Das Wolfsschaf ist eine jener Geschichten, die mich über Jahre hinweg immer und immer wieder beschäftigten, und auch heute noch zählt sie zu meinen Lieblings-Fabeln. An ihr kann man, vielleicht deutlicher als bei allen anderen, verfolgen, wie eine Geschichte entsteht, reift und schließlich vollendet wird. Abgesehen davon ist hier auf sehr transparente Weise zu verfolgen, wie es im “Nahtegal-Zyklus” zur Entstehung eines stehenden Topos kam, hier derjenige des Wechselbalg-Wolfes.
Sieben Jahre verstrichen von der ersten Fassung (”Das Wolfsschaf”, 03.12.1995) bis zur endgültigen Fassung “Die Geschichte vom Wolfsschaf“(März 2002) im “Märenborn”, in denen die Geschichte immer wieder überarbeitet wurde und auch weitere Geschichten über das Wolfs-Bild beeinflußte. Die Abrechnung mit dem Wolfssbild, im Wolfsschaf schon angelegt, fand erst 2000 statt, im Monolog “Der Wolf im Zircuswagen”.
Auch örtlich wanderte das Wolfsschaf in den verschiedenen Versionen, bis es seine Heimat 1999 im Kloster Schulpforta fand, als ich dort, wie ich der Rahmengeschichte beschrieben, vot geschlossenen Internatstüren stand und die Nacht im Kreuzgang verbrachte, wo mich zwar kein Wolfsschaf, aber immerhin ein ziemlich furchteinflößener weißer Hund heimsuchte, der Vater sämtlicher Wolfsbilder, da er für mich aus bestimmten Gründen über eine Zeitlang eine Art “mystischer Begleiter” war und immer wieder auftauchte. Dieser spezielle gehörte im Übrigen Frau Karin Hübner, die ich später kennenlernte, und die nicht wenig für die Schaffung des “Märenborn” verantwortlich war.
Die Entstehung der Geschichte/ Ursprung. Das erste überhaupt, was im Sinne des Wolfes entstand, ist das überaus grausliche literarische Verbrechen “Schmerz der Einsamkeit”. Danach gab es noch eine Art “Horrorgeschichte”, die in meiner Erstveröffentlichung “Narratiunculae Obscurae” erschien.
1995 schrieb ich “Das Wolfsschaf”, wobei die Geschichte zu diesem Zeitpunkt von einem echten Wolf ausgeht, der als Welpen von Schafen adoptiert wird, sich redlich bemüht, gutes Schaf zu sein, aber letztlich nicht gegen seine Natur ankommt. Als er eine einfallende Wölfin tötet, ist er so erschüttert von seiner Bluttat, rennt fort, versucht sich zu ertränken, aber merkt, daß er leben will, um aus dem Brunnen heraus zu klettern und seinen eigenen Weg zu gehen.
1996 entstehen zwei weitere Geschichten, die auf “Das Wolfsschaf” bezug nehmen. Die erste “Zwei Lämmer im Wolfspelz” ironisierte, ebenso wie “Die Herde” Schafe, die sich für Wölfe halten. “Zwei Lämmer im Wolfspelz” blieb als eigene Geschichte erhalten und wurde in die Geschichten des Toten Barden in “Krähe und Nachtigall” aufgenommen. “Die Herde” beschreibt, was mit den Schafen geschah, nachdem das Wolfsschaf sie verlassen hatte. Es war nur natürlich, daß ich 1997 die Geschichten verschmolz und eine neue, wesentlich detailiertere Erzählung schrieb, bei der das Wolfsschaf bei der Suche nach sich selbst die “allgemein-menschlichen” Erfahrungen des Jugendlichen durchmacht (Liebe, Freunde, Selbsterkenntnis, Schlaue Leute, die nur faseln), um schließlich zur Herde zurückzugehen, weil die Eule ihm sagt, da wäre ein Wolfsrudel. Aber da sind nur die dummen Schafe aus “Die Herde”, die schließlich auch sämtlich zerfetzt werden. Die Geschichte wird weitergesponnen, und das Wolfsschaf zeigt sich nicht mehr als Wolf, sondern als ein Wesen, dessen Identität nicht feststeht und das krampfhaft nach einem Selbstbild sucht. Diese Fassung erschien 1997.
