Der Märenborn ist meine erste Veröffentlichung im Amator-Veritas-Verlag, und so das erste Buch, das allein den Forderungen von Jens Finkhäuser und mir selbst zu genügen hatte.
Es handet sich bei dem Buch strenggenommen um eine Geschichtensammlung, die lose über eine Rahmenhandlung miteinander verknüpft ist. An dieser Stelle wird nur auf die Gesamtheit des Buches eingegangen und die Hintergründe zu den einzelnen fünf Geschichten für jede einzeln abgehandelt:Der episodische Märchenroman gehört zum “Nahtegal-Zyklus”, wo er den 3. Band darstellt. Dessenungeachtet bedarf er des Kontextes nicht, um gelesen zu werden, da der Zyklus lediglich durch die Erzählerperson Nahtegal und dessen Lebensgeschichte zusammenhängt und die einzelnen Geschichten und Bücher in sich abegschlossen sind.
In diesem Kontext jedoch begegnet Nahtegal zum ersten Mal der Mondgöttin, und wird von ihr vor die Problematik gestellt, daß jede erzählte Geschichte, genau wie jede Tat, ihre Folgen und Konsequenzen hat.
Als die Frage aufkam, welches meiner Bücher als erstes veröffentlicht werden sollte, gab es heftigste Diskussionen. An erster Stelle stand die “Vampyriade”, da der Vampir-Roman den besten Absatz versprach. Mir war das unangenehm, da mit dem ersten Buch des Verlages auch sofort ein Image gesetzt werden würde.
Zu dieser Zeit war eine andere sehr beliebte Geschichte der “Kuno Ohneland”, mit dessen Versversion wir oft auftraten, und dessen Romanversion sich ausgesprochen gut verkaufte. Aber der Roman hätte lediglich ein schmales Bändchen von 120 Seiten ergeben. Wir entschlossen uns also, eine Geschichtensammlung zu schaffen.
Örtliche Ansiedelung. Die Geschichtensammlung sollte den “Kuno Ohneland” enthalten, und natürlich den sich darauf beziehenden, 2002 entstandenen “Geheimen Garten”. Mit diesen drei Texten (Der “Kuno” sollte neben der Romanversion auch in der Versfassung mit hinein.) war das Buch sehr stark im Burgenland beheimatet, eine Gegend an der Grenze von Thüringen nach Sachsen-Anhalt, wo ich eine Zeitlang sehr häufig war und eine Reihe von Geschichten ansiedelte. Jens und ich sichteten die übrigen Geschichten, die in dieser Gegend spielten und befanden “Die Geschichte vom Wolfsschaf”(1995-98) und den “Brief aus Anderswelt”(1998) für gut genug, die beide im Kloster Pforta angesiedelt sind.
Die Entscheidung war auch dadurch begünstigt, daß wir zu dieser Zeit oft in dieser Gegend auftraten, ein gewisser “touristischer Andenkenaspekt” anzunehmen war, der im Burgenland für guten Absatz sorgen würde.
Die fünf Geschichten gehörten bereits aufgrund der Ansiedelung an der Saaleck- und Rudelsburg (”Kuno Ohneland und “Der Geheime Garten”) und im Kloster Schulpforte (”Die Geschchte vom Wolfsschaf” und “Brief aus Anderswelt”), die knapp 12 Kilometer voneinander entfernt am selben Fluß liegen, eng zusammen. Für alle Geschichten existierten bereits eine Reihe von brauchbaren Graphiken von Vera Walterscheid und mir selbst, und die Tatsache, daß sämtliche Geschichten durch den gemeinsamen Erzähler Nahtegal eine weitere Gemeinsamkeit hatten, ließen dieses Konzept als das beste erscheinen.
Die Rahmenhandlung. Jens wie auch ich lieben auf der einen Seite keine lose Aneinanderreihung von voneinander unabhängigen Geschichten, finden jedoch Geschichten, die voller Querbezüge sind und durch eine Rahmenhandlung miteinander verbunden und in Kontext gesetzt sind, sehr reizvoll. Die Rahmenhandlung gab es bereits, wenn sie sich auch in der Realität abgespielt hat mit mir als Nahtegal, und wenn man Mondgöttinen, Wolfsschafe, Wechselbälger, Steintrollen und Nixen wieder in das zurückverwandeln würde, was sie eigentlich waren, würde man vielleicht zu einer Art “Reisebeschreibung” gelangen, wenngleich sie mehrere Reisen umfaßt. Sie wurde abstrahiert, das “Abstraktum” im Nahtegal-Kontext reformuliert und mit der Interpretation des “Sinnes” dieser Reisen aufgeladen.
So erzählt das gesamte Buch die Geschichte des Spielmanns Nahtegal, der im Spielmannswind treibend plötzlich den Ruf der Mondgöttin – seiner Schirmherrin und Muse – hört und ihm folgen muß. Die Mondgöttin selbst beging vor 1000 Jahren einen voreiligen Fehler, indem sie aus Zorn über den verbohrten Stolz der Burgherrin Katharina und des fahrenden Ritters Kuno Ohneland die beiden dazu verflucht, als Steintroll und Saalenixe 1000 Jahre lang über ihre Dummheit nachzudenken.
