Liebolds erster KRIMI? Unter meinen Lesern war leises Erstaunen, als im Mai zuerst “Absurdistan” und dann “Eckstein” herauskam. Norman Liebold und realistische Geschichten? Und dann auch noch ein Kriminalroman?
Ich mag ihn. Vor allem mag ich die Personen: Günther Lebmann, der marihuanarauchende Sherlock, Dörber, der instiktiv-emotionelle, so wunderbar menschliche Kommissar. Hennrich, die karrieregeile Schleimlocke… Menscher, der bärige Bildhauer. Und die Geschichte selbst verfolgte mich immerhin nicht weniger als 8 Jahre…
Abgesehen davon, ist der “Ruhestand” im Grunde kein wirklicher Krimi: Es kommen zwar alle genretypischen Klischees vor (Leiche am Anfang, diverse suspekte Verdächtige, der ermittelnde Kommissar, Verfolgungsjagden, Aufklärung des Falles…), aber sie werden ins Gegenteil verkehrt, die Opfer werden zu Tätern, die Täter zu Opfern, und letztendlich endet die Geschichte zwar mit der klassischen Szene, wo alle Beteiligten versammelt sind, aber anstatt das der Fall transparent ausgebreitet wird, werden die Sachverhalte verschleiert und verdreht…

Es war 1996, ich besuchte die 11. Klasse und hatte gerade große Sommerferien bekommen. Mein Bruder, Andreas Liebold, seine Zeichens Kunstmaler, besaß damals ein Haus in Brehna, an das sich eine ehemalige Turnhalle anschloß, die er als Atelier benutzte. Die Beschreibung von Menschers Hof lehnt sich daran an.
Wie auch in der Geschichte, lebte im Wohnhaus ein Ex-Gefängniswärter. Er hieß Lawrence. Er war Mieter bei meinem Bruder, und wie sich auf der Rechergenreise im September diesen Jahres zeigte, ist meine Beschreibung von Gruber trotz allem eher verharmlosend und nicht zu krass geraten, wie ich fürchtete. Er bedrohte die Familie meines Bruders, überflutete tatsächlich das Wohnhaus, so daß Andreas gezwungen war, im Atelier zu leben, zerstückelte mit einer Feuerwehr-Axt die Stromleitungen und – dies wußte ich nicht, damals – brach in das Atelier ein und zerstörte dort alles, einschließlich der Unglaublichkeit, daß er die Gemälde meines Bruders mit einem Messer zerschlitzte.
Auch die Geschichte mit Grubers Frau ist, so unglaublich es scheinen mag, nicht erfunden.
Mein Bruder befand sich damals in einer haltlosen Situation: Der Mann bedrohte seine Existenz, seine Familie, und die Polizei nahm es nicht ernst, ja wollte eher an einen Versicherungsbetrug glauben als an den Axtschwingenden Kabelzerhacker. Das damalige Mieterschutzgesetz machte es zudem unmöglich, ihm zu kündigen.
Natürlich tötete ihn mein Bruder nicht. Soweit ich informiert bin, räumt Lawrence noch heute mit Vergnügen die Regale des Konsums mit seinem Krückstock leer… Es handelt sich um eine Geschichte.. Es gab nie einen Gruber, mein Bruder ist kein Bildhauer, und seine Tochter ist heute [05.12.2004] gerade mal 3 Wochen alt geworden.
Es ist das “Was wäre wenn”, das diese Geschichte letztlich hervorgebracht hat.

Das Bild links zeigt ein Gemälde meines Bruders, das Motiv ist das Pesttor in Bad Düben, meiner Geburtsstadt, wo ich die ersten 13 Jahre meines Lebens verbrachte. Vielleicht ist damit die Frage beantwortet, die man angesichts der Tatsache stellen könnte, daß ein in der Nähe von Bonn lebender Schriftsteller einen Krimi in der Leipziger Umgebung ansiedelt. Es ist meine Heimat, mein Bruder lebt dort, ich trete häufig hier auf und bin oft da, und die Geschichte basiert auf realen Begebenheiten, die in Brehna angesiedelt waren.
Auch die anderen Orte und Plätze wie Leipzig und eben besonders Brehna sind voller Erinnerungen für mich. Ich badete des nachts selbst gern nackt in jenem hinter dem Haus liegenden Schwimmbad, wohnte über Wochen hinweg in einem kleinen Häuschen (Der “Hühnerstall”) auf dem Grundstück, das nichts weiter enthielt als ein Bett und ein Tischchen mit ein paar Kerzen darauf – das Fenster war eine glaslose Öffnung (im Sommer herrlich!). Wo ich Geschichten schrieb, rittlings auf dem Dachfirst saß und Kirschen aß und unzählige Gespräche mit meinem Bruder in seinem Sporthallen-Atelier führte…
war ein Braunkohletagebau in unmittelbarer Nähe von Bitterfeld. 2000 wurde die Flutung langsam begonnen und für einen Zeitraum von einem Jahrzehnt veranschlagt. Als 2002 das Gebiet um Bitterfeld durch die Mulde überflutet wurde, durchbrach der Fluß den Damm und ergoß sich in das Tagebau-Restloch, um so einen überaus herrlichen See zu schaffen. Während ich als Kind heimlich in die aktiven Braunkohle-Tagebaue schlich, um dort nach Fossilien zu kramen, in der Jugend ihre Stillegung mitzuerleben und die rostigen alten Bagger-Ungeheuer photographierte, verbrachte ich diesen Sommer gemeinsam mit meinem Bruder herrliche Stunden dort am Strand. Sie sind von Erinnerungen vollgesogen, und auf eine sehr eigene Art eine lebendige Allegorie auf die Geschichte der Wende.
Die Orte im Kriminalroman sind so für mich mit unzähligen Erinnerungen und Symbolismen aufgeladen. Und es ist daher nicht verwunderlich, daß in einer Kriminal-Geschichte, die neben vielem anderen auch mit den Altlasten der Wende spielt, ihre Leiche gerade hier versenkt: Die Dinge mögen langsam gesunden, aber die Leichen kommen doch immer wieder hoch
.

