulegen.


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[Norman Liebold, 14.05.2005
Hintergründe, Spaltenzungen
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Spaltenzungen – 2. Rheinfahrt

DER SCHRIFTSTELLER NORMAN LIEBOLD

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