Die 1000 Jahre sind bis auf eines verstrichen, und sie versucht, ihren Fehler wieder gut zu machen: Sie ruft Nahtegal, um ihn die Geschichte, die die beiden verfluchten Liebenden jede Vollmondnacht singen müssen, ohne sich berühren zu können, abzulauschen und in die Welt zu tragen. Denn ihr Fluch bedingt, daß in der Vollmondnacht, in der die 1000 Jahre sich runden, ein Liebespaar für die Verfluchten bürgen und eine Prüfung für sie aus Mitleid bestehen muß.
Aber bis zur nächsten Vollmondnacht ist es noch zwei Wochen, und in dieser Zeit streunt Nahtegal durchs Burgenland, findet eine Geliebte, wird von ihr vor die Tür gesetzt im Kloster Schulpforte und begegnet dort im Kreuzgang dem Wolfsschaf, das sich denkt: Wenn die Mondgöttin ihn zum Erzähler machen kann, um sich zu helfen, kann ich das auch. Und erzählt Nahtegal seine verworrene Lebensgeschichte mit der Bitte, sie in die Welt zu tragen, damit irgendjemand ihm vielleicht sagen kann, was zum Teufel es denn nun eigentlich sei.
Nahtegal geht, als Vollmond ist, wieder in die Klamm, trifft dort Amica, die seine Spielmännin wird und ihn hinfort begleitet und lauscht mit ihr gemeinsamden den Gesang von Saalenixe und Felsentroll ab. Sie tragen ihn durch ganz Deutschland in der Hoffung, die Aufgabe der Mondgöttin zu erfüllen und ein Liebespaar durch die traurige Geschichte so sehr zu rühren, daß es sich an der 1000-Jährung der Prüfung der Göttin stellt. Aber niemand läßt sich so sehr rühren, und Nahtegal schreibt das Ganze als Roman nieder, in der Hoffung, damit mehr Menschen zu erreichen.
Als sie das nächste Mal ins Burgenland kommen, und eine Vorstellung im Kloster Schulpforta halten, gibt man Ihnen einen dicken Brief, der die Geschichte des Wechselbalges enthält, mit der Bitte, sich ihrer doch anzunehmen. Da wären viele gewesen, von denen er sich nicht hätte verabschieden können. Nahtegal fühlt sich zwar langsam als mißbraucht als Fabelwesen-Fürsprecher, gibt der Bitte jedoch statt.
Als die 1000 Jahre sich runden, versucht Nahtegal ein letztes Mal, seine Aufgabe zu erfüllen und wird während des Vortrages in der Kuno Klamm ausfallend. Er will unbedingt ein Liebespaar dazu bringen, sich der Prüfung zu stellen, deren Bestehen allein die Verwunschen erlösen kann. Als er schreit: “Habt Ihr denn ein Herz aus Stein?” kommt die Göttin und nimmt ihn beim Wort: “Hast Du, Spielmann denn ein Herz aus Stein?” Sein Stolz zwingt ihn – ohne Ansehen seiner Liebsten Amica – die Prüfung für sie und sich selbst anzunehmen.
ist diese Prüfung, den es zu finden und aus dem es “Die Frucht vom Blauen Baum” zu holen gilt. Nahtegal muß lernen, zu sich selbst und zu seiner Liebe zu stehen, und letztlich erlösen Amica und er die Verwunschenen. Nahtegal jedoch ist nicht mehr der selbe, er mußte lernen, für sich und auch für seine Geschichten die Verantwortung zu übernehmen. Die anderen, ihm erzählten Geschichten stellen dabei einen Spiegel seiner Selbst dar, der er als “Wolfsschaf” beginnt, zum Weltenwanderer wird, Verantwortung und Aufopferungsbereitschaft entwickelt, die Liebe kennenlernt anstatt nur Liebschaften, und schließlich sich selbst erkennen und annehmen muß, um reife Liebesfähigkeit zu erlangen
Der “Märenborn” ist in vielfachster Hinsicht mit den anderen Bänden des “Nahtegal-Zyklus” verknüpft. Seine Motivik, und insbesondere die im “Nahtegal-Zyklus” immer wieder kehrenden Symbole, schaffen ein Netzwerk von Querbezügen, die an dieser Stelle nicht sämtlich aufgeführt werden können. Typisch für alle 6 Bücher des Zyklus ist die Erzähler-Figur Nahtegal, des Spielmanns, dessen Erlangung der Weisheit Thema des Zyklusses ist, von seiner Berufung zum Barden bis zu seiner “Entrückung hinter den Mond”, wo alle Barden in einer Art “Dichter-Paradies” leben und mit ihren Geschichten die Welt beschützen.
Der “Märenborn” dreht sich in diesem Kontext um die Reifung von Nahtegals Liebesfähigkeit, seiner Hingabe für andere Menschen und seinem Einfühlungsvermögen. Der erste Band “Krähe und Nachtigall” schildert seine Berufung, der zweite Band, “Der Minnesänger-Komplex” seine Irrungen und Wirrungen in unreifer Liebe, der Vierte, “Die Sieben Kelche” seine Mannwerdung und die Befreiung von der Subjektivität, der Fünfte, “Dramen” ist eine Sammlung der Theaterstücke, die den selben Weg beschreiben, und das letzte Nahtegal-Buch, “Bardenträume” schließt den Kreis und enthält die “Dichter-Dämonen”, der Abgesang Nahtegals, in dem er entrückt wird.
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[Norman Liebold,
14.05.2004 |
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