Der Geheime Garten ist noch heute eines der mir liebsten Stücke. Sowohl stilistisch wie auch besonders von der Aussage her kann ich hinter ihm – als vielleicht einzigen vor 2002 entstandenen Text – noch mit aller Überzeugung stehen. Der gesamte Nahtegal-Zyklus ist mir zwar sehr lieb, und ich finde ihn nach wie vor ein durchaus gelungenes Werk, aber letztendlich muß ich heute sagen, daß viele seiner Geschichte mir heute besonders von ihrem Inhalt her eher unreif erscheinen, übertrieben mystifiziert und recht einseitig dargestellt.
“Der Geheime Garten” hingegen ist trotz seiner dichten Symbolik noch heute in meinen Augen “reif”, und das hier dargelegte Liebeskonzept ist für mich nach wie vor gültig.
letztendlich ist er die Auflösung vieler im Nahtegal-Zyklus behandelter Problematiken und Gedankenstränge, und die liebesbezogenen Geschichten können als zum “Geheimen Garten” hinstrebend gesehen werden, besonders “Die Sieben Kelche” und “Der Minnesänger-Komplex”.
“Der Geheime Garten” ist letztendlich auch der Abschluß des “Nahtegal-Zyklusses”, wobei die “Dichter-Dämonen” gewissermaßen die literaturtheoretisch angelegte Nachlese darstellen.
Aus Autorensicht ist das Stück meine persönliche “Minneburg”, und auf das mittelalterliche Stück rekurierend wählte ich darum die Form eines stark abgewandelten Tageliedes, eines Dialoges zwischen einem Paar. Wobei die Minnekonzeption des “Geheimen Gartens” jedoch ein völlig anderes Liebes-Bild entwickelt und vertritt und sich der “literarischen Tradition” bewußt entgegensetzt.
Das Liebeskonzept des “Geheimen Gartens” ist das der “reifen Liebe”. Es geht nicht um die “Liebe auf den ersten Blick”, nicht um das nervöse “Kribbeln” angesichts der Entscheidungssituation neuer “Verknalltheit”. Es geht nicht um die Vorstellung, daß die Liebe irgendetwas mystisches ist, das einfach kommt und Friede, Freude, Eierkuchen produziert. Es geht um Treue, Pflichtbewußtsein, Freundschaft und die bewußte Entscheidung für ein gemeinsames Leben. Beziehungskriesen, Versuchungen und Prüfungen werden verschwiegen, sondern zum Thema gemacht, ebenso wie Stolz, Verbohrtheit und festgefahrene Reaktionsmuster. Die Liebe wird als etwas verstanden, was bewahrt, gepflegt, geschützt und vor allem auch durch gemeinsame Arbeit gefördert werden muß, und das auf gegenseitiges Kennen, Verstehen und vor allem Vertrauen basiert. Und auf der definitiven Entscheidung für einander.
“Der Geheime Garten” ist ein symbolischer Weg hin zur reifen Liebe. Nahtegal und Amica entzweien sich aufgrund der vielleicht auf falschen Stolz beruhenden Einwilligung Nahtegals auf die Forderung der Mondgöttin, die Prüfung für Kuno und Katarina zu bestehen. Sie sind getrennt und müssen sich wiederfinden – im “Geheimen Garten”. Beide wollen den anderen, aber ehe sie sich wiederfinden, werden sie im Spiegelsaal mit ihren schlimmsten Ängsten geprüft: Sie müssen jeweils den anderen in den unangenehmsten Interpretationen sehen, in den Spiegeln werden die Ängste wahr, die jeder Mensch in einer Beziehung, kommt Zweifel auf, kennen dürfte. All diese Gedanken, Verteufelungen, zu denen der Mensch im Verletztsein neigt. Nur im einem kleinen, verstaubten, gesprungenen Spiegel sehen sie kurz einander, wie sie je allein durch den Spiegelsaal irren und erkennen, was geschieht.