Vielleicht, weil es meine Heimat mit unzähligen, wunderschönen Erinnerungen der Kindheit ist, habe ich eine große Affinität zu den Stätten meiner ersten Lebensjahre. Ich liebe die Menschen dort, ich liebe die Landschaft, ich liebe meinen Bruder. Der “Märenborn” beschäftigt sich in Nâhtegal-Metier der Märchen mit diesem Gebiet, und jetzt, nach “Eckstein” auch eine realistische Novelle.
Und ich hoffe, mit dieser Geschichte ein wenig das Flair, die Art der Menschen und vielleicht auch ein wenig das eingefangen habe, was unter der dünnen Haut des Alltags schlummert, ein Auge halb offen, mit großen Zähnen. Man kann kein Volk zerreißen und wieder zusammenflicken und denken, alles sei vergessen. Es sind Wunden da, zerbrochene Lebenswege, Enttäuschungen und Ängste.
Wenn mir mit “Ruhestand” gelungen sein sollte, vorsichtig, behutsam ein wenig die Hand drauf zu legen, daß man’s ein wenig besser beschauen kann, dann bin ich’s zufrieden.
Und natürlich soll es Freude beim Lesen machen: Denn schlafende Tiere oder nicht – die Welt will angelacht sein.
Im Mai behauptete ich das bereits vom “Eckstein“, heute muß ich vom “Ruhestand” sagen: Es ist die schwerste Geschichte, die ich bisher schrieb. Und hier hätte ich es nicht gedacht. Der Stil ist locker-flüssig, und wenngleich ich mich zurückhalten mußte, um nicht in die lieboldischen Schnörkeleien zu rutschen, die hierfür unangebracht gewesen wären, war der Schreibfluß selber unproblematisch. Es war die Geschichte selbst, die mich schwitzen ließ. Wie bereits beim “Eckstein” wurden ganze Erinnerungs-Welten aufgetan, diesmal nicht ein Jahr voller Irritationen und Erfahrungen, sondern ein ganzer Lebensabschnitt.
Ich denke, wir neigen zur Verdrängung. Aber es ist ein schlafendes Tier: Keine Morituri, aber dafür eine ganze Ära, eine ganze Kindheit, deren Welt zusammengebrochen ist, deren Werte und Vorstellungen in wenigen Monaten auf den Kopf gestellt wurden und ein tiefes Mißtrauen gegen alles Staatliche, Politische hinterließ. Ich sah Schicksale zusammenfallen wie Kartenhäuser, aufrechte Menschen untergehen, Wendehälse aufsteigen…
Vielleicht war es das, vielleicht auch viele andere Dinge aus der Kindheit. Erste Liebe, Familie, traurige Erinnerungen, glückliche Erinnerungen…
Aber es war schön, diese Geschichte zu schreiben. Nicht nur, weil ich finde, daß es eine wertvolle Geschichte ist. Sondern auch, weil ich dadurch viel wiedergewonnen habe. Meine Heimat, tief im Herzen.
Acht Jahre schleppte ich die Geschichte von Lawrence und meinem Bruder mit mir herum, ohne daß sie mich je ganz losgelassen hätte. Als ich im April diesen Jahres anfing, hatte ich an eine 30-Seiten-Novelle gedacht. Als ich die letzten Korrekturen abschloß Ende November, lag eine 84-Seiten-Novelle vor mir und ich hatte ein Gesicht, als wäre ich durch ein paar Höllen marschiert.
Einen ganz lieben Dank verdienen an dieser Stelle einige Personen, die mich bei dieser Geschichte moralisch und aktiv aufrechterhielten, denn ich zweifelte noch nie so sehr während des Schreibens wie hier:
Simone D’Souza, Diplompsychologin und liebe Freundin, für das Lektorat und insbesondere ihre Ratschläge und Analysen der Charaktere, insbesonder Hennrichs. Martin Herweg für seine tiefgehenden Realismus-Kritiken, was die Beschreibungen angeht. Für so etwas sind Korinthenkacker das Beste, was einem Schriftsteller als Freund an der Seite stehen kann! Jens Finkhäuser für, ja, für alles! Was wär ich ohne ihn, und was wäre mein Stil, mein Schreiben, meine Geschichten ohne diesen Mann? Und für weitergehendes Lektorat ganz lieb Alina Hirschmeier und Corinna Dahmen.
[WebPicasa:Ruhestand]