Die Entstehung der Geschichte/ Genese. Bis 1999 wurde diese Fassung zwar noch ein paar Mal überarbeitet und neu gedruckt, aber veränderte sich nicht mehr wesentlich. Als ich sie einer Freundin zuschickte, wurde sie ihr vorgelesen, als sie hohes Fieber hatte. Das hatte nicht nur zur Folge, daß sie glaubte, die Widmung an Miriam bezöge sich auf sie und ich sei verliebt in sie, sondern auch, daß ich sie besuchte. Und meine Begeisterung für das “Burgenland” entdeckte mit all den alten Burgen, Schlössern, Weinbergen und Klostern.
Die Begeisterung der Freundin für meine Geschichten und ihre Gedanken dazu brachten mich dazu, etliche Ältere Geschichten, die ich ihr zur Nacht erzählte, auszubauen und rezuformulieren. Es entstanden die Geschichten “Die Insel im See”, “Zwei Schwestern”, “Brief aus Anderswelt”, “Mond und Wolf” und die letzte Fassung des Wolfsschafes (Veröffentlicht Bonn 2000, Abendsternverlag. Titel ansehen!).
Die Idee, das Wolfsschaf selbst erzählen zu lassen, und zwar im Kreuzgang des Klosters Schulpforta, kam, als ich, wie in der Geschichte erzählt, in jenem Kreuzgang ein Nacht verbrachte, weil ich zu spät gekommen war, die Tore des Internats geschlossen hatten, und die Jugendherberge auch. Und während ich dort saß, kam – wie immer er da auch hingekommen sein mag – ein riesiger weißer Hund, knurrte, schnüffelte und zeigte sich nach einigem Zureden sehr lieb. Aus ihm wurde das Wolfsschaf, das Nahtegal seine Geschichte im Kreuzgang erzählt.
2002 wurde die Geschichte dann für den “Märenborn” noch einmal bearbeitet, ein wenig glattgeschliffen und die Rahmenhandlung ein ganz klein wenig verändert, damit sie in den Kontext paßte.
Querverweise zu anderen Texten. Der Wolfs-Mythos durchzieht den gesamten “Nahtegal-Zyklus”. Hier nur eine Liste der Texte, die ihn mehr als nur erwähnend beinhalten.
• “Krähe und Nachtigall”: “Der Wächter der Zeit” (1998-2003); “Die Geschichten des Toten Barden” (Zwei Lämmer im Wolfspelz, 1996)
• “Der Minnesänger-Komplex”: “Mond und Wolf”( 1999), “Die Prophezeiung”(2000), “Der Wolf im Garten”(2000), “Der Wolf im Zircuswagen”(2000)
• “Märenborn”: “Brief aus Anderswelt”(1999)
• “Dramen”: “Narrenwahn”(1997), “Spiegelbruch”(2001)
Der Wolf dient als Symbol für einsame Stärke, Individualität und Verbindung mit der “tiefen Welt”, des Mißverstandenseins und auch des Mißverstehens und der Fremdheit des menschlichen Normalität. Er ist positiv gezeichnet, zumeist als ein Narr des Schicksals, wobei das aber in jedem Text ironisch gebrochen ist. Bei “Mond und Wolf”, “Der Wolf im Garten” und “Die Prophezeiung” durch völlige Übertreibung, die das Stück ins Lächerliche gleiten läßt, bei den anderen explizit. Einzige Ausnahmen sind “Brief aus Anderswelt” und “Der Wächter der Zeit”, wo der Wolf als eine Art Totemtier auftritt.
Textgeschichte
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[Norman Liebold,
14.05.2004 |
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