In den unendlichen Räumen führt eine jede Tür in einen Raum mit weiteren Türen. Immer wieder ist eine Entscheidung notwendig, und der nächste Raum enthält doch wieder mehrere Möglichkeiten, während er zugleich irgendeine Erinnerung, irgend ein Symbol für eine Eigenschaft des Partners enthält und somit zum Symbol für die Unendlichkeit eines jeden Menschen wird und zugleich für das Bemühen, ihn verstehen zu wollen. Nategal und Amica gehen unterschiedlich damit um. Amica versinkt in der Akzeptanz der Unmöglichkeit, den anderen ganz zu erfassen, Nahtegal gerät in einen Wahn, alles verstehen zu wollen und irrt bis zu Erschöpfung weiter wie ein Irrer. Aber schließlich gelangen beide zu dem selben Schluß: Amica akzeptiert im Stillen die Gesamtheit des anderen, Nahtegal ebenso, allerdings in einer wütenden Geste, und beide gelangen aus dem Labyrinth und bekommen ein Symbol:
Den Kristall-Schlüssel. Er ist Symbol für die Selbsterkenntnis in der Auseinandersetzung mit dem Anderen, und er zeigt hauptsächlich die schlechten Charaktereigenschaften, die Makel, die man an sich kennt und haßt. Und beide schämen sich vor dem anderen und getrauen sich nicht, den Schlüssen zu offenbaren.
Der Geheime Garten steht jetzt vor Ihnen, und nach den Prüfungen ist er der “Garten Eden”, ein symbolischer Ort der Liebe.Hioer steht der Blaue Baum, der verdorrt ist und als letztes eine letzte “blaue Frucht” hervorgebracht hat. Jene Frucht, die für die Mondgöttin zu holen ihre Aufgabe ist.
Die Schlange ist die Wächterin dieser Frucht, und sie erzählt den Beiden die Geschichte der Blauen Bäume, die einst die Ganze Welt mit Freude und Schönheit erfüllten, aber durch den Mißbrauch der im Kern enthaltenen Räusche schließlich bis auf diesen einen ausgestorben sind, weil die Menschen, anstatt die Bäume zu pflegen, lieber die Samen fraßen und den Rausch genossen. Ein etwas krass gezeichnetes Bild der treulosen Spaß-Gesellschaft.
Die Wahl, entweder die Aufgabe zu erfüllen und die letzte Chance auf neue Blaue Bäume damit zu vereiteln, oder aber den Samen im Garten einzupflanzen, führt zum Streit. Letztlich wird aber für den Blauen Baum entschieden, wenn das auch ewigen Fluch zur Folge hat.
Zwei Jahre bringen die Liebenden damit zu, den Samen zu einem Spößling zu ziehen. Aber Nahtegal ist voller Sorge um diesen einzigen seiner Art und steigert sich in eine angebliche Empfindlichkeit des Setzlings – symbol der reifen Liebe – hinein, baut ein Gewächshaus und beide müssen sehen, wie die Schößlich im bunten Glase eingesperrt zu verwelken beginnt. Sie entfremden sich, und Amica verwelkt ebenso wie der Schößling.
Die Schlangenwächterin nähert sich ihnen in Gestalt der “Idealpartner”, einmal als schöner, reicher, verständnisvoller Jüngling voll Leidenschaft Amica, einmal als feurige Zigeunerin, geheimnisvoll und voll glühender Libido Nahtegal. Beide widerstehen der Versuchung, wenn auch knapp, und begreifen, daß die kurze, wilde Leidenschaft nichts ist im Vergleich zur dauerhaften Wärme, Geborgenheit und Tiefe des Verständnisses.
Das Gewächshaus wird von Nahtegal abgerissen, Amica und Schößling gesunden und der Baum sprießt voll Kraft und Streben in die Höhe, blüht und steht voller Früchte.
Das Tor zum Garten ist aber zugesperrt, und sie kommen nicht hinaus. Das Tor hat zwei Schlösser, und sie müssen einander den Schlüssel zeigen, und nach einigem Überwinden tun sie es, um zu erfahren, daß ihre Angst, der andere würde sie angsichts der schlechten Eigenschaften verachten, unbegründet ist. Sie kennen beide alles, was in dem Schlüssel ist, und in den Augen des Anderen sind die guten Eigenschaften genauso stark, wenn nicht stärker. Sie schließen den Garten auf und kehren in die reale Welt zurück.
Die Mondgöttin, Göttin der Liebe, empfängt die Beiden scheinbar vorwurfsvoll, weil sie zwei Jahre vergeudet haben, anstatt die Prüfung so schnell als möglich zu erfüllen. Nahtegal schiebt um ein Haar Amica vor, besinnt sich aber und steht für seine Taten ein. Jetzt zeigt sich das wahre Gesicht der Mondgöttin, die nichts anderes ist als der Blaue Baum selbst, und die durch ihre Verfluchung von Katharina und Kuno das Sterben ihrer Bäume herbeiführte.
Sie erklärt, daß Amica und Nahtegals Taten die einzige wahre Lösung der Prüfung gewesen war, Kuno und Katarina werden erlöst.
An der zentralen Handlung und ihren Bildern wurde bereits seit 2000 gearbeitet, verschiedentliche Skizzen antstanden, aber der Geschichte fehlte noch der Kontext, das springende Movens. Letztlich waren es Dissonanzen in einer Beziehung, die den Ausschlag gaben, mir über etliche Dinge klar zu werden.
Die Ergebnisse flossen sehr stark in die Zentralgeschichte ein, und das Movens, sie aufzuschreiben, war gegeben. Die Verknüpfung mit dem “Kuno Ohneland” ergab sich zwangsläufig aus der realen Situation, in der es zum effektiven Bearbeiten der Geschichte kam. Es paßte, insbesondere auch, weil der “Kuno” ierdurch die notwendige Auflösung erfuhr, die schon länger aufgestoßen war und bereits in der Romanversion im Herbst angelegt wurde. Die Geschichten paßten nahtlos ineinander, und ich folgte diesem, indem ich den “Geheimen Garten” in Stil und Geschichtenverlauf darauf ausrichtete.
Die erste Lesung am 13.03.2002, kurz nach der Fertigstellung der Rohfassung, zeigte, daß der Text ins Schwarze traf, und er war der frischeste und wertvollste Text, weswegen ich ihn unbedingt im “Märenborn” wissen wollte, so daß der “Kuno” und der “Geheime Garten” das Gerüst der Rahmenhandlung im “Märenborn” wurden und die Geschichten-Sammlung zu einer in sich stimmigen größeren Geschichte machte.
Im April und Mai entstand zudem der Illustrationszyklus, hier schon im Hinblick auf die Verwendung im “Märenborn”, der damals den höchsten Stand meiner Zeichnungen darstellte, während die meisten anderen Zeichnung im “Märenborn” älteren Datums und weniger gereift sind, ein Punkt, der aber seinen ganz eigenen Reiz entfaltet, da verschiedene Stufen sowohl des Schreibens zwischen 1999 und 2002 wie auch des Zeichnens (1997-2002) sich gegenüberstanden.
Die Mondgöttin bekommt in diesem Text ihr endgültiges Gesicht und wird zur Schirmherrin der “Ewigen Barden”, ein Topos, der zwar schon unausgereift durch Anima in “Die Sieben Kelche” und andere übernatürliche Frauengestalten im Nahtegal-Zyklus gegeben war, aber hier erst wirklich die topologische Form annahm.
Die Schlange als Vertreter von unbedingter Ehrlichkeit und als Liebes-Symbol ambivalenter Art rekuriert auf die Symboliken der Schlangendrachen in “Schlangensee” und “Die Sieben Kelche”. Die Mondgöttin, Amica und der Baum sind im letzten Text Nahtegals, den “Dichter-Dämonen” zum Topos geworden. Die dialogische Form des Stückes bezieht sich nicht nur auf die mittelalterliche Tradition, sondern zugleich auf viele Texte im “Minnesänger-Komplex” (”Mond und Wolf”, “Perle und Perlenfischer”, “Rose und Wanderer”), wobei die Problematiken des “Minnesänger-Komplexes” im “Geheimen Garten” aufgelöst werden.
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[Norman Liebold,
14.05.2004 